Die deutsch-türkischen Beziehungen 1933-1945


Masterarbeit, 2015
112 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Überblick: Die deutsch-türkischen Beziehungen vor 1933

3. Die Beziehungen zwischen dem Dritten Reich und der Türkei 1933-1939
3.1 Zivile Zusammenarbeit
3.2 Militärische Zusammenarbeit
3.3 Deutsche Exilanten in der Türkei
3.4 Zwischen Kulturaustausch und Propaganda: Deutscher Einfluss in der Türkei
3.5 Der gegenseitige Einfluss auf die Außenpolitik

4. Die Beziehungen zwischen dem Dritten Reich und der Türkei 1939-1945
4.1 Zivile Zusammenarbeit
4.2 Militärische Zusammenarbeit
4.3 Exilanten und Kriegsflüchtlinge in der Türkei
4.4 Deutsche Propaganda in der Türkei
4.5 Die deutsche und türkische Außenpolitik und ihre Zusammenhänge
4.5.1 Türkischer Kriegseintritt oder nicht?
4.5.2 Der deutsch-türkische Freundschaftsvertrag vom 18. Juni 1941
4.5.3 Der türkische Turanismus vor und nach der Kriegswende
4.5.4 Türkische Verhandlungen mit den Alliierten

5. Fazit

6. Quellen- und Literaturverzeichnis
6.1 Quellen
6.2 Literatur

Danksagung

Für die fachliche Betreuung und kompetente Beratung bedanke ich mich bei Herrn Prof. Dr. Hürter vom Institut für Zeitgeschichte in München, der bei jeder Anfrage stets Hilfsbereitschaft zeigte.

Bedanken möchte ich mich auch bei meiner Mutter und meinem Vater, die mich in meiner Studienzeit stets unterstützt haben. Ein besonderes Dankeschön geht an meine Schwester, die mir immer und in jedweder Form geholfen und mir den Rücken gestärkt hat. Ohne meine Familie wäre ich nicht da, wo ich heute bin.

“Yurtta sulh, cihanda sulh” (Frieden in der Heimat, Frieden in der Welt)

Mustafa Kemal Atatürk

„Deutschland wird entweder Weltmacht oder überhaupt nicht sein“

Adolf Hitler

1. Einleitung

Das Thema des Nationalsozialismus ist in der Geschichtswissenschaft schon häufig unter die Lupe genommen worden. Trotz des Anscheins, dass dieses Thema 'abgearbeitet' wurde, finden sich im Laufe der Zeit Themengebiete, die einer Aktualisierung bedürfen. Ich möchte mich einem Thema widmen, das dieses Problem inne hat: Die Beziehungen zwischen dem Dritten Reich und der Türkei in der Zeit von 1933 bis 1945.

Lothar Krecker hat im Jahr 1964 als erster diese Thematik mit seinem Buch „Deutschland und die Türkei im Zweiten Weltkrieg“ ausführlich behandelt. Die Vorkriegszeit fügte er zwecks Orientierung mit ein und veranschaulichte insgesamt die Verbindungen zwischen dem kriegsführenden und ‚neutralen‘ Land. Nach Kreckers Buch wurde nur noch in der eher knappgehaltenen Arbeit von Yavuz Özgüldür „Türk-Alman ilişkileri: (1923 – 1945)“ [Übers.: Türkisch-deutsche Beziehungen: (1923-1945)] aus dem Jahr 1993 und dem besser aufbereiteten Werk Cemil Koçaks „Türk-Alman Ilişkileri 1923-1939. Iki Dünya Savaşı Arasındaki Dönemde Siyasal, Kültürel, Askeri ve Ekonomik Ilişkiler“ [Übers.: Türkisch-deutsche Beziehungen 1923-1939. Politische, kulturelle, militärische und wirtschaftliche Beziehungen zwischen den beiden Weltkriegen] aus dem Jahr 1991 der größere Kontext erarbeitet. In den übrigen Forschungsarbeiten wurden wichtige Eckpunkte der Thematik nur im Sinne einer Einführung kurz umrissen. Dagegen finden sich viele Autoren, die Teilaspekte der deutsch-türkischen Beziehungen untersuchten. Zu den aktuellsten und empfehlenswertesten Werken gehören u.a. die Arbeiten von Corry Guttstadt „Die Türkei, die Juden und der Holocaust“, von Burcu Doğramacı „Kulturtransfer und nationale Identität. Deutschsprachige Architekten, Stadtplaner und Bildhauer in der Türkei nach 1927“ und Berna Pekesen „Zwischen Sympathie und Eigennutz. NS-Propaganda und die türkische Presse im Zweiten Weltkrieg“.

Das Ziel dieser Arbeit soll es sein, erneut die deutsch-türkischen Beziehungen im größeren Kontext von 1933-1945 mit alten aber auch neueren Forschungsergebnissen zu erarbeiten und auszuwerten. Die detaillierte und mühevolle Arbeit, die Lothar Krecker in seinem Werk geleistet hat, kann hier jedoch aufgrund des vorgegebenen Umfangs einer Masterarbeit nicht erbracht werden. Es soll vielmehr ein Versuch sein, die wichtigsten Ereignisse zu erfassen und in akzeptabler Breite auf den aktuellen Stand der Forschung zu bringen, um das deutsch-türkische Verhältnis in jener Epoche besser bewerten zu können.

Um der Arbeit eine Leitlinie zu geben, bedarf es einer Problemstellung, welche wie folgt lautet: Welche Handlungsbereiche umfassten die deutsch-türkischen Beziehungen in der Zeit von 1933-1945 und wie wirkte sich das gegenseitig aus?

Wie alle bisher veröffentlichten Werke auch hat diese Arbeit gezwungenermaßen eine Begrenzung, die in gegenwärtiger Lage nicht überschritten werden kann. Die Archive des türkischen Außenministeriums jener Epoche sind nach wie vor verschlossen, weshalb die türkische Sicht nur aus sekundären Quellen bezogen werden kann. Zumindest ist die deutsche Sicht dagegen durch die veröffentlichten Akten des Auswärtigen Amtes ersichtlich, weshalb sie auch in dieser Arbeit mitberücksichtigt werden.

Im Rahmen der nationalsozialistischen Expansionsbestrebungen sowohl an Land, wie auch in Medien, Kultur, Militär und Wirtschaft wird diese Arbeit vielmehr den deutschen Einfluss auf die Türkei belegen können. Lediglich in der Außenpolitik können in breiterem Bogen der türkische Einfluss auf die Deutschen wiedergegeben werden, weil sich aus den türkischen Entscheidungen eine klare Reaktion der Deutschen aufzeigen lässt.

Um des Umfangs der Masterarbeit aber auch um der intensiveren Betrachtung deutscher und türkischer Forschungsarbeiten willen, begrenzt sich die Recherche dieser Arbeit auf Werke deutscher und türkischer Sprache. Das schließt jedoch anderssprachige Forschungsarbeiten nur indirekt aus, da es sowohl übersetzte Werke gibt, als auch einige Arbeiten die Quellen und Werke anderssprachiger Autoren mitberücksichtigten. Der erhöhten Gefahr einer subjektiven Sicht deutscher und türkischer Autoren zu dieser Thematik soll daher stets Rechnung getragen werden.

Damit in dieser Arbeit der Rahmen für die deutsch-türkischen Beziehungen geschaffen werden soll, werden mit Kapitel 2 kurz die deutsch-türkischen Verhältnisse vor dem Zeitraum von 1933 betrachtet, um darauf aufbauend die künftigen Entwicklungen besser nachvollziehen zu können. Im weiteren Verlauf werden, um eine gewisse Periodizität ermöglichen zu können, die Zeiten von 1933-1939 und 1939-1945 in jeweils getrennten Unterkapiteln (Kapitel 3 und 4) behandelt.

In Kapitel 3.1 und 3.2 sowie 4.1und 4.2 soll die deutsch-türkische Zusammenarbeit betrachtet werden, die in eine zivile und militärische Kategorie unterteilt wird. Neben Handelsbeziehungen soll auch der Austausch und die Ausbildung von Fachkräften sowie der Bau von Fabriken unter deutscher Leitung in der Türkei mitberücksichtigt werden.

Die Kapitel 3.3 und 4.3 betrachten die Flüchtlinge, die aufgrund der Vertreibung durch die NS-Regierung oder aufgrund des Zweiten Weltkrieges Schutz in der Türkei gesucht hatten. Dabei soll die türkische Haltung zu den Flüchtlingen und gegebenenfalls die deutsche Reaktion aufgezeigt werden.

Die deutsche Propaganda spielte im Inland wie auch im Ausland eine große Rolle. Dazu gehörte auch die Türkei, deren geostrategische Bedeutung wichtig war, aber ihre endgültige Haltung vor und im Krieg stets unsicher blieb. Kapitel 3.4 und 4.4 sollen die propagandistischen Aktivitäten Deutschlands in der Türkei sowie gegebenenfalls die türkische Reaktion aufzeigen. In der Vorkriegszeit wurde oft auch der Kulturaustausch für die Propaganda verwendet. Wo der Kulturaustausch instrumentalisiert wurde, soll ebenfalls erfasst werden.

Insbesondere ab der zweiten Hälfte der 30er Jahre wurde die Außenpolitik unter den revisionistischen Kräften ausgenutzt, um die Machtbasis durch Annexionen zu erweitern. Die außenpolitischen Aktionen der Diktatoren sowie die Reaktionen der Gegenmächte konnten zwischen Krieg und Frieden entscheiden. Kapitel 3.5 soll die deutsche und türkische Außenpolitik von 1933-1939 zusammenfassend wiedergeben und die türkische bzw. deutsche Reaktion auf die Entscheidungen aufzeigen. Hierbei sollen insbesondere die letzten beiden Jahre vor dem Kriegsausbruch in den Fokus rücken, weil die Entscheidungen in dieser Zeit den Beginn sowie den Fortgang des Krieges mitbestimmt hatten.

