Das Böse in Alessandro Manzonis Roman "I Promessi Sposi“. Die Rolle des Antagonisten Don Rodrigo

Don Rodrigo - Tiranno o tirannello?


Hausarbeit, 2015

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Das eifrige Böse

2. Charakterisierung des Don Rodrigo
2.1 Indirekte Charakterisierung durch die Bravi
2.2 Indirekte Charakterisierung durch den Palast
2.3 Inszenierte Macht

3. Analyse der signifikanten Textstellen
3.1 Die Ahnenreihe Don Rodrigos
3.2 Der Gedankenbericht des Don Rodrigo Kapitel XI

4. Gegenüberstellung zweier Perspektiven
4.1 Perspektive des Erzählers
4.2 Perspektive der Figuren
4.3 Vergleich der Perspektiven

5. Beantwortung der Fragestellung

Bibliographie

Primärliteratur

Sekundärliteratur

Internetquellen

1. Das eifrige Böse

„Schüchtern, ohne Dynamik, ist das Gute unfähig, sich mitzuteilen, das viel eifrigere Böse will sich übertragen und erreicht es, denn es besitzt das zweifache Privilegium, faszinierend und ansteckend zu sein.“[1]

Dieses Zitat von Émile Michel Cioran soll einleitender Gedanke dieser Hausarbeit sein, da es das Problem des Bösen, welches auch in Alessandro Manzonis Roman „I Promessi Sposi“ auftritt thematisiert. Zugleich schockierend und faszinierend zeigt sich das Böse in Don Rodrigo und seinen Handlangern den Bravi, die die Hochzeit des Protagonisten Renzo mit seiner Verlobten Lucia zu vereiteln versuchen. Manzoni macht in seinem Roman deutlich, dass Nichts die Menschenwürde und die Grundlagen unseres Zusammenlebens mehr verletzen kann als das Böse. Klare Definitionen des Bösen gibt es jedoch nicht und so finden sich Begriffsumschreibungen wie moralisch schlecht und verwerflich.[2] In der jüdisch- christlichen Tradition entspringt das Böse dem Ungehorsam gegen Gott. So wurde aus Lucifer, einst ein Engel im Hofstaat Gottes, ein Widersacher der göttlichen Ordnung. Das Böse war es auch, das Adam und Eva dazu verleitete vom Baum der Erkenntnis zu essen. Für die Frage, ob es wahrhaft böse Menschen oder lediglich böse Taten gibt interessierten sich bereits viele berühmte Philosophen. So vertritt Jean- Jacques Rousseau in seinem pädagogischen Hauptwerk „Émile ou de l’Éducation“ die Meinung, dass der Mensch von Grund auf gut ist und das Böse durch die Gesellschaft und den Eigensinn ausgelöst würde. Emanuel Kant hingegen behauptete, dass ein jeder Mensch frei zwischen Gut und Böse entscheiden könne. Indem er sich für das Böse entscheidet verstößt er jedoch gegen das Sittengesetz, das mit Vernunft erkannt werden könne. Der Psychoanalytiker Siegmund Freund begründete das Böse im Menschen mit seinem natürlichen Sexual- und Aggressionstrieb. Wie nun das Böse in Alessandro Manzonis Werk „I Promessi Sposi“ durch den Antagonisten Don Rodrigo in Erscheinung tritt und in wie fern dieser die Rolle des Antagonisten verdient, soll nun mit der Fragestellung „Don Rodrigo- Tiranno o tirannello?“ erörtert werden.

2. Charakterisierung des Don Rodrigo

2.1 Indirekte Charakterisierung durch die Bravi

Don Rodrigo ist der Antagonist in Manzonis Roman „I Promessi Sposi“, der das Böse „nella sua vera essenza“ [3] verkörpert und ein Leben im Dunklen führt. Bei genauerer Betrachtung scheint er diese Rolle jedoch nicht zu verdienen und ist vielmehr der „più povero, il più sprovveduto“ der Figuren, der nicht einmal der „più cattivo“ zu sein scheint.[4] Vor dem Hintergrund dieser radikalen Aussage Girardis fällt bereits zu Beginn der Lektüre des Romans auf, dass Manzoni den Antagonisten verhältnismäßig spät, nämlich in Kapitel V, auftreten lässt. In den vorherigen Kapiteln kommt Don Rodrigo lediglich indirekt zur Sprache. Diese indirekte Charakterisierung zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Werk und so macht der Leser zunächst Bekanntschaft der Bravi, den Gefolgsleuten Don Rodrigos, die dem Dorfpfarrer Don Abbondio den Befehl ihres Herrn ausrichten. So gibt einer der Bravi Don Abbondio mit folgendem Zitat zu verstehen, dass er besser daran täte die Vermählung der beiden Liebenden zu unterlassen:

