Gute Regierungsführung und nachhaltige Entwicklung. Herausforderung für postkoloniale afrikanische Gesellschaften

Eine Analyse von Chinua Achebes "Le Démagogue"


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2014

25 Seiten, Note: Sehr gut


Leseprobe

Gliederung

Einleitung

1. Relevanz des Themas

2. Zielsetzung, Fragestellungen und theoretische Grundlage

3. Hauptteil
3.1 Autoritarismus, Habgier und Hochmut im destruktiven politischen System
3.2 Ethnozentrismus und gesellschaftliche Spaltung in Nangas Diskursen
3.3 Machtergreifung und –Wechsel sollen anerzogen sein: Grundlagen der Rechtstaatlichkeit in die Schulprogramme integrieren
3.4 Gute Regierungsführung und nachhaltige Entwicklung sind ohne aufgeklärte Führer undenkbar: Begrenzte Pressefreiheit
3.5 Entwicklungshilfe kann keine Lösung sein
3.6 Von politischer Abstinenz zum politischen Engagement

4. Fazit

Bibliographie

Schlüsselbegriffe: gute Regierungsführung vs. schlechte Regierungsführung, nachhaltige Entwicklung, Korruption, Autoritarismus, Revolution, Gewalt, Demokratie, Freiheit, Humanismus.

Abkürzungen: P.O.P. (Partie de l´Organisation du Peuple) ; P.P.A. (Partie Progressiste de l´Alliance) ; C.P. (Convention du Peuple). Sie werden im Roman als politische Parteien inszeniert.

Einleitung

1. Relevanz des Themas

Tant que les hommes seront motivés par leurs passions et leurs intérêts plutôt que guidés par leur intelligence, les chefs Nanga de ce monde continueront à tourner toutes les situations à leur avantage.[1]

Mit diesen Worten übt der Ich-Erzähler (Samalu Odili) in Achebes Le Démagogue Kritik nicht nur an dem sich als Politiker und Vertreter eines korrupten politischen Systems erweisenden Mann namens Nanga, sondern auch an Politikern und Regierenden weltweit, insbesondere in Afrika, die wegen Egozentrismus und individueller Interessen ihre Bevölkerung manipulieren und ausbeuten. Der deutsche Diplomat Volker Seitz[2], der 17 Jahre lang in vielen afrikanischen Ländern auf Posten gewesen war, hat zugegeben, Ergebnisse der Entwicklungspolitik afrikanischer Länder sorgfältig beobachtet zu haben. Infolgedessen hat er darauf hingewiesen, dass afrikanische Länder armregiert werden. In seiner Untersuchung hat Seitz Probleme identifiziert, die von der schlechten Regierungsführung verursacht werden. Die Lösung der Probleme wie Korruption, schlechte Regierungsführung, Misswirtschaft wäre meines Erachtens für eine nachhaltige Entwicklung in Afrika günstig. Seitz´ Arbeit ist relevant, weil sie auf Problemfelder eingeht, die in viele Diskussionen und politische Debatten derzeit eingehen und auch weil Seitz´ Ideen empirisch bewiesen werden können. Gute Regierungsführung zeigt sich dem ehemaligen Generalsekretär der UNO Kofi Annan zufolge als Grundwert und Schlüsselvoraussetzung für eine nachhaltige Entwicklung: „Gute Regierungsführung und nach­hal­tige Ent­wick­lung lassen sich nicht trennen. Das ist die Lehre aus all unseren Bemühungen und Erfahrungen von Afrika über Asien bis Lateinamerika. Ohne gute Regierungsführung […] werden uns alle Gelder und alle Wohltätigkeit dieser Welt nicht auf den Weg zum Wohlstand bringen.“[3] Die Einsicht in Annans Behauptung macht deutlich, dass schlechte Regierungsführung Misswirtschaft, Gewalt, politische Unruhen, Unterdrückung, Kapitalflucht erzeugt und selbst als Unterentwicklung bezeichnet werden kann. Der ehemalige deutsche Bundespräsident Horst Köhler[4] vertritt die Meinung, dass gute Regierungsführung auf Demokratie beruhe, und diese Demokratie sei für Afrika der Weg zur Entwicklung wie sie es auch für Europa gewesen war und noch ist. Sie sei aber in afrikanischen Ländern noch nicht wirklich verankert. Köhler bleibt trotzdem grundoptimistisch bei der Frage der Verwurzelung der Demokratie in afrikanischen Ländern. Er lenkt jedenfalls unsere Aufmerksamkeit darauf, dass die Demokratie in Afrika keine Kopie der europäischen sein muss, denn die Afrikaner brauchten eine Demokratie, in der sie ihre Kulturen einbringen könnten. Allerdings macht er klar, dass es universelle Menschenrechte gebe, die nicht verhandelbar seien. Anlässlich des fünften in­ter­na­ti­o­nalen Tages der De­mo­kra­tie am 15. September 2012 hat der Bundes­ent­wick­lungs­mi­nister Dirk Niebel die Grundprinzipien einer guten Regierungsführung eindringlich evoziert. Dabei werden Köhlers Ideen wieder zur Geltung gebracht:

