Vernunft und Gesellschaft in der pädagogischen Ethik. Schleiermachers Idee der „handelnden Vernunft“ und die Frage nach der Operationalisierbarkeit ethischer Standards


Seminararbeit, 2003

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Problemstellung

2 Grundlagen zur Ethik Schleiermachers

3 Das Handeln der Vernunft
3.1 Organisierendes und symbolisierendes Handeln der Vernunft
3.2 Das Besondere und Allgemeine

4 Schleiermachers Gesellschaftstheorie
4.1 Die Lebensbereiche
4.2 Erziehung in der Gesellschaft

5 Zur Frage nach der Operationalisierbarkeit ethischer Standards

Literaturverzeichnis

1 Problemstellung

Der Begriff einer „Pädagogischen Ethik“ ist vieldeutig. Nach Hügli ist die Pädagogische Ethik gar „ein bloßer Terminus, der seinen Begriff erst noch finden muss“ (193). Es wäre möglich, die pädagogische Ethik als eine allgemeine ethische Theorie zu bezeichnen, die als Grundlage für die Ausrichtung einer Erziehung dient. In diesem Sinne wäre Schleiermachers Auffassung der Ethik und der Pädagogik zu verstehen. Schleiermacher, der im 19. Jahrhundert als protestantischer Theologe, Plato-Übersetzer, Ethiker sowie als Pädagoge tätig war, misst der Ethik eine hohe Bedeutung bei, denn er bestimmt diese als Grundwissenschaft für alle Disziplinen, die es mit dem menschlich-geistigen Leben zu tun haben (vgl. Schleiermacher 1981, XI). Er geht davon aus, dass „das ethische und das pädagogische Gebiet“ das gleiche seien und es aus diesem Grund keine alleinstehende Pädagogik geben könne (Schleiermacher SW III/9, 730, zit. n. Oelkers 1989, 75).

Zum anderen könnte man unter dem Begriff der Pädagogischen Ethik auch Aussagen über ethische Standards treffen, die Erziehungswissenschaftler in ihrer Berufsausübung beachten müssen. Ferner ist es auch möglich aus der Pädagogischen Ethik eine Lehre zu entwickeln, die versucht zu erschließen, ob und wie man Menschen dazu erziehen kann, dass sie ihr Handeln an ethischen Maßgaben orientieren. Gemäß dieser Definitionen soll in der vorliegenden Arbeit die pädagogische Ethik behandelt werden..

Der erstgenannte Bereich der Pädagogischen Ethik wird im Folgenden anhand der Philosophie Schleiermachers dargestellt. Diese stellt die Grundlage für Schleiermachers Erziehungslehre dar. Dazu erfolgt zunächst in Kapitel 2 ein Überblick über die philosophische Ethik Schleiermachers. Es wird zunächst kurz skizziert, wie er seine Ethik in ein Wissenschaftsgefüge einordnet und aus welchem Ideal er seine Ethik ableitet. Dabei wird allerdings nicht näher auf das von Schleiermacher entworfene dialektische System der Wissenschaften eingegangen. Bei Fischer, der sich eingehender mit Schleiermacher befasst, ist dieses System in ausführlicher Weise dargestellt (vgl. Fischer 2001a, 75-79). Kapitel 3 behandelt den Begriff der handelnden Vernunft, der den Kristallisationspunkt der Sittenlehre darstellt. Dazu werden in Kapitel 3.1. zunächst die Haupttätigkeiten der Vernunft dargestellt und anschließend in Kapitel 3.2. unter den Charakteren des Allgemeinen und des Besonderen betrachtet. Aus den verschiedenen Vernunfthandlungen entwickelt Schleiermacher eine Gliederung der Gesellschaft in Lebensgemeinschaften. Diese werden in Kapitel 4.1 dargestellt. In Kapitel 4.2. wird schließlich eine Verbindung zu seiner Erziehungslehre hergestellt, indem kurz Schleiermachers Verständnis von Erziehung innerhalb der Gesellschaft skizziert wird. Auch wenn seine ethischen Überlegungen als Handlungsorientierung für die Erziehungslehre grundlegend sind, wird im folgenden auf eine detaillierte Darstellung der Erziehungslehre Schleiermachers verzichtet, da dies den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde. Es finden sich aber bei Oelkers (2001), Birr-Chaarana (1993) oder auch Nowack (2002) ausführliche Darstellungen zur Erziehungslehre und zur Pädagogik Schleiermachers. Die beiden zuletzt genannten Auffassungen einer Pädagogischen Ethik sind Grundlage für die in Kapitel 5 behandelte Frage nach der Operationalisierbarkeit ethischer Standards.

