Die historische und aktuelle Betrachtung vom Begriff und der Sinnvorstellung von Behinderung und dem Umgang von Menschen mit Behinderung machen mehrere Dinge deutlich: Durch die Negativbesetzung in unserem normalen Sprachgebrauch, in welchem Behinderung auf ein fehlendes Passungsverhältnis verweist, bei dem Menschen mit Behinderung anscheinend Normen und Anforderungen, die von der Gesellschaft gestellt werden nicht erfüllen können, stellt sich die Frage ob der Begriff den Gegenstand verändert.
Die historische Betrachtung zeigt, dass bestimmte Eigenschaften oft als Differenzen wahrgenommen und somit etwas konstruiert wurde, welches auf ein Negativphänomen verweist. Bestimmten körperlichen Merkmalen wurden historisch betrachtet bestimmte Bedeutungen zugemessen. Fehlende oder besonders ausgeprägte Körperteile bewertete und hierarchisierte man. Der kulturelle, historische und gesellschaftliche Kontext bildet durch bestimmte Darstellungen, die heutzutage hauptsächlich medial produziert werden, ein Prinzip von Normalität. Er bestimmt, welche Körper schön sind und welche Eigenschaften ein Körper haben muss, damit er als normal gilt. Dabei sind bestimmte Eigenschaften wichtiger als andere. Die Hierarchisierung bezieht sich dabei immer auf variable und veränderbare Ordnungsvorstellungen über 'Außerordentliche Körper'.
Einer bestimmten ambivalenten Resonanz mussten und müssen sich Menschen mit Beeinträchtigung entgegen sehen. Doch Besonderheit ist nicht gleich Besonderheit. Merkmale müssen nicht allgemein als negativ bewertet werden. Ob und inwiefern sie als Behinderung gelten lässt sich an kulturell und historisch variablen Deutungsmustern ablesen. Die auf der abstrakten Ebene vorhandenen fraglichen Vorstellungen über die Ordnung der Dinge, spiegeln sich in bestimmten Resonanzen von Entitäten wieder. Auf der Handlungsebene in bestimmten Reaktionen und Umgangsformen werden unsere emotionalen und gedanklichen Resonanzen gegenüber M.m.B deutlich. Obwohl Deutungsmuster veränderbar, vielfältig und nicht zeitlich stabil sind, zeigt sich durch eine historische Betrachtung, dass sich gewisse Denkansätze und Resonanzen solide gehalten haben.
Inhaltsverzeichnis
1. Die historische und aktuelle Betrachtung vom Begriff und der Sinnvorstellung von Behinderung
2. Die Entwicklung des Begriffs der Behinderung im historischen Kontext
2.1. Kulturelle Figuren und das Außerordentliche
2.2. Die industrielle Revolution und die Frage der sozialen Brauchbarkeit
3. Modelle von Behinderung
3.1. Das individuelle Modell
3.2. Das soziale Modell
3.3. Das kulturelle Modell
3.4. Definition nach Kastl
4. Der Radikale Konstruktivismus und die Diskussion über Normalität und Differenz
5. Aktuelle bioethische Debatten und der Präferenz-Utilitarismus
6. Fazit: Zwischen medizinischem Fortschritt und Inklusion
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht die historische und aktuelle Konstruktion des Behinderungsbegriffs sowie die damit verbundenen gesellschaftlichen Deutungsmuster und Ausgrenzungsmechanismen, um Wege für eine inklusive Gesellschaft aufzuzeigen, in der Pluralismus als Normalität begriffen wird.
- Historische Entwicklung der Wahrnehmung und Bewertung von Menschen mit Behinderung.
- Gegenüberstellung verschiedener theoretischer Behinderungsmodelle (individuell, sozial, kulturell).
- Kritische Analyse bioethischer Diskurse und eugenischer Tendenzen in der modernen Medizin.
- Die Rolle der Pädagogik bei der Sensibilisierung gegenüber Diskriminierung und Barrieren.
- Die Notwendigkeit eines gesellschaftlichen Perspektivenwechsels zur Etablierung von Inklusion.
