Der Konfliktbegriff Niklas Luhmanns am Beispiel der Kuwaitkrise 1990/91


Hausarbeit (Hauptseminar), 2000

35 Seiten, Note: Sehr gut (1,0)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Der soziale Konflikt bei Luhmann
1.1 Kommunikation
1.2 Widerspruch
1.3 Konflikt

2. Historische Darstellung der Kuwaitkrise
2.1 Der Irak vor der Invasion – Lage und Ziele
2.2 chronologischer Verlauf der Ereignisse
2.3 Die amerikanischen und sowjetischen Interessen am Persischen Golf und die Beziehungen zwischen beiden Staaten im Verlauf der Krise
2.3.1 Die Sowjetunion
2.3.2 Die USA
2.4 Der arabisch-israelische Konflikt

3. Analyse der Kuwaitkrise anhand des Luhmannschen Konfliktbegriffs

Zusammenfassung:

Einleitung:

Anhand der internationalen Krise um Kuwait nach dem irakischen Einmarsch am 2. August 1990 und dem daraus resultierenden Zweiten Golfkrieg zu Beginn des Jahres 1991 soll in dieser Arbeit der Konfliktbegriff Niklas Luhmanns exemplarisch dargestellt und angewandt werden. Ich habe dazu die Arbeit wie folgt gegliedert. In einem ersten theoretischen Kapitel wird einleitend, soweit für das Verständnis des Konfliktbegriffs nötig, die Theorie sozialer Systeme Niklas Luhmanns erläutert. Im Anschluß daran werden die Vorstellungen Luhmanns zu Widerspruch und Konflikt geschildert1.

Im zweiten Kapitel folgt ein historischer Abriß des gewählten Beispiels der Kuwaitkrise, der die Voraussetzung für eine analytische Betrachtung dieser Krise bilden soll. Dabei werden folgende Aspekte näher betrachtet. Einführend wird auf die veränderte weltpolitische Lage nach dem Ende des Ost-West-Gegensatzes einzugehen sein, die meines Erachtens eine entscheidende Voraussetzung für die Ereignisse am Persischen Golf bildet. Dann werde ich die Lage im Irak vor der Invasion behandeln und dabei die irakischen Ziele näher betrachten, die Saddam Hussein zu dem Schritt bewegt haben, in Kuwait einzufallen. In einem zweiten Abschnitt schließt sich eine chronologische Darstellung der Ereignisse unmittelbar vor der Invasion, der internationalen Reaktionen auf diese, der diplomatischen Bemühungen, Irak zu einem Rückzug aus Kuwait zu bewegen, und schließlich der militärischen Maßnahmen gegen den Irak seitens der internationalen Koalition an. Drittens sollen die sowjetischen und US-amerikanischen Interessen am Persischen Golf und die Rolle beider Staaten während der Krise thematisiert werden. Und viertens werde ich die Bedeutung des arabisch-israelischen Konflikts für die hier behandelten Ereignisse beleuchten.

In einem dritten analytischen Kapitel sollen dann die theoretischen Überlegungen Luhmanns zu sozialen Konflikten am konkreten historischen Beispiel angewandt werden. Dazu wird zuerst zu fragen sein, ob es sich bei den Vorgängen am Persischen Golf zwischen dem August 1990 und dem Frühjahr 1991 um einen sozialen Konflikt im Sinne Luhmanns gehandelt hat. Kann diese Frage positiv beantwortet werden, schließt sich daran eine Betrachtung der Struktur und der Entwicklung dieses konkreten Konflikts an.

