Wer war der Mörder Hypatias? Eine Analyse der Umstände von Hypatias Tod in spätantiken Quellen


Hausarbeit, 2015
17 Seiten, Note: 1.5

Leseprobe

0 Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Quellen
2.1 Sokrates von Konstantinopel
2.2 Cassiodor
2.3 Damaskios
2.4 Hesychios
2.5 Malalas

3 Schlussbetrachtung und Fazit

4 Bibliographie

1 Einleitung

Hypatia (um 355 - 415/6) stellt ein Problem dar.1 Sie war eine grosse Mathematikerin, Astronomin und führende neuplatonische Philosophin in Alexandria.2 Auf der einen Seite sind uns viele Details ihres Lebens überliefert und auch ihre mathematischen Errungenschaften haben nichts an ihrer Aktualität eingebüsst. Auf der anderen Seite stehen Hypatias Schönheit und ihre grausame Ermordung durch einen christlichen Mob. Dieses Drama führt dazu, dass ihre Person schwer fassbar geworden ist.3 Ihr Leben und Sterben wurde in der christlichen Kirche weitergeführt und mystifiziert in der Gestalt der Katharina von Alexandria.4 Da diese Mystifizierung und Interpretation ihres (Ab-)Lebens schon zeitgenössischen Ursprung hatte, stellt es eine Herausforderung dar, die wirklichen Geschehnisse aus geschichtlichen Überlieferungen herauszuarbeiten.

Um dieses Problem geht es in dieser Seminararbeit. Ich möchte eine Auswahl an Quellen nach dem Tod der Philosophin erforschen, um herauszufinden, was der Grund der aufgebrachten Menge war, sie zu ermorden. Stand ein religiöses oder politisches Motiv im Vordergrund? Kann die Ermordung auf einen Täter zurückgeführt werden? Warum musste sie sterben? Um diese Fragen beantworten zu können, müssen zuerst die politischen, religiösen und kulturellen Umstände von Alexandria und auch Hypatia selbst kurz umrissen werden, damit von dieser Perspektive aus die spätantiken Quellen untersucht werden können.

Seit ihrer Gründung im Jahre 331 v.Chr. durch Alexander den Grossen war Alexandria eine kosmopolitische Stadt.5 Ägypten verlagerte seinen Fokus erstmals auf den östlichen Mittelmeerraum und auf die griechische Welt. Es zog hervorragende Dichter, Künstler und Gelehrte an den Hof der Ptolemäer und wurde somit das Zentrum der hellenistischen Kultur.6 Auch als Handels- und Wirtschaftsknotenpunkt verband Alexandria das ägyptische Hinterland, die Gebiete um das Rote Meer und den indischen Ozean ökonomisch mit dem Mittelmeerraum.7 Diese Umstände hatten zur Folge, dass die Einwohnerzahl der Stadt rasant anstieg. Gestützt auf Angaben aus antiken Quellen, schätzte der Historiker P. M. Fraser, dass im 1. Jahrhundert v.Chr. wohl rund eine Million Menschen in Alexandria lebten, was sie zu jener Zeit zur grössten Stadt im gesamten Mittelmeerraum machte.8

Im 4. Jahrhundert n.Chr. hatte sich diese Stadt jedoch grundlegend verändert. Die einst für den griechischen Historiker Strabon (um 63 v.Chr. - nach 23 n.Chr.) so charakteristische Struktur und Architektur von Alexandria war schon zur Zeit Kaiser Diokletians (reg. 284/85 - 305) verschwunden.9 Der Grund dafür waren Naturkatastrophen und Kriege, welche insbesondere im 3. Jahrhundert n.Chr. wüteten. Es muss also stark zwischen dem hellenistischen und dem spätantiken Alexandria unterschieden werden. Dennoch blieb die Stadt eine wichtige Metropole in wissenschaftlicher, wirtschaftlicher und religiöser Hinsicht.