„… il signor curato è un uomo che sa il viver del mondo; e noi siam galantuomini, che non vogliam fargli del male, purché abbia giudizio. Signor curato, l’illustrissimo signor don Rodrigo nostro padrone la riverisce curamente.“ [5]

Don Abbondio, der eingeschüchtert nur an sein Eigenwohl denkt, stürzt Renzo und Lucia in ihr Unglück ohne dem Antagonisten persönlich begegnet zu sein.

2.2 Indirekte Charakterisierung durch den Palast

Auf Bitten der Verzweifelten begibt sich Pater Cristoforo in Kapitel V in den Palast des Don Rodrigo und sucht das Gespräch um diesen umzustimmen. Sinnbildlich für die machtpolitische Überlegenheit des Antagonisten ragt sein Palast über das Dorf Lecco am Comer See:

„Il palazzotto di don Rodrigo sorgeva isolato, a somiglianza d’una bicocca sulla cima d’uno de’poggi ond’è sparsa e rilevata quella costiera.“ [6]

Die Beschreibung des Schlosses gibt entscheidenden Aufschluss über die scheinbare Vormachtstellung Rodrigos. Der Gegensatz von Sein und Schein hinsichtlich der wahren Bedeutung des Antagonisten lässt sich bereits hier erahnen. Diese Thematik wird jedoch erst im späteren Verlauf dieser Arbeit vertieft. Der Palast des Herrschers ragt einsam und burgartig über seinen Untertanen empor, die allesamt üble Gestalten sind. Alte Männer, die ihr Zahnfleisch fletschen, Frauen mit männlichen Zügen und stets kampflustig gesinnte Kinder zählen zu seinen Untergebenen. Darüber hinaus ist anzumerken, dass Manzoni die Lage des Schlosses sehr detailliert angegeben hat. So beschreibt er, dass sich der Wohnsitz Don Rodrigos drei Meilen von Lecco und vier Meilen vom Kloster entfernt befindet.[7] Die zweite Palastbeschreibung in Manzonis Roman findet sich in Kapitel acht als Lucia, Renzo und Agnese fliehen. Sie überqueren den See mit Hilfe eines Bootes. Lucia blickt wehmütig in Richtung Heimat und erschaudert als ihre Augen auf das Schloss des Antagonisten treffen:

„Il palazzotto di don Rodrigo, con la sua torre piatta, elevato sopra le casucce ammucchiate alla falda del promontorio, pareva un feroce che, ritto nelle tenebre, in mezzo a una compagnia d’addormentati, vegliasse, meditando un delitto.“ [8]

Der Erzähler personifiziert den Palast Don Rodrigos mit dem Begriff feroce ein Unhold, der auf Untaten sinnt.

Äußerst interessant ist die Passage in der Pater Cristoforo an das Eingangstor des Palastes gelangt und zwei tote Geier erblickt, die an das Tor genagelt sind. Das Symbol des Geiers lässt sich unterschiedlich verstehen und könnte in dem vorliegenden Fall biblisch ausgelegt werden. Im christlichen Glauben ist der aasfressende Geier ein unreiner Vogel und darüber hinaus Sinnbild für plötzlich hereinbrechendes Unheil. Mit dem Wissen über den weiteren Verlauf des Romans und übertragen auf das unmenschliche Verhalten des Antagonisten, könnte diese Deutungsmöglichkeit zutreffen. Eine weitere symbolische Ebene des Geiers im Christentum ist die Wiederkunft Christi. Betrachtet man das unglückliche Ende Don Rodrigos unter dem Aspekt der Provvidenza, welche ihn mit dem Tot durch die Pest ereilt, könnte Manzoni bereits an dieser Stelle Andeutung über das Schicksal des Tyrannen gemacht haben. Lässt man die zuvor genannten Deutungsmöglichkeiten außer Acht, so ist der Geier schlichtweg archetypisches Symbol der Gefahr.

