Zur Konzeption von Freundschaft in den Briefen des Erasmus von Rotterdam


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
21 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Voraussetzungen und Grundlagen der Freundschaft:
Das Streben nach virtus und das Studium der bonae litterae
2.2 Der Ertrag der Freundschaft Freude (Emotion) und Nutzen (officia, admonitio)

3. Schluß

4. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Freundschaft nimmt im Leben des Erasmus von Rotterdam hohen Rang ein. Für Erasmus, der nie eine Ehe einging und dessen Verhältnis zu seinen Verwandten durch den Makel unehelicher Geburt auf immer belastet blieb, bildeten Freundschaften den wichtigsten sozialen Kontakt.[1]

Dieser biographische Einfluß spiegelt sich in seinem Werk wieder. Erasmus’ wissenschaftliche Schriften setzen sich an verschiedenen Stellen mit dem Topos der Freundschaft auseinander.[2] Eine geschlossene systematische Abhandlung fehlt jedoch. Von der Auffassung ausgehend, die Regeln zum Umgang unter Freunden seien bereits von den klassischen Autoren – insbesondere mit Ciceros Laelius de amicitia – vorgegeben, hielt Erasmus es für unnötig ein theoretisches Werk über die Freundschaft zu verfassen.[3]

Um dennoch Erkenntnisse über die Freundschaft bei Erasmus zu gewinnen, hat es sich die vorliegende Arbeit zur Aufgabe gemacht, Vorstellungen von Freundschaft anhand seiner Korrespondenz herauszuarbeiten. Aus den heute noch erhaltenen rund 3000 Briefen von und an Erasmus wurden dazu drei für die Fragestellung besonders aussagekräftige Briefe als Quellengrundlage[4] herangezogen, nämlich die Briefe Erasmus’ an Thomas Grey[5] vom August 1497, an Johann Werter[6] vom Oktober 1518 und an Ulrich von Hutten[7] vom 23. Juli 1519 .

Da es nicht Ziel der Untersuchung ist, eine einzelne Freundschaftsbeziehung aufzuarbeiten – wie dies etwa Schulte Herbrüggen[8] hinsichtlich Morus tut – sondern allemeingültige Aussagen über die Freundschaftskonzeption bei Erasmus formuliert werden sollen, eignen sich Briefe als Quellenbasis besonders, da sie an verschiedene Empfänger gerichtet und zeitlich gestreut sind. Über die genannten Briefe hinaus werden vereinzelt andere Stellen der erasmusschen Korrespondenz als Beleg angeführt.[9]

Die Analyse der Freundschafts-Konzeption des Erasmus vollzieht sich in zwei Schritten. Zunächst soll der Frage nachgegangen werden, durch welche Faktoren Freundschaft begründet wird. Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, um eine funktionierende Bindung hervorzubringen? Was ist nötig, um einer Freundschaft Bestand zu verleihen? Der zweite Teil der Analyse untersteht der Leitfrage nach dem Ertrag der Freundschaft.[10]

Schon die ältere Forschung, etwa die immer noch bedeutende Erasmus-Biographie von Johan Huizinga (1928), weist in Bezugnahme auf die Korrespondenz auf die besondere Hochschätzung der Freundschaft bei Erasmus hin.[11] Die Deutung bleibt jedoch in Ansätzen stecken und beschränkt sich auf unpräzise Aussage, wie die, Erasmus sei „großer Freund“[12] gewesen. Neuere Biographien, etwa Halkin (1989), greifen diese Ansätze auf und beschreiben die über Dekaden dauernden intensiven Freundschaften des Erasmus – Halkin bezeichnet dies als „Freundschaftskult“.[13] Dennoch werden Vorstellungen von Freundschaft insgesamt nicht in ausreichendem Maße aufgearbeitet.

Von zentraler Bedeutung für die Fragestellung ist hingegen die 1977 erschienene Dissertation von Yvonne Charlier. Die Autorin unternimmt erstmals den Versuch, die Vorstellungen von Freundschaft systematisch zu erfassen. In einem vorangestellten Theoriekapitel arbeitet Charlier fünf Faktoren heraus, die Freundschaft bei Erasmus konstituieren: aequalitas, similtudo, benevolentia, officia und admonitio.[14] In den Folgekapiteln werden verschiedene Freundschaften Erasmus’ empirisch untersucht. Damit kommt Charlier ein großes Verdienst zu. Jedoch konterkariert die Dissertation die Vorgabe des eigenen Titels „Erasme et l’amitie d’apres sa corresondance“, indem sie aus der Korrespondenz gewonnene Ergebnisse mit Bezügen auf theoretische Schriften vermischt.

