Das Verhältnis zwischen den Geschlechtern in HUtopia


Essay, 2008

7 Seiten, Note: 1,7

Selina Thal (Autor)


Leseprobe

Als wir in HUtopia angekommen waren, fiel uns sofort auf, dass eine Vielzahl der männlichen Einwohner Frauenkleider und umgekehrt Frauen Männerbekleidung trugen.[1] Ohnehin war es während des gesamten Aufenthaltes schwer, das männliche immer genau von dem weiblichen Geschlecht zu unterscheiden, da die Männer manchmal wie Frauen, die Frauen von Zeit zu Zeit wie Männer wirkten. Auf dem Weg zu unserer Behausung liefen wir an einem großen Marktplatz vorbei und als ich mich vor Neugier nicht mehr halten konnte, fragte ich den/die Verkäufer/in (ich war mir wie so manches Mal nicht sicher, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte):

«Entschuldigen Sie, ich möchte Ihnen nicht zu nahetreten, aber kann ich Ihnen eine Frage stellen?» Daraufhin antwortete der bzw. die Verkäufer(in): «Sicherlich, nur zu! Fremdlinge sind uns immer willkommen und wir lieben es, euch über eure eigenen Irrtümer aufzuklären.» «Ich bin mir nicht sicher, ob man bei unserer Frage von einem Irrtum sprechen kann. Meine Besatzung und ich würden nur zu gerne wissen, warum sich die Männer hier kleiden wie Frauen und die Frauen wiederum wie Männer?», entgegnete ich. «Nun, für eure Welt ist dies eine angemessene, für die hiesige Welt jedoch eine äußerst törichte Frage. Eben deshalb sprach ich soeben von Irrtümern. In HUtopia unterscheidet man nicht mehr zwischen Mann und Frau. Wir verstehen uns schlicht und ergreifend alle als menschliche Wesen, nicht als mehr und nicht als weniger. Somit beantwortet sich auch eure Frage, denn die Nichtexistenz von Geschlechtern lässt uns natürlich auch nicht zwischen Männer- und Frauenkleidung unterscheiden.»[2] Ich konnte es kaum fassen und fragte erstaunt: «Aber wie ist das möglich, nicht mehr zwischen den Geschlechtern zu unterscheiden?» Der Marktplatz füllte sich zunehmend mit HUtopiern und die Person verabschiedete sich mit den Worten: «Für die Antwort auf diese Frage wendet euch an den Vorstand der K-Kommission, dann werdet ihr verstehen. Lebt wohl und kommt vorbei wann immer es euch beliebt.»

Auf dem restlichen Weg zu unserer Behausung schlugen wir uns mit verwirrenden Fragen herum: Was war die K-Kommission? Warum existieren in HUtopia keine Geschlechter? Außerdem fiel uns auf dem Weg eine Unmenge an Personen auf, zwar nicht desselben Alters aber desselben Geschlechts, die sich auf wunderliche Weise sehr ähnelten. Bei der Behausung angekommen, fragten wir die Bediensteten, wo die K-Kommission zu finden sei und wann man den Vorstand sprechen könne. Man entgegnete uns, dass die K-Kommission erst morgen wieder öffne und wir uns heute erst einmal von der anstrengenden Reise erholen sollen.

Am nächsten morgen brachen wir hektisch zum Vorstand der K-Kommission auf, der uns schon neugierig erwartet hatte. «Herzlich willkommen Fremdlinge, wie der Klonungskommission zugetragen worden ist, interessiert ihr euch für den Ursprung der Nichtexistenz von Geschlechtern in HUtopia?» Ich antwortete: «Das ist wahr, wir fragen uns, wie das möglich ist!?» Daraufhin folgte eine lange Rede des Vorstands:[3]

«Wir wollen euch nichts vorenthalten. Mit der Begründung unseres Reiches stellten wir fest, dass die Hierarchie zwischen den Geschlechtern nie aufgehoben werden kann, solange eine Abhängigkeit zwischen Mann und Frau bezüglich der Sexualität und der Reproduktion besteht. Also führten wir das menschliche Klonen und die Schwangerschaft des Mannes ein.[4] Sollten Mann und Frau - um es in eurer Ausdrucksweise zu sagen - das Bedürfnis hegen, eine Familie im klassischen Sinne zu zeugen, so ist es ihnen gewährt. Nur ist es folglich egal, wer von beiden das Kind gebärt oder ob beide jeweils ein Kind gebären. Einer der beiden Partner bleibt dann, wie in eurer Welt, zu Hause und kümmert sich um die Erziehung. Der entscheidende Unterschied zu eurem System liegt darin, dass wir diese Hausarbeit als gleichwertige Arbeit zur der außerhalb des häuslichen Bereichs betrachten und deshalb derjenige, der zu Hause bleibt, vom Staat bezahlt wird. Mit den Möglichkeiten des Klonens und der männlichen Schwangerschaft ist die traditionelle Geschlechterbeziehung, wie ihr sie kennt, nach und nach in Vergessenheit geraten. Vielmehr verbinden sich nun zwei oder auch mehrere Menschen aufgrund von Sympathie und gemeinsamen Interessen.[5]

