Herrschaft und Herrschaftsverständnis in Macchiavellis "Der Fürst"

Eine Quelleninterpretation


Hausarbeit, 2015
13 Seiten, Note: unbewertet

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung

2 Quellenkritik

3 Untersuchung des Herrschaftsverständnisses Machiavellis im Kapitel XVII
3.1 Kritik an Machiavellis Herrschaftsverständnis

4 Schlusswort

5 Bibliographie

1 Einführung

„Hieraus entsteht die Streitfrage, ob es besser sei, geliebt oder gefürchtet zu werden? Die Antwort lautet, man soll nach beidem trachten; da aber beides schwer zu vereinen ist, so ist es weit sicherer, gefürchtet als geliebt zu werden, sobald nur eins von beidem möglich ist.“1

Bei der Betrachtung „des Fürsten“ von Niccolò Machiavelli (1469 - 1527) stösst einem diese Frage und seine prompte Antwort sofort ins Auge. Es ist nicht nur eine der zentralen Aussagen Machiavellis, sondern auch eine viel zitierte Stelle, die je nach Zeit und Gegebenheit für die eigenen Vorstellungen instrumentalisiert und missbraucht wurde. In diesem Auszug geht es um Herrschaft und deren Ausübung als einer der wichtigsten Aspekte von Machiavellis Werk. Es zeigt aber auch seine konsequente Trennung zwischen Moral und Herrschaft, die durch die Jahrhunderte so oft kritisiert wurde. Er argumentiert stets aus Sicht der Rationalität und des Empirismus, womit er „in der politischen Ideengeschichte als Nahtstelle zwischen dem politischen Denken des Mittelalters und der Neuzeit“2 fungiert. Er war einer der ersten Theoretiker, der die Macht und die Herrschaft analytisch untersuchte und sich an dem orientierte, was empirisch feststellbar ist.3

Vor dem Hintergrund des Themas des Proseminars II soll diese Quelle unter dem Gesichtspunkt der Herrschaft und des Herrschaftsverständnisses von Machiavelli dargestellt werden. Da es den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, so sein ganzes Werk zu durchleuchten, konzentriere ich mich auf das Kapitel XVII. Darin tritt ein zentraler Aspekt seines Herrschaftsverständnisses, aber auch sein damit zusammenhängendes Menschenverständnis meiner Meinung nach exemplarisch in Erscheinung.

2 Quellenkritik

Machiavellis Werk entstand um 1513 als ein Brief von Niccolò Machiavelli an den Herrscher von Florenz, Lorenzo II. de Medici (1492 - 1519).4 Machiavelli wurde am 03.05.1469 in Florenz geboren und schlug schon frühzeitig eine Beamtenlaufbahn im Dienste der Stadtrepublik Florenz ein. Später wurde er in den Rat der Zehn die nach dem Rat der Signore zweithöchste Instanz in der Stadt gewählt und zugleich dessen Vorsitzender. Durch seine Tätigkeiten kam er in den Genuss vieler Auslandreisen, die ihn unter anderem an den Hof des französischen Königs Ludwig XII und des römisch-deutschen Kaisers Maximilian führte. Seine zahlreichen Anekdoten und Beispiele zeugen davon, dass er sich durch diese diplomatische Aktivität ein breites Verständnis der Herrschaftspraxis aneignen konnte, was in seinem Werk von so zentraler Bedeutung ist.

Sein Stil ist bewusst einfach gehalten und „nicht mit schönen Phrasen und prunkhaften Worten oder mit anderen Reizen und äusserem Zierrat aufgeputzt“5. Er wollte, dass der Inhalt sich selbst auszeichnet und so eine Ernsthaftigkeit ausdrückt, welche die Prägnanz seiner Thesen und Erläuterungen unterstützt.6 Die Kapitelübersicht war in Latein geschrieben, „der eigentliche Text aber ist im Volgare geschrieben, in der Volkssprache des toskanischen Italienisch.“7 Er entstand jedoch nicht in Florenz, wie man vermuten könnte, sondern in dem kleinen Dorf Sant’Andrea in Percussina, circa 15 Kilometer südwestlich von Florenz gelegen. Machiavelli wurde nämlich im Jahre 1512 aus seiner Geburts- und Heimatstadt Florenz verbannt. Um diesem Ereignis auf den Grund zu gehen, müssen zunächst die politischen Verhältnisse Italiens Ende des 15. Jahrhundert bis Anfang 16. Jahrhunderts und die Lebensumstände Machiavellis betrachtet werden.

Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts hatte sich in Italien ein politisches Gleichgewicht zwischen fünf grösseren Mächten herausgebildet. Neben Florenz waren diese Mailand, Venedig, Rom und Neapel.8 Diese Mächte achteten stets darauf, dass keiner sich unschicklich vergrösserte und gingen allenfalls mit einer Allianz gegen den machthungrigen Gegenspieler vor. So geschehen zum Beispiel 1482, wo es die Unabhängigkeit des Fürstentums Ferrara gegen die Republik Venedig zu verteidigen galt.9 Das politische Gleichgewicht änderte sich aber schlagartig, als der französische König Karl VIII. 1494 in Italien einfiel. Mailand wurde eingenommen, in Florenz 1492 die Medici vertrieben und in Rom kam der neue Papst Alexander VI. (1431 -1503) an die Macht, der mit seinem Sohn Cesare Borgia eine aggressive Okkupationspolitik betrieb. Neapel wurde zunächst von den Franzosen eingenommen, kurz darauf aber für zwei Jahrhunderte von den Spaniern besetzt. In dieser Zeit der Wirren betritt Niccolò Machiavelli in Florenz die Bühne der Politik, was ihm dann später zum Verhängnis wird. Die Medici kehrten 1512 unter dem Schutz des spanischen Vizekönigs nach Florenz zurück.10 Die damit verbundene Neuverteilung der politischen Ämter an ihre Gefolgschaft kostete auch Machiavelli seine Stellung. Machiavelli wurde bald darauf verhaftet und gefoltert, vermutlich als Drahtzieher eines Komplotte. Schon nach einen Monat wurde ihm Amnestie gewährt, er wurde jedoch von Florenz in das oben erwähnte Dorf Sant’Andrea in Percussina verbannt. Innerhalb eines Jahres schrieb er hier sein Werk „Il Principe“ im Jahre 1513.

Der Grund, warum Machiavelli sein Werk also Lorenzo II. de Medici widmete, liegt also auf der Hand. Der so ins politische Abseits gedrängte Machiavelli wollte seine Gunst erwerben und so schnell wie möglich wieder in seine Heimat zurückkehren. In Anbetracht dessen muss man die Quelle aus diesem Hintergrund heraus verstehen. Man kann also von keiner „unbeeinflussten Berichterstattung“ ausgehen. Machiavelli konnte und wollte es sich nicht leisten, den Fürsten zu kränken oder gar zu beleidigen. Schon in seiner Widmung kommt das zum Ausdruck in der Aussage, dass dieses Büchlein es nicht Wert sei ihm vorgelegt zu werden.11 Aus diesem Grund wurde „Der Fürst“ von vielen Autoren als Gelegenheitsschrift bezeichnet, die aus „einer persönlichen und politischen Not“12 heraus entstand. Man kann jedoch seine Entscheidung, dieses Werk zu schreiben, nicht nur von seiner persönlichen Motivation heraus erklären. Einerseits widerspricht Otfried Höffe dieser Behauptung dadurch, dass sein Werk „gut komponiert, in den einzelnen Gedankenschritten wohlüberlegt und vor allem von einem reichen Erfahrungsmaterial getragen ist.“13 Andererseits ist es offensichtlich, dass Machiavelli in dieser schon erwähnten schwierigen politischen Situation Italiens auf eine Vereinigung anstrebte. Neben seiner persönlichen Motivation treibt ihn auch seine Vaterlandsliebe. Am Ende seines Werkes schreibt er dazu:

„Man lasse also diese Gelegenheit nicht vorübergehen, auf dass Italien nach so langer Zeit seinen Retter erscheinen sehe. Ich finde keine Worte dafür, mit welcher Liebe er in all den Ländern aufgenommen würde, die unter fremder Bedrückung gelitten haben, mit welchem Rachedurst, welcher unwandelbarer Treue, welcher Ehrfurcht, welchen Tränen! Welche Tore würden sich ihm verschliessen? Welches Volk würde ihm den Gehorsam verweigern? Welcher Neid könnte sich gegen ihn regen? Welcher Italiener würde ihm die Ehrerbietung verweigern? Jeden ekelt die Herrschaft der Barbaren. So ergreife denn Euer erlauchtes Haus diese Aufgabe mit dem Mut und der Hoffnung, womit gerechte Unternehmungen begonnen werden, damit das Vaterland unter seinen Fahnen geadelt werde.“14

Machiavelli sieht in Lorenzo II. de Medici diesen Retter. Er glaubt, es wäre nun an der Zeit, die Einheit wiederherzustellen. Wer diese Stelle betrachtet, dem wird nicht nur klar, dass er dieses Werk sicherlich nicht alleine aus persönlichen Motiven heraus geschrieben hat, sondern auch, dass er den Fürsten explizit dazu motiviert, diesen Schritt zu tun. Das letzte Kapitel ist nämlich in einem ganz anderen Stil gehalten, als diejenigen zuvor. Hier wird die Emotionalität Machiavellis deutlich sichtbar, die er zuvor konsequent unterdrückt hatte. Er bezeichnet die fremdländischen Herrscher als „Barbaren“ und appelliert an einen Retter, der die Italiener aus ihrem Joch befreien soll.