2 Grundlagen zur Ethik Schleiermachers

Aus einem obersten Gegensatz von Sein und Wissen leitet Schleiermacher die zwei Grundwissenschaften der Natur (Physik), die man sich als Naturphilosophie vorzustellen hat, und der Vernunft (Ethik), die Schleiermacher als Kultur- bzw. Geschichtsphilosophie entwirft, ab (vgl. Fischer 2001a, 78, vgl. auch Schleiermacher 1981, 251, Nr. 50; 534–536 Nr. 55-61). Die Ethik steht der Physik, der Lehre der Natur, gegenüber (vgl. Schleiermacher 1981, 535f., Nr. 59-60). Dabei stehen beide Disziplinen keineswegs in einem strengen Gegensatz, denn Schleiermacher betont, dass die Ethik auch wie die Physik mit Natur zu tun habe und nicht nur mit der reinen Vernunft (vgl. Schleiermacher 1981, 247, Nr. 18). Das Verhältnis von Natur und Vernunft stellt Schleiermacher auf eine für ihn charakteristische dialektische Art und Weise dar. Grundsätzlich ist es Aufgabe der Vernunft, die Natur zu durchdringen und zu gestalten. Seine Grundüberzeugung ist, dass die Natur, um überhaupt gedacht zu werden, bereits ein Minimum an Vernunft enthält und umgekehrt enthält die Vernunft, um dem Anspruch der Wirklichkeit gerecht zu werden, bereits ein Minimum an Natur (vgl. Schleiermacher 1981, 253, Nr. 67). Die Gegensätze „reine Natur“ und „reine Vernunft“ stellen daher eine Abstraktion dar, die es in der Wirklichkeit nicht gibt (Schleiermacher 1981, 253, Nr. 65). Stets ist ein gewisses Minimum in der anderen Seite enthalten und ein vollkommenes Maximum ist faktisch nicht erreichbar. Ethik hat deshalb von einem vernünftigen Minimum auszugehen, das in jedem Menschen vorhanden ist, welches weiterzuentwickeln und fortzubilden gilt (vgl. Pleger, 6). Die Aufgabe der handelnden Vernunft ist es, den Prozess der Einigung von vernünftiger Natur und natürlicher Vernunft voranzutreiben, so dass sich beide Elemente im Laufe der Zeit in immer stärkerem Maße durchdringen (vgl. Pleger, 15). Das Handeln dieser Vernunft ist ein System von Tätigkeiten, das als unendliche Aufgabe die Durchdringung und Gestaltung der Natur zum Gegenstand hat.

Das Zentrum der Ethik Schleiermachers liegt in der „Lehre vom höchsten Gut“ (Schleiermacher 1981, 556, 1. Anm.). Das höchste Gut wird von Dilthey näher bestimmt als "Gesamtwirkung der Intelligenz auf dieser Erde“ und meint damit das gemeinsame Wirken der durch die Vernunft hervorgebrachten sittlichen Handlungen und das Ergebnis dieses Vorganges (281). Nach Schleiermacher selbst besteht allerdings kein besonderes Wissen darüber, wie man das “höchste Gut“ konkreter als die „Einheit des Seins der Vernunft in der Natur" bestimmen kann (Schleiermacher 1981, 569, Nr. 19). Zur vollen Entfaltung komme das höchste Gut nicht in den Individuen, gleichviel ob es sich um Einzelpersonen oder Kollektivindividuen (Völker, Nationen) handelte (vgl. Nowack 294). Sein eigentlicher Ort war die Gesamtheit der Menschen. Gut wird in seiner Ethik im substantivischen Sinne gebraucht und bezeichnet eine im ethischen Prozess bereits vernünftig gewordene Natur (vgl. Pleger, 17-18).

In Schleiermachers Ethik wird der Mensch nicht nur aufgrund der in ihm vorhandenen Vernunft ausgezeichnet, er ist auch ein Beispiel dafür, dass die Vernunft in der Natur wirksam ist, indem sie organische Gebilde wie den Menschen hervorbringt (vgl. Andersen, 180). Von der Organisation des menschlichen Körpers bis zur vollkommenen geistigen Bildung stellt der einzelne Mensch sogar den höchsten Punkt der Einigung von Vernunft und Natur dar, da der menschliche Körper als Organ der Natur aufgrund von Bildungsprozessen am stärksten von der Vernunft durchdrungen wird (vgl. Pleger, 16). Hinzu kommt, dass nur die Vernunft des einzelnen Menschen in der Lage ist, den ethischen Prozess, die Einigung von Vernunft und Natur, voranzutreiben (vgl. ebd.).