Die jüngere Forschung beschäftigt sich verstärkt mit der Bedeutung der Freundschaft in der Renaissance. So erläutert Hale (1990)[15] die Funktionsweise der auf intensiven Briefwechseln beruhenden internationalen Vernetzung humanistischer Gelehrter. Burke (1999) weist auf die Bedeutungserhöhung der Freundschaft im 16. Jahrhundert hin und auf die mit ihr einhergehende Emotionalität. Dies spielt, wie gezeigt werden soll, bei Erasmus eine zentrale Rolle. Eine neuere Einzeluntersuchung zum Freundschaftskonzept bei Erasmus ist jedoch aus diesen Studien nicht hervorgegangen. Sie bleibt ein Desiderat der Forschung.

2. Hauptteil

2.1 Voraussetzungen und Grundlagen der Freundschaft

2.1.1 Das Streben nach virtus

Die Bezeichnungen,[16] die Erasmus in seinen Briefen verwendet, um Freundschaftsverhältnisse zu beschreiben, sind gedanklich fest mit dem Begriff der virtus verflochten. Dabei geht Erasmus von der Voraussetzung aus, daß nur eine Bindung, die sich auf Tugend gründe, dauerhaft sein könne:

a lasting affection, based on virtue, can indeed no more come to an end than virtue itself.[17]

Durch diese Annahme wird virtus, zumindest aber das Streben danach, zur unabdingbaren Voraussetzung und Basis einer dauerhaften Freundschaft.[18] Welche Eigenschaften Erasmus indes unter dem komplexen Begriff der virtus subsummiert, ist in den hier untersuchten Teilen seiner Korrespondenz nicht explizit dargelegt.

Daher soll im folgenden versucht werden, Wesensmerkmale des erasmusschen virtus -Begriffes zu rekonstruieren, um dadurch diesen ebenso bedeutsamen wie weitschweifigen Begriff mit Inhalten füllen.

Das soll zunächst ex negativo anhand der Bemerkungen erfolgen, die Erasmus zu den in seinen Augen tadelnswerten Beziehungen macht, deren Teilnehmer er im Brief an Thomas Grey als vulgares[19] amici bezeichnet .[20]

Unter dieser „niedrigen Freundschaft“ versteht Erasmus eine Verbindung, die dem Kalkül entsprießt, die also von vornherein auf persönliche Interessen und Vorteile – vornehmlich finanzieller Art – ausgerichtet ist. Eine solche Verbindung gründet sich auf cupiditas und stellt somit nichts weiter dar als ein Zweckbündnis. Es zerbreche, wenn die Begierden des Zusammenschlusses gestillt oder nicht mehr zu erreichen sind:

if greed be friendship’s foundation, then when the money runs out so will the friendship.[21]

Ebensowenig dürfe aber eine Verbindung, die es verdiene als Freundschaft bezeichnet zu werden, aus einer willkürlichen Laune heraus oder aus der Jagd nach sinnlichen Genüssen (voluptas)[22] entstehen.

Ferner als untugendhaft gelten Erasmus Verbindungen, wie sie häufig bei Hofe entstehen. Dabei spielt er auf die Schmeichlerei der Günstlinge an.[23] Auch die beste Hofgesellschaft sei nicht frei von solchen ‚falschen Freunden’, die nach Gunst strebten und versuchten aus Eigeninteresse persönliche Bindungen mit den Mächtigen zu knüpfen, getrieben von Selbstsucht (ambitio) und Genußsucht (luxus), beschlagen mit der Fertigkeit der Verstellung (fucus).[24]

In Umkehrung der von Erasmus getadelten Eigenschaften, läßt sich auf Werte schließen, die der von Erasmus für die Freundschaft postulierte virtus -Begriff impliziert. Demnach ließen sich die folgenden Dispositionen gegenüberstellen:

ambitio / cupiditas versus Selbstlosigkeit / Wohlwollen

voluptas / luxus versus Bescheidenheit / Mäßigung /

Geringschätzung materieller Werte

fucus versus Aufrichtigkeit

[...]


[1] Vgl. Charlier (1977), S. 32.