Demokratie ist der Kern jeder nachhaltigen Ent­wick­lung. Wir unterstützen des­halb unsere Ko­ope­ra­tions­länder beim Aufbau und bei der Fes­ti­gung demokratischer Strukturen. Dabei gibt es kein ein­heit­liches Modell, die Ausgestaltung des politischen Systems hängt von historischen und kulturellen Grundorientierungen der jeweiligen Gesellschaften ab. Aber es gibt Grundwerte der Demokratie, die für uns nicht verhandelbar sind. Zu diesen demokratischen und rechtsstaatlichen Prinzipien gehören Ge­wal­ten­tei­lung und -kontrolle, freie Wahlen und Meinungs- und Pressefreiheit.[5]

Dieses Zitat zeigt die Transparenz der Staatlichkeit als Folgeerscheinung der Demokratie. Moralische Integrität, Dezentralisierung, einwandfreie Verwaltung der öffentlichen Finanzen lassen sich unangefochten mit der erwähnten Transparenz der Staatlichkeit verknüpfen. Diesbezüglich erklärt Köhler seinen Optimismus und seine Hoffnung auf die Zukunft Afrikas, die, wie er meint, nur eine Frage von Geduld und Zeit sei:

Die afrikanischen Staaten sind erst vor 40, 50 Jahren entstanden, nach einer schrecklichen Geschichte, nach Sklaverei und Kolonialismus. Dabei ist viel an kulturellem Wurzelwerk zerstört worden. Jetzt tauchen diese Länder in der globalisierten Welt auf und haben kein Wurzelwerk mehr. Man darf nicht das Unmögliche erwarten. Und man darf nicht vergessen, wie viele hundert Jahre wir in Europa gebraucht haben, um Demokratie und Rechtstaatlichkeit fest in unseren Gesellschaften zu verankern. (Köhler 2006, 374)