1. Der soziale Konflikt bei Luhmann

1.1 Kommunikation

Um den Begriff des sozialen Konflikts Luhmanns zu verstehen, ist es zuerst notwendig, den Kommunikationsbegriff in seiner Theorie sozialer Systeme darzustellen. Kommunikation wird dabei als dreifache Selektion aus Information, Mitteilung und Verstehen definiert2. Die Auswahl der Information und der Übertragungsart (Mitteilung) erfolgt durch den Sender der Kommunikation. Die Information bezeichnet dabei das ‚Was‘ der Kommunikation, während die Mitteilung Auskunft darüber gibt, ‚wie‘ die Information artikuliert wird, also z.B. mit einem ironischen Unterton, in Form einer Frage oder als Befehl etc.. Der dritte Teil, die Verstehensleistung dagegen wird vom Empfänger erbracht, um die dreifache Selektion und damit die Kommunikation zu vervollständigen. Demnach ist eine bloße Äußerung seitens des Senders noch keine Kommunikation, erst wenn diese auch vom Empfänger wahrgenommen und in irgendeinem Sinne verstanden wird, handelt es sich um Kommunikation. Es spielt dabei jedoch keine Rolle, ob gemeinter und verstandener Sinn übereinstimmen. Es gibt in diesem Sinne also kein richtiges oder falsches Verstehen.3 Dies ist einem Phänomen geschuldet, daß Luhmann black boxes nennt. Die Akteure können einander nicht durchschauen und somit auch nicht wissen, was der jeweils andere denkt und mit der mitgeteilten Information meint. Sie sind also füreinander black boxes, d.h., um im Bild zu bleiben: sie sehen nur, was in die Box hinein geht und wieder hinaus kommt, aber nicht, was in ihr vorgeht.4 Erst aus diesem Grund ist Verstehen überhaupt notwendig.5

Die Kommunikation hat nun die Aufgabe, diesen Zustand von doppelter Erwartungsunsicherheit, oder mit den Worten Luhmanns gesprochen: „doppelter Kontingenz“, zu überbrücken. Beiden Akteuren ist die jeweilige Situationsdefinition des Gegenübers nicht bekannt. Um dem Abhilfe zu schaffen, ist die Kommunikation eines Vorschlags der Definition der Situation durch einen der beiden Akteure notwendig. Der andere Akteur hat dann die Möglichkeit, diesen Vorschlag anzunehmen oder abzulehnen, in jedem Fall muß er aber an die vorhergegangene Kommunikation anschließen, und sei es durch Schweigen oder ein Sich-Abwenden. Erst diese aufeinander Bezug nehmenden Kommunikationen bilden das Soziale. Luhmann spricht von einem sozialen System. Es produziert sich aufgrund von sich ständig anschließenden und wieder zerfallenden Einzelkommunikationen selbst und besteht solange, wie eine Kommunikation auf die andere folgt und hört auf zu bestehen, wenn die Kommunikation abbricht.6 Gleichzeitig grenzt sich das soziale System durch die konkret gewählten Kommunikationen von seiner gerade erst durch diesen Prozeß sich bildenden Umwelt ab. Um ein Beispiel zu nennen: Das soziale System ‚Gespräch‘ besteht so lange fort, wie die Gesprächsteilnehmer auf die Redebeiträge der oder des Anderen eingehen und ihrerseits mit neuen Beiträgen das Gespräch fortsetzen. In dem Moment, wo niemand mehr etwas sagt oder spätestens, wenn die Gesprächsteilnehmer sich trennen und damit die Situation auflösen, hat das System Gespräch aufgehört zu existieren. Alle anderen Kommunikationen, die nicht zu dem Gespräch gehören, bilden die soziale Umwelt des Systems.

Luhmann nennt diese Selbstherstellung von Systemen aus den Elementen des Systems, also bei sozialen Systemen durch die Anknüpfung von einer Kommunikation an die andere, Autopoiesis7. „Ein autopoietisches System erzeugt die Elemente, aus denen es besteht, durch Verknüpfung zwischen den Elementen, aus denen es besteht.“8

Kommunikation führt zu einer gleichzeitigen Verringerung und Erhöhung der Komplexität der doppelten Kontingenz. Einerseits wird durch den gegenseitigen Anschluß von Kommunikationen bei den Beteiligten Erwartungsunsicherheit abgebaut. Die vorangegangenen Kommunikationen bilden sozusagen Strukturen auf denen die folgenden aufbauen können. Gewisse Kommunikationen werden wahrscheinlicher, andere unwahrscheinlicher. Gleichzeitig breitet aber jede erfolgte Kommunikation einen neuen Horizont von möglichen Anschlußkommunikationen aus, der vorher unmöglich oder zumindest unwahrscheinlicher war. Kurz gesagt: jede neue Kommunikation blendet einen Teil des Möglichkeitshorizontes aus und wirft dafür ihr Licht auf einen anderen Teil dieses Horizontes, der seinerseits bisher ausgeblendet gewesen war.

