Motivationalpsychologische Aspekte von Fitness Apps

Am Beispiel von Freeletics


Bachelorarbeit, 2015
37 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Fragestellung
1.2 Verlauf der Arbeit

2 Motivationstheoretischer Hintergrund
2.1 Leistungsmotivation
2.1.1 Selbstbewertungsmodell der Leitungsmotivation
2.1.2 Konzept der Bezugsnormorientierung
2.2 Beteiligungsmotivation

3 Sport 2.0 - Fitness vernetzt
3.1 Nutzungsmöglichkeiten und Verbreitung von Fitness-Apps
3.2 Motive der Nutzung
3.3 Zielgruppe und Nutzerprofile

4 Freeletics
4.1 Beschreibung des Konzeptes
4.2 Möglichkeiten der interaktiven Nutzung

5 Möglichkeiten und Grenzen von Fitness-Apps am Beispiel Freeletics .
5.1 Motivationstheoretische Analyse
5.2 Risiken und Nebenwirkungen

6 Zusammenfassung und Fazit

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Das Grundmodell der klassischen Motivationspsychologie (Lewin, 1946; dargestellt nach Rheinberg, 2002, S.72)

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Unterschiede bei der Anwendung von sozialer und individueller Bezugsnormorientierung (nach Rheinberg, 1980, S. 123)

Tabelle 2: Klassifizierung von Anreizen und Motiven für die Nutzung der sozialen Funktionen von Fitness-Apps (modifiziert nach Janzik, 2012, S. 81)

1 Einleitung

Das Web 2.0 hat mit Hilfe der sozialen Medien und mobiler Internettechnologien wie Smartphones und Tablets sicherlich dazu beigetragen, die eher statische Informations- darbietung und -beschaffung durch interaktive Elemente abzulösen. Daneben hat es dazu geführt, dass der Einzelne immer mehr Möglichkeiten der Vernetzung entdeckt und das Internet aktiv mitgestalten kann. Gerade der Siegeszug der sogenannten Apps und deren Verbreitung in allen Lebensbereichen lassen es nicht überraschend wirken, dass auch Gesundheitsmanagement und Fitness zunehmend davon betroffen sind (vgl. West et al., 2012).

Im Bereich von Sport und Fitness haben sich die bisher verbrei teten digitalen Pulsund Schrittmesser für das Handgelenk auch auf den Bereich der Apps für Smartphones und andere mobile Endgeräte ausgeweitet. Wie zuvor geht es bei Ausdauersportarten wie Joggen oder Radfahren um die adäquate Messung der relevanten Körperfunktionen, die Messung der Geschwindigkeit und der zurückgelegten Strecke, wie der bewä l- tigten Steigungen, neu ist aber die Verquickung von Messungen, digitaler Aufzeic h- nung, allgegenwärtiger Verfügbarkeit und Vergleichbarkeit.

Prominente Vertreter und Anbieter solcher Lösungen sind z.B. die „Nike Training Club“ oder WiiFit Plus. Gerade unter Facebook-Nutzern ist hingegen die runtastic App stark verbreitet, erlaubt sie doch, auf allen gängigen Smartphones verfügbar zu sein und dem Nutzer alle relevanten Daten der eigenen Aktivität zu liefern, so die GPS- Daten der zurückgelegten Strecke und deren Anzeige auf einer Karte, die Messung von Distanz, Zeit, Geschwindigkeit/Pace (aktuell/durchschnittlich), Kalorienverbrauch sowie die Erstellung eines Trainingstagebuches und von Grafiken zu Charts (Geschwindigkeit, Höhenmeter, Puls) (vgl. runtastic, 2014). Daneben besteht die Möglichkeit, all dies einer interessierten und ausgesuchten Öffentlichkeit mitzuteilen. Die Leser wiederum können die geteilten Ergebnisse kommentieren, den Freizeitsportler während der Durchführung „anfeuern“ oder ihm zu seiner vollbrachten Leistung applaudieren. Das Gegenstück zum „Applaus“ bei der runtastic-App ist das digitale „Abklatschen“ (High-Five) in der Freeletics-App.

Des Weiteren ist es möglich, frühere Ergebnisse zu speichern und die eigenen Fortschritte in der Leiste - sei es in Hinblick auf die zurückgelegte Entfernung oder die Geschwindigkeit - zu überprüfen. Damit erhält der Nutzer die Möglichkeit, die eigenen Trainingsergebnisse leicht zu dokumentieren und auszuwerten.