Kapitel 4.5 zeigt unter gewissen Schwerpunkten die Außenpolitik in der Kriegszeit. In einem soll der Frage nach dem türkischen Kriegseintritt zwischen 1939 und 1941 nachgegangen werden (4.5.1). Im weiteren Verlauf wird die Entstehung des deutsch-türkischen Freundschaftsvertrages vom 18. Juni 1941 erarbeitet und dessen Bedeutung ermittelt (4.5.2). Im Folgenden wird der aufkommende und insbesondere in Verbindung mit dem Russlandfeldzug zusammenhängende türkische Turanismus gezeigt sowie der Bezug zu den Deutschen aufgebaut (4.5.3). Schließlich werden die aufgrund des Kriegsverlaufs voranschreitenden Verhandlungen zwischen der türkischen Regierung und den Alliierten aufgezeigt sowie die deutsche Reaktion wiedergeben (4.5.4).

Im Laufe der Arbeit wird auffallen, dass die Themenschwerpunkte in den ersten Unterkapiteln gelegentlich durch die außenpolitische Situation bedingt sind. An diesen Stellen wird daher auch der Hinweis eingefügt, dass sie in kommenden Kapiteln einer ausführlicheren Behandlung unterzogen werden. Weshalb in dieser Arbeit dennoch die Außenpolitik erst in späteren Kapiteln erarbeitet wird, liegt darin begründet, vorab nicht zu viel aus den deutsch-türkischen Beziehungen preiszugeben. Die Behandlung der Außenpolitik umfasst viele Bereiche der vorigen Thematiken und beendet sie gewissermaßen mit dem Abschluss der Analyse. Um die Nebenschauplätze der Beziehungen objektiver zu betrachten, nicht zu viel vorwegzunehmen und eine gewisse ‚Spannung‘ zu behalten, werden die außenpolitischen Ereignisse erst nach der Erarbeitung der speziellen innerdeutsch-türkischen Beziehungen behandelt.

Kapitel 5 versucht schließlich mit den vorangegangenen Ergebnissen eine kurze Zusammenfassung sowie Bewertung der deutsch-türkischen Beziehungen abzugeben, um das Paradoxon der türkischen Annäherung mit zeitgleicher Distanz zum Dritten Reich zu erklären.

2. Überblick: Die deutsch-türkischen Beziehungen vor 1933

Streng genommen sind deutsch-türkische Beziehungen bereits im 15. Jahrhundert im Rahmen von Handelsbeziehungen aufzufinden.[1] Erst 300 Jahre später sollte es Preußen sein, das im Osmanischen Reich einen potenziellen Verbündeten gegen Russland und Österreich fand. Aufgrund der osmanischen Ansicht, nicht mit Christen zu paktieren, gelang es dem preußischen Königreich lediglich 1761 ein Freundschafts- und Handelsabkommen abzuschließen. 1790 gelang es schließlich ein Fünf-Punkte umfassendes Abkommen zu unterschreiben, das die Interessen Preußens und des Osmanischen Reiches sichern sollte. Dies kam aber wiederum erst Anfang des 20. Jahrhunderts zur Geltung. Die immer prekärer werdende Lage des Osmanischen Reiches, sowohl militärisch als auch wirtschaftlich hinter den übrigen Großmächten zu liegen, zwang das Sultanat geradezu mit den Deutschen ein engeres Verhältnis zu pflegen. Aufgrund der parallelen imperialistischen Interessen und Grenzstreitigkeiten, traute die osmanische Seite den übrigen Mächten nicht mehr.[2]

Die Intensivierung der osmanischen und deutsch-kaiserlichen Beziehungen begann erst unter Kaiser Wilhelm II. am Ende des 19. Jahrhunderts. Während der deutsche Kanzler Otto von Bismarck keinen Nutzen und sogar eine Bedrohung für den europäischen Frieden im Osmanischen Reich sah,[3] unterstrichen die Orientreisen des Kaisers im Jahre 1888, 1898 und 1917 sowie die Erklärung, ein treuer Freund der Moslems zu sein, die deutsche Annäherung an den osmanischen Vielvölkerstaat mit dem Sultan und Kalifen an dessen Spitze.[4] Neben der wirtschaftlichen sowie militärischen Zusammenarbeit, aus der die Türken von der Technologie, militärischen Erfahrung und Endprodukten, die Deutschen dagegen vom Erlös, von Rohstoffen und auch von Geheimberichten durch ihre Berater profitierten,[5] spielten auch die imperialistischen Ambitionen des Deutschen Reiches eine Rolle. Das Ziel der deutschen Führung war es u.a. mit dem deutschen Einfluss das Osmanische Reich zu einem nach Deutschland orientierten Staat zu verwandeln, um ihre eigene Machtstellung gegenüber den anderen Großmächten zu steigern.[6]

So kam es, dass „auf allen Gebieten, der politischen, der militärischen, der verkehrstechnischen, der wirtschaftlichen und der kulturellen Zusammenarbeit, ein hohes Maß von Intensität erreicht“[7] worden war. Die fortgeführten und intensivierten Beziehungen, die Aussichtslosigkeit mit anderen Mächten ein Bündnis zu schließen sowie die Angst unterzugehen, sofern das Sultanat sich nicht für eine Seite entschied,[8] führten zu einer starken Bindung an das Deutsch Reich. Zum Eintritt des Osmanischen Reiches in den 1. Weltkrieg an der Seite der Mittelmächte kam es dagegen nicht aus Überzeugung, vielmehr einerseits aufgrund deutscher Drohungen, die Kontakte mit dem Sultanat zu beenden und im Falle eines türkisch-russischen Krieges neutral zu bleiben. Wie schwer solch ein Schritt für das Osmanische Reich gewesen wäre, ist anhand der soeben ermittelten Beziehungen ersichtlich. Andererseits war es aber eine mächtige Persönlichkeit im Osmanischen Reich selbst, die das Sultanat in den Abgrund stürzte. Enver Pascha, der einflussreichste Mann im Osmanischen Reich, der ohne die Zustimmung des Sultans zum Kriegsminister wurde und de facto über das Reich herrschte, war vom deutschen Sieg überzeugt und erhoffte sich mit diesem Bündnis verlorengegangene Gebiete zurückzuerhalten. Neben diesem verfolgte er im Sinne der turanischen Bewegung das Ziel, alle Türkischstämmigen in einem Staat zu vereinen. Daher führte er, ohne die Zustimmung des Kabinetts, eine Reihe von Entscheidungen durch, dessen Ergebnis am 29. Oktober 1914 die Bombardierung russischer Häfen durch deutsche und türkische Schiffe war.[9]

Das Ergebnis des Krieges ist wohlbekannt und die Konsequenz der Niederlage voraussehbar. Bereits mit dem Waffenstillstandsvertrag von Mudros vom 30. Oktober 1918 wurde jegliche Zusammenarbeit zwischen dem Deutschen Kaiserreich und dem Osmanischen Reich unterbunden.[10]

Acht Monate nach dem neuen Friedensvertrag von Lausanne vom 24. Juli 1923,[11] der den viel härteren Vertrag von Sévres vom 10. August 1920[12] aufgrund der türkischen Siege in Anatolien zugunsten der Türken revidierte, gab er der neuen nationalen Regierung unter Mustafa Kemal Pascha wieder die nötige Handlungsfreiheit, um am 03. März 1924 mit der Weimarer Republik einen Freundschaftsvertrag zu vereinbaren und die deutsch-türkischen Beziehungen von neuem zu beginnen. Hierauf folgten auch Gespräche für ein künftiges Handelsabkommen.[13]

Entgegen der Erwartungen kam es zwischen den Waffenbrüdern zu keiner ‚Schuldzuschieberei‘, im Gegenteil. Beide waren durch die Westmächte in ihrer Souveränität und territorialen Integrität bedroht, weshalb sie auch durch das geteilte Leid gegenseitige Sympathie empfanden. Die bisherigen guten Beziehungen, wohl aber auch die Hoffnung beider, durch engeren Kontakt wieder voneinander zu profitieren, brachten die ehemaligen Verbündeten wieder näher.[14]

Auch wenn einige Punkte im Vertrag von Lausanne noch nicht berücksichtigt wurden und die Türkei an eben diesen Stellen bedingt revisionistisch auftrat,[15] war Mustafa Kemals Regierung gewillt, eine Politik der Neutralität zu verfolgen und die verbliebenen Forderungen wenn möglich auf diplomatischem Wege durchzusetzen, was sie auch zum größten Teil schaffte. Die Forderungen der Deutschen dagegen, auch aufgrund ihrer Höhe, blieben von der Weimarer Republik bis ins Dritte Reich hinein unerfüllt, weshalb es nie zu einer vollständigen Befriedung mit den Siegermächten kam.[16]

Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen der Weimarer Republik und der Türkei stiegen, bis auf kleine Rückfälle, ab 1923 an. Schon zur dieser Zeit verfolgte Deutschland das Ziel, eine wirtschaftliche Expansion in den Osten durchzuführen und Rohstoffe gegen Endprodukte einzutauschen. Der Türkei kam das gelegen. Durch diese Entwicklung schafften sie es sogar fast zu „dem“ Rohstoffexporteur Deutschlands zu werden.[17] Deutschland gelang es mit dieser Politik 1933 schließlich Spitzenreiter im Import und Export in der Türkei zu werden.[18] Neben dem Handel entsandte die deutsche Seite vor 1933 auch Berater auf ziviler und militärischer Ebene, um die Türken auf ihrem Weg zur Modernisierung zu unterstützen.[19] Gerade diese Modernisierungsbemühungen ermöglichten es deutschen Lehrern und Professoren in der Türkei tätig zu werden und Einfluss auf die Bildung zu nehmen.[20] Dieser Kurs, der bereits Mitte der 20er Jahre in Gang gesetzt wurde, führte zu vielen deutsch-türkischen Vereinbarungen. Es wurden türkische Auszubildende nach Deutschland entsandt, deutsche Fachkräfte arbeiteten in der Türkei, der Bau von türkischen Fabriken unter deutscher Leitung sowie die Aufstockung von Kriegsgeräten aus deutschen Fabriken wurde vorangetrieben.[21] Außenpolitisch unterstützte die türkische Regierung stets die Erstarkungsbemühungen der Weimarer Republik und zeigte den deutschen Bestrebungen, sich vom Versailler Vertrag zu lösen, viel Sympathie, weshalb Deutschland in seinen Revisionswünschen lange die Türkei auf ihrer Seite hatte.[22] Wir sehen also bereits sowohl vor dem Ersten Weltkrieg als auch von 1924-1933 eine enge deutsch-türkische Beziehung, die aber im Rahmen dieser Arbeit nicht weiter erläutert werden soll.[23] Es ist jedoch festzuhalten, dass die Zeit danach bereits aus einem starken deutsch-türkischen Verhältnis gründete.

Die Machtübernahme Hitlers und der Beginn des Nationalsozialismus in Deutschland 1933 markierte neben innenpolitischen Angelegenheiten auch in der Außenpolitik eine Wende. Die bisher relativ parallel verlaufende Politik beider Länder sollte von diesem Zeitpunkt an Stück für Stück schwinden, was früher oder später zu Reibungen führen musste. Inwieweit die deutsch-türkischen Beziehungen dadurch beeinflusst wurden und welche Themen ab 1933 in den Fokus gerückt waren, soll in den folgenden Kapiteln erarbeitet werden.

3. Die Beziehungen zwischen dem Dritten Reich und der Türkei 1933-1939

Die deutschen Erstarkungsbemühungen in den 30er Jahren mussten die wirtschaftlichen Beziehungen mit anderen Ländern einbeziehen, um das schwache Reich zu regenerieren. Um die Industrie zu fördern, bedurfte es an Rohmaterial, wovon es in Südosteuropa reichlich gab. So sollten der Balkan und wieder die Türkei Ziel wirtschaftlicher Beziehungen werden, um Rohstoffe günstig zu erwerben und Fertigprodukte weiterzuverkaufen. Mit dieser Strategie konnte zeitgleich auch das Ziel angestrebt werden, die mittelgroßen Staaten im Balkan wirtschaftlich und später auch politisch abhängig zu machen. Die türkische Regierung dagegen war bestrebt, ihr Land zu modernisieren und von den fortschrittlichen Ländern Europas zu profitieren. Das ehemals gute Verhältnis zwischen Türkei und Deutschland riss auch durch den Kurs der NS-Regierung in den 30er Jahren nicht ab, weil beide Länder weiterhin ihren Nutzen ziehen konnten.[24]

Mit diesem Kapitel soll die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und der Türkei nach zivilen und militärischen Handlungsbereichen getrennt betrachtet werden. Die kulturellen Einflüsse, die in dem Sinne auch zur zivilen Zusammenarbeit zählen können, sollen hierbei in einem späteren Kapitel (3.3) in Verbindung mit der Propaganda erarbeitet werden.

3.1 Zivile Zusammenarbeit

Unter ziviler Zusammenarbeit sollen neben den gegenseitigen Handelsbeziehungen[25] auch speziell die in die Türkei entsandten Fachkräfte sowie der Bau der Fabriken durch die Deutschen in Betracht gezogen werden. In diesem Sinne soll dieser Teil der Arbeit den vermeintlich ‚unbedenklichen‘ Teil der türkischen Beziehung zum NS-Regime aufzeigen.

Die nach dem Ersten Weltkrieg und gegen Ende des Befreiungskrieges entstandene Republik Türkei im Jahre 1923 war im Gegensatz zu ihren europäischen Nachbarn wirtschaftlich, militärisch sowie industriell schwach aufgestellt. Diesen Zustand galt es mithilfe der europäischen Märkte zu verändern. Als Agrarland war es der Türkei im Bereich der Landwirtschaft immerhin gelungen, Anfang der 30er Jahre durch die Hilfe deutscher Fachkräfte sowie Studienaufenthalten türkischer Studenten in Deutschland Fortschritte zu erzielen und viele Überschüsse zu produzieren. Doch der türkische Außenhandel war nicht in der Lage, diese effizient auf den internationalen Märkten zu verkaufen. Durch Deutschland sollte dieses Problem behoben werden. Die Türkei belieferte das Deutsche Reich selbst und präsentierte zugleich seine Produkte in Europa, damit künftig vermehrt in andere Länder exportiert werden konnte. Unter anderem deshalb war die türkische Seite erneut an einer starken Zusammenarbeit mit Deutschland interessiert.[26]

1933 war das Jahr, in welchem die deutsch-türkische Wirtschaft stärker miteinander verbunden werden und bis 1939 ansteigen sollte. Am 10. August 1933 wurde in Berlin ein Handelsabkommen zwischen der Türkei und dem Deutschen Reich unterzeichnet. Zeitgleich wurde auch ein Clearingvertrag[27] zwischen der „Türkiye Cumhuriyeti Merkez Bankası“ (Übers. Türkische Zentralbank) und der Reichsbank vereinbart.[28] Der Import aus der Türkei erhielt viele Freiheiten, darunter geringere Zollgebühren für türkische Ware. Als Gegenleistung durfte Deutschland 121 Artikel ohne Zollgebühren in die Türkei exportieren. Beide Seiten waren gewillt, die wirtschaftlichen Beziehungen unter Grundlage dieses Abkommens zu fördern. So wurde der Import bulgarischen Tabaks nach Deutschland 1934 verboten, damit türkischer Tabak einen größeren Marktanteil gewinnen konnte.[29] Um ein Gleichgewicht beim Warentausch beizubehalten, waren beide Seiten bestrebt, zu den gekauften Waren auch entsprechend Gleichwertiges zu verkaufen. Grundsätzlich verpflichteten sich beide Seiten vom Abnehmer im Gegenzug etwas zu kaufen. Diese Form des Handels ermöglichte mit wenig Geldtransfer größere Mengen an Waren zu tauschen.[30] Weiterhin wurde 1934 für die türkische Seite ein Kredit in Höhe von 20 Millionen Lira eröffnet, dessen Nutzung auf deutsche Fachkräfte, Finanzierung von Fabriken sowie Maschinen festgelegt wurde.[31]

Der Anstieg der Handelsbeziehungen führte in der „Deutschen Kolonie“ in Istanbul zu einem Zuwachs an deutschen Mitbürgern. In der neuen türkischen Hauptstadt Ankara gab es auch eine kleine deutsche Kolonie, in der Regierungsvertreter und Geschäftsleute lebten. Zwischen 1933 und 1944 wohnten 2000-3000 nicht emigrierte Deutsche in der Türkei. Die Zahl der in Berlin lebenden Türken stieg insbesondere nach 1933 stark an. Waren es 1933 noch 585 Türken, wurde 1936 die bis dahin höchste Zahl von 2644 und 1938 sogar 3310 erreicht.[32]

Ein zweites Abkommen wurde am 15. April 1935 unterzeichnet, welches eine Ergänzung bzw. Aktualisierung eines bereits bestehenden Abkommens vom 27. Mai 1930 darstellte. Ohne auf die Details einzugehen, wurden auch hier Vergünstigungen von Zollgebühren zwischen 12,5 % und 60% vereinbart sowie die freie Einfuhr aller türkischen Waren nach Deutschland erlaubt. Das Abkommen sollte vom 01. Mai 1935 bis zum 30. April 1936 gültig sein.[33] Weitere Handelsabkommen folgten am 19. Mai 1936, 30. August 1937 und am 25. Juli 1938. Das letztgenannte Abkommen hatte eine Laufzeit bis zum 31. August 1939.[34] Aufgrund des ungleichen Warenaustauschs und der daraus entstandenen Salden, waren neu ausgehandelte Verträge notwendig geworden.[35]

Die Entwicklung der wirtschaftlichen Beziehungen war von der deutschen Seite gewissermaßen kontrolliert worden. Wie bereits genannt, hatte die Türkei im internationalen Markt eine lange Zeit Schwierigkeiten gehabt, ihre Waren zu verkaufen. Nur Deutschland entwickelte sich zu einem guten Abnehmer. Fast alle türkischen Produkte wurden von der deutschen Seite zu erhöhten Preisen gekauft, was zur Konsequenz hatte, dass die meisten Artikel direkt nach Deutschland exportiert wurden. Dagegen wurden aber auch die Fertigprodukte aus Deutschland zu erhöhten Preisen an die Türkei verkauft. Dies führte dazu, dass der gleichmäßige Tausch auf lange Sicht nicht mehr eingehalten werden konnte und die Türkei ab 1938 gemessen an der Menge mehr exportierte, als sie importieren konnte. Als einziger Abnehmer bestimmte auch Deutschland zunehmend die Preise.[36]