Auch politisch war Alexandria in hervorgehobener Stellung. Obwohl sie als Hauptstadt der römischen Provinz provincia Aegyptus Sitz des praefects Aegypti war, der als Statthalter die gesamte Provinz im Sinne Roms verwaltete, besass Alexandria einen eigenen Stadtrat (boulé), dem ein grösseres Mass an Selbstbestimmung zugestanden wurde.10 Dies bewirkte, dass die Stadt eigene städtische Gesetze und ein eigenes Bürgerrecht bekam, was „die hellenisierten Bürger nicht nur von den Ägyptern in der Stadt und auf dem Lande, sondern auch von den zahlreichen jüdischen Einwohnern Alexandrias abhob.“11 Diese ungewöhnliche Machtfülle wird vor allem dadurch erklärt, dass sie als Handels- und vor allem Getreidelieferungsmetropole einen erheblichen Einfluss auf die Versorgung des Römischen Reiches hatte. Es gibt moderne Berechnungen, dass Rom schon im 1. Jahrhundert n.Chr. rund einen Drittel seines jährlichen Bedarfs an Getreide - nämlich 83‘000 Tonnen - aus Alexandria bezog.12

All diese Faktoren hatten nun erheblichen Einfluss auf die demographische Entwicklung Alexandrias. Aus allen Ecken der Welt strömten Menschen in die Stadt, was zur Folge hatte, dass zahlreiche Kulturen, Religionen und Schichten aufeinander trafen. Dieser soziale Schmelztiegel machte aus ihr eine Region mit hohem Konfliktpotential.13

In diesem Umfeld hatte dann auch die christliche Religion einen grossen Einfluss auf das soziale (Zusammen-)Leben. Die Christen hatten sich in wenigen Jahrhunderten von einer Minderheit zur politisch, sozial und wirtschaftlich dominierenden Schicht entwickelt.14 In der Zeit, die uns im Rahmen dieser Untersuchung beschäftigt, ist diese Transformation in vollem Gange. Die Spannungen zwischen dem Episkopat und der weltlichen Autorität mit den beiden Vertretern Kyrill (375/80 - 444) und Orestes werden uns in den Quellen wieder begegnen. Das Ringen um die Machtverhältnisse muss so als ein wichtiger Faktor in der Untersuchung von Hypatias Tod angesehen werden. Sie war in Alexandria die Vertreterin der alten, hellenistisch-philosophischen Ordnung und geriet somit - vielleicht ungewollt - zwischen die Fronten dieses vorherrschenden Konflikts.

2 Quellen

2.1 Sokrates von Konstantinopel

Sokrates (um 380 - ca. 413) ist der Verfasser der Historia Ecclestiastica (HE), die den Zeitraum von 312 bis 439 umspannt und wollte mit diesem Werk die Kirchengeschichte des Eusebios von Caesarea (260/64 - 339/40) fortführen. Der kleine Abschnitt über Hypatia befindet sich im siebten und damit letzten Buch der HE und wurde nach Augenzeugenberichten oder mündlicher Nachrichten verfasst.15 Sokrates war Christ und gehörte zur Bildungselite Konstantinopels.16 Er hatte aber auch eine gewisse Nähe und Verständnis für den Neuplatonismus. Für ihn war jedoch die heidnische Philosophie ein Instrument, „mit deren Hilfe christliche Wahrheiten vornehmlich denjenigen vermittelt werden, die das hellenische Bildungserbe nicht ablegen wollen. Sie ist soweit von Nutzen, als eine Einwirkung auf das Denken und die Sprache von hellenisch Gebildeten erreicht werden kann.“17 Heinrich Dörrie spricht in dieser Hinsicht von einer Pseudometamorphose von christlichem und heidnisch philosophischem Gedankengut.18 Gestützt wird diese Aussage von Sokrates selbst, der im dritten Buch der HE schreibt: „Nur wer die Waffen der Gegner kennt, kann sie besiegen.“19 Es muss also beim Studium des kleinen Abschnitts, in dem Hypatia in seinem Werk vorkommt, beachtet werden, dass Sokrates durch und durch Christ war und die andere Seite explizit als Gegner bezeichnete.

Trotz seiner Einstellung dem Neuplatonismus gegenüber lässt sich schon am Anfang des Quellenabschnitts eine Art Bewunderung herauslesen. Er schreibt Hypatia habe „solche Fortschritte gemacht, dass sie die Philosophen ihrer Zeit bei weitem hinter sich liess.“20 Auch ihre beeindruckende Selbstsicherheit, ihre Gelehrsamkeit und ihre Weisheit bezeichnete er als beeindruckend, aussergewöhnlich und geschickt. Durch diese „ausserordentliche Weisheit“21, beschreibt er, wurde die gesamte Zuhörerschaft in Staunen versetzt. Hier lässt sich also keine negative Einstellung des Sokrates zu Hypatia herauslesen. Eher das Gegenteil ist der Fall. Es scheint als würde Sokrates die Philosophin schätzen und bewundern.