Die Sittenlehre von Schleiermacher gliedert sich dreifach in Güter-, Tugend- und Pflichtenlehre. Die Güterlehre thematisiert das Produkt, das aus der Einwirkung der Vernunft auf die Natur hervorgeht, die Tugendlehre die sittliche Kraft, die allem Handeln zugrunde liegt, und die Pflichtenlehre die Pflichtformeln, an denen sich das sittliche Handeln zu orientieren vermag (vgl. Schleiermacher 1981, 552, Nr. 113-115). Die Güterlehre stellt sich als Grund- und Hauptform der Sittenlehre dar und wird daher im folgenden näher behandelt. In ihr entwickelt Schleiermacher ein Viererschema, das Handlungstheorie und Gütertheorie, miteinander verzahnt und den Bereich der ethischen Handlungsfelder absteckt (vgl. Fischer 2001a, 81).

3 Das Handeln der Vernunft

3.1 Organisierendes und symbolisierendes Handeln der Vernunft

Da Schleiermacher im Gesamthandeln der Vernunft das höchste Gut sieht, entwickelt er ein Schema verschiedener Vernunfthandlungen, die er - dem System der Wissenschaften ähnlich – in Relation zueinander setzt (vgl. Dilthey, XXXIV).

Aus der Grundannahme, der Mensch bilde seine eigene Natur zum Organ der Vernunft aus, ergeben sich „die beiden Hauptfunctionen der Vernunft“; das Handeln der Vernunft auf die Natur gestaltet sich als „organisierendes“ oder als „symbolisierendes“ Handeln (Schleiermacher 1981, 259, Nr. 6).

Gebiet der organisierenden oder auch bildende Tätigkeit der Vernunft ist die Bildung des einzelnen Menschen, der menschlichen Gemeinschaft und die Bildung der Natur (vgl. Pleger, 22). Durch die organisierende Tätigkeit der Vernunft soll sich die Natur zu sinnvoller Ordnung wandelnund sich beherrschen lassen(vgl. Fischer2001a, 81; vgl. auch Schleiermacher 1981, 561f., Nr. 2). Die Natur zu organisieren bedeutet, sie zu einem Werkzeug der Vernunft zu machen. Die organisierende Funktion hat selbst ein „Minimum“ an Einigung von Natur und Vernunft zur Voraussetzung, repräsentiert aber doch „relativ das Eintreten der Vernunft in die Natur“ (Schleiermacher 1981, 263, §1).

Auch für den Begriff „bilden“ gilt analog, dass die handelnde Vernunft der menschlichen Gemeinschaft die Natur formt, um sie in ihren Dienst zu stellen (vgl. Pleger, 19). Die Bildung jedes Einzelnen stellt dabei die Voraussetzung für das Organisieren der äußeren Natur dar. Während aber die Organisation der menschlichen Natur der immer schon vorauszusetzenden Ausgangspunkt ist, denn der „menschliche Leib“ ist als eine „schon gegebene organisirte Natur“ anzusehen, ist der „nie vollständig zu organisirende Erdkörper“ das Endziel (Schleiermacher 1981, 572, Nr. 27). Eine vollkommene Beherrschung der Natur durch den Menschen ist demnach zwar ein anzustrebendes Ideal, aber als solches nicht erreichbar.

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Vernunft und Gesellschaft in der pädagogischen Ethik. Schleiermachers Idee der „handelnden Vernunft“ und die Frage nach der Operationalisierbarkeit ethischer Standards
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Lehrstuhl für Wirtschaftspädagogik)
Veranstaltung
Seminar „Ansätze und Probleme einer Professionsethik für Lehrkräfte an berufsbildenden Schulen"
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
19
Katalognummer
V34502
ISBN (eBook)
9783638347020
ISBN (Buch)
9783638799171
Dateigröße
631 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vernunft, Gesellschaft, Bezugspunkte, Ethik, Schleiermachers, Idee, Vernunft“, Frage, Operationalisierbarkeit, Standards, Seminar, Probleme, Professionsethik, Lehrkräfte, Schulen
Arbeit zitieren
Nina Schach (Autor), 2003, Vernunft und Gesellschaft in der pädagogischen Ethik. Schleiermachers Idee der „handelnden Vernunft“ und die Frage nach der Operationalisierbarkeit ethischer Standards, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34502

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