Neben solchen rein dokumentierend agierenden Apps bietet der Markt auch A n- wendungen zur Dokumentation und ebenso Auswertung der erfassten Trainingserge b- nisse. Außerdem können sogar Trainingsprogramme aufgestellt werden, was die physische Anwesenheit eines herkömmlichen Trainingsleiters obsolet machen soll.

Die Verbreitung und Nutzerzahl solcher Apps ist in den vergangenen Jahren deut- lich angestiegen: Immer mehr Menschen nutzen solche Apps, um i hre individuellen Trainingsleistungen und Leistungsentwicklung in Individualsportarten zu dokumentieren und diese mit anderen zu teilen. Im gleichen Zug beginnt damit die Ablösung herköm m- licher Trainingsmethoden (z.B. Fitnessstudio oder Personaltrainer) (vgl. Padmasekara, 2014; Yoganathan & Kajanan, 2014). Auch wird den neuen Anwendungen eine motivie- rende Funktion zugeschrieben.

1.1 Fragestellung

Im Rahmen der geplanten Arbeit soll untersucht werden, inwiefern die oben beschrie- benen mobilen Anwendungen die Ausübung von Individualsportarten beeinflussen. Die- se Fragestellung wird insbesondere unter einem motivationstheoretischen Aspekt u n- tersucht.

Die geplante Arbeit widmet sich also der Frage, inwiefern sich die Nutzung von Trainingsapps auf die Motivation zur Ausübung einer Einzelsportart auswirkt. Von Be- deutung in diesem Zusammenhang ist einerseits das Konzept der Leistungsmotivation, das generell bei der Ausübung von Sport zum Tragen kommt, aber andererseits auch das Konzept der Beteiligungsmotivation, das die Nutzung von virtuellen Angeboten und Gemeinschaften erklärt. Konkret wird diese Fragestellung am Beispiel der Trainings- App von Freeletics untersucht. Freeletics versteht sich als hoch intensives funktionales Training, das Muskel- und Ausdauertraining kombiniert. Dabei wird mit dem eigenen Körpergewicht, ohne Geräte und weitestgehend auch ohne Hilfsmittel trainiert. Es be- steht eine Freeletics App, die auf Smartphones installiert werden kann und die zum e i- nen den individuellen Trainingsplan beinhaltet und die Zeit für die einzelnen Übungen benötigte Zeit erfasst.

Bei der Analyse der motivationalen Aspekte der Freeletics-App werden sowohl die- jenigen Komponenten der Trainings-App berücksichtigt, die sich auf die individuelle Nutzung beziehen als auch die interaktiven Komponenten. Insbesondere soll dabei der Frage nachgegangen werden, ob die Nutzung von Trainingsapps die Motivation zur Ausübung des Sportes steigern und die Abbruchquote verringern kann.

1.2 Verlauf der Arbeit

In einem ersten Schritt werden die theoretischen Grundlagen erläutert, die die Basis für die folgenden Ausführungen darstellen. Dies sind im vorliegenden Fall die motivationstheoretischen Konzepte der Leistungsmotivation und der Beteiligungsmotivation. Die Leistungsmotivation, die anhand des Selbstbewertungsmodells von Heckhausen erklärt wird, kann dabei helfen, den Aufbau der individuell nutzbaren Funktionen mobiler A n- wendungen aus motivationstheoretischer Sicht zu untersuchen.

Darüber hinaus wird auch der Frage nachgegangen werden, welche Motive für die Nutzung mobiler Anwendungen im Fitnessbereich und deren Verknüpfung mit sozialen Netzwerken besteht. Diese Frage stellt sich im Besonderen bei Individualsportarten wie Freeletics, wo davon ausgegangen werden kann, dass die Ausübenden weniger Wert auf soziale Aspekte des Trainings legen als solche Athleten, die sich gezielt für Man n- schaftssportarten oder Training in Gruppen entscheiden. Hier ist es also interessant zu erfahren, weshalb sich diese Leute dennoch mit Hilfe einer App zusammen finden und zusammen trainieren. In diesem Zusammenhang kommt das Konzept der Beteili- gungsmotivation zum Tragen, das ebenfalls zu den theoretischen Grundlagen der Ar- beit gehört.