Die türkische Einfuhr nach Deutschland, welche 1933 noch 37,9 Millionen Reichsmark betrug, war 1939 bereits 122,6 Millionen Reichsmark. Somit schaffte es die Türkei Platz 12 bei den deutschen Einfuhrländern einzunehmen. Die Ausfuhr stieg zwischen beiden Ländern auch rapide an. War die deutsche Ausfuhr in die Türkei 1933 noch bei 36,3 Millionen Reichsmark, waren es 1938 schon 151,4 Millionen Reichsmark. In der deutschen Ausfuhr war die Türkei auf Rang 10 gestiegen. Wie stark die Türkei von dieser Bindung abhängig wurde, zeigen folgende Daten: während der türkische Anteil auf die deutsche Ein- und Ausfuhr nur 2,6% und 2,9% ausmachte, war der deutsche Anteil auf die türkische Ein- und Ausfuhr 1938 45% und 39,7%, womit das Deutsche Reich in der Türkei im Import und Export auf Platz 1 stand. Allgemein betrug der Wert des deutsch-türkischen Handels 1933 74,2 Millionen Reichsmark, welches bis 1937 stets anstieg und 1937 einen Wert von 208,9 Millionen Reichsmark erreichte.[37]

Die im Prozess der Industrialisierung befindliche Türkei begann seit ihrer Gründung moderne Fabrikanlagen zu bauen bzw. bauen zu lassen. Die dadurch benötigten Berater, Ingenieure und Spezialisten kamen in der Zeit von 1933-1939 häufig aus Deutschland. Für das Jahr 1939 gehen Schätzungen von 2000 deutschen Mitarbeitern aus, die in der Türkei tätig waren. Die deutsche Ausfuhr von Industrieausrüstungen und Maschinen an die Türkei stieg von 1937 bis 1938 von 59,2 Millionen Reichsmark auf 94,4 Millionen Reichsmark an.[38]

Die deutsche Firma Krupp gehörte zu den größeren Investoren in der Türkei und war bereits im Osmanischen Reich vor Ort vertreten. Neben dem Bau von Zugschienen, der Materialbeschaffung für Lokomotiven und der Investition in die Papierproduktion samt Geräten und Fachkräften, gewährte sie am 6. Januar 1935 der „Sümerbank“ einen Kredit in Höhe von 9 Millionen Lira, um die Metallindustrie in der Türkei mit dem Bau einer Fabrik zu fördern.[39]

Auch die Verbesserung der Häfen und Schiffe sollte vorangebracht werden. 1936 beteiligten sich drei deutsche Firmen bei der Vergrößerung des Docks in Gölcük mit 30 Millionen Reichsmark, damit künftig größere und modernere Schiffe gebaut werden konnten.[40]

1936 wurde, um den deutschen Einfluss etwas zu verringern, der in Karabük geplante Bau einer Metall- und Eisenfabrik nicht an die Firma Krupp, sondern an die englische Firma Brassert vergeben. Um das jedoch zu kontern, schickte die deutsche Regierung im November 1936 Finanzminister Hjalmar Schacht in die Türkei. Dieser versicherte bessere Bedingungen für den Kauf deutscher Schiffe sowie die Abnahme von türkischer Kohle. Den englischen Sieg schwächte das aber nicht ab.[41] Einfluss verlor die deutsche Seite dagegen auch nicht. Im selben Jahr erweiterte die Firma „Wagner“ eine Eisengießerei und ein Walzwerk um eine Blechherstellungsstelle. Die 1937 begonnene und ein Jahr später fertiggestellte erneute Erweiterung um ein Zahnradatelier übernahm die Firma „Hahn und Kolb“. Hinzu kam ein Kohlekraftwerk durch die Firma „AEG“.[42]

Zusammenfassend investierten deutsche Firmen zwischen 1934 und 1938 in der Türkei auf ziviler Ebene für Lokomotiven und Schienen, Erze, Chemie, Elektrizität und Stadtgas. Dadurch wurden die deutschen Firmen zu den Lenkern der türkischen Industrie.[43] Allgemein wurden zwischen 1933 und 1938 80% der türkischen Industrieanlagen durch deutsche Investoren finanziert und gebaut.[44]

Zweifellos musste aufgrund der türkisch-englisch-französischen Annäherung 1939[45] die deutsch-türkische Zusammenarbeit Schaden nehmen. Am 16. Januar 1939 wurde ein Kredit in Höhe von 150 Millionen Reichsmark vereinbart, wovon 90 Millionen für den Kauf von Industriegütern verwendet werden sollten. Dieses Abkommen wurde jedoch von deutscher Seite nicht mehr genehmigt.[46] Das am 25. Juli 1938 unterzeichnete Waren und Zahlungsabkommen, welches am 31. August 1939 auslief, wurde unter den gegebenen Umständen auch nicht mehr verlängert.[47]

Von 1933-1939 sehen wir eine große deutsche Investition in der Türkei, die die Industrie in Anatolien nahezu im Alleingang aufbaute. Deutsche Fachkräfte wurden in die Türkei und türkische Fachkräfte zur Ausbildung nach Deutschland geschickt. Die deutsch-türkische Wirtschaft auf ziviler Ebene war daher stark an das Dritte Reich gebunden. Warum hier einige Beispiele ausführlich wiedergegeben wurden, liegt daran, dass die große Menge an deutschen Mitteln und Materialen, die für die Türkei ausgegeben wurden, verdeutlicht werden soll. Es sollte hiernach kein Zweifel daran gelassen werden, dass die Türkei ohne deutsche Investitionen es viel schwieriger gehabt hätte, solche Fortschritte in solch kurzer Zeit zu erreichen. Sicherlich hätten auch übrige Länder einige Industriezweige mitgefördert, falls Deutschland in der Türkei passiver vorgegangen wäre. Die deutsche Kaufbereitschaft türkischer Waren und das deutsche Engagement beim Aufbau der türkischen Industrie, auch aufgrund eigener und höherer Ziele, wie es sich noch zeigen wird, waren aber beispiellos. Die deutsch-türkische Beziehung auf ziviler Ebene nach 1933 kam also trotz des Aufstiegs des Nationalsozialismus in Deutschland zu einer regelrechten Blüte und förderte somit den Aufbau der türkischen Industrie und wurde zum Motor der bereits bestehenden deutschen Industrie durch Rohstoffe. Dieses wird im nächsten Kapitel gezeigt.

3.2 Militärische Zusammenarbeit

Der zweite Teil des deutsch-türkischen Verhältnisses stellt nun die militärische Zusammenarbeit bzw. die mit dem Militär in Verbindung stehenden Beziehungen vor, die in höherem Maße von der Außenpolitik beider Parteien abhängig sein konnte.

Das langfristige Ziel der deutschen Regierung war es, die Türkei derart an Deutschland zu binden, dass die Politik der türkischen Regierung unter deutschem Einfluss stand. Eine Möglichkeit, dieses Ziel zu erreichen, war das ohnehin von deutscher Seite beeinflusste türkische Militär deutschfreundlicher zu machen.[48] Bereits während des Ersten Weltkrieges und auch in der Zwischenkriegszeit waren deutsche Offiziere in der Türkei tätig. Dies wurde auch in der Zeit des Nationalsozialismus weitergeführt. Mittlere und höhere Offizierskorps in der Türkei wurden von den Deutschen ausgebildet. Militärattaché Hans Rohde leitete die Ausbildung in der Türkei. Wie stark der deutsche Einfluss in den 30er Jahren gewachsen war, zeigen allein die Möglichkeiten des deutschen Botschafters in Ankara Franz von Papen ab 1939. Er konnte mit türkischen Militärkreisen Kontakt aufnehmen, um Einfluss auf die türkische Diplomatie zu nehmen.[49]

Am 05. Dezember 1935 gab es unter hohen türkischen Politikern, türkischen Offizieren sowie deutschen Marineberatern eine Konferenz über die Verteidigung der Dardanellen durch die türkische Marine. Botschafter Keller teilte dies dem Auswärtigen Amt mit und machte auf künftige Abkommen bezüglich des Verkaufs von deutschem Kriegsgerät aufmerksam.[50] Im selben Jahr wurden deutsche U-Boot-Offiziere als Berater in die Türkei geschickt. Dabei war auch der spätere Großadmiral Karl Dönitz. Der Bau einer Fabrik für Schusswaffen wurde ebenfalls in diesem Jahr beschlossen, welcher 1939 fertiggestellt wurde. Übernommen wurde der Auftrag von der Firma „Fritz Werner“.[51]

Größere türkische Militärkomplexe unter deutscher Bauaufsicht, konzentrierten sich auf drei Ortschaften. Militärmaterialien für Bodenstreitkräfte kamen aus den Fabriken in Kırıkkale, Flugzeuge entstanden in der Flugzeugfabrik in Kayseri und die Gerätschaften für die See sollten aus der Werft in Gölcük kommen.[52] Somit wurde, wenn auch im Vergleich zu Industriestaaten in sehr geringem Maße, allen Bereichen der Kriegsindustrie Rechnung getragen.