Meines Erachtens bedeutet Köhlers Idee von Geduld und Zeit nicht, dass eine afrikanische Demokratie den Stationen der europäischen folgen müsse. Das Verständnis der Idee Köhlers soll eben der Einsicht Raum geben, dass die afrikanischen Politiker von der europäischen Demokratie lernen können. Eigentlich geht es darum, Verständnis dafür zu gewinnen, dass der Fortschritt auf Demokratie und gute Regierungsführung angewiesen ist. Zwei Grundideen ziehen durch dieses Zitat: Erstens greift diese Passage auf die europäische Vergangenheit zurück, in der sich Absolutismus, totalitäre Systeme und Diktatur lesen, wie manche afrikanischen Bevölkerungen sie derzeit erleben. Zwei Gestalten der europäischen Moderne – Hitler und Stalin – zeigen, wie die europäischen Gesellschaften kurz vor der politischen Unabhängigkeit der afrikanischen Länder unter der Unterdrückung der Diktatur standen. Zweitens lässt dieses Zitat auf die präkoloniale Situation der Afrikaner zurückblicken. Afrikanische Gesellschaften waren Königreiche, in denen die Könige eine Regierungsvollmacht hatten. Wenn der König stirbt, sollte in den meisten Fällen sein Nachfolger aus seiner vertrauten Familie stammen. Von einer legitimierten Gewaltenteilung war aber nicht die Rede. Der Kolonialismus kam als Störmanöver. Die zu einer Republik gewordenen afrikanischen Länder, so lässt sich postulieren, sind irgendwie von ihrem präkolonialen Zustand geprägt. Die politische Lage in vielen afrikanischen Ländern derzeit entspricht der Dialektik von Herrscher und Beherrschten. Daraus ergibt sich, dass stinkreiche Präsidenten und politisch angesehene Personen über arme Bevölkerungsmassen mit Gewalt herrschen. Die Demokratisierungsprozesse erweisen sich heute in den afrikanischen postkolonialen Gesellschaften so schwankend, dass die Frage gestellt werden kann, ob ein Zurück zur präkolonialen Situation die Afrikaner in ihrem Denken und Handeln von heutigen politischen Ausschreitungen und Erschütterungen befreien könnte. Es lässt sich feststellen, dass ein Zurück zur vorkolonialen Situation heute fast unmöglich ist, was bedeutet, dass die Afrikaner auf die Verbesserung und Entfaltung eines importierten demokratischen Systems angewiesen sind. Aus diesem Grund hat Achebe als Aufklärer in Le Demagogue mit intellektueller Kraft und moralischer Autorität eine Gesellschaft konstruiert, in der er einen Politiker in seiner Doppelfunktion als Kulturminister und zugleich Abgeordneten in der Nationalversammlung agieren lässt. Außerdem kommt der junge Akademiker Odili Samalu, angetrieben von einem untrüglichen Sinn für Recht und Unrecht als Rufer für Aufklärung, Freiheit und gute Regierungsführung. Ob er diese politische Mission erfüllen kann, erfahren wir in der folgenden Analyse. Ich setze mich mit Achebes Le Demagogue unter der Prämisse auseinander, dass die afrikanischen Gesellschaften Fortschritte machen können und in der öffentlichen Meinung ein gutes Bild von sich und ihren Kulturen abgeben können, wenn sie dem Weg der guten Regierungsführung folgen. Folgende Ideen haben mich zu meinem Thema motiviert:

- Demokratie und Menschenrechte liegen derzeit in afrikanischen Ländern auf dem Tisch. Manche Länder stehen noch unter dem Druck der Diktatur. Parteipolitische Kämpfe führen zu politischen Unruhen.
- Daraus ergibt sich, dass viele junge Afrikaner in das Ausland abwandern auf der Suche nach besseren Lebensperspektiven. Die Migrationsbewegungen nehmen zu und Afrika wird in der öffentlichen Meinung nur als Problemzone erfahren: „Zu der Kritik, die wir leisten müssen, gehört auch die Prüfung, welche Bilder und Nachrichten wir von fremden Kulturen und Nationen überhaupt empfangen. Werden wir nicht ständig mit einer Berichterstattung konfrontiert, die Afrika vorwiegend als Krisen- und Katastrophenkontinent darstellt? Positives kommt kaum vor.“ (Köhler 2006, 345) Das negative Bild Afrikas in der globalisierten Welt ist zweifelsfrei durch ökonomische und politische Schwächen bedingt. Seitz denkt, dass sich nichts an dem negativen Bild Afrikas in der medialen Berichterstattung im Ausland ändern werde, solange Misswirtschaft, Korruption, mangelnde Solidarität mit den Armen und die Strukturen einer Stammesgesellschaft das Leben in vielen afrikanischen Ländern prägen. […] Das sind die Ursachen für immer wieder ausbrechende kriegerische Auseinandersetzungen und für die marginale Rolle, die Afrika im Weltsystem spielt. (Seitz 2009, S. 148)