1.2 Widerspruch

Da es sich aber bei jeder Kommunikation um eine Selektion aus diesem Möglichkeitshorizont anderer Kommunikationen handelt, besteht nun nicht nur die Möglichkeit eines positiven Anschlusses, sondern ebenso die eines negativen. Das heißt, es kann jederzeit auch zu einem Zurückweisen der geäußerten Erwartungen und einer Ablehnung des zuvor Kommunizierten kommen. Die Erwartungssicherheiten oder Strukturen sind also nicht fest gefügt, sondern unterliegen ihrerseits der Veränderung. Sie können jederzeit enttäuscht werden. Der eben geschilderte Aufbau von Strukturen sagt also nichts über die generelle Möglichkeit oder Unmöglichkeit anderer als der erwarteten Kommunikationen aus, sondern meint lediglich eine unterschiedlich hohe Wahrscheinlichkeit der verschiedenen jederzeit möglichen Anschluß- kommunikationen.9

Wird ein Kommunikationsangebot abgelehnt, wird also der negative Kommunikations- anschluß anstatt des positiven gewählt, spricht Luhmann von Widerspruch. Dabei handelt es sich aber nur dann um einen sozialen Widerspruch, wenn die Ablehnung ebenfalls auf kommunikativem Wege geschieht. Spielt sich die Ablehnung also z.B. nur im Kopf eines der Beteiligten ab und wird nicht als solche artikuliert, handelt es sich nach Luhmann zwar auch um einen Widerspruch, aber eben um einen, der in einem psychischen System in Form von Gedanken operiert. Auch sogenannte strukturelle Widersprüche, wie z.B. der klassische marxistische zwischen Kapital und Arbeit, fallen nicht in die Kategorie des sozialen Widerspruchs, wie Luhmann ihn versteht. Erst wenn z.B. Arbeiter den Widerspruch beispielsweise auf dem Wege eines Streiks kommunizieren und die Form Streik von der Gegenseite auch als Ablehnung einer vorangegangen Kommunikation und nicht einfach als Faulheit der Arbeiter verstanden wird, wird aus dem strukturellen Widerspruch ein sozialer.

Auch die Ablehnung einer Kommunikation ist also Kommunikation, an die wiederum mit weiterer Kommunikation angeschlossen werden kann. Die Unterscheidung in positive und negative Anschlüsse sagt also nichts über den generellen Zustand der Kommunikation, sondern lediglich über die gemachte Sinnofferte10 aus. „Auch abgelehnte Kommunikation ist deshalb ‘geglückte‘ Kommunikation.“11