Deutsche Waffenlieferungen fanden ab 1935 einen starken Zuwachs. Die Firma Krupp beteiligte sich vor dem Ersten Weltkrieg daran, die Türkei mit den wichtigsten Kriegsgeräten zu beliefern, um dadurch sowohl eigene Artikel zu verkaufen als auch Einfluss zu gewinnen. Der wieder entstandene Waffenhandel mit der Firma Krupp wurde von deutscher Seite damit genehmigt, dass es für sie von großem politischem Interesse war. Daher bürgte das Dritte Reich auch für einige Abkommen. Um wenigstens bei der Bedienung der deutschen Kriegsgeräte unabhängiger agieren zu können, kam der türkische Wunsch, die in den deutschen Heeresverbänden vorhandenen türkischen Offiziere zu erhöhen. Dadurch sollten ausreichend ausgebildete Personen für den Gebrauch des Materials zur Verfügung stehen.[53] Nach dem neuen Meerengenabkommen und der Remilitarisierung der Dardanellen und dem Bosporus ab 1936[54] war die Firma Krupp bestrebt, ihre Kriegsgeräte für die Verteidigung der Region den Türken anzubieten. Die türkische Regierung gab diesen Auftrag jedoch einer englischen Firma. Dennoch konnte Krupp 1936/37 anderweitig Erfolge in der Türkei verbuchen.[55]

Insbesondere 1936 zwang die Verknappung der für die Ausrüstung notwendigen Rohstoffe in Deutschland die rohstoffreichen südöstlichen Staaten Europas wirtschaftlich noch näher an sich zu binden. In diesem Jahr bezahlte Deutschland an die Türkei für die Lieferung von Rohmaterial an die deutsche Kriegsindustrie 45 Millionen Lira bzw. 91 Millionen Reichsmark. Da der Vertrag auf einen Tausch von Produkten ausgelegt war, blieb der Türkei keine Wahl, als zu dem Zeitpunkt elf Schiffe von der Germania Werft zu bestellen.[56] Im Dezember desselben Jahres wurde der Bau einer Schießpulver-Fabrik von der deutschen Firma „Köln-Rottweil“ übernommen.[57]

1937 besuchte eine deutsche Militärdelegation auf Einladung der türkischen Regierung die Türkei. Sie besuchten die militärischen Anlagen sowie Truppen in Istanbul und Ankara und legten ein Gutachten ab.[58] Im selben Jahr versuchte die deutsche Industrie im Bereich der Luftfahrt Fuß zu fassen, welcher in der Türkei bisher von Amerika und Großbritannien geführt wurde. Neben anfänglichem Erfolg bei einem Verkauf von zehn Ausbildungsflugzeugen am 26. April 1937, sollte Ende 1938 ein Kredit in Höhe von 40 Millionen Reichsmark vereinbart werden, der für die Luftfahrt genutzt werden sollte. In diesem Vertrag waren 60 Messerschmidt-109 Jäger sowie acht Heinkel-111Bomber vorgesehen. Der Vertrag wurde dann scheinbar in das 150-Millionen-Reichsmark-Kreditabkommen eingebaut, weil dieselbe Menge an Flugzeugen dort enthalten war.[59] Neben dem Kauf von Flugzeugen erlaubte das deutsche Luftfahrtministerium in der Türkei auch geheime Fliegervorschriften zu lehren, deren beliebige Weitergabe jedoch verboten wurde.[60]

1938 sollten zwölf türkische Offiziere zwecks Ausbildung nach Deutschland geschickt werden. Diese sollten auf Bitten der türkischen Regierung und der Überzeugungsarbeit vom Militärattaché Hans Rohde sowie Botschafter Friedrich Keller zusätzlich zu den bereits in Deutschland tätigen zwölf türkischen Offizieren hinzugefügt werden. Rohde und Keller begründeten dies mit der Sympathie der türkischen Armee zu Deutschland und dass eine Ablehnung diese Sympathie schmälern und die Entscheidung sich auch auf die Politik auswirken könne. Mit der Annahme jedoch würde Deutschland mit dem Rückhalt der türkischen Armee rechnen können.[61]

Das Erz Chrom, welches für die Kriegsindustrie einen besonderen Wert hatte, wurde von der Türkei in großen Mengen an Deutschland exportiert.[62] 1925 betrug der Wert an geliefertem Chrom noch 5.000 Reichsmark (RM), 1929 35.000 RM, 1937 3.437.000 RM und 1938 3.048.000 RM. Dies machte über 50% des deutschen Bedarfs aus. Generell bestand ca. 30% des türkischen Exports an Deutschland aus Rohmaterialien für die Kriegsindustrie.[63] Bei der Zusammenarbeit mit der Türkei war das Ziel des NS-Regimes das langfristige Wohl des eigenen Landes und seiner Industrie. Unterstützung sollte nur dort gegeben werden, wo keine Konkurrenz zu deutschen Firmen entstehen konnte. Deshalb wurde die Errichtung von Fabriken zur Weiterverarbeitung von Chrom von deutscher Seite abgelehnt wie auch die Errichtung einer Magnesiummetall-Anlage, die ebenfalls für die Kriegsindustrie wichtig war.[64]

Wie bereits genannt wurde Ende 1938 über einen Kredit in Höhe von 150 Millionen Reichsmark verhandelt, wovon 90 Millionen Reichsmark für die Industrie, die übrigen 60 Millionen dagegen für die türkische Armee ausgegeben werden sollten. Der Vertrag wurde am 16. Januar 1939 unterzeichnet. Neben den Industriegütern waren auch verschiedene Kriegsgeräte, wie etwa deutsche Flugzeuge und U-Boote vorgesehen. Aufgrund der außenpolitischen Ereignisse im Jahr 1939 jedoch wurden die Flugzeuge sowie drei U-Boote nicht an die Türkei übergeben.[65] Übrige Lieferungen wurden entweder verspätet oder mit schlechter Qualität verschickt, weshalb auch der Generalsekretär des türkischen Außenministeriums Numan Menemencioğlu sich beim deutschen Außenminister Joachim von Ribbentrop beschwerte.[66] Generalfeldmarschall Hermann Göring stoppte am 03. Mai 1939 mit Zustimmung Hitlers die Lieferung von sechs Geschützen, am 24. Mai wurden Lieferungen weiterer Kriegsgeräte unterbunden.[67] Ribbentrop schlug sogar vor, jedwede Verbindungen mit der Türkei zu beenden. Der dringend benötigte Bedarf an Chrom sollte dieser Idee aber entgegenstehen. Die Nichtlieferung von Kriegsgeräten konterte die Türkei nämlich mit der Drohung, die Chromlieferungen einzustellen. Auch die deutschen Waffenhersteller setzten die deutsche Regierung unter Druck, die Beziehungen mit der Türkei weiter zu pflegen, weil sie große Mengen an Waffen an die Türkei verkauften. Papens Warnungen, dass durch die Haltung der deutschen Regierung Lieferungen von Kriegsgeräten in Höhe von 124.592.000 Reichsmark ausfallen, dass das Inkrafttreten von Garantien im Falle von Nichtlieferungen 70.468.000 Reichsmark betragen sowie laufende Bauarbeiten militärischer Gebäude durch deutsche Arbeiter eingestellt werden würden, brachten kein Erfolg. Weil die deutsche Regierung strikt auf die Nichtlieferung von Waffen und sonst auch auf die Begrenzung des Abkommens beharrte, kam die wirtschaftliche Zusammenarbeit beider Länder am 01. September 1939 zum Erliegen.[68]

1939 stellte Papen die Bilanz auf, dass die türkische Armee und Marine von deutschen Instrukteuren und nach deutschem Vorbild ausgebildet werden würde.[69] Aus den bisher ermittelten Daten kann dem auch zugestimmt werden. Und auch wenn es darum ging, Militärfabriken zu bauen, war Deutschland ganz weit vorne. Es ließ sie bauen und erweitern. Die türkische Kriegsindustrie entstand deshalb meist durch die deutsche Investitionsbereitschaft. Dabei gab es diese Beziehungen nicht nur um des Profits willen. Der deutsche Außenhandel wurde gezielt als Stütze für die deutsche Außenpolitik angesehen. Die Taktik bestand darin, gute Abkommen zu schließen, mit denen die Partner mehr als nur zufrieden sein konnten. Im Falle der Türkei traf dies vollkommen zu. Die aus Kapitel 3.1 ermittelten Ergebnisse kommen auch hier zum Tragen, weil die Handelsverträge teils auch kriegswichtige Rohstoffe enthielten. Der Nebeneffekt war jedoch die Abhängigkeit. Die Balkanstaaten und die Türkei exportierten schließlich 50-70% ihrer Waren Richtung Deutschland. Somit dienten die wirtschaftlichen Beziehungen von deutscher Seite auch politisch als Druckmittel, die später gegen den Handelspartner angewandt wurde.[70] Die Türkei war 1939 ein Opfer dieses Druckmittels. Die NS-Regierung drohte, die so kostbar gewordenen Beziehungen zu beenden. Dass die Türkei trotz der Gefahr eines wirtschaftlichen Kollaps nicht klein bei gab, wird sich noch zeigen.

Die deutschen Einflussversuche und die kurze Wiedergabe außenpolitischer Prozesse galten hier zumindest als notwendig, um die Verflechtung der militärischen Zusammenarbeit mit der Außenpolitik widerzuspiegeln. Denn insbesondere in diesem Falle hatte die deutsche Seite ein klares Ziel in der Türkei, nämlich den politischen Druck und den Einfluss der militärischen Kreise für ihre eigenen Zwecke. Betrachten wir auch hier die deutschen Investitionen, kann der deutsche Versuch als recht erfolgreich angesehen werden, weil sie hier in allen Bereichen involviert waren. Die Türkei als schwaches Agrarland gilt hier auch als Profiteur, jedoch mit dem Risiko, aus dieser Zusammenarbeit nicht mehr herauskommen zu können und die Souveränität zu verlieren, für die die Türken nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reich doch so hart gekämpft hatten. Es war eine profitable, gewinnbringende aber zugleich gefährliche Zusammenarbeit mit dem ‚Teufel‘, der sein Gesicht nur Stück für Stück preisgab. Die Konsequenzen der deutsch-türkischen Abmachungen wurden zu spät erkannt. Bevor die Analyse der Außenpolitik noch weiter geöffnet wird, gehen wir zunächst zu zwei anderen Themen über, die in den deutsch-türkischen Beziehungen nicht unberücksichtigt bleiben sollten. Für die militärische Zusammenarbeit kann zusammenfassend wiedergegeben werden, dass auch hier die deutsch-türkischen Beziehungen einen großen Zuwachs erlebten, die sonst zuletzt wohl kurz vor und während des Ersten Weltkrieges stattfanden.