Die Fragestellungen sollen mit Hilfe einer Literaturstudie beantwortet werden. Hier- bei werden zum einen Studien zur Nutzung von Fitness-Apps berücksichtigt, die Auf- schluss über die Persönlichkeitsmerkmale von Nutzern sowie die Dauer der Nutzung und möglicher Abbruchquoten geben können. Diese werden in Kapitel 3 erläutert, wozu aktuelle Untersuchungen zur Nutzung mobiler Fitness-Anwendungen herangezogen werden.

Die Frage nach den motivationspsychologischen Effekten von Fitness- Anwendungen soll in der geplanten Arbeit am Beispiel der Freeletics-App untersucht werden. Diese wird daher in Kapitel 4 der Arbeit näher analysiert und ihr Aufbau mit motivationstheoretischen Erkenntnissen aus dem Bereich der Leistungsmotivation ve r- glichen.

2 Motivationstheoretischer Hintergrund

Um die Auswirkungen von Fitness-Apps auf die Motivation der Nutzer untersuchen zu können, muss zunächst geklärt werden, was unter Motivation in diesem Zusamme n- hang zu verstehen ist.

Der Begriff der Motivation bezeichnet in der Psychologie im Allgemeinen eine situa- tiv bedingte Größe (state) und bezeichnet einen Zustand, den deCharms auch als „eine milde Form der Besessenheit“ (deCharms, 1976, S. 55) charakterisiert. Diese Motivati- on oder Motiviertheit resultiert dem Grundmodell der klassischen Motivationspsycholo- gie (Lewin, 1946) zufolge aus einer Wechselwirkung von personen- und situationsspezi- fischen Variablen und bezeichnet die „aktivierende Ausrichtung des momentanen L e- bensvollzugs auf einen positiv bewerteten Zielzustand“ (Rheinberg, 2002, S.17).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Das Grundmodell der klassischen Motivationspsychologie (Lewin, 1946; dargestellt nach Rheinberg, 2002, S.72)

Die situationsunabhängigen Motive (trait) werden demnach in motivadäquaten Si- tuationen aktiviert und in Folge dessen erlebens- und verhaltenswirksam. Hierbei beein- flusst die individuelle Motivstruktur, also die relative Ausprägung der einzelnen Moti ve bei einer Person, die Wahrnehmung und Bewertung von Situationsmerkmalen. So wird eine Person, bei der das Anschlussmotiv besonders stark ausgeprägt ist, am ehesten solche Situationen oder Situationsmerkmale wahrnehmen und positiv bewerten, in d e- nen die Möglichkeit besteht, mit anderen zusammenzuarbeiten. Eine Person, bei der das Leistungsmotiv dominiert, wird dagegen in der gleichen Situation eher solche Sti- muli wahrnehmen, die auf eine Bewertung der eigenen Begabung und Anstrengung hindeuten.

Im Bereich Sport kommt dem Leistungsmotiv eine besondere Bedeutung zu. Im Folgenden soll daher zunächst auf die Leistungsmotivation eingegangen werden. Zur Erklärung bietet sich hier das Selbstbewertungsmodell der Leistungsmotivation an, das die Prozesse der Motivation in Leistungssituationen erläutert und das auch als Grundla- ge für die Entwicklung von Motivationsprogrammen herangezogen wird (vgl. Krug & Hanel, 1976).

2.1 Leistungsmotivation

Leistungsmotivation allgemein kann definiert werden als „das Bestreben, die eigene Tüchtigkeit in all jenen Tätigkeiten zu steigern oder möglichst hoch zu halten, in denen man einen Gütemaßstab für verbindlich hält, und deren Ausführung deshalb gelingen oder misslingen kann“ (vgl. Heckhausen, 1965, S. 604). Im Bereich der Leistungsmoti- vation lassen sich solche Personen unterschieden, die Erfolgserlebnisse suchen und solche, die versuchen Misserfolgserlebnisse zu meiden. Heckhausen spricht von Er- folgsmotivierten und Misserfolgsmeidenden, die beiden zugehörigen Motivausprägu n- gen bezeichnet Heckhausen als Hoffnung auf Erfolg und Furcht vor Misserfolg. Die Mo- tivausprägung hat wesentlichen Einfluss auf das Verhalten in leist ungsorientierten Situ- ationen

2.1.1 Selbstbewertungsmodell der Leitungsmotivation

Das Selbstbewertungsmodell der Leistungsmotivation (vgl. Heckhausen, 1972) be- schreibt die Leistungsmotivation als aus drei sich wechselseitig beeinflussenden Pro- zesskomponenten bestehend: Zielsetzung, Ursachenzuschreibung und Selbstbewe r- tung. Zwar unterscheiden sich misserfolgsmeidende und erfolgssuchende Individuen elementar in Bezug auf diese drei Dimensionen; generell hat sich aber gezeigt, dass mittelschwere Zielsetzung und internale Ursachenzuschreibung bei Erfolgserlebnissen zu einer positiven Selbstbewertung führen und damit motivationsförderlich sind.