1.3 Konflikt

Von einem Konflikt, um nun zum eigentlichen Gegenstand dieser Arbeit zu gelangen, spricht Luhmann dann, „wenn einer Kommunikation widersprochen wird. Man könnte auch formulieren: wenn ein Widerspruch kommuniziert wird“12. Zur Bildung eines Konflikts sind also immer zwei Kommunikationen notwendig. Zum einen diejenige, in der eine Erwartung geäußert wird und zum anderen die, in der dieser Erwartungsäußerung widersprochen wird. Luhmann spricht auch von einem kommuniziertem Nein, „das eine vorherige Kommunikation beantwortet“13. An dieser Stelle kommt zwangsläufig die Frage auf, was denn der Unterschied der Begriffe Widerspruch und Konflikt sei. Widerspruch wurde als Kommunikation einer Ablehnung eingeführt und Konflikt als Kommunikation eines Widerspruchs. Daraus folgt logisch, daß Konflikt die Kommunikation einer Ablehnung sein muß oder anders gesagt: Widerspruch und Konflikt sind identisch. Um dieses Problem zu lösen, hat Schneider dazu geraten, in den Konfliktbegriff eine doppelte Negation hineinzunehmen: Erst wenn der Ablehnung einer Erwartung von dem Kommunikationspartner wiederum widersprochen wird, könne demnach von Konflikt gesprochen werden.14 In ‚Das Recht der Gesellschaft‘ ist Luhmann dieser Anregung gefolgt, wenn er sagt: „Zur Störung wachsen sich solche Bagatellvorfälle aus, wenn auf ein Nein mit einem Gegennein geantwortet wird; In einem solchen Falle wollen wir von Konflikt sprechen“15. Ich werde im Folgenden mit dieser zweiten Variante des Konflikts als doppelte Negation einer Kommunikation arbeiten und somit deutlich zwischen Widerspruch und Konflikt zu unterscheiden versuchen. Schneider bringt an einer anderen Stelle noch einen weiteren Einwand gegen die erste Variante des Begriffs: Die Beschreibung des Konflikts als einfache Negation führe dazu, daß zu viele Phänomene unter den Begriff Konflikt fielen und der Begriff zu weit würde. Als Beispiel führt er die Interaktion zwischen einem Kellner und seinem Gast an: Auf die Frage, ob er noch etwas zu trinken wünsche antwortet der Gast, Nein, er würde lieber gleich zahlen. Im Sinne des ursprünglichen Begriffs bei Luhmann würde an dieser Stelle schon ein Konflikt vorliegen, der aber, wie Schneider feststellt, im nächsten Augenblick auch schon wieder vorbei sei.16 Erst wenn der Kellner daraufhin z.B. erwidern würde: ‚Nein, bevor Sie nicht noch etwas bestellen, bringe ich Ihnen die Rechnung nicht‘, läge ein Konflikt vor, der dem Definitionsvorschlag Schneiders entspräche. Würde man Luhmanns erstem Vorschlag folgen, müßte man allein schon jede negative Antwort auf eine Frage als Konflikt werten, obwohl doch eine Frage eine negative gleichermaßen wie auch eine positive Antwort als Möglichkeit voraussetzen muß. Gleichwohl wirkt das erste Nein quasi als Auslöser für den sich durch ein zweites Nein herausbildenden Konflikt.

Dieser eben beschriebene Konfliktbegriff, der Konflikt als Ergebnis einer zweifachen Kommunikation eines Neins betrachtet, hat gegenüber anderen Konfliktdefinitionen einen entscheidenden Vorteil. Er arbeitet auf der Grundlage einer empirisch eindeutig feststellbaren Unterscheidung: Hat eine doppelte Ablehnung von Kommunikationsofferten stattgefunden oder hat sie nicht stattgefunden. „Der Konfliktbegriff [ist so] gegen bloß vermutete, bloß beobachtete Gegensätze abgehoben. Eine allgemeine Widerspruchslage, ein Interessen-gegensatz, eine wechselseitige Schädigung (ein Auto schrammt ein anderes) ist noch kein Konflikt.“17

Im Folgenden soll nun auf einige entscheidende Eigenschaften von sozialen Konflikten in der hier gewählten Definition eingegangen werden, auf die Luhmann näher hinweist.

Die Definition des Konflikts als doppelte Negation ermöglicht es, diesen als eigenständiges soziales System zu betrachten. Als Elemente dieses Systems sind dabei jeweils die kommunizierten Ablehnungen der vorangegangen Kommunikation zu betrachten. Nach der ersten doppelten Negation reproduziert sich das System also durch den Anschluß von einer Ablehnung an die andere.