3.3 Deutsche Exilanten in der Türkei

Nach der Machtübernahme und der Politik Hitlers wurden viele deutsche Wissenschaftler aus ihrer Arbeit entlassen sowie des Landes verwiesen. Deshalb entstand 1933 in Zürich die „Notgemeinschaft Deutscher Wissenschaftler“ durch den ehemaligen deutschen Professor Phillip Schwartz. Zur selben Zeit war die türkische Regierung durch die gesetzten Ziele ihres Präsidenten Atatürk bestrebt, eine Universitätsreform in die Wege zu leiten.[71] Die „Darülfünun“ (Übers.: Das Tor der Wissenschaften) wurde am 31. Mai 1933 geschlossen, um mit ihrer Neueröffnung als „Istanbul Üniversitesi“ eine modernere und dem westlichen Bildungsstandart angelehnte Universität zu bilden.[72]

Was in der Türkei nun am dringendsten benötigt wurde, waren europäische Akademiker, um das Ziel der neuen Universität zu erreichen. Der türkische Bildungsminister Reşit Galip sprach aus diesem Grund mit dem Vorsitzenden der Notgemeinschaft Deutscher Wissenschaftler Phillip Schwartz. Schwartz hörte von den Bemühungen des Schweizer Pädagogen Albert Malche, welcher von der türkischen Regierung beauftragt wurde, die Gründung der Universität in Istanbul in die Wege zu leiten. Auf Malches Anfrage hin reiste Schwartz nach Istanbul. Nach einer neun-stündigen Unterredung, wurden allein in die Universität in Istanbul 30 Professoren vermittelt und vertraglich für fünf Jahre eingestellt. Mit der Formulierung des Professors Fritz Neumark erfolgte an diesem Tag das „deutsch-türkische Wunder“. Sogar in Konzentrationslager verschleppte Professoren konnten auf türkische Anfragen hin entlassen werden, um ihren Dienst in der Türkei aufnehmen zu können. Die Verwandten der Professoren wurden ebenfalls durch türkische Bitten freigelassen. Danach besuchte Schwartz auch den Hygieneminister Refik Saydam, welcher ebenfalls Professoren für ein Hygieneinstitut sowie ein Krankenhaus in Ankara suchte. In einem zweiten Besuch in Istanbul konnte Schwartz für weitere Hochschulen Arbeitsplätze für die geflüchteten Akademiker sichern. Diese Entwicklung führte im Wintersemester 1933/34 zu 82 deutschen Hochschullehrern in der Türkei, dazu noch 70-100 Assistenten, Lektoren sowie medizinisches und technisches Personal. Die Reisekosten wurden von türkischer Seite gedeckt.[73]

Das zeitgleiche Aufeinandertreffen zweier Ereignisse konnte die bedrohte Existenz von deutschen Gelehrten retten und ihnen Möglichkeiten eröffnen, bei der Umstrukturierung eines neuen Landes mitzuwirken. Aus türkischer Perspektive konnte mit den neu eingestellten Professoren die Universität die gewollte Änderung erfahren. Wo ehemals Wissen aus der Enzyklopädie vermittelt wurde, sollten die Studenten nun Untersuchungen durchführen und bewerten. Mit der Unterstützung der deutschen Professoren wurden auch neue Bibliotheken und Institute eröffnet.[74] Neben Schwartz war auch der Inspektor für türkische Auslandsstudenten in Berlin Cevat Dursunoğlu für Anwerbungen deutscher Spezialisten tätig. Mit dem Auftrag des türkischen Unterrichtsministeriums warb er neben dem späteren Berliner Bürgermeister Ernst Reuter auch beispielsweise Paul Hindemith und Carl Ebert an. Seine Bemühungen verhalfen ebenfalls vielen arbeitslosen und geflüchteten Akademikern, ihren Beruf in der Türkei weiterführen zu können.[75]

Albert Einstein, der als Ehrenpräsident des in Frankreich ansässigen „Œuvre de secours aux enfants“ (OSE) am 17. September 1933 einen Brief an den türkischen Ministerpräsidenten schrieb, um 40 Professoren und Ärzten eine Arbeit in der Türkei zu ermöglichen, wurde jedoch abgelehnt.[76] Die Türkei war mit den Professoren unter Phillip Schwartz vorerst bedient. 1938 gelang es dennoch einigen österreichischen Gelehrten, die aufgrund des deutsch-österreichischen Zusammenschlusses fliehen mussten, der Zugang in die türkischen Hochschulen.[77]

Die deutschen Exilanten kamen wie berichtet nicht allein. Viele brachten neben Mitarbeitern auch ihre Familien mit. Zu Beginn der Emigration waren es mindestens 275 Emigrantenkinder. 63 davon waren in Ankara geboren oder emigriert, wovon 42 jüdischer Abstammung waren. Diese bekamen die Möglichkeit in türkische Schulen zu gehen. Dies wurde jedoch wenig in Anspruch genommen. Vielmehr war es Privatunterricht, den die meisten erhielten. Die unter den Emigranten bekannt gewordene Frau Leyla Kudret[78] war eine der bekanntesten Privatlehrerinnen, die die Kinder in Ankara in vielen Fächern unterrichtete. Dabei galt es für sie als wichtig, die Emigrantenkinder und Kinder der Reichsdeutschen Familien separat zu unterrichten.[79]

Die Solidarität unter den Exilanten stieg im Laufe ihrer Lehrtätigkeit in der Türkei. Nur wenige Akademiker konnten sich der türkischen Gesellschaft anpassen. Daher kamen sie untereinander zusammen. Neben gegenseitiger Hilfe wie bei einer Wohnungssuche oder einer neuen Arbeitsstelle nach Beendigung des Vertrages, organisierten sie auch unter sich Vorträge und Veranstaltungen. Auch Widerstandsgruppen wie die Auslandsgruppe der „Kommunistischen Partei Österreichs“ unter dem Architekten Herbert Eichholzer oder der „Deutsche Freiheitsbund“, welche insbesondere nach dem Sturz Nazi-Deutschlands agieren wollte, konnten sich in der Türkei organisieren. Diese Gruppen hatten es aber schwer zu handeln, da sie sowohl vom deutschen Geheimdienst, als auch von türkischen Behörden verfolgt wurden.[80]

Über die deutschen Exilanten waren die deutschen Stellen im Bilde. Neben Beobachtungen, Ausspionierungen und auch Drohungen deutscher Emigranten ab dem Jahr 1935, war insbesondere der Bericht von ‚Oberregierungsrat und Sonderreferent für Ostfragen‘ Herbert Scurla im Jahr 1939, welches eine Auflistung von deutschen Hochschullehrern in der Türkei zeigt, ein wichtiges Dokument für die deutschen Bestrebungen. Dadurch konnten sie die Zahl und die Gefahr durch emigrierte Flüchtlinge feststellen. 1938 wurden diesbezüglich Fragebögen an die deutschen Hochschullehrer in der Türkei gesendet, die sie ausfüllen mussten. Darin wurde u.a. gefragt, ob sie „Arier“ seien oder nicht.[81] Im Laufe der 30er Jahre kamen Entzug der deutschen Papiere sowie das Verbot der Ausreise seitens der Gestapo hinzu, die dadurch verhindern wollte, dass insbesondere die Professoren ausreisen konnten.[82] Deutsche Einflussnahme auf die türkischen Stellen halfen dagegen wenig. Selbst Hitler soll dem ehemaligen Ministerpräsidenten und ab 1939 Staatspräsidenten Ismet Inönü vorgeschlagen haben, Exilanten gegen Reichsdeutsche zu ersetzen. Inönü lehnte jedoch ab.[83]

Was wir sehen, ist eine klare Linie der türkischen Regierung, die sich von deutschen Stellen nicht beeinflussen lässt. Das Ziel Atatürks, eine moderne Türkei zu schaffen, war zu wichtig und die Chance, die sich durch die flüchtenden Wissenschaftler ergab, war zu groß. Die deutsche Regierung stieß daher auf taube Ohren, wenn sie die türkische Seite darum bat, die Wissenschaftler zu entlassen. In diesem Sinne konnten sich die Exilanten glücklich schätzen, eine Stelle in der Türkei erhalten zu haben. Die türkische Regierung unterstützte sie mit besten Mitteln. Dies ist jedoch die eine Sichtweise. Auf der anderen Seite darf der Grund für die Einstellungen nicht außer Acht gelassen werden. Dies geschah nämlich nicht primär aufgrund der Großzügigkeit und der Hilfsbereitschaft der türkischen Regierung. Es war vielmehr der Eigennutz, der den Wissenschaftlern zu dieser ‚Ehre‘ verhalf.

