Einhundert Jahre nachdem hinter Henrik Ibsens Nora beim Verlassen ihres Puppenheims die „Tür dröhnend ins Schloss“ fiel und dies von der zeitgenössischen Frauenbewegung enthusiastisch als Vorbild für die Befreiung der Frau aus ihrer Unterdrückung durch den Mann gefeiert wurde, fand 1979 die Uraufführung von Elfriede Jelineks erstem Theaterstück „Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaften“ statt. Es ist als Fortsetzung des Originals „Nora (Ein Puppenheim)“ zu verstehen und legt die Vision von Noras Zukunft dar, indem es inhaltlich direkt am von Ibsen entworfenen offenen Ende ansetzt. Nora hat sich von ihrem Mann emanzipiert und will nun ihren Emanzipationsprozess auf gesellschaftlicher Ebene weiterführen, Ibsen sah diesem Vorhaben offenbar optimistisch entgegen. Jelinek hingegen zeichnet ein sehr pessimistisches Bild und widmet sich der Frage nach der generellen (Un-)Möglichkeit von weiblicher Emanzipation im Kontext von männlicher Hegemonie in den die Gesellschaft konstituierenden Bereichen der Politik, Ökonomie und geschlechtsspezifischen Rollenzuweisung.
Im Folgenden sollen die beiden Werke Ibsens und Jelineks zunächst separat betrachtet werden. Der erste Teil dieser Arbeit beschäftigt sich mit Ibsens Drama. Anfangs wird der historische Zusammenhang beleuchtet, in den sich Ibsens Nora-Stück einordnet. Anhand dessen sollen die Konzeption des Dramas erklärt und Gründe benannt werden, die den optimistischen Ausgang motivierten. Im Anschluss erfolgt eine detaillierte Interpretation der Handlung des Stücks, wobei das Augenmerk insbesondere auf die in der Literatur vieldiskutierte Wandlung Noras gerichtet wird und Argumente für die Wahrscheinlichkeit ihrer vermeintlich unrealistisch schnellen Veränderung benannt werden. Ferner wird die kritische Aussage des Stücks herausgearbeitet. Des Weiteren sollen einige Punkte in Bezug auf die Emanzipationsthematik und Ibsens Sicht auf das Geschlechterverhältnis erläutert werden. Der gesamte erste Teil ist überdies dazu angedacht, die von Ibsen geschaffenen Voraussetzungen der Nora-Figur und zum Thema der Emanzipation aufzuzeigen, an die Jelinek aus ihrer Perspektive mit ihrer Fortsetzung anknüpft. Ibsens Original als Bedingung für das Werk Jelineks wird eingehend betrachtet, um späterhin in der Fortführung wiederaufgenommene bzw. veränderte Motive genau analysieren und vergleichen zu können.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Ibsens „Nora (Ein Puppenheim)“
2.1 Familie und Emanzipation: Der historische Kontext des Nora-Stücks
2.2 Das Nora-Stück Ibsens: Warum Nora ihren Mann verließ
2.3 Wirkliche Emanzipation oder unrealistischer Optimismus?
3 Jelineks Fortsetzung: „Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaften“
3.1 Voraussetzungen zum Textverständnis
3.1.1 Die politische und gesellschaftskritische Position Jelineks
3.1.2 Die ästhetische Position Jelineks
3.2 Das Nora-Stück Jelineks: Warum Nora zu ihrem Mann zurückkehren musste
4 Optimismus und Mythos, Pessimismus und Destruktion: Ein Vergleich der beiden Werke
5 Zusammenfassung und Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht vergleichend Henrik Ibsens Drama „Nora (Ein Puppenheim)“ und dessen Fortsetzung durch Elfriede Jelinek. Ziel ist es, die unterschiedlichen Emanzipationskonzepte beider Autoren sowie die gesellschaftspolitischen Hintergründe – insbesondere die patriarchalen Strukturen und kapitalistischen Verhältnisse – zu analysieren und zu hinterfragen, warum Jelinek den Ibsen’schen Optimismus dekonstruiert.
- Historischer Kontext der Frauenbewegung und Familienstrukturen im 19. Jahrhundert.
- Psychologische und soziologische Analyse von Noras Emanzipationsprozess bei Ibsen.
- Marxistische Ideologiekritik und Theaterästhetik der Montage bei Elfriede Jelinek.
- Gegenüberstellung von Ibsens bürgerlichem Realismus und Jelineks Destruktion von Mythen.
Auszug aus dem Buch
Die politische und gesellschaftskritische Position Jelineks
Das Werk Jelineks ist nur unter Berücksichtigung ihrer marxistischen Orientierung zu verstehen. Aus der Perspektive der marxistischen Ideologiekritik nimmt sie eine Entmythologisierung von Trivialmythen, wie dem der Emanzipation, der Weiblichkeit oder der Natur vor. Ihre satirische Mythendekonstruktion geschieht im Kontext von materialistischen Gesellschaftsanalysen und versteht sich als aufklärerische Kritik an der vorherrschenden Ideologie: dem Kapitalismus.