2. Zielsetzung, Fragestellungen und theoretische Grundlage

Die vorliegende Arbeit setzt sich zum Ziel, die Aspekte der guten Regierungsführung in den afrikanischen Ländern zu behandeln. Anhand Le Démagogue wirft die Arbeit ästhetisch die Frage auf, inwiefern gute Regierungsführung in Afrika gesichert werden könne. Als theoretische Grundlage für diese Arbeit gelten die Ideen des Politikers, Historikers und Psychologen Money-Kyrle[6]. In seinem Buch Psychanalyse et Horizons politiques hat er Begriffe wie „conscience humaniste“ (humanistisches Bewusstsein) und „conscience autoritaire “ (autoritäres Bewusstsein) angeführt, die meiner Arbeit dienlich sind. Der Autor interessiert sich für das Nachkriegsdeutschland, das vor dem Problem stand, wie es nach langen zerstörerischen faschistischen Momenten auf den Weg der Demokratie gebracht werden könne. Aus diesem Grund stellt sich Money-Kyrle relevante Fragen: Warum suchen manche Menschen nach der politischen Macht? Und wie kann man diejenigen überzeugen, die von dieser Macht nicht spontan angezogen werden, sie für das Allgemeinwohl auszuüben? Diese Fragen sollen dem Autor dazu verhelfen herauszufinden, wer fähig ist, das zerstörte Deutschland im Geist der Demokratie voranzubringen bzw. vor der nazistischen Mentalität und Ungerechtigkeit zu retten. Solche Fragen finde ich auch für meine Analyse prägnant. Die Methode von Money-Kyrle bestand teilweise darin, sich mit bestimmten Personen zu unterhalten, die ehrwürdige Verwaltungsfunktionen tragen werden. Money-Kyrle ist bei den Unterhaltungen auf die psychologische Analyse eingegangen, um Leute mit humanistischem Bewusstsein von denen mit autoritärem Bewusstsein zu unterscheiden. Diese angewandte Psychologie zeigt deutlich, dass einem autoritären Bewusstsein das Schicksal des Landes nicht überlassen werden darf, deshalb ist es wichtig, vorbeugend den Humanismus zu fördern. Autoritäre Systeme stützten sich u. a. oft auf das Militär. Der Humanismus aber verficht den Egotrip. Ein kritischer Blick auf diese Methode macht klar, dass der Mensch oft dazu neigt, ein schwarzes Kapitel seines Lebens zu verbergen, das sich nicht leicht entdecken oder enthüllen lässt. In Achebes Le Démagogue wird durch das Sprechen und Handeln der jeweiligen Figuren analysiert, wie sich das autoritäre Bewusstsein und im Gegensatz dazu das humanistische Bewusstsein bezüglich der Frage der Demokratie und der guten Regierungsführung manifestiert.

3. Hauptteil

3.1 Autoritarismus, Habgier und Hochmut im destruktiven politischen System

Der Roman beginnt mit der Darstellung der Politik innerhalb des Zeitgeistes. Dabei wird der Chef Nanga als der bekannteste Politiker eines unbenannten Landes vorgestellt. Die Anspielung auf eine Rede, die er vor den Leuten seiner Geburtsstadt Anata halten will, hebt die lebhafte Stimmung des Publikums hervor, dessen Rituale um den sogenannten Chef Nanga dem Ich-Erzähler blödsinnig erscheinen. Der Ich-Erzähler empört sich über die Haltung der Anata-Bewohner und bezeichnet sie als ignorant und zynisch. Der Grund, aus dem sich der Ich-Erzähler so empört, liegt darin, dass die Bevölkerung von Anata auf einen Politiker stolz ist, nur weil er aus Anata stammt; er ist also einer von ihnen. Diese Empörung des Erzählers wird folgendermaßen ausgedrückt:

Je souhaitais qu´un miracle fit taire la clameur de ces festivités ridicules et éclater une ou deux vérités sur cette foule méprisable. Mais, bien sûr, c´eût été tout à fait inutile: ces gens n´étaient pas seulement ignorants mais cyniques. Dites-leur que cet homme a profité de sa situation pour s´enrichir, et ils vous demanderont (comme me l´avait demandé mon père) si un homme raisonnable devait cracher sur un bon morceau à portée de sa bouche. (Achebe 1977, 9)