Charakteristisch für den Konflikt ist eine besondere Form der Situation doppelter Kontingenz. Während in nichtkonfliktiven Situationen doppelte Kontingenz den Ausgangspunkt zum Aufbau von positiven Anschlußerwartungen bildet, führt sie im Konfliktfall zur Produktion von negativen Anschlußerwartungen, also zur Erwartung von ablehnender Kommunikation. Dadurch hat der Konflikt eine sehr hohe integrative Wirkung und ist gleichzeitig selbst hoch integriert, weil er „alles Handeln im Kontext einer Gegnerschaft unter diesen Gesichtspunkt der Gegnerschaft zu bringen“18 versucht. Er entwickelt eine Sogwirkung, die sich auf alle drei Dimensionen von Sinn19 erstreckt. In der Sachdimension zieht er alle vorhandenen Themen des Ausgangssystems und von dessen Umwelt an. Jedes Thema kann so Gegenstand des Konflikts werden. Auf der Ebene der Sozialdimension verursacht der Konflikt eine strikte Dichotomie in ein Freund-Feind-Schema, in das jeder Akteur eingepaßt wird, nach dem Motto: ‚Wer nicht für uns ist, ist gegen uns‘. Und schließlich zeigt der Konflikt in der Zeitdimension aufgrund seiner Autopoiesis die Tendenz immer weiter fortzubestehen und auch längst vergangene Ereignisse in den Konflikt hineinzuziehen.20 So können auch in der Vergangenheit kommunizierte Ablehnungen erst im Nachhinein zu Auslösern eines Konflikts gemacht werden, z.B. wenn zur Begründung für das eigene aktuelle ablehnende oder feindliche Verhalten „Verfehlungen“ des Gegenübers in der Vergangenheit herhalten müssen. Beispiele dafür lassen sich vom sogenannten Nachtragen in Interaktionssystemen bis hinzu politischen Rechtfertigungen für militärische Aktionen zwischen Staaten finden.

An dieser Stelle wird auch deutlich, daß der Konflikt, wie Luhmann sagt, parasitär existiert21. Er kann sich nur in einem anderen bereits vorhandenen Sozialsystem bilden, da er auf die Ablehnung von Erwartungen angewiesen ist und absorbiert, wie eben beschrieben, tendenziell die gesamte Kommunikation des gastgebenden Systems. „Der Konflikt übernimmt für eine Weile die Autopoiesis, die Weiterführung der Kommunikation“22 des Ursprungssystems.

Angesichts der sehr weit gefaßten Definition des Konfliktbegriffs bei Luhmann fällt auf, daß Konflikte außerordentlich weit verbreitete und alltägliche Phänomene sind, die oft auch sehr schnell wieder vergehen und auf der gesellschaftlichen Ebene in den meisten Fällen von zu vernachlässigendem Bagatellcharakter sind.23 Daran schließt sich automatisch die Frage an, wie es dazu kommt, daß einzelne Konflikte dennoch längere Zeit bestehen und über das betroffene System hinausweisende Bedeutung erlangen können. Luhmann beantwortet die Frage damit, daß die Gesellschaft bestimmte Mechanismen ausgebildet hat, die Konflikte aufgreifen und ihnen Relevanz jenseits der Systemgrenzen des jeweilig betroffenen Systems verleihen. Die zwei wichtigsten Mechanismen sind für Luhmann dabei Moral und Recht. Beide arbeiten mit einem binären Code, Moral mir moralisch/unmoralisch und Recht mit recht/unrecht.24 Dieser binäre Code ermöglicht die Transformation auf eine höhere Ebene und erlaubt es anderen Akteuren im Namen der Moral bzw. des Rechts über den Konflikt zu urteilen oder auf der einen oder anderen Seite in ihn einzutreten. Bei der Analyse des konkreten empirischen Beispiels des Golfkriegs wird gerade diese besondere Rolle von Moral und Recht noch besonders zu thematisieren sein, wobei es sich hier um ein Beispiel handelt, bei dem mit der Verwendung der Menschenrechte als Rechtfertigungsgrund für eine Einmischung in den Konflikt ein gleichzeitiger Gebrauch von Moral und Recht, wenn nicht sogar eine Vermischung von beiden vorliegt.

