Angesichts des Verlusts von zahlreichen Pflanzen- und Tierarten, des Klimawandels, den Exzessen in der modernen Massentierhaltung, der Zerstörung des Regenwaldes und vieler weiterer solcher Beispiele wird unweigerlich klar, dass beim Umgang des Menschen mit seiner natürlichen Umgebung etwas grundlegend falsch läuft. Viele Menschen finden es dann auch falsch, dass wir grosse Teile der Natur verschmutzen oder gar zerstören. Doch wieso genau ist dies falsch? Ist es falsch, weil die Natur und ihre Bewohner die Grundlage unserer Existenz sichern und wir damit quasi den Ast absägen, auf dem wir selbst sitzen1? Oder ist es falsch, weil die Natur und ihre Bewohner oder zumindest Teile davon moralisch um ihrer selbst willen zu berücksichtigen sind?
Die hier vorgelegte Arbeit spricht sich dafür aus, dass der Umgang des Menschen mit seiner natürlichen Umgebung primär nicht deshalb falsch ist, weil wir uns Menschen damit selbst schaden, sondern weil wir damit die moralische Berücksichtigungswürdigkeit der Natur oder zumindest Teile davon missachten. Die Natur oder zumindest Teile davon sind um ihrer selbst willen zu berücksichtigen.
Die Diskussion um die moralische Berücksichtigungswürdigkeit der Natur findet auf zwei Ebenen statt. Zum einen stellt sich auf der ersten Ebene die Frage: Welche Entitäten sind um ihrer selbst willen moralisch zu berücksichtigen? Zum anderen stellt sich auf der zweiten Ebene die Frage: Kommt allen Entitäten, die moralisch um ihrer selbst willen berücksichtigt werden, diese moralische Berücksichtigungswürdigkeit in gleicher Weise zu? Mit anderen Worten wird die Frage der moralischen Relevanz von der Frage der moralischen Signifikanz unterschieden. Die hier vorliegende Arbeit beantwortet beide Fragen. Die Antwort auf die erste Frage lautet, dass allen empfindungsfähigen Wesen beziehungsweise allen Menschen und allen Tieren moralische Berücksichtigungswürdigkeit um ihrer selbst willen zukommt. Die Antwort auf die zweite Frage lautet, dass alle Menschen und alle Tiere in allen Situation moralische Berücksichtigungswürdigkeit in gleicher Weise zukommt. Im Folgenden wird demnach für eine stark egalitaristische, pathozentrische Umweltethik argumentiert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Von der Urwahl zu den vier Grundtypen der Umweltethik