Zentrales Moment dieses Modells ist die Hypothese, dass das Handeln in Lei s- tungssituationen am stärksten durch die antizipierten affektiven Konsequenzen des vermuteten Leistungs-resultats bestimmt wird. Der Anreiz ist also nicht direkt in der Aufgabe selbst oder ihrer Bearbeitung zu sehen, sondern in den Folgen, die ein Erfolg oder Misserfolg mit sich bringen würde. So kann davon ausgegangen werden, dass die meisten Menschen eine sportliche Betätigung nicht um ihrer selbst willen nachgehen, sondern viel mehr wegen der erwarteten positiven Effekte in Form von Steigerung der körperlichen Leistungsfähigkeit, Bodytuning, körperlichem Wohlbefinden oder positiven Gefühlen wie Stolz und unter Umständen auch Überlegenheit gegenüber anderen, die sich im Falle einer guten Leistung einstellen. Ein weiterer denkbarer Grund, sich beim Sport bzw. in Wettkampfsituationen anzustrengen ist in der Vermeidung eines mögli- chen Misserfolgs und dessen Folgen - z.B. Gefühle von Scham und Unzulänglichkeit - zu sehen.

Heckhausen nimmt darüber hinaus an, dass die Selbstbewertung wesentlich durch die Zielsetzung vor der Aufgabenbearbeitung sowie der Ursacheschreibungen, die im Anschluss daran getroffen werden, bestimmt wird (vgl. Heckhausen, 1972). In Bezug auf die Zielsetzung postuliert das Selbstbewertungsmodell der Leistungsmotiv, dass erfolgssuchende Personen eine Bewertung der eigenen Fähigkeit anstrebten und sich also solche Ziele setzten, bei denen ein Erfolg die größte Aussagekraft diesbezüglich hat, Misserfolgsmeidende dagegen genau solche Aufgaben zu umgehen versuc h- ten. Erfolgsmotivierte sollten folglich Ziele wählen, die mit Anstrengung gerade so zu bewältigen sind, also Aufgaben, bei denen Erfolg und Misserfolg gleich wahrscheinlich sind. Solche Aufgaben liegen im mittleren Schwierigkeitsbereich.

Misserfolgsmotivierte werden dagegen extrem leichte Aufgaben wählen, bei denen mit einem Misserfolg kaum gerechnet werden muss oder auch solche Aufgaben, die unverhältnismäßig schwierig sind. Hier ist ein Misserfolg zwar sehr wahrscheinlich, besitzt aber keine Aussagekraft bezüglich der eigenen Fähigkeiten und Bemühungen, da solche Aufgaben sowieso „keiner geschafft hätte“.

Der Prozess der Ursachenzuschreibung wurde erstmals untersucht von Heider (1958). Für die Leistungsmotivationsforschung ist aber vor allem die Arbeit von Weiner et al. (1971) von Bedeutung, in der eine Systematisierung möglicher Kausalattributionen von Leistungsergebnissen vorgenommen wurde. Die Einteilung möglicher Ursachenzu- schreibungen erfolgt hier anhand zweier Dimensionen: Lokalisation und Zeitstabilität. Es wird also differenziert zwischen solchen Ursachen, die innerhalb der Person liegen - wie das Bemühen bei der Aufgabenbearbeitung oder individuelle Fähigkeit - und sol- chen, die von der Person unabhängig sind - wie beispielsweise Zufall. Diese potentiel- len Ursachen werden dann wiederum in überdauernde und variable unterteilt: während Fähigkeit und Aufgabenschwierigkeit relativ stabil sind, unterscheiden sich Anstrengung und Zufallseinflüsse von Fall zu Fall.