Auszug aus dem Buch
Die Ambivalenz der Gegenwart und der Einfluss bioethischer Debatten
Nun ergibt sich der Blick auf die Gegenwart. Obwohl der Diskurs stark in eine inklusive Richtung geht, ergibt sich auch hier wieder eine Ambivalenz: Auf der einen Seite sollen Unterschiede bestenfalls nicht mehr als solche wahrgenommen werden. Aus der inklusiven Pädagogik soll ein selbstverständlicher Bereich der Pädagogik werden, indem man nicht mehr differenzieren muss. M.m.B sollen eingegliedert werden, Barrieren sollen abgebaut werden und rechtliche Gleichheit bestehen. Nichtsdestotrotz bestehen weiterhin Tendenzen, Behinderung als `nicht lebenswert` zu betrachten. Neo-eugenische Denkweisen halten sich weiterhin und moralische Aspekte werden von neuartigen biologisch medizinischen Möglichkeiten überschattet. Pränatal Diagnostik, Humangenetik, Reproduktionstechniken, Abreibungen, Genomanalysen, Präimplantationsdiagnostik usw. bieten auf der einen Seite medizinische Fortschritte, die helfen können Krankheiten zu bekämpfen. Auf der anderen Seite schaffen sie wieder das Ideal eines "brauchbaren Menschen“. Eltern können darüber entscheiden, ob das Leben eines Kindes mit Beeinträchtigung für sie oder das Kind selbst zumutbar ist. Peter Singer spricht in seinem Präferenz Utilitarismus von unwertem Leben. Seine Lehre wird extrem kontrovers diskutiert und obwohl seine Thesen eine aktive Euthanasie befürworten, findet er auf internationaler Ebene Gehör.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die historische und aktuelle Betrachtung vom Begriff und der Sinnvorstellung von Behinderung: Einführung in die Problematik der Negativbesetzung des Behinderungsbegriffs und die historische Konstruktion von Differenz durch gesellschaftliche Normen.
2. Die Entwicklung des Begriffs der Behinderung im historischen Kontext: Analyse der sozialen Rolle von Menschen mit Behinderung vom Mittelalter bis zur industriellen Revolution, geprägt durch Ausgrenzung und die Messung am ökonomischen Nutzen.
3. Modelle von Behinderung: Differenzierte Betrachtung des individuellen, sozialen und kulturellen Modells von Behinderung sowie eine fachwissenschaftliche Definition nach Kastl.
4. Der Radikale Konstruktivismus und die Diskussion über Normalität und Differenz: Theoretische Einordnung der Problematisierung von Differenz vor dem Hintergrund, dass kein objektives Wissen über Behinderung existiert.
5. Aktuelle bioethische Debatten und der Präferenz-Utilitarismus: Untersuchung der Spannungsfelder zwischen medizinischem Fortschritt und der Bewertung menschlichen Lebens, insbesondere durch die utilitaristische Ethik von Peter Singer.
6. Fazit: Zwischen medizinischem Fortschritt und Inklusion: Zusammenfassende Reflexion über die Ambivalenz der Inklusion und die Notwendigkeit einer bewussten Auseinandersetzung mit Barrieren und Denkmustern.
Schlüsselwörter
Behinderung, Inklusion, Historische Betrachtung, Behinderungsmodelle, Gesellschaft, Normalität, Differenz, Bioethik, Präferenz-Utilitarismus, Sonderpädagogik, Ausgrenzung, Menschenrechte, Konstruktivismus, Stigmatisierung, Autonomie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der historischen und gegenwärtigen Konstruktion des Behinderungsbegriffs und analysiert, wie gesellschaftliche Deutungsmuster und medizinische Fortschritte die Wahrnehmung sowie die Inklusion von Menschen mit Behinderung beeinflussen.
Welche thematischen Schwerpunkte werden gesetzt?
Zentrale Themen sind die historische Genese der Stigmatisierung, der Vergleich zwischen medizinischen und sozialen Behinderungsmodellen, die bioethische Problematik von Lebenswert-Debatten sowie die Rolle der Pädagogik.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, durch eine kritische Auseinandersetzung mit historischen und aktuellen Diskursen aufzuzeigen, wie Barrieren abgebaut und eine inklusive Gesellschaft gestaltet werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es erfolgt eine theoretische Diskursanalyse, die auf historischen Betrachtungen, der Auseinandersetzung mit pädagogischen Modellen und einer kritischen Reflexion bioethischer ethischer Positionen basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Einordnung der Ausgrenzung, die theoretische Definition von Behinderung durch verschiedene Modelle sowie die kritische Auseinandersetzung mit modernen reproduktionstechnischen und utilitaristischen Debatten.
Welche Schlüsselbegriffe sind zentral für das Verständnis?
Wichtige Begriffe sind unter anderem das soziale und kulturelle Modell von Behinderung, „Doing Disability“, Ambivalenz der Inklusion sowie der Präferenz-Utilitarismus.
Wie unterscheidet sich das soziale vom individuellen Modell?
Während das individuelle Modell Behinderung als pathologisches Defizit des Einzelnen betrachtet, sieht das soziale Modell Behinderung als ein durch gesellschaftliche Barrieren und Strukturen künstlich erschaffenes Konstrukt.
Warum wird Peter Singer in der Arbeit kritisch beleuchtet?
Singer wird als Beispiel für eine bioethische Position angeführt, die durch ihre utilitaristische Bewertung des Lebens von Schwerstbehinderten oder Neugeborenen als kontroverser Gegenpol zu inklusiven Bemühungen fungiert.
Welche Rolle spielt die „historische Betrachtung“ für die moderne Inklusionspädagogik?
Die Historie dient dazu, die Kontinuität von Ausgrenzungsmustern zu erkennen, um aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen und ein tieferes Verständnis für die notwendigen Voraussetzungen einer inklusiven Gesellschaft zu entwickeln.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2015, Allgemeine Heil-und Sonderpädagogik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/344775