In der Tat wird der Erzähler im Roman als ehemaliger vorzüglicher Schüler des Ministers Nanga dargestellt, was schon eine Anspielung auf die Vergangenheit Nangas ist. Diese Rückblende lässt das Verständnis gewinnen, dass die schulische und spätere akademische Bildung des Ich-Erzählers sowohl seine Distanzierung von der ,naiven und unbewusstenʻ Masse als auch die Beurteilung der politischen Sache ermöglicht. Die Erziehung erscheint als wichtiges Instrumentarium zum Gewinnen von Selbstbewusstsein, Aufklärung, Reaktion gegen Ungerechtigkeit und Handeln für das Allgemeinwohl. In seiner Kritik lässt der Erzähler den Leser wissen, dass alle Produkte viermal teurer geworden sind, seitdem sich die Regierung, in der Nanga Minister ist, etabliert hat. Dies bedeutet, dass die erwähnte Regierung das Land in die Inflation führt. Wenn Samalu als vorzüglicher Schüler des Ministers Nanga gilt, dann versteht man, dass Nanga vor seinem Eintritt in die Regierung Lehrer (ein Mittelbürger) war. Die Frage, wie er Minister geworden ist, lässt sich zweifellos mit der Idee verbinden, warum Leute nach der politischen Macht streben, und wird im folgenden Zitat beantwortet:

Mais d´ avance je savais qu´il allait dire que j´avais dejà plus d´instruction qu´il ne fallait, que tous les gens importants du pays (ministres, hommes d´affaires, députés, etc.) n´avaient pas acquis la moitié de mon savoir. Pour la centième fois, il m´abjurerait de quitter l´enseignement (qu´il jugeait ridicule) pour chercher un emploi convenable dans le gouvernement et m´acheter une voiture. (S. 50)

Der Kulturminister denkt, der Lehrerberuf sei kein angenehmer Beruf, weil ein Lehrer seiner Meinung nach kein glückliches Leben führen könne. Aus diesem Grund zieht er diesen Beruf ins Lächerliche. Er fordert Odili Samalu auf, seinen Lehrerberuf aufzugeben und eine Stelle in der Regierung zu suchen, um sich einen luxuriösen Wagen leisten und Reichtum anhäufen zu können. Sein materialistisches Denken und seine Vorstellung von Glück als berufsbedingtes Privileg zeigt nicht wenig, warum er als Lehrer und anonymer Abgeordneter in seiner Partei zu einem zynischen Minister geworden ist. Samalu zeichnet sich als hochintelligent. Wenn er Lehrer oder Dozent ist, kann er jungen Leuten sein Wissen vermitteln. Der Kulturminister übersieht, dass die Entwicklung eines Landes auf die gute Erziehung der jeweiligen Bürger angewiesen ist und die Vollziehung dieser Rolle in der Hand der Lehrer und Dozenten liegt (wenn überhaupt außer der Familie die Schule als zweite Sozialisationsinstanz gelten kann). Heuchelei kennzeichnet den Minister Nanga, denn er hatte vor einem breiten Publikum geäußert, dass der Lehrerberuf ein schöner Beruf sei; er jedenfalls bedauere, diesen Beruf nicht mehr ausüben zu dürfen, er habe sich in diesem Beruf wohler gefühlt als in seiner jetzigen Position als Minister: „Je le jure devant Dieu qui m´a crée, insista-t-il, je le regrette, l´enseignement est un métier noble.“ (S. 19) Aber bei den Unterredungen mit Samalu zieht der Kulturminister diesen Lehrerberuf in den Dreck. Die politische Karriere des Chefs Nanga ist im folgenden politischen Kontext entstanden.