Neben dieser, wenn man so will, Einmischung von außen in den Konflikt, der diesem gesellschaftliche Relevanz verleiht, steht gerade mit dem Recht auch den Konfliktpartnern ein Werkzeug zur Verfügung, mit dem sie sich auf den Code recht/unrecht berufen können, indem sie dem Gegner unrechtmäßiges Verhalten vorwerfen. Damit kann dann quasi der Konflikt selbst für seine, wenn auch zuerst auf das Rechtssystem begrenzte, gesellschaftliche Relevanz sorgen.

Um die Diskussion des Luhmannschen Konfliktbegriffs abzuschließen, soll nun noch näher auf die funktionale Bedeutung des Konflikts für die Gesellschaft und den sozialen Wandel eingegangen werden. Nach Luhmann hat der Konflikt eine zweiseitige Funktion. Er wirkt System erhaltend, indem er gleichzeitig Strukturen zerstört und aufbaut. Er hält die Kommunikation aufrecht, wenn Erwartungsstrukturen enttäuscht und Kommunikationen abgelehnt werden. Der Konflikt nutzt dazu die negative Anschlußmöglichkeit der Kommunikation, die durch diese jederzeit mitgeliefert wird, um damit die Autopoiesis des Systems fortzusetzen.25 Die Kommunikation bricht bei einer Erwartungsenttäuschung nicht ab, sondern wird in eine Konfliktkommunikation transformiert, die zwar den Charakter des Systems grundlegend verändert aber gleichzeitig seine Existenz sichert. Dabei wird aber die Kommunikation für einen kurzen Moment angehalten. In diesem kurzen Zeitraum, nachdem die erste Ablehnung erfolgt ist, tritt die aller Kommunikation zugrunde liegende doppelte Kontingenz wieder neu zu Tage. Es ist plötzlich wieder alles möglich, die Akteure wissen nicht, wie sich die Situation weiter entwickeln wird und die nur scheinbare Selbstverständlichkeit der Strukturen, d.h. der Erwartungen, wird somit entlarvt. Es wird deutlich, daß alle Kommunikation, jede Erwartung und Struktur kontingent sind. Sie sind jeweils nur eine aktualisierte Möglichkeit aus einem endlosen Horizont von anderen Möglichkeiten und könnten so immer auch anders ausfallen. Dem System und damit der Gesellschaft wird dabei aber nicht nur die Zufälligkeit ihrer Strukturen gezeigt, sondern es werden im Interesse der fortgesetzten Autopoiesis auch Strukturen aufgegeben, die dieser im Wege stehen.26 Hier werden die zwei Seiten der Funktion des Konflikts deutlich. Er ermöglicht die Umweltanpassung des Systems durch sozialen Wandel. Dies geschieht dadurch, daß überholte durch besser angepaßte Strukturen ersetzt werden. Indem der Konflikt alte Strukturen vernichtet, baut er gleichzeitig neue auf. Er wirkt also gleichzeitig Struktur zerstörend und aufbauend – insgesamt aber System erhaltend, denn nur dazu dient die Zerstörung alter und der Aufbau neuer Strukturen. Luhmann beschreibt diese zweiseitige Funktion als die eines Immunsystems der Gesellschaft. Dieses Immunsystem muß selbst immer wieder Konflikte in den verschiedenen Systemen der Gesellschaft schüren, um diese anpassungsfähiger zu machen und damit ihr Fortbestehen „jenseits ihrer Strukturen“27 zu sichern. In den Augen Luhmanns kommt vor allem dem Rechtssystem diese Aufgabe zu, daß durch Gesetze selbst erst Konflikte schafft, die es dann zu entscheiden hat.28