Das Selbstbewertungsmodell der Leistungsmotivation bildet auch die Basis für die Entwicklung von Motivationstrainings (z.B. Krug & Hanel, 1976), deren Ziel darin be- steht, die ungünstigen Attributionsmuster misserfolgsmeidender Individuen aufzubre- chen und durch die günstigeren Verhaltens- und Denkweisen der Erfolgsorientierung zu ersetzen. Als zentrale Aspekte einer solchen Motiv(ations)förderung haben sich dabei eine realistische, d.h. mittelschwere Zielsetzung, eine selbstwertförderliche Attribution von Leistungen sowie eine individuelle Bezugsnormorientierung erwiesen (vgl. Krug & Hanel, 1976). Das Konzept der Bezugsnormorientierung soll im Folgenden erläutert werden.

2.1.2 Konzept der Bezugsnormorientierung

Ebenfalls von Bedeutung in diesem Zusammenhang ist das Konzept der Bezugsnorm- orientierung. Das Leistungsergebnis allein ist noch aussagekräftig; ei ne Einstufung des- selben als Erfolg oder Misserfolg wird erst durch Vergleiche möglich. Die Bewertung der eigenen Leistung ist also abhängig von dem „Gütemaßstab“ (McClelland et al., 1953, S. 10), an dem man sich orientiert. Heckhausen (1974) unterscheidet drei Vergleichssys- teme: soziale, individuelle und sachliche Bezugsnorm. Dabei hat sich gezeigt, dass i n- dividuelle Bezugsnorm-Orientierung dazu führt, dass die Zielsetzung realistischer ist, die Individuen sich mehr anstrengen und diese Ziele eher erreichen (vgl. Krug & Kuhl- mann, 1999).

Unter sachlicher Bezugsnorm versteht man den Vergleich mit einem a priori - meist von außen - festgelegten Maßstab, wie dies zum Beispiel in einer Führerscheinprüfung der Fall ist. Hier zählt weder die individuelle Leistungssteigerung zum vorherigen Ver- such, noch das Abschneiden anderer. Relevant für einen Misserfolg oder Erfolg ist le- diglich, ob die maximal zulässige Fehlerzahl überschritten wird oder nicht. Unter der sozialen Bezugsnorm dagegen versteht man den Vergleich der eigenen Leis- tung mit den Leistungsergebnissen anderer Personen bei der gleichen Aufgabenste l- lung. Dies entspricht dem bekannten Bild des Schülers, der sich nur dann über eine Note freut, wenn er sieht, dass er besser war als seine Mitschüler bzw. sich nicht über eine weniger gute Note ärgert, wenn „die anderen noch schlechter“ waren. Leistungsbeurteilung unter Verwendung der sozialen Bezugsnorm ist notwendig, um den eigenen Status innerhalb einer relevanten Vergleichsgruppe zu ermitteln und realistische Einschätzungen individueller Leistungspotentiale und -grenzen zu er- langen. Unter dem Aspekt der Leistungssteigerung und Weiterentwicklung ist die (zu- sätzliche) Verwendung eines autonomen Gütemaßstabes, der individuellen Bezugs- norm, dagegen wesentlich sinnvoller. Hierbei handelt es sich um einen Vergleich des aktuellen Leistungsergebnisses mit eigenen früheren Resultaten. Jede Leistungssteig e- rung wird also als positiv gewertet. Dieser Bewertungsmaßstab empfiehlt sich einerseits für leistungsmäßige Randgruppen - also Personen, deren Leistungen soweit über oder unter dem Durchschnitt liegen, dass ein sozialer Vergleich für sie nicht aussagekräftig wäre. Außerdem ist die individuelle Bezugsnormorientierung auch dann sinnvoll, wenn keine Vergleichsgruppe zur Verfügung steht, wie dies bei Individualsportarten in der Regel der Fall ist.

Die Bewertung einer Leistung ist also abhängig von der verwendeten Bezugsgröße. Das objektiv gleiche Resultat kann je nach dem, woran es gemessen wird, entweder als Erfolg oder als Misserfolg eingestuft werden. Aus dieser Einstufung des Leistungsresu l- tats ergeben sich wiederum Konsequenzen für die Selbstbewertung der betreffenden Person und für ihr zukünftiges Verhalten in vergleichbaren Situationen bzw. bei ähnli- chen Aufgabenstellungen.