Es herrschte im Land eine Finanzkrise. Der Kaffee ist der Schwerpunkt der Ökonomie des Landes. Die Anhänger der P.O.P sind größtenteils Bauern (Kaffeeplantagenbesitzer). Diese Krise liegt in der Senkung des Weltmarktpreises für Kaffee begründet. Um das Land vor Chaos zu retten, hat der Finanzminister Dr. Makinde der Regierung einen Vorschlag gemacht, der darin besteht, die Prämie zu senken, die den Kaffeeplantagenbesitzern gewöhnlich bezahlt wird. Der Premierminister denkt, dass eine Ermäßigung in einem solch kritischen Moment ihm nicht nützen könne, denn er könne bei den nächsten Wahlen verlieren. Der Grund dafür sei, dass seine Wählerschaft größtenteils Bauern seien. Deshalb lehnt er den Vorschlag ab und setzt überraschenderweise den Finanzminister ab. Ebenfalls wird seinen Mitarbeitern gekündigt. Den Premierminister interessiert nur die Macht, nicht die Zukunft des Landes. In dieser politischen Instabilität hat Nanga ein Portefeuille gewonnen. Der Premierminister hat eine Rede gehalten und darin die Lüge verbreitet, dass der Finanzminister ein Verräter sei. Er habe sich auf einen Putsch vorbereitet und sei auf frischer Tat ertappt worden: „Il [le premier ministre] déclara que les scélérats avaient été pris en flagrant délit d´un complot néfaste tendant à renverser le gouvernement du peuple par le peuple et pour le peuple, de connivence avec des ennemis de l´ Etranger.“ (S. 13)

Dieses Eingeständnis, wodurch sich im Ganzen das autoritäre Bewusstsein des Premierministers erkennen lässt, kann keinen Boden für eine demokratische Gesellschaft vorbereiten, nicht nur weil den als liberal geltenden Ministern ungerechterweise gekündigt wurde, sondern auch wegen der Gewalt, die ihnen angetan wird:

Cette semaine -là, une foule enragée avait saccagé sa voiture et lapidé sa maison. Un autre ministre démis avait été arraché de sa voiture, battu jusqu´à en perdre conscience, trainé sur près de cinquante mètres, bâillonné et abandonné pieds et mains liés sur le bord de la route. Il était encore dans un hôpital orthopédique au moment où l´ assemblée se réunissait. (S. 12)

Nanga fällt das Urteil, dass der Finanzminister und seine Freunde gehängt werden müssten, denn sie hätten die mütterliche Hand gebissen, die sie lange ernährt habe: „Ils ont mordu le doigt maternel qui les a nourris.“ (S. 13) Als schließlich Doktor Makinde sein Team in die Kammer führte, um zu erklären, worin sein Vorschlag im Grunde besteht, und somit die Wahrheit aufzudecken, wird er vom Publikum und den Abgeordneten ausgepfiffen, was beweist, dass die Lüge des Premierministers auf das Volk gewirkt hat. Die Erklärung Dr. Makindes soll auch in der Presse verfälscht wiedergegeben werden. Die Komplizenschaft der Presse in unserem Kontext zeigt, dass die Medien und Journalisten manipuliert werden. Die Frage, ob die Presse objektive Informationen vermittele, kann rasch mit nein beantwortet werden, da sie sich nach Ideologien richtet und so funktioniert. Hier hat die Politisierung der Presse deren Professionalisierung systematisch gehemmt. Die Demokratie wird beschädigt, wenn sie nur in politischen Reden verwurzelt erscheint, aber in der Tat fast inexistent bleibt. Es ist hier zu verstehen, wohin politische Unehrlichkeit führen kann, wenn die Politiker im Streben nach Macht und eigenem Interesse das humanistische Bewusstsein, welches die Würde des Menschen berücksichtigt, total verlieren können. Autoritäres Bewusstsein und humanistisches Bewusstsein stehen einander diametral gegenüber wie Laster und Tugend, wie das scheinbar starke politische Ich und die scheinbar schwache treibende Masse. Letztere wird oft zum Opfer, zur leidtragenden Mehrheit, die ihre Situation billigt, entweder weil sie passiv ist oder weil sie sich betrügen lässt, wie das hier der Fall ist. Klar ist jedenfalls: Gute Regierungsführung impliziert, dass die politischen Akteure im Lichte der Gerechtigkeit und Gleichheit handeln und dass das Volk auf ihr Handeln kritisch reagiert. Dieses Ziel kann nur erreicht werden, wenn die Bürger informationssüchtig sind und sich Wissen verschaffen. Der Ich-Erzähler weiß, dass die Infragestellung einer Situation zunächst klare Fragestellungen benötigt. Er selber habe der Lüge des Premierministers geglaubt. Die Wahrheit hat er erst entdeckt, nachdem bei der Wahl das Volk dem Premierminister mehrheitlich seine Stimmen gegeben hat. Die folgende Frage des Ich-Erzählers zeigt, wie er die in der Presse verfälschten Worte des Finanzministers kritisch reflektiert: „mais pourquoi attribuer à Docteur Makinde des paroles qu´il ne pouvait pas avoir prononcées?“ (S. 15)