Die Rezeptionsgeschichte von Machiavellis berühmtestem Werk ist schon mehr als vierhundert Jahre alt und wurde während dieser Zeitspanne unzählige Male beleuchtet. Frank Deppes Aussage, dass die Geschichte der Rezeption für einen einzelnen Wissenschaftler kaum noch zu überschauen ist, zeigt deutlich, wie verzweigt und komplex dieses Feld der Untersuchung Machiavellis ist und welch grosse Resonanz dieses Werk bis heute besitzt.15

Deshalb wird im Rahmen dieser Arbeit vor allem die Rezeption vor der Publikation beleuchtet, da dieses Feld in der Forschung weitgehend vernachlässigt wurde.

„Der Fürst“ wurde erst im Jahre 1532, fünf Jahre nach Machiavellis Tod, veröffentlicht. Doch bereits kurz nach der Entstehung des Textes kursierten einige Abschriften. Auch in verschiedenen Briefen Machiavellis berichtete er von seinem Werk und so kamen einige seiner Theorien in Umlauf und ihre Radikalität machten sie stadtbekannt. Allgemein ist es jedoch schwierig, über die Frührezeption vom Fürst zu schlussfolgern, da die Quellenlage diesbezüglich dürftig ist.16 Ausserdem lässt sich nicht sagen, ob die Form des Werkes, wie es Lorenzo II. de Medici übermittelt wurde und wie es dann schlussendlich gedruckt wurde, kongruent war. Vor allem das letzte Kapitel und der oben zitierte Auszug scheinen verdächtig. Es sei nämlich „unvorstellbar, dass Machiavelli Lorenzo de Medici zur Befreiung Italiens von den Barbaren aufrufen wollte ehe Lorenzo hoffen konnte, die unbeschränkte Herrschaft über Florenz zu erringen.“17 Dies sei erst zwischen 1517 und 1518 der Fall gewesen. Hier wird also angedeutet, dass die endgültige Form, wie das Werk gedruckt wurde, mehr oder weniger stark von dem Original abgewichen haben muss. Im Übrigen ist das Jahr, indem Machiavelli Lorenzo sein Werk überbrachte, umstritten. Es wäre also in der Tat möglich, dass sich die Forschung in dem Jahr 1513 geirrt hat und es doch erst später übermittelt wurde. Mit Sicherheit kann man es heute nicht mehr sagen.

Fest steht allerdings, dass im Jahre 1532 die päpstliche Genehmigung zum Druck erteilt wurde. Kurz nach dieser Veröffentlichung stiess das Werk auf Ablehnung. Kritiker sahen darin eine Anleitung für willkürlich handelnde und nach persönlichem Erfolg und Macht strebende Politiker. Beanstandet wurde ebenfalls die geringe Beachtung der christlichen Moralvorstellung. Ebenso wurde seine empirische Herangehensweise kritisiert, die im Widerspruch zur Methodik der Scholastik steht. Es führte dazu, dass „Der Fürst“ im Jahre 1557 von der päpstlichen Indexkommission zensiert wurde.

[...]


1 Machiavelli, Grausamkeit, S. 82.

2 Koch, Einleitung, S. 1.

3 Münkler, Denken, S. 40.

4 Machiavelli, Nachwort, S.149.

5 Machiavelli, Zuneigung, S. 17.

6 Machiavelli, Zuneigung, S. 18.

7 Reinhardt, Machiavelli, S. 251.

8 Machiavelli, Nachwort, S. 150.

9 Machiavelli, Herrschaften, S. 62; Machiavelli, Nachwort, S. 151.

10 Reinhardt, Machiavelli, S. 207.

11 Machiavelli, Zueignung, S. 17.

12 Höffe, Fürst, S. 5.

13 Höffe, Fürst, S. 5.

14 Machiavelli, Aufruf, S. 125.

15 Deppe, Theorie, S. 283.

16 Beckstein, Rezeption, S. 2.

17 Beckstein, Rezeption, S. 3.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Herrschaft und Herrschaftsverständnis in Macchiavellis "Der Fürst"
Untertitel
Eine Quelleninterpretation
Hochschule
Universität Zürich  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Proseminar II: Herrschaftsformen in Europa von Athen bis Zürich
Note
unbewertet
Autor
Jahr
2015
Seiten
13
Katalognummer
V344537
ISBN (eBook)
9783668343276
ISBN (Buch)
9783668343283
Dateigröße
607 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Machiavelli, Der Fürst, Herrschaft, Italien, Herrschaftsverständnis, Medici
Arbeit zitieren
Matthias Weilenmann (Autor), 2015, Herrschaft und Herrschaftsverständnis in Macchiavellis "Der Fürst", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/344537

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