2. Historische Darstellung der Kuwaitkrise

Nachdem nun der Konfliktbegriff Luhmanns in dem in dieser Arbeit möglichen Ausmaß dargelegt wurde, folgt nun der historische Teil. Es werden dabei vier Schwerpunkte behandelt: die Lage im Irak vor der Invasion, die chronologische Darstellung der Krise zwischen dem Irak und Kuwait und der daraus folgenden Auseinandersetzungen zwischen dem Irak und der internationalen Staatengemeinschaft bis hin zum militärischen Vorgehen gegen den Irak, die Beziehungen zwischen den USA und der Sowjetunion im Rahmen dieses Konflikts und deren jeweilige Interessen und schließlich die Bedeutung des arabisch-israelischen Konflikts in Bezug auf die Vorgänge am Persischen Golf. Diese Darstellung kann freilich im Rahmen dieser Arbeit nicht erschöpfend sein, und die einzelnen Problemfelder werden sicher nur angerissen werden können. Deshalb orientiert sie sich weniger an einem Kriterium historischer Vollständigkeit, sondern stellt vielmehr die materialen Grundlagen für die anschließende konflikttheoretische Analyse dar. Aus diesem Grund wurden die eben erwähnten Schwerpunkte ausgewählt, da sie in den Augen des Autors die Hauptlinien in einem sehr viel mehr komplexen System von mehreren aufeinandertreffenden Konflikten darstellen. Neben diesen vier Schwerpunkten, die sich vornehmlich auf das politische System beziehen, wir daneben außerdem noch kurz auf wirtschaftliche Gesichtspunkte einzugehen sein, die stark mit den politischen Interessen der beteiligten Akteure korrelieren. D.h. es wird die Rolle der Erdölvorkommen der Region um den Persischen Golf näher zu beleuchten sein.

Seit dem Machtantritt Michail Gorbatschows als Generalsekretär der KPdSU im Jahre 1985 und der von ihm eingeleiteten Reformen in der Sowjetunion hatten sich die internationalen politischen Beziehungen vollständig verändert. Der die gesamte Nachkriegszeit überschattende Gegensatz zwischen den beiden Großmächten USA und UdSSR und die daraus resultierende Blockkonfrontation zwischen NATO und Warschauer Pakt hatte zunehmend seinen Schrecken aber auch seine das internationale System stabilisierende Wirkung verloren. Der Ostblock war spätestens mit dem Ende der DDR und der deutschen Wiedervereinigung im Oktober 1990 zusammengebrochen, und die NATO feierte sich als Sieger der Geschichte. In einigen Historikerkreisen war gar die Rede vom Ende der Geschichte29. Mitten in diese epochale Umbruchszeit fällt der irakische Einmarsch in das kleine Emirat Kuwait am Persischen Golf am 2. August 199030. Vorausgegangen war dieser klaren Verletzung des Völkerrechts31 ein von der Weltöffentlichkeit wenig beachtetes Säbelrasseln des Irak gegenüber Kuwait und eine beispiellose Fehlinterpretation der weltpolitischen Lage seitens des Irak. Es folgte eine monatelange Phase von diplomatischen Verhandlungen und UN-Resolutionen, die schließlich am 29. November 1990 in der UN-Resolution 678 gipfelte, in der dem Irak ein Ultimatum gestellt wurde, sich bis zum 15. Januar 1991 aus Kuwait zurückzuziehen. Im Falle der Nichtbefolgung wurde mit militärischen Konsequenzen gedroht32, die dann am 17. Januar 1991 in Form von Luftangriffen durch eine von den USA angeführte Koalition aus 28 Staaten begannen.

[...]


1 Ich stütze mich dabei vor allem auf Kapitel 9 Widerspruch und Konflikt in: Luhmann, Niklas, Soziale Systeme, 7. Auflage, Frankfurt a. Main 1999, S. 488-550.

2 Vgl. Luhmann 1999, S. 194f.

3 Vgl. Nollmann, Gerd, Konflikte in Interaktion, Gruppe und Organisation, Zur Konfliktsoziologie der modernen Gesellschaft, Opladen 1997, S. 96f.

4 Vgl. Luhmann 1999, S. 156f.

5 Vgl. Nollmann 1997, S. 96f.

6 Vgl. für den gesamten Abschnitt: Bonacker, Thorsten, Konflikttheorien – Eine sozialwissenschaftliche Einführung mit Quellen, Opladen 1996, S. 104f.