Nichts desto trotz war die Aufnahme dieser Wissenschaftler ein Segen, den die Türkei ihnen gewährte. Sie verhalf neben ihnen auch ihren Mitarbeitern und Familien in Sicherheit leben zu können. Dies hätte die türkische Seite nicht zwingend machen müssen und die Einreise von Familienmitgliedern verzögern oder gar verhindern können. Das taten sie jedoch nicht. Trotz des primär aus Eigennutz entstanden türkischen Verhältnisses mit den geflüchteten Wissenschaftlern, verhielt sich die türkische Regierung mehr als großzügig und gab ihr Bestes, den Akademikern und ihren Familien gute Lebensbedingungen zu ermöglichen.[84]

Die Aufnahme einer größeren Zahl von Juden, welche u.a. durch Philipp Schwartz vorgeschlagen wurden, stieß dagegen auf Ablehnung.[85] Aus den Untersuchungen anderer Historiker ist festzustellen, dass die Türkei nicht als Exilland für Juden bezeichnet werden kann, sondern vielmehr als ein Exilland für deutsch-jüdische Wissenschaftler. Durch verschiedene Zählungen betrug die Gesamtzahl jüdischer Flüchtlinge aus Deutschland zwischen 1933-1945 in die Türkei lediglich 500-600.[86] Damit diese Zahl auch gering blieb, wurde im Frühjahr 1937 eine interne Anweisung des türkischen Außenministeriums abgegeben, in welcher die Immigration von Juden in die Türkei unterbunden werden sollte. Die Frage aus der deutschen Botschaft, wieso die Einreise von deutschen Juden verweigert würde, beantwortete die türkische Seite damit, dass die Immigration in die Türkei nur Türkischstämmigen vorbehalten sei. Abschiebungen von 300-400 jüdischen Personen wurden bereits Mitte 1937 geplant. Juden, die aus Deutschland ausgebürgert wurden und sich in der Zeit in der Türkei aufhielten, bekamen in ihrer Aufenthaltsbescheinigung den Stempel „HAYMATLOZ – YAHUDI“.[87]

[...]


[1] Die deutschen Stadtstaaten erhielten indirekt Ware aus dem Osmanischen Reich über beispielsweise Österreich und Venedig. Vgl. Özgüldür 1993, S. 2.

[2] Vgl. ebd., S. 2ff.

[3] Vgl. Knigge 2007, S. 7.; Vgl. Özgüldür 1993, S. 7.

[4] Diese Erklärung war zugleich aber auch eine Provokation an die Briten und Franzosen, unter deren Besitzungen mehr Moslems lebten, als im Osmanischen Reich. Vgl. Doğramacı 2008, S. 45; Knigge 2007, S. 11, 18. Der Titel des Kalifs, der ein relatives Gegenstück zum Papst war und sowohl eine geistliche wie auch weltliche Funktion im Islam inne hatte, war durch die Eroberung Ägyptens an die osmanische Dynastie gefallen, bis sie es durch die Abschaffung des Kalifats durch Mustafa Kemal Atatürk 1924 verlor. Vgl. Doerfer 1982, S. 117.

[5] Vgl. Kienitz 1962, S. 201f.; Özgüldür 1993, S. 8ff.

[6] Vgl. Glasneck; Kircheisen 1968, S. 15; Knigge 2007, S. 12.

[7] Kienitz 1962, S. 202.

[8] Vgl. Özgüldür 1993, S. 20ff.

[9] Vgl. Hostler 1960, S. 181ff.; Özgüldür 1993, S. 24ff. Zur turanischen Bewegung siehe Kapitel 4.5.3.

[10] Vgl. Krecker 1964, S. 11. Dies hielt die beiden ehemaligen Verbündeten jedoch nicht davon ab, insgeheim in Kontakt zu treten und sich zu unterstützen. Während des türkischen Befreiungskrieges, insbesondere gegen die griechischen Truppen in Anatolien (1919-1923), erhielten die türkischen Soldaten 1921 militärisches Material von Deutschland, die über Russland und Italien illegal verschifft wurden. Vgl. Koçak 1991, S. 3; Uzgel; Kürkçüoğlu 2003, S. 153.

[11] Aufgrund der Landung von griechischen Soldaten an der anatolischen Westküste im Mai 1919 mobilisierten sich Widerstandskämpfer, um die Besatzer aus Anatolien zu verdrängen. Gleichzeitig begann das Bestreben Kemal Paschas aus dem osmanischen Vielvölkerstaat einen türkischen Nationalstaat zu errichten. Nach einem Waffenstillstand mit den Alliierten setzte die Nationalregierung in Ankara das Sultanat am 2.11.1922 ab. Am 3.3.1924 folgte die Abschaffung des Kalifats, das zuvor vom Cousin des letzten osmanischen Sultans noch übernommen wurde. Vgl. Banken 2014, S. 144, 150ff., 409ff. Der durch den „Kurtulus Savaşı“ (Übers. Befreiungskrieg) beeinflusste Vertrag von Lausanne beinhaltete, um die wichtigsten zu nennen, den Verzicht der Vorrechte der Siegermächte und die damit nahezu vollständig wiedererhaltene Souveränität der Türkei sowie eine Neuregelung über die Verwaltung der Meerengen zugunsten der Türkei. Erst 1936 fand eine weitere Revision des Meerenbenabkommens statt, welche im weiteren Verlauf der Arbeit noch gezeigt wird. Vgl. Oran 2003, S. 237f. Für eine ausführliche Darstellung des Vertrages von Lausanne siehe Banken 2014, S. 425ff.

[12] Für den Inhalt des Vertrages von Sèvres, siehe Banken 2014, S. 174ff.

[13] Vgl. Krecker 1964, S. 11.; Özgüldür 1993, S. 36. Zu einem endgültigen Abschluss eines Wirtschaftsabkommens kam es erst am 28.4.1927, welches am 27.5.1930 erneuert wurde. Vgl. Özgüldür 1993, S. 44f.

[14] Diesem Kreis der ‚Leidenden‘ schloss sich auch die neu entstandene und isolierte Sowjetunion an, um gemeinsam „ den Rücken im Kampf gegen den westlichen Imperialismus freizubekommen“. Durch diese Annäherung kam es zwischen den drei neuen Regierungen zu bedeutsamen Verträgen. Vgl. Krecker 1964, S. 12f.; Özgüldür 1993, S. 36f.

[15] Eine von diesen war die Frage um Mossul und seiner Region im heutigen Nordirak. Die Türkei versuchte die Ländereien in ihr Hoheitsgebiet auf diplomatischem Wege zu reintegrieren. Die Verhandlungen fanden insbesondere mit den Briten statt, welche die Region seit dem Ende des 1. Weltkrieges verwalteten. Laut türkischer Seite war Mossul türkisches Gebiet, weil die Region widerrechtlich nach dem Waffenstillstandsvertrag von Mudros von den Briten besetzt wurde. Die Erdölvorkommen spielten dabei die größte Rolle. Nach langen Verhandlungen, einigten sich die Parteien, Mossul nicht der Türkei zu übertragen aber 10% des Gewinns des hier gewonnenen Erdöls mit der Türkei zu teilen. Somit klärte sich dieses Problem mit dem Mossulvertrag vom 5.6.1926, was die Beziehung zwischen den Briten und Türken verbesserte. Vgl. Banken 2014, S. 134, 156, 435ff.; Krecker 1964, S. 26; Uzgel; Kürkçüoğlu 2003, S. 260ff. Zu den ‚legalen Revisionsbestrebungen‘ des Meerengenabkommens und der Angliederung der Region um Hatay soll im weiteren Verlauf noch eingegangen werden.

[16] Vgl. Krecker 1964, S. 13; Koçak 1991, S. 97.

[17] Vgl. Uzgel; Kürkçüoğlu 2003, S. 304.

[18] Vgl. Oran 2003, S. 250.

[19] Vgl. Uzgel; Kürkçüoğlu 2003, S. 299.

[20] Vgl. Kienitz 1962, S. 202. Die türkische Seite entschied sich deutsche Wissenschaftler in der Türkei zu engagieren, weil sie „am wenigsten gefährlich“ erschienen. Glasneck 1966, S. 25.

[21] Vgl. Tekeli; Ilkin 2013, S. 79ff.; Özgüldür 1993, S. 51ff.; Koçak 1991, S. 38ff.

[22] Vgl. Uzgel; Kürkçüoğlu 2003, S. 299.

[23] Für die Zeit von 1918-1833 empfiehlt sich das Werk von Sabine Mangold-Will: „Begrenzte Freundschaft. Deutschland und die Türkei 1918-1933“.

[24] Vgl. Glasneck; Kircheisen 1968, S. 20; Koçak 1991, S. 200f.; Özgüldür 1993, S. 71f.

[25] Ohne auf den Handel von Kriegsgeräten einzugehen, welche erst im nächsten Kapitel behandelt wird.

[26] Vgl. Gaier 2007, S. 36; Glaesner 1976, S. 48; Özgüldür 1993, S. 80. Die Türkei tat sich schwer, ihre Produkte an die übrigen europäischen Mächte zu verkaufen, weil diese Länder die meisten Artikel auch von ihren Kolonien qualitativ hochwertiger und günstiger erhalten konnten. Vgl. Koçak 1991, S. 201.

[27] Clearing ist eine Form des Handels zwischen zwei Partnern, die ohne Devisen einen Tausch ihrer Produkte vorziehen. Geregelt wird das durch spezielle Clearingämter oder auch durch Banken. Erst im Falle von Forderungen, die aufgrund eines Ungleichgewichts im Tausch der Waren entstehen können, werden Devisen mit einbezogen. Vgl. Uzgel; Kürkçüoğlu 2003, S. 305.

[28] Vgl. Özgüldür 1993, S. 80. Vermutlich wurde der Vertrag u.a. durch den ausdrücklichen Wunsch des türkischen Außenministers Tevfik Rüştü Aras an den deutschen Diplomaten Wilhelm Fabricius zum Abschluss gebracht. Der politische Bericht von Fabricius, in welchem Aras um den baldigen Abschluss des Vertrages bat, wurde am 7.8.1933 an das Auswärtige Amt gesandt. Das Wirtschaftsabkommen wurde am 10.8. unterschrieben. Vgl. ADAP, Serie C, Bd. 1-2, S. 285ff.; Koçak 1991, S. 210. Diese und künftige Seitenangaben aus den „Akten zur deutschen auswärtigen Politik“ (ADAP) beziehen sich auf die PDF-Seiten der in der Homepage der Bayerischen Staatsbibliothek zur Verfügung gestellten Akten.