Dies gilt sowohl für Selbstbewertungen der eigenen Leistung als auch für Bewertungen durch Außenstehende, wie bspw. Lehrer oder Trainer. Rheinberg (1980) beschreibt die individuellen Präferenzen von Lehrern bezüglich der verwendeten Vergleichsgröße bei der Bewertung von Schülerleistungen unter dem Begriff der Bezug s- norm-Orientierung. Die unten stehende Tabelle zeigt, wie sich Lehrer mit individueller und sozialer Bezugsnorm nicht nur bei der Bewertung von Leistungen, sondern auch bezüglich der Ursachenzuschreibungen, Erwartungen, Sanktionierungsstrategien und des Individualisierungsgrades ihrer Aufgabenstellung unterscheiden.

Untersuchungen zur Bezugsnormorientierung wurden insbesondere im pädagogischen Bereich durchgeführt. Dabei konnte der Einfluss der Bezugsnorm-Orientierung des Lehrers auf die Ausprägung des Leistungsmotivs der Schüler vielfach bestätigt werden, wobei sich erwartungsgemäß die individuelle Bezugsnorm-Orientierung als besonders günstig erweist (vgl. Rheinberg, 2002, S).

Von der Anwendung einer individuellen Bezugsnorm profitieren offenbar besonders solche Schüler, deren Leistungen nicht dem Klassendurchschnitt entsprechen (vgl. Krug & Lecybyl, 1999). Unter Verwendung einer individuellen Bewertungsperspektive können Leistungsschwächere eher Erfolgserlebnisse verzeichnen, als dies im Querschnittsvergleich mit den Klassenkameraden, also unter Anwendung einer sozialen Bezugsnorm, der Fall wäre. Dadurch, dass der Lehrer sich nicht an generellen, zeitstabilen Leistungsdifferenzen orientiert und zur Erklärung von Misserfolgen variable U r- sachen heranzieht, wird auch bei leistungsschwächeren Schülerinnen und Schülern die Entstehung stabiler Misserfolgserwartungen umgangen, was auf lange Sicht erfolgszuversichtliches Verhalten der Schüler fördern kann.

Diese Perspektive lässt sich ohne weiteres auf den Bereich des Sports übertragen: Auch hier können leistungsschwächere Personen im Training durch die Anwendung einer individuellen Bezugsnorm durch den Trainer profitieren. Die Übertragbarkeit des Konzeptes auf den sportlichen Bereich zeigt sich insbesondere darin, dass unterrichts- gebundene Motivfördermaßnahmen sich insbesondere im Sportunterricht als erfolgreich erwiesen haben (vgl. u. a. Krug et al., 1980), wo sich auch nach kurzer Trainingsdauer bereits Effekte zeigen. Dies kann nicht zuletzt darauf zurückgeführt werden, dass in diesem Bereich Zielsetzungen eher möglich sind und ein Zusammenhang zwischen eigener Anstrengung und erzielter Leistung. So belegt beispielsweise eine Untersu- chung von Krug und Kuhlmann (1999), dass die Verwendung einer individuellen B e- zugsnorm-Orientierung im Sportunterricht zu zunehmend realistischerer Zielsetzung sowie zu gesteigerten Bemühungen führt, was wiederum zur Folge hat, dass die tat- sächlich bessere Leistungen erzielt werden.

Tabelle 1: Unterschiede bei der Anwendung von sozialer und individueller Bezugsnormorientierung (nach Rheinberg, 1980, S. 123).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2 Beteiligungsmotivation

Neben den individuell nutzbaren Funktionen, wie Trainingsplanerstellung und Leis- tungsdokumentation, verfügen mobile Fitness-Apps auch über soziale Funktionen, die es unter anderem ermöglichen, die eigenen Ergebnisse in sozialen Netzwerken zu tei- len und mit denen anderer Nutzer zu vergleichen. Somit können durch diese Anwe n- dungen auch in klassische Einzelsportarten soziale Elemente eingebracht werden. Mit der oben genannten runtastic App beispielsweise ist es nicht nur möglich, Trainingser- gebnisse (zurückgelegte Strecke, Kartenansicht und Laufzeit) mit anderen über soziale Netzwerke zu teilen, sondern auch laufende Ereignisse. Andere Nutzer können dann virtuell „anfeuern“ oder „Applaus spenden“ und somit den Trainierenden weiter motivi e- ren beziehungsweise für eine erbrachte Leistung loben. Auf diese Weise befriedigen diese Anwendungen einerseits die Bedürfnisse der Freizeitsportler nach Bewunderung und sozialer Anerkennung; andererseits wird durch den Vergleich von Trainingszeiten verschiedener Nutzer im Rahmen von Ranglisten eine Selbsteinschätzung und - darstellung ermöglicht (vgl. Kötter, 2014).