Obwohl sich Jelinek selber als Marxistin bezeichnet, weicht sie dennoch in einigen Ansichten vom klassischen Marxismus von Marx und Engels ab. Marx und Engels betonten vor allem die ökonomischen Verhältnisse und sahen im Proletariat die geeignete historische Kraft zur Befreiung der Menschen vom Kapitalismus und zur Erschaffung eines menschengerechten Gemeinwesens. Die Arbeiterklasse machte für sie die bedeutendste Gruppe der Ausgebeuteten aus und erschien aufgrund dessen prädisponiert zur Führung im Emanzipationsprozess. Im Marxismus gilt der Interessengegensatz zwischen Kapitalisten und Arbeitern als gesellschaftlicher Hauptwiderspruch, von dem sich alle weiteren Gegensätze ableiten. Die Tatsache beispielsweise, dass das Proletariat kein geschlechtsneutrales Kollektivsubjekt ist, wird verdrängt, patriarchalische Abhängigkeitsverhältnisse werden negiert. Die Geschlechterungleichheit wird als Nebenwiderspruch abgetan. Eine solche Ungleichheit wäre demnach im Marxismus undenkbar, denn mit Abschaffung des Kapitalismus wäre jeglicher Ansatz von Patriarchalismus abgelegt worden und somit eine Gleichstellung aller im Kollektiv erreicht.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Darstellung der Themenstellung und der theoretischen Grundlagen für die Untersuchung der Nora-Stücke bei Ibsen und Jelinek.
2 Ibsens „Nora (Ein Puppenheim)“: Analyse der historischen Bedingungen und der psychologischen Motivation hinter Noras Emanzipation im 19. Jahrhundert.
2.1 Familie und Emanzipation: Der historische Kontext des Nora-Stücks: Einordnung des Dramas in die zeitgenössischen Veränderungen bürgerlicher Familienstrukturen.
2.2 Das Nora-Stück Ibsens: Warum Nora ihren Mann verließ: Interpretation der Handlung und der inneren Wandlung der Hauptfigur Nora.
2.3 Wirkliche Emanzipation oder unrealistischer Optimismus?: Kritische Hinterfragung der psychologischen Plausibilität des Endes und der Absicht Ibsens.
3 Jelineks Fortsetzung: „Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaften“: Einführung in Jelineks politisches Theaterstück als Antwort auf Ibsens Vorlage.
3.1 Voraussetzungen zum Textverständnis: Grundlagen für die Auseinandersetzung mit Jelineks spezifischer Arbeitsweise.
3.1.1 Die politische und gesellschaftskritische Position Jelineks: Erläuterung des marxistisch-feministischen Ansatzes der Autorin.
3.1.2 Die ästhetische Position Jelineks: Vorstellung der Montagetechnik als Mittel zur Destruktion von Mythen und Illusionen.
3.2 Das Nora-Stück Jelineks: Warum Nora zu ihrem Mann zurückkehren musste: Analyse des Scheiterns Noras im Kontext von Kapitalismus und patriarchalem System.
4 Optimismus und Mythos, Pessimismus und Destruktion: Ein Vergleich der beiden Werke: Synopse der unterschiedlichen ästhetischen Mittel und gesellschaftskritischen Aussagen.
5 Zusammenfassung und Fazit: Synthese der Forschungsergebnisse und Bewertung der unterschiedlichen Emanzipationsansätze.
Schlüsselwörter
Henrik Ibsen, Elfriede Jelinek, Nora, Emanzipation, Feminismus, Marxismus, Kapitalismus, Patriarchat, Mythendekonstruktion, Theaterästhetik, Montage, Geschlechterverhältnis, Gesellschaftskritik, Puppenheim, Individuation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Nora-Stücke von Henrik Ibsen und Elfriede Jelinek hinsichtlich ihrer Darstellung von Emanzipation, wobei insbesondere die unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Perspektiven der Autoren beleuchtet werden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören der Einfluss gesellschaftlicher Strukturen auf den Emanzipationsprozess, die Kritik am Kapitalismus und Patriarchat sowie die literarische Auseinandersetzung mit Mythen der Weiblichkeit.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, den optimistischen Ausgang von Ibsens Drama mit Jelineks pessimistischer Fortsetzung zu vergleichen und zu zeigen, warum Jelinek den Emanzipationsmythos dekonstruieren musste.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin kombiniert eine literaturwissenschaftliche Drameninterpretation mit marxistischer Ideologiekritik und Diskursanalyse, um die ästhetischen Methoden (wie Jelineks Montage) zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine separate Untersuchung von Ibsens und Jelineks Werk, gefolgt von einem direkten Vergleich ihrer Theaterästhetik und ihrer Aussagen zur Emanzipation.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Emanzipation, Kapitalismus, Patriarchat, Marxismus, Mythendekonstruktion und Montage sind die maßgeblichen Begriffe, die das theoretische Fundament der Arbeit beschreiben.
Warum kehrt Nora in Jelineks Stück zu ihrem Mann zurück?
In Jelineks Darstellung scheitert Nora, da sie gefangen in kapitalistischen und patriarchalen Strukturen ihre eigene Unterdrückung nicht erkennt und durch ihre Naivität zur Spielballfigur der Mächte wird.
Welche Rolle spielt der Faschismus bei Jelinek?
Jelinek zieht Parallelen zwischen der Unterdrückung der Frau im Patriarchat, der Perversion und der faschistischen Ideologie, wobei sie Nora als beispielhaft für die Unterwerfung unter ein System darstellt, das den Faschismus begünstigt.
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- Julia Haase (Autor), 2003, Ibsens Mythos und Jelineks Destruktion oder Warum Nora zu ihrem Mann zurückkehren musste, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34446