[2] Etwa in der institutio christiani matrimonii und in den colloquia. Nicht weniger als 24 der adagia thematisieren das Wesen der Freundschaft. Vgl. Charlier (1977), S. 34.

[3] Gemeint sind aber auch Xenophon, Plato, Aristoteles und Plutarch. Vgl. Charlier (1977), S. 31f.

[4] Hierzu wird die einschlägige Edition von Percy Stafford Allen herangezogen. Um flüssige Lesbarkeit zu gewährleisten, werden längere Passagen im Haupttext aus der wissenschaftlich fundierten und vollständigen englischen Übersetzung collected works zitiert. Der Orginaltext soll aber in der Fußnote angegeben werden. Einzelne Begriffe werden auch im Haupttext im Original zitiert.

[5] opus epistularum (1906), S. 188-190 (no 63).

[6] opus epistularum (1913), S. 412f. (no 875).

[7] opus epistularum (1922), S. 12-23. (no 999).

[8] Schulte Herbrüggen (1988).

[9] Das sind: opus epistularum (1906) no 85 an Nicasius (14. Dez. 1498); opus epistularum (1922) no 1013 an Jacob de Voecht (10. Sept. 1519); opus epistularum (1922) no 1233 an Guillaume Budé, (Sept. 1521), opus epistularum (1924) no 1315 an Huldrych Zwingli (8. Sept. 1522) und opus epistularum no 1900 an Johann von Heemstede (Nov. 1527).

[10] Um semasiologische Fehldeutungen zu vermeiden, ist darauf hinzuweisen, daß die Begriffe „Freund“ und „Freundschaft“ im 16. Jahrhundert in drei verschiedenen Bedeutungsebenen auftauchen. Um das Wortfeld „Freund“ gebildete Begriffe bezeichnen neben dem heute üblichen Verständnis von Freundschaft als „privater Beziehung“ auch Familien- und Klientelverhälntisse. Vgl. Burke (1999), S. 263.

[11] Huizinga (1928) S. 127.

[12] Ebd.

[13] Halkin (1989), S. 50.

[14] Vgl. Charlier (1977), S. 44f.

[15] Vgl. bei Hale vor allem das Kapitel Transmissions – “Th’ intertraffique of the minde”S. 283-295.

[16] Das sind: a mor (opus epistularum (1906) no 63, Z. 13 ), necessitudo (opus epistularum (1906) no 63, Z. 19 ), familiaritas (opus epistularum (1906) no 63, Z. 45 ) cognatio (opus epistularum (1922), no 999, Z. 15) und amicitia (opus epistularum (1922) no 999, Z. 97 und 103 ).

[17] collected works (1974) no 63, Z. 15f. / opus epistularum (1906) no 63, Z. 13f.: Solidus enim amor a virtute profectus tam finem nescit quam virtus ipsa.

[18] Vgl. auch Cicero (1980) VI / 20: sine virtute amicitia esse ullo pacto potest.

[19] Das Adjektiv vulgaris, das im Klassischen Latein in der Bedeutung „gewöhnlich, alltäglich, allbekannt“ verwendet wird, erfährt im mittel- und neulateinischen Sprachgebrauch eine Bedeutungsabwertung und ist nunmehr als „niedrig, pöbelhaft“ zu übersetzen und wird dadurch klar pejorativ.

[20] opus epistularum (1906) no 63, Z. 28.

[21] collected works (1974) no 63, Z. 16f. / opus epistularum (1906) no 63, Z. 16f.: Quos vero voluptas ad amandum allicit, ibi finem amandi faciunt, vbi satietas subierit.

[22] opus epistularum (1906) no 63, Z. 16f.

[23] collected works (1987) no 999, Z. 88-92 / opus epistularum (1922), no 999. Z. 88ff.

[24] […]q uae non multum habeat […] ambitioni, multum fuci, multum luxus. opus epistularum (1922), no 999. Z. 88ff.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Zur Konzeption von Freundschaft in den Briefen des Erasmus von Rotterdam
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte)
Veranstaltung
Freundschaft und Verwandtschaft im Mittelalter
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
21
Katalognummer
V34485
ISBN (eBook)
9783638346894
Dateigröße
665 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konzeption, Freundschaft, Briefen, Erasmus, Rotterdam, Verwandtschaft, Mittelalter
Arbeit zitieren
Tobias Gottwald (Autor), 2004, Zur Konzeption von Freundschaft in den Briefen des Erasmus von Rotterdam, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34485

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