Auch diese Funktion ist aus sportwissenschaftlicher Sicht von Interesse, da sie ebenfalls dazu beitragen könnte, die Motivation der Nutzer zu steigern und auch lang- fristig aufrecht zu erhalten. Neben der Leistungsmotivation wird in diesem Zusamme n- hang noch das Konzept der Beteiligungsmotivation wirksam. Beteiligungsmotivation bzw. Engagementmotivation wird unter anderem bei der Nutzung von Online Communi- ties und sozialen Netzwerken (vgl. Janzik, 2012), aber auch bspw. bei sozialem und ehrenamtlichem Engagement wirksam. Es handelt sich hierbei demnach um ein relativ neues theoretisches Konzept, das kein eigenständiges menschliches Motiv bezeichnet, sondern ein Zusammenspiel von verschiedenen Motiven: „Engagementmotive sind all diejenigen subjektiven Gründe und Antriebe einer Person, die dazu beitragen, die Ab- sicht (den Willen), ein Engagement unter Aufbietung eigener Ressourcen aufzunehmen bzw. aufrechtzuerhalten, auch tatsächlich zu realisieren“ (Schüll, 2004, S. 315). Aufgrund der relativ kurzen Geschichte von Online -Anwendungen, Communities und mobilen Apps herrscht hier noch deutlicher Forschungsbedarf. Wesentliche E r- kenntnisse zur Beteiligungsmotivation in Zusammenhang mit der Nutzung von Internet- Communities liefert die Arbeit von Janzik (2012), die sich allerdings auf Innovation- Communities aus dem Bereich der Marktwirtschaft bezieht und daher nicht eins zu eins auf die Nutzung von Fitness-Apps übertragen werden kann. Janzik betrachtet die Betei- ligungsmotivation aufgrund des stärkeren Praxisbezugs aus inhaltstheoretischer Sicht. Die Inhaltstheorien der Motivation versuchen „die Frage zu beantworten, wonach der Mensch strebt […]. Vernachlässigt wird in den meisten Inhaltstheorien dagegen die Frage, auf welchem Wege das Individuum sich darum bemüht“ (von Rosenstiel, 1995, 166). Im Gegensatz dazu steht bei den Prozesstheorien der Motivation die Frage im Zentrum, welche kognitiven Prozesse der Motivation zugrunde liegen. Janzik geht davon aus, dass bei der Nutzung von Online -Communities verschiede-ne Faktoren wirksam werden, die zum Teil intrinsischer Art, zu einem Großteil aber e x- trinsischer Art sind. Konkret unterscheidet Janzik zwischen extrinsischen und intrinsi- schen Motiven sowie extrinsischen und intrinsischen Anreizen, wobei Janzik (2012) in Bezug auf die extrinsischen Größen wiederum zwischen materiellen und immateriellen Motiven bzw. Anreizen unterscheidet. Die materiellen Faktoren können entweder direkt oder indirekt sein; die immateriellen Größen beziehen sich auf soziale oder organisato- rische Faktoren (vgl. Janzik, 2012).

Da es bei Fitness-Apps jedoch anders als bei Innovation-Communities in der Regel keine direkten materiellen Anreize in Form Prämien oder anderen Incentives gibt, kö n- nen diese in Zusammenhang mit der vorliegenden Arbeit vernachlässigt werden. Solche Faktoren werden höchstens im Falle von Ausnahmeathleten wirksam, die durch ihre Leistungen in der Community bspw. als Werbeträger des Anbieters oder anderer Firmen angeheuert werden. Für die große Masse der Nutzer von Fitness -Apps sind solche Vorstellungen jedoch unrealistisch.

Stattdessen werden für die Masse der Nutzer von Fitness-Apps eher immaterielle Anreize wie Status in der Community, Ansehen oder Bewunderung durch andere User oder aber das Erreichen eines höheren „Levels“ wirksam.

[...]

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Motivationalpsychologische Aspekte von Fitness Apps
Untertitel
Am Beispiel von Freeletics
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
2,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
37
Katalognummer
V344626
ISBN (eBook)
9783668344525
ISBN (Buch)
9783668344532
Dateigröße
890 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sport, Fitness, Motivation, Psychologie, Fitnessapps, Sportwissenschaften, Freeletics, Calisthenics
Arbeit zitieren
Christian Büttner (Autor), 2015, Motivationalpsychologische Aspekte von Fitness Apps, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/344626

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