2.3 Inszenierte Macht Im Palast angekommen wird Pater Cristoforo an die prunkvolle Tafel des Don Rodrigo eingeladen. Um den Tisch versammelt sitzen einflussreiche Persönlichkeiten dieser Zeit, wie zum Beispiel Graf Attilio, Cousin des Antagonisten. Pater Cristoforo, eingeschüchtert angesichts so vieler Zeichen der Macht, tritt diesem unterwürfig entgegen. So lautet die betroffene Stelle im Roman wie folgt:

„… con un sentimento misto d’orrore e di compassione per don Rodrigo, stesse con una cert’aria di suggezione e di rispetto, alla presenza di quelle stesso don Rodrigo, ch’era lì in capo di tavola, in casa sua, nel suo regno, circondato d’amici, d’omaggi, di tanti segni della sua potenza.“ [9]

Pater Cristoforo blieb es verwehrt zu erkennen, dass Don Rodrigos Macht lediglich Schein ist. Durch die entsprechende Kleidung, den großen Palast und die Menschen mit denen sich Rodrigo umgibt, inszeniert dieser Größe: „La sua grandezza e la sua forza sono costituiti solo dall’ambiente, dal costume.“ [10]

Kehrte man das Innenleben des Antagonisten nach außen, stünde man einer schwachen Persönlichkeit entgegen, die auf Anweisungen wartet, ohnmächtig die richtigen Entscheidungen aus eigener Kraft zu fällen. So geschieht Don Rodrigos Handeln nicht aus freien Stücken, sondern ist stets beeinflusst durch Gesellschaft, Sitte und Stand: „… gli atti di don Rodrigo non nascono mai da una decisione libera.“ [11] Darüber hinaus befindet er sich im fortwährenden Wettbewerb mit den anderen Adligen und ist immer darauf bedacht seinen Ruf zu wahren. Das Scheitern in seinem Vorhaben würde auch das Scheitern in der Gesellschaft und somit Schande in der Familientradition bedeuten. Diese Behauptung wird mit folgendem Zitat belegt: „Ce n’era più del bisogno, per non alzar mai più il viso tra i galantuomini, o avere ogni momento la spada alle mani.“ [12] Don Rodrigo orientiert sich an den Erwartungen Anderer, besonders an denen des Graf Attilio: „… di fare quel che la gente che ha intorno s’aspetta che faccia un pari suo.“ [13] Hinzufügen ist, dass sich der Antagonist nur in Begleitung seiner Gefolgsleute bewegt, von denen er in einem gewissen Maße abhängig zu sein scheint.

Betrachtet man im späteren Verlauf des Romans die Beziehung, die Don Rodrigo aus strategischen Gründen mit der Figur des Innominato eingeht, so zeigt sich die wahre „Macht“ des Antagonisten. Ohnmächtig sein Vorhaben alleine durchzuführen, bittet Don Rodrigo Letzteren um Hilfe. Das folgende Zitat macht deutlich, dass der Antagonist ein gewisses Maß an Respekt und Ergebenheit verspürt.

„Dal castellaccio di costui al palazzotto die don Rodrigo, non c’era più di sette miglia: e quest’ultimo, appena divenuto padrone e tiranno, aveva dovuto vedere che, a così poca distanza da un tal personaggio, non era possibile far quel mestiere senza venire alle prese, o andar d’accordo con lui.“ [14]

Don Rodrigo, der es zwar vorzieht auf freundschaftlicher Ebene mit dem Innominato zu verkehren, ist jedoch sehr darauf bedacht diese zu verbergen. Dieses Verhalten zeugt von Feigheit und ist weiterer Schwächepunkt seines Charakters:

„Metteva però molta cura a nascondere una tale amicizia, o almeno a non lasciare scorgere quanto stretta, e di che natura fosse.“ [15]