2.1 Egoismus oder moralischer Standpunkt
2.2 Wer sind alle?
2.3 Instrumenteller Wert, intrinsischer Wert, inhärenter Wert und Eigenwert
2.4 Vier Grundtypen der Umweltethik
2.4.1 Moralischer Anthropozentrismus
2.4.2 Pathozentrismus
2.4.3 Biozentrismus
2.4.4 Holismus
3. Welche Ethik?
3.1 Inklusions- oder Exklusionsfrage?
3.2 Der Weg der Ausweitung von innen
3.2.1 Ist es legitim, Tiere zur moralischen Gemeinschaft dazu zu zählen?
3.2.1.1 Das pathozentrische Argument
3.2.2 Ist es legitim, Pflanzen und andere Organismen zur moralischen Gemeinschaft dazu zu zählen?
3.2.2.1 Das pathozentrische Argument
3.2.2.2 Das teleologische Argument
3.2.2.3 Das Argument von der Ehrfurcht vor dem Leben
3.3 Der Weg der Einschränkung von aussen
3.3.1 Soll unbelebte Materie von der moralischen Gemeinschaft ausgeschlossen werden?
3.3.2 Sollen Ökosysteme von der moralischen Gemeinschaft ausgeschlossen werden?
3.3.3 Sollen Pflanzen und anderen Organismen von der moralischen Gemeinschaft ausgeschlossen werden?
3.4 Zwischenfazit
3.5 Diskussion von Einwänden
3.5.1 Der Einwand der Unhintergehbarkeit der Anthropozentrik
3.5.2 Nortons Konvergenzhypothese
3.5.3 Der Einwand der fehlenden Wechselseitigkeit
3.5.4 Der Following-Nature-Einwand
3.5.5 Der Einwand der Holisten
3.6 Exkurs: Interne Argumente für den Naturschutz
3.6.1 Basic-Need-Argument
3.6.2 Ästhetische Argumente (Aisthesis/Kontemplation/Design)
3.6.3 Heimat-Argumente
3.6.4 Pädagogisches Argument
3.7 Fazit
4. Abgestufter oder gleicher Eigenwert?
4.1 Hierarchismus oder Egalitarismus?
4.1.1 Hierarchismus
4.1.2 Egalitarismus
4.1.3 Diskussion
4.1.4 Fazit
4.2 Schwacher oder starker Egalitarismus?
4.3 Fazit
5. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die moralische Berücksichtigungswürdigkeit der Natur und stellt dabei die grundlegende Forschungsfrage, welche Entitäten um ihrer selbst willen moralisch zu berücksichtigen sind und ob diese Entitäten in gleicher Weise moralischen Anspruch besitzen. Ziel ist es, eine stark egalitaristische, pathozentrische Umweltethik zu begründen und hierarchische Gegenmodelle zu widerlegen.
- Grundtypen der Umweltethik (Anthropozentrismus, Pathozentrismus, Biozentrismus, Holismus)
- Methodik der Inklusions- und Exklusionsfrage bei der Bestimmung der moralischen Gemeinschaft
- Argumente für und wider die Ausweitung des moralischen Eigenwerts auf Tiere, Pflanzen und Ökosysteme
- Diskussion der moralischen Signifikanz: Hierarchismus versus Egalitarismus
- Ethische Begründung von Naturschutz im Rahmen einer pathozentrischen Position
Auszug aus dem Buch
2.4.1 Moralischer Anthropozentrismus
„Nach der bloßen Vernunft zu urtheilen, hat der Mensch sonst keine Pflicht, als blos gegen den Menschen (sich selbst oder einen anderen); […] “25 Immanuel Kant
Mit der geringsten moralischen Reichweite auskommen zu können, glaubt der Anthropozentrist: Im moralischen Anthropozentrismus besitzt nur der Mensch Eigenwert. Der moralische Anthropozentrismus stellt folglich nur den Menschen und seine Interessen ins Zentrum seiner Entscheidungsfindung. Der Mensch ist gewissermassen das Mass aller Dinge. Das Verhältnis zur aussermenschlichen Natur ist dabei immer ein indirektes. Damit ihr überhaupt ein Wert zugesprochen werden kann, muss die aussermenschliche Natur in ein Verhältnis mit dem Menschen treten. Mit anderen Worten bemisst sich ein Eingriff in die Natur einzig und allein daran, ob und wie stark damit Menschen beeinträchtigt werden. Der Natur als solches wird im moralischen Anthropozentrismus kein Wert zugeschrieben.26
Ein klassisches Beispiel für die anthropozentrische Position ist die Tierschutzbegründung bei Kant: Als einziges vernunftfähiges und damit moralfähiges Wesen besitzt nur der Mensch, so Kant, Eigenwert. Tieren und anderen Entitäten kommt demzufolge keine moralische Berücksichtigungswürdigkeit um ihrer selbst zu. Nichtsdestotrotz gilt es Tierquälerei zu verurteilen. Dies jedoch nicht deshalb, weil Tiere dabei leiden, sondern aus dem Bedenken heraus, dass Tierquälerei verrohend auf zwischenmenschliches Verhalten einwirken könnte.27
Mit einem solchen, auf indirekten Argumenten beschränkten Schutz der Natur ist – wie im Nachfolgenden ersichtlich wird – unter anderem der Pathozentrismus nicht einverstanden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der Umweltzerstörung ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach der moralischen Relevanz und Signifikanz von Entitäten in der Natur, wobei für eine pathozentrische Umweltethik plädiert wird.