Danach folgt die Schilderung der Ermordung Hypatias, die uns im Rahmen dieser Arbeit interessiert. Aus der oben erwähnten Weisheit der Philosophin und ihre Fähigkeit, die Massen in Staunen zu versetzten, entstand nach Sokrates Missgunst und Neid gegen sie. Er erwähnt, dass das Kirchenvolk ihr vorwarf, Orestes, den Statthalter der Provinz Ägypten, gegen Kyrill, den Bischof von Alexandria, aufzuwiegeln und das schlechte Verhältnis zwischen ihnen zu befördern. Es lässt sich erkennen, dass hier von Sokrates Kyrills Neid als Motiv eingesetzt wurde. Denn laut Sokrates habe der alexandrinische Bischof die falsche Auffassung der christlichen Lehre.22 Damit - und darin ist sich die Forschung einig - ergreift Sokrates Parteinahme für Hypatia und gegen Kyrill.23 Wenn wir nun aber genauer hinschauen, lässt sich ein anderes Motiv erkennen, dass dem Neid und der Missgunst zugrunde liegt. Namentlich das Verhältnis zwischen dem Zentralstaat und dem Episkopat - zwischen Orestes und Kyrill. Er beschreibt, dass Hypatia es „Orestes nicht gestatte, dass er mit dem Bischof freundlich verkehre.“24 Als zugrundeliegendes Element müssten hier also politische Beweggründe angeführt werden. Bischof Kyrill von Alexandria wird als sehr intoleranter Christ und als masslose Person beschrieben.25 Orestes, selbst auch Christ, war in dieser Hinsicht toleranter und offener. Diese zwei Denkweisen macht eine Konfrontation unerlässlich. Als Beispiel des hemmungslosen Handelns Kyrills lässt sich die Judenausweisung im Jahre 414 angeben. Kyrill hatte alle Juden in alleiniger Entscheidung und ohne Rücksprache mit der zivilen Obrigkeit aus Alexandria vertrieben. Die darauf folgenden Unruhen und die Fehde zwischen ihm und Orestes waren auch nach dem Historiker Micheal Deakin die direkte Ursache zu Hypatias Tod.26

Im weiteren Verlauf des kleinen Abschnitts der Historia Ecclestiastica schildert Sokrates den genauen Ablauf der Ermordung Hypatias. Eine Gruppe von Männern von „jäher Gemütsart“27 unter der Führung des Lektors Petros lauerten ihr auf als sie von einem nicht näher bekannten Ort nach Hause kehrte. „Sie warfen sie aus ihrer Sänfte und zerrten sie zur Kaisarionkirche. Sie beraubten sie der Kleidung und töteten sie mit Scherben. Und als sie sie Glied für Glied zerstückelt und ihre Körperteile allesamt auf den sogenannten Kinaron getragen hatten, verbrannten sie sie.“28 Diese Schilderung lässt also klar eine gezielte Tat erkennen, die von einer Gruppe unter der Leitung eines Lektors - also einem „Geistlichen“ mit niederer Weihe - vollzogen wurde. Diese bewusste Erwähnung des Namens und des Berufs des Mannes kann von Bedeutung sein. Wenn wir von einer Tat aus rein christlichen Motiven in dieser Quelle Abschied nehmen, dann lässt es die Frage offen in wie fern der Bischof Kyrill nun Einfluss auf diese Tat hatte oder ob er sie sogar anordnete. Aus dieser Quelle ist dies nicht deutlich ersichtlich. Doch wenn wir die vorherige Erwähnung des Neids von Kyrill als Motiv anerkennen und wenn die Tat wirklich - wie es Sokrates schildert - geplant war, dann ist es gut möglich, dass unter der Ägide des Bischofs und auf dessen Befehl hin gehandelt wurde.