Daher ist die gleichgeschlechtliche Liebe für uns etwas ganz Normales[6]. Wir sind uns - wie ihr seht – durchaus bewusst, dass es weiterhin biologische Unterschiede zwischen Mann und Frau gibt, aber durch das Klonen und die geschlechtsunabhängige Schwangerschaft erübrigen sich die ausschließlich sozial konstruierten, und deshalb nichtexistenten, Geschlechter. Frauen wie Männer, um eure klassische Distinktion aufzugreifen, können in HUtopia Führungspositionen übernehmen, sind im gleichen Maße am politischen Leben beteiligt und verfügen ohnehin über das gleiche Leistungspotential.[7] Ein und dieselbe Arbeit, ausgeführt von Mann oder Frau, wird auch gleich vergütet.» Nach dem Gespräch verweilten wir ein weiteres Jahr in HUtopia und konnten genau beobachten und erörtern, wie hilfreich der Wegfall der Geschlechterhierarchie für das Leben in diesem Reich war. Um zu verhindern, dass sich ein HUtopier ungerechterweise zu oft klont, darf sich ein jeder, egal welchen Alters, nur so oft klonen, dass zu jedem beliebig messbaren Zeitpunkt nicht mehr als ein Duplikat von eben dieser Person existiert. Dem Missbrauch beim Klonen ist ohnehin durch die Registrierung eines jeden Klons in der Datenbank der K-Kommission vorgebeugt. Sollte der unwahrscheinliche Fall eintreten, dass es doch ein HUtopier schafft, sich mehrmals zu klonen, so wird dieser Versuch durch die Eliminierung der Person und all ihrer Replikate sanktioniert.[8] Stirbt der stets jüngere Klon einer Person vorzeitig, so erlaubt einem die K-Kommission problemlos eine weitere Kopie. Man könnte meinen, dass sich die HUtopier irgendwann nur noch selbst duplizieren und daher die Gesellschaft zu einem statischen Gebilde aus den immer gleichbleibenden Personen wird. Dies ist nicht der Fall, da sich ohnehin ein jeder entscheiden kann, wie er die Nachkommenschaft sichert: durch das Klonen der eigenen Person oder aber durch die geschlechtliche Vereinigung zweier Personen. Um die Bevölkerungszahl relativ konstant zu halten, darf wie gesagt nur ein Klon je Person produziert werden und heterosexuelle als auch homosexuelle Paare dürfen nicht mehr als zwei Kinder zeugen.[9]

Drillinge oder mehr Kinder können in diesem Kontext bei einer Geburt gar nicht auftreten, da dies durch biogenetische Eingriffe gesteuert werden kann.[10] Sexuelle Beziehungen nehmen in HUtopia nicht den Stellenwert ein, den sie bei uns innehaben, da eben die Möglichkeit besteht, sich alleine zu reproduzieren. Wenn überhaupt wird Sex zum Spaß und nur in einigen Fällen zur Reproduktion betrieben. Alle Paare, die Sex nur zum Spaß betreiben wollen, lassen sich vorher sterilisieren.[11]

[...]


[1] Auch im Sonnenstaat existiert eine geschlechtsunspezifische Kleiderordnung (vgl. Campanella 1623, 125).

[2] Die Utopier, die Bewohner des Sonnenstaates und schließlich die Einwohner Neu-Atlantis wundern sich ebenfalls über die Denk- und Handlungsweisen der Besucher (vgl. Morus 1516, 82; Campanella 1623, 122; Bacon 1627, 178f.).

[3] Idee zur Gesprächsstruktur in Anlehnung an die Audienz der Besucher Neu-Atlantis mit dem Vater des Hauses Salomon (vgl. Bacon 1627, 204ff.).

[4] Ebenfalls werden in der schönen neuen Welt die Menschen geklont (vgl. Huxley 1932, Kap.1).

[5] Ähnlich wie die rein platonische Liebe, die wir im Sonnenstaat vorfinden (vgl. Campanella 1623, 135).

[6] Im Gegensatz dazu ist Homosexualität in Neu-Atlantis gänzlich unbekannt (vgl. Bacon 1627, 201).

[7] Im Gegensatz dazu sind in allen drei klassischen Utopien Führungspositionen den Männern vorbehalten (vgl. Morus 1516, 59; Campanella 1623, 150; Bacon 1627, 202ff.).

[8] Todesstrafen – zwar bei wiederholtem Regelverstoß – werden auch in Utopia und im Sonnenstaat mit einkalkuliert (vgl. Morus 1516, 83; Campanella 1623, 131).

[9] In Anlehnung an die intendierte Konstanthaltung der Bevölkerungsanzahl in Utopia (vgl. Morus 1516, 59).

[10] Hingegen geht Morus davon aus, dass sich die Kinderanzahl in Utopia nicht von vornherein begrenzen lässt (vgl. Morus 1516, 59).

[11] Im Sonnenstaat wird Sex zum Vergnügen, um der anwachsenden Kinderzahl entgegenzuwirken, nur mit schwangeren und unfruchtbaren Frauen vollführt (vgl. Campanella 1623, 132).

Ende der Leseprobe aus 7 Seiten

Details

Titel
Das Verhältnis zwischen den Geschlechtern in HUtopia
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Politische Utopien
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
7
Katalognummer
V344328
ISBN (eBook)
9783668341586
Dateigröße
438 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
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Selina Thal (Autor), 2008, Das Verhältnis zwischen den Geschlechtern in HUtopia, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/344328

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