Eine gewisse Zerrissenheit macht sich in diesem Zitat bemerkbar. Einerseits will Don Rodrigo die Vorzüge des bürgerlichen Lebens nicht aufgeben und ist deswegen darauf bedacht die Verbundenheit mit dem Innominato nicht an die Öffentlichkeit dringen zu lassen, andererseits wandte er sich an ihn, um seiner Capriccio für Lucia nachzugehen. Zerrissenheit als ein weiterer Charakterzug macht den Antagonisten bereits an dieser Stelle zu einer Figur mit schwacher Persönlichkeit. Um näher auf das Verlangen Don Rodrigos nach Lucia einzugehen, folgendes Zitat:

„Tante circostanze faverlo al suo disegno infiammavano sempre più la sua passione, cioè quel misto di puntiglio, di rabbia, e d’infame capriccio di cui la sua passione era composta.“ [16]

Auffällig ist, dass Manzoni die Leidenschaft des Antagonisten nicht mit dem Begriff passione bezeichnet, sondern mit capriccio. Die Tatsache, dass Manzoni die Laune des Don Rodrigo nach Lucia so geringfügig beschreibt und sie nur an oben zitierter Stelle näher definiert, gibt Anlass zu vermuten, dass das Verlangen des Antagonisten lediglich der banale Auslöser für das Drama darstellt, der Renzo zum Helden erheben soll.

[...]


[1] Cioran, Émile Michel, Die verfehlte Sch ö pfung, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1994.

[2] Duden online, die deutsche Rechtschreibung unter http://www.duden.de/rechtschreibung/boese (abgerufen am 14.08.2015)

[3] Girardi, Enzo Noè. Struttura e personnaggi dei promessi Sposi. Editoriale Jaca Book Spa, Milano, febbraio 1994. S. 86

[4] Girardi, Enzo Noè. Struttura e personnaggi dei promessi Sposi. Editoriale Jaca Book Spa, Milano, febbraio 1994. S. 87

[5] Manzoni, Allessandro. I promessi Sposi. Rizzoli Editore, Milano 1961.

[6] Manzoni, Allessandro. I promessi Sposi. Rizzoli Editore, Milano 1961.

[7] Manzoni, Allessandro. I promessi Sposi. Rizzoli Editore, Milano 1961.

[8] Manzoni, Allessandro. I promessi Sposi. Rizzoli Editore, Milano 1961.

[9] Manzoni, Allessandro. I promessi Sposi. Rizzoli Editore, Milano 1961.

[10] Girardi, Enzo Noè. Struttura e personnaggi dei promessi Sposi. Editoriale Jaca Book Spa, Milano, febbraio 1994. S. 86

[11] Girardi, Enzo Noè. Struttura e personnaggi dei promessi Sposi. Editoriale Jaca Book Spa, Milano, febbraio 1994. S. 88

[12] Manzoni, Allessandro. I promessi Sposi. Rizzoli Editore, Milano 1961.

[13] Girardi, Enzo Noè. Struttura e personnaggi dei promessi Sposi. Editoriale Jaca Book Spa, Milano, febbraio 1994. S. 88

[14] Manzoni, Allessandro. I promessi Sposi. Rizzoli Editore, Milano 1961.

[15] Manzoni, Allessandro. I promessi Sposi. Rizzoli Editore, Milano 1961.

[16] Manzoni, Allessandro. I promessi Sposi. Rizzoli Editore, Milano 1961.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Das Böse in Alessandro Manzonis Roman "I Promessi Sposi“. Die Rolle des Antagonisten Don Rodrigo
Untertitel
Don Rodrigo - Tiranno o tirannello?
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Romanistik)
Veranstaltung
Manzoni - I promessi sposi
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
16
Katalognummer
V344841
ISBN (eBook)
9783668345294
ISBN (Buch)
9783668345300
Dateigröße
582 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
böse, alessandro, manzonis, roman, promessi, sposi, rolle, antagonisten, rodrigo, tiranno
Arbeit zitieren
Theresa Flammersberger (Autor:in), 2015, Das Böse in Alessandro Manzonis Roman "I Promessi Sposi“. Die Rolle des Antagonisten Don Rodrigo, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/344841

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