2. Von der Urwahl zu den vier Grundtypen der Umweltethik: In diesem Kapitel werden grundlegende moralische Konzepte wie der moralische Standpunkt, instrumentelle versus Eigenwerte sowie die vier Hauptansätze der Umweltethik (Anthropozentrismus, Pathozentrismus, Biozentrismus, Holismus) vorgestellt.
3. Welche Ethik?: Das Kapitel erläutert die methodische Herangehensweise an die Bestimmung der moralischen Gemeinschaft über den Weg der Ausweitung von innen sowie der Einschränkung von aussen und diskutiert Einwände gegen eine pathozentrische Ethik sowie interne Argumente für Naturschutz.
4. Abgestufter oder gleicher Eigenwert?: Hier steht die moralische Signifikanz im Fokus, wobei die Frage diskutiert wird, ob alle Mitglieder der moralischen Gemeinschaft gleichen Wert besitzen, was zum starken Egalitarismus als vorzuziehende Position führt.
5. Schlusswort: Das Schlusswort resümiert die Ergebnisse der Untersuchung, wonach allen Menschen und Tieren gleichermaßen Eigenwert zukommt und der starke Egalitarismus als moralisch gebotene Position festzuhalten ist.
Schlüsselwörter
Umweltethik, Moralische Berücksichtigungswürdigkeit, Eigenwert, Pathozentrismus, Anthropozentrismus, Biozentrismus, Holismus, Inklusionsfrage, Moralische Signifikanz, Egalitarismus, Hierarchismus, Naturschutz, Empfindungsfähigkeit, Moralische Gemeinschaft, Tötungsverbot
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Masterarbeit befasst sich mit der moralischen Bewertung der Natur und untersucht, welchen Entitäten ein Eigenwert zukommt und wie diese moralisch zu berücksichtigen sind.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den Kernbereichen gehören die verschiedenen umweltethischen Grundtypen, die methodische Abgrenzung der moralischen Gemeinschaft sowie die Debatte um hierarchische versus egalitaristische Moralstrukturen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit verfolgt das Ziel zu bestimmen, welche Lebewesen moralisch um ihrer selbst willen berücksichtigt werden müssen und ob diesen Entitäten der gleiche moralische Wert zukommt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine methodische Zweiteilung: Einerseits den "Weg der Ausweitung von innen", der bei menschlichen Grundannahmen ansetzt, und andererseits den "Weg der Einschränkung von aussen", der von einer holistischen Ausgangslage die moralische Gemeinschaft kritisch prüft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Bestimmung der moralischen Relevanz (wer gehört zur Gemeinschaft) und der moralischen Signifikanz (wer zählt wie viel).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Pathozentrismus, Eigenwert, Moralische Gemeinschaft, Egalitarismus und Empfindungsfähigkeit.
Warum wird der Pathozentrismus als "first-best" Lösung bezeichnet?
Weil der Pathozentrismus sowohl durch den Weg der Ausweitung von innen als auch durch den Weg der Einschränkung von aussen als tragfähige und konsistente Lösung für die moralische Relevanz bestimmt werden kann.
Wie begründet die Arbeit den starken Egalitarismus gegenüber dem schwachen?
Die Arbeit zeigt, dass die Unterscheidung von Personen und Nicht-Personen bei der Frage der Tötung moralisch nicht relevant ist und plädiert daher für eine Gleichbehandlung aller empfindungsfähigen Wesen in allen Situationen.
- Quote paper
- Samuel Schawalder (Author), 2013, Umweltethik. Zur Diskussion um die moralische Berücksichtigungswürdigkeit der Natur, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/344504