Es herrscht im Land Antipathie gegen hochgebildete Regierungsmitglieder, etwa bei den vermeintlichen Gegnern der Regierung von Dr. Makinde und seinen Kabinettsmitgliedern, bei denen im Roman kein Autoritarismus auffällig ist. Die unaufrichtigen Regierungsmitglieder repräsentieren eine Interessengruppe, die die ,aufgeklärtenʻ Intellektuellen in die politischen Angelegenheiten nicht einbeziehen können, weil diese ihnen im Wege stehen würden.

Die Anfangssituation präsentiert den Kulturminister Nanga aus der Sicht des Publikums als vertrauenswürdigen Minister, der aber keiner ist, denn er beeinflusst seine Umgebung mit Rednergabe. Als der Minister beispielweise Odili Samalu fragt, warum er ihn nicht informiert habe, nachdem er sein Studium beendet und die Universität verlassen habe, antwortet Samalu, dass er geglaubt habe, ein Minister sei immer beschäftigt. Dies erwidert Nanga sofort und vergleicht sich selbst mit einem Diener, der jeder Zeit erscheinen soll, wenn ihn sein Meister braucht: „Occupé? C´est absurde. Ne savez- vous pas que ministre veut dire serviteur? Occupé ou non, il doit voir son maître. “ (S. 18) Der Minister zeigt sich scheinbar als demutvolle Person.

[...]


[1] Chinua Achebe : Le démagogue, Dakar-Abidjan: Les Nouvelles Editions Africaines 1977, S.99.

[2] Vgl. Volker Seitz: Afrika wird armregiert oder wie man Afrika wirklich helfen kann, München: Deutscher Taschenbuchverlag 2009.

[3] https://www.kfw- entwicklungsbank.de/Download-Center/PDF-Dokumente-Positionspapiere/2012_09_Good-Governance.pdf. Zugriff am 22. 04. 2014.

[4] Vgl. Horst Köhler: Reden und Interviews. Band 2, 1. Juli 2005 – 5. Juli 2006, Berlin: Bundespräsidialamt 2006.

[5] http://www.pressrelations.de/new/standard/result_main.cfm?pfach=1&n_firmanr_=110952&sektor=pm&detail=1&r=507811&sid=&aktion=jour_pm&quelle=0. Zugriff am 22. 04. 2014.

[6] Vgl. R. E. Money-Kyrle: Psychanalyse et horizons politiques, Toulouse: Les presses de Paragraphic 1985.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Gute Regierungsführung und nachhaltige Entwicklung. Herausforderung für postkoloniale afrikanische Gesellschaften
Untertitel
Eine Analyse von Chinua Achebes "Le Démagogue"
Veranstaltung
Literatur, Gesellschat und Entwicklung
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2014
Seiten
25
Katalognummer
V344676
ISBN (eBook)
9783668347205
ISBN (Buch)
9783668347212
Dateigröße
588 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Überzeugende Argumentation mit viel versprechenden Perspektiven
Schlagworte
Literatur, Gute Regierungsführung, Nachhaltige Entwicklung
Arbeit zitieren
Kokou Alosse (Autor), 2014, Gute Regierungsführung und nachhaltige Entwicklung. Herausforderung für postkoloniale afrikanische Gesellschaften, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/344676

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