7 Der Begriff der Autopoiesis stammt ursprünglich von den chilenischen Biologen Maturana und Varela und wurde von Luhmann auf den Bereich des Sozialen übertragen.

8 Krause, Detlef, Luhmann-Lexikon. Eine Einführung in das Gesamtwerk von Niklas Luhmann mit 27 Abbildungen und über 500 Stichworten, 2. Aufl. Stuttgart 1999, S.22.

9 Vgl. zum Strukturbegriff Nollmann, 1997, S.84.

10 Sinn meint dabei bei Luhmann lediglich eine „Unterscheidung von Aktualität und Möglichkeit“, siehe dazu: Kneer, Georg und Armin Nassehi, Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, 3. Aufl. München 1997, S. 75.

11 Nollmann 1997, S. 98.

12 Luhmann 1999, S. 530.

13 Luhmann 1999, S. 530.

14 Vgl. Schneider, Wolfgang-Ludwig, Die Beobachtung von Kommunikation. Zur Kommunikativen Konstruktion sozialen Handelns, Opladen 1994, S.202f. (Interessanterweise spricht Luhmann 1999, S. 531 auch schon von doppelter Negation, obwohl er Konflikt kurz vorher als einfache Negation eingeführt hatte.)

15 Luhmann, Niklas, Das Recht der Gesellschaft, Frankfurt am Main 1995, S. 566. Vgl. zu diesem Problem auch: Nollmann 1997, S. 100, Anmerkung 34.

16 Vgl. Schneider 1994, S. 201, Anmerkung 538.

17 Luhmann 1999, S. 530.

18 Luhmann 1999, S. 532.

19 Sinn kann nach Luhmann in drei verschiedenen Dimensionen vorliegen: der Sachdimension, der Sozialdimension und der Zeitdimension. Vgl. dazu Luhmann 1999, S.112.

20 Vgl. Bonacker, Thorsten, Kommunikation zwischen Konsens und Konflikt: Möglichkeiten und Grenzen gesellschaftlicher Rationalität bei Jürgen Habermas und Niklas Luhmann Oldenburg 1997, S. 76f.

21 Vgl. Luhmann 1999, S. 531.

22 Luhmann 1999, S. 530.

23 Vgl. Luhmann 1999, S. 541.

24 Vgl. Luhmann 1999, S. 534-536.

25 Vgl. Luhmann 1999, S.530.

26 Vgl. Luhmann 1999, S. 549.

27 Luhmann 1999, S. 514.

28 Vgl. Luhmann 1999, S. 509ff.

29 Vgl. Fukuyama, Francis, Das Ende der Geschichte: wo stehen wir?, München 1992.

30 Vgl. Wöhlert, Torsten und Andrée Türpe (Hrsg.), Modellfall Golfkrieg? Zur Ambivalenz politischer Vernunft, Berlin 1991, S. 135.

31 Vgl. Weiler, Heinrich, Der Konflikt am Persischen Golf aus völkerrechtlicher Sicht. Vereinte Nationen vers. Republik Irak. Mit eingehender Dokumentation, Frankfurt am Main 1992, S.49.

32 Vgl. Wöhlert/Türpe 1991, S. 153.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Der Konfliktbegriff Niklas Luhmanns am Beispiel der Kuwaitkrise 1990/91
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Hauptseminar: Soziologie des Konflikts
Note
Sehr gut (1,0)
Autor
Jahr
2000
Seiten
35
Katalognummer
V34465
ISBN (eBook)
9783638346757
Dateigröße
563 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konfliktbegriff, Niklas, Luhmanns, Beispiel, Kuwaitkrise, Hauptseminar, Soziologie, Konflikts
Arbeit zitieren
Michael Berka (Autor), 2000, Der Konfliktbegriff Niklas Luhmanns am Beispiel der Kuwaitkrise 1990/91, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34465

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