2.2 Cassiodor

Auch Magnus Aurelius Cassiodorus Senator (ca. 485 - ca. 580) war der Verfasser einer Kirchengeschichte, nämlich der Historia Ecclesiastica Tripartita (HET). Er entstammte einer einflussreichen politischen Familie in Süditalien und schlug unter dem Goten Theoderich (451/56 - 526) eine politische Laufbahn ein und wurde sogar dessen persönlicher Sekretär.29 In der heutigen Forschung wird ihm ein „aussergewöhnliches Verständnis und eine positive Aufmerksamkeit für die paganen Kulturleistungen zuerkannt.“30 Obwohl Cassiodor bekennender Christ war, wollte er doch die hellenische Kultur verstehen und war ihrer nicht negativ eingestellt. Im elften Buch der HET folgt Cassiodor vor allem der Historia Ecclesiastica des Sokrates von Konstantinopel und so kommt auch Hypatia in diesem Buch vor. Wir sind nun bei den Quellen angelangt, die nicht mehr zur Zeit Hypatias oder kurz danach geschrieben wurden und eine grössere zeitliche Distanz zu ihr aufweisen. Cassiodor, der knapp 125 Jahre nach dem Tod der Philosophin seine Kirchengeschichte schrieb, musste sich also auf andere Quellen stützen und konnte sich nicht wie Sokrates auf Augenzeugenberichte oder mündliche Überlieferungen berufen.

Beim Lesen des kleinen Abschnitts der HET, in dem Hypatia vorkommt ist es sehr auffällig, dass sich Cassiodor auf Sokrates bezieht. Der Anfang ist beinahe identisch und auch die Wortwahl lässt wenig Zweifel offen, dass hier lediglich abgeschrieben wurde. Dennoch lässt sich aus den wenigen Differenzen einiges herauslesen. Der erste Unterschied liegt in der Beurteilung der Motivation der Mörder Hypatias. Es wird zwar auch bei Cassiodor Neid und Hass als Ursache angegeben, doch, im Gegensatz zu Sokrates, kann hier direkt keine Andeutung einer Anstiftung durch den Bischof Kyrill erkannt werden. Der Autor beschreibt es so: „Daher stellten ihr verschworene und von glühendem Eifer getrieben Männer nach, als sie nach Hause zurückkehrte […]“31. Vor allem die Bezeichnung „glühender Eifer“ lässt eher eine spontanere Tat vermuten, als es noch in der Historia Ecclesiastica des Sokrates beschrieben wurde. Die Männer stellten ihr zwar auch nach - die Tat war also durchaus geplant - doch es scheint als ob die politische Komponente und die Verschwörung von bischöflicher Stelle nicht vorhanden war. Die Tat war eine aus Hass oder Neid.

[...]


1 Berggren, Death, S. 93.

2 Deakin, Introduction, S. 13.

3 Berggren, Death, S.93.

4 Deakin, Appendix, S. 136.

5 Heinen, Alexandrien, S. 57.

6 Ebd.

7 Heinen, Alexandrien, S. 57.

8 Fraser, Alexandria, S. 91.

9 Heinen, Alexandrien, S. 59.

10 Ebd., S. 63.

11 Ebd.

12 Haas, Urban, S. 42.

13 Heinen, Alexandrien, S. 63.

14 Haas, Christians, S.174.

15 Schwarzbauer, Sokrates, S. 171.

16 Ebd., S. 170.

17 Ebd., S. 176.

18 Dörrie, Theologie, S. 44.

19 Sokr. Hist. Eccl. 3,14.

20 Sokr. Hist. Eccl. 7,15,1.

21 Ebd. 7,15,3.

22 Schwarzbauer, Sokrates, S. 202.

23 Ebd., S. 203.

24 Sokr, Hist. Eccl. 7,15,4.

25 Deakin, Hypatia, S. 22.

26 Deakin, Context, S. 22.

27 Sokr. Hist. Eccl. 7,15,5.

28 Ebd.

29 Hafner, Leben, S. 11.

30 Schwarzbauer, Cassiodor, S. 217.

31 Cassiod. Hist. 11,12,4.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Wer war der Mörder Hypatias? Eine Analyse der Umstände von Hypatias Tod in spätantiken Quellen
Hochschule
Universität Zürich  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Bachelorseminar: Die Ausbreitung des Christentums im Orient
Note
1.5
Autor
Jahr
2015
Seiten
17
Katalognummer
V344535
ISBN (eBook)
9783668343177
ISBN (Buch)
9783668343184
Dateigröße
487 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hypatia, Alexandria, Mord, Christentum, Neuplatonismus, Spätantike, Mathematikerin, Astronomin, Kyrill von Alexandria, Orestes
Arbeit zitieren
Matthias Weilenmann (Autor), 2015, Wer war der Mörder Hypatias? Eine Analyse der Umstände von Hypatias Tod in spätantiken Quellen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/344535

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