[29] Vgl. Glaesner 1976, S. 38f.; Özgüldür 1993, S. 80f.

[30] Vgl. Özgüldür 1993, S. 84.

[31] Vgl. Uzgel; Kürkçüoğlu 2003, S. 304.

[32] Vgl. Doğramacı 2008, S. 30; Koçak 1991, S. 182.

[33] Vgl. Glaesner 1976, S. 45; Özgüldür 1993, S. 81f.; Reichsgesetzblatt, Teil II, 1935, S. 384ff.

[34] Vgl. ADAP, Serie D, Bd. 5, S. 701f.; Koçak 1991, S. 213, 218, 222.

[35] Vgl. Glaesner 1976, S. 76ff.

[36] Vgl. ebd., S. 58; Glasneck; Kircheisen 1968, S. 21; Koçak 1991, S. 201; Özgüldür 1993, S. 85f.

[37] Vgl. Koçak 1991, S. 240f., 244f.; Krecker 1964, S. 23.; Özgüldür 1993, S. 82f. Cemil Koçak macht noch einen Vergleich zwischen deutschen und türkischen Statistiken, um die unterschiedlichen Ergebnisse hervorzuheben. Häufig werden in den Forschungsarbeiten andere Werte angegeben. Der hohe Einfluss Deutschlands auf die Türkei ist jedoch immer klar ersichtlich. Vgl. Bozay 2001, S. 60; Koçak 1991, S. 240ff.; Tillmann 1965, S. 18. Um künftig nicht zu abhängig von Deutschland zu sein, begann die türkische Regierung mit anderen Ländern ihre wirtschaftlichen Beziehungen zu stärken. Ein Erfolg kann der Londoner Vertrag vom 27.5.1938 gelten, in welchem englische Anleihen in Höhe von 16 Millionen Pfund Sterling vereinbart wurden. Vgl. Krecker 1964, S. 24. Andererseits fragte der Generalsekretär des türkischen Außenministeriums Numan Menemencioğlu den deutschen Außenminister Joachim von Ribbentrop 1938, ob Deutschland noch mehr Waffen liefern könne, um von England unabhängiger agieren zu können. Vgl. ADAP, Serie D, Bd. 5, S. 701. Vermutlich war solch eine Herangehensweise auch beabsichtigt, um beide Seiten gegeneinander auszuspielen und selbst Nutzen daraus zu ziehen.

[38] Vgl. ADAP, Serie D, Bd. 5, S. 1003; Glanseck, Kircheisen 1968, S. 22; Krecker 1964, S. 23.

[39] Vgl. Glasneck; Kircheisen 1968, S. 25; Koçak 1991, S. 204; Özgüldür 1993, S. 88. Neben der Firma Krupp waren auch die Firmen Otto Wolff, Ferostahl, Vereinigte Stahl-Werke, Gutehoffnungshütte, Henschel und Sohn, Bergmann-Borsig, Siemens und die AEG in der Türkei vertreten. Vgl. Koçak 1991, S. 203.

[40] Vgl. Özgüldür 1993, S. 89.

[41] Vgl. Koçak 1991, S. 205; Tekeli, Ilkin 2013, S. 60f. Die Sorge, von Deutschen zu stark abhängig zu werden, bewegte sich die Türkei in Richtung Großbritannien. Auch wenn London einen geringeren Einfluss Deutschlands in der Türkei wünschte, konnten sie türkische Produkte nicht in dem Maß einkaufen, wie es die Deutschen taten. Großbritannien konnte daher nicht als erhoffter Handelspartner gegenüber Deutschland mithalten. Vgl. Ackermann 1978, S. 492f.

[42] Vgl. Tekeli; Ilkin 2013, S. 81, 105.

[43] Vgl. Özgüldür 1993, S. 89f.

[44] Vgl. ebd., S. 109.

[45] Mehr dazu in Kapitel 3.5.

[46] Vgl. Koçak 1991, S. 238f. Dies war ursprünglich eine Antwort auf die englischen Kredite in Höhe von 16 Million Pfund Sterling, um den Einfluss nicht an die Briten zu verlieren bzw. ihren eigenen Einfluss zu stärken. Die politischen Ereignisse ließen eine Genehmigung des Kredits aber nicht mehr zu. Umgerechnet betrugen 150 Millionen Reichsmark 12,5 Millionen Pfund Sterling. Vgl. ADAP, Serie D, Bd. 5, S. 695; Glasneck; Kircheisen 1968, S. 38.

[47] Vgl. Özgüldür 1993, S. 114; Schreiber 1984, S. 138.

[48] Vgl. Koçak 1991, S. 184.

[49] Vgl. Glasneck; Kircheisen 1968, S. 28.

[50] Vgl. ADAP, Serie C, Bd. 4-2, S. 253f.; Glaesner 1976, S. 56; Koçak 1991, S. 188f.

[51] Vgl. Koçak 1991, S. 184f.; Tekeli; Ilkin 2013, S. 104.

[52] Vgl. Tekeli; Ilkin 2013, S. 114.

[53] Vgl. Glasneck; Kircheisen 1968, S. 25f.; Krecker 1964, S. 23f.

[54] Dazu später mehr.

[55] Vgl. Özgüldür 1993, S. 89.

[56] Vgl. Glaesner 1976, S. 74; Koçak 1991, S. 206, 213. (1936 betrug der Kurs 1 Lira = 1,98 Reichsmark) Vgl. ebd.

[57] Vgl. Tekeli; Ilkin 2013, S. 105.

[58] Vgl. Özgüldür 1993, S. 93.

[59] Vgl. ADAP, Serie D, Bd. 5, S. 707f.; Glaesner 1976, S. 102ff; Koçak 1991, S. 208f.

[60] Vgl. Tillmann 1965, S. 39f.

[61] Ob die Zahl türkische Offiziere erhöht wurde ist nicht klar ersichtlich. Trotz bestätigender Worte finden sich in einer Aufstellung der Handelspolitischen Abteilung des Auswärtigen Amtes vom 19.5.1939 nur 13 türkische Offiziere in der Wehrmacht. Vgl. ADAP, Serie D, Bd. 5, S. 692f.; Glasneck; Kircheisen 1968, S. 29; Koçak 1991, S. 187f.; Özgüldür 1993, S. 95.

[62] 1939 erfolgte 16,4 % des weltweiten Chromabbaus in der Türkei. Vgl. Weisband 1974, S. 122.

[63] Vgl. Glasneck; Kircheisen 1968, S. 22; Koçak 1991, S. 224f. Insbesondere wegen des Chroms versuchte Deutschland vor und im Zweiten Weltkrieg die Beziehungen mit der Türkei aufrechtzuerhalten. Am 24.5.1939 berichtete der stellvertretende Leiter der Handelspolitische Abteilung Georg Ripken, dass abgesehen vom Chrom, alle anderen Artikel aus anderen Ländern importiert werden könnten, falls die wirtschaftlichen Beziehungen mit der Türkei abgebrochen werden würden. Das Chrom bezeichnete er aber als „lebenswichtig“ für Deutschland. Bedeutsam war das Erz u.a. für die Stahlrohre „für den Flugzeugbau, Lafetten und Panzerplatten“. Vgl. ADAP, Serie D, Bd. 6, S. 575ff.; Zitat siehe Glasneck; Kircheiesen 1968, S.22.

[64] Vgl. Glasneck; Kircheiesen 1968, S. 24.

[65] Vgl. ADAP, Serie D, Bd. 5, S. 709f.; Glaesner 1976, S. 102ff; Koçak 1991, S. 195ff; Özgüldür 1993, S. 89. Es wurden vier U-Boote für die Türkei hergestellt, eines wurde übergeben, dass zweite fertiggestellt aber nicht geliefert. Zwei weitere waren noch im Bau. Vgl. Koçak 1991, S. 195ff.

[66] Vgl. ebd., S. 190.

[67] Vgl. ADAP, Serie D, Bd. 6, S. 436, 575ff.

[68] Vgl. ebd., S. 545f., 623f.; Koçak 1991, S. 190f.; Özgüldür 1993, S. 114f.; Uzgel; Kürkçüoğlu 2003, S. 303. Zum ausführlichen Bericht des Leiters der wirtschaftspolitischen Abteilung Emil Wiehl über die deutsch-türkischen Wirtschaftsbeziehungen vom 7.8.1939 vgl. ADAP, Serie D, Bd. 6, S. 1002ff. Die strikte Weigerung Deutschlands keine Waffen zu schicken, antwortete die Türkei damit, kein Chrom mehr zu senden. Das Hin und Her ob nun ein Vertrag unter diesen Bedingungen abgeschlossen werden solle oder nicht endete aufgrund des Kriegsbeginns vorerst mit der Ablehnung der Türkei. Vgl. ebd., Bd. 7, S. 170, 202, 290, 408. Im Laufe des Krieges sollten die türkische Meinung sowie die deutsche Haltung sich noch einmal ändern.

[69] Vgl. ebd., Bd. 6, S. 546.

[70] Vgl. ADAP, Serie D, Bd. 5, S. 695; Koçak 1991, S. 200.

[71] Die im Vorfeld erbrachten Bildungsreformen, steigerten die Zahl von Schulen, Schülern und Lehrern und daraus auch die Zahl an Schülern mit einer Hochschulreife. Aufgrund der Modernisierung fehlten auch zusehends Fachkräfte, die ausgebildet werden mussten. Eine Universitätsreform war notwendig geworden. Vgl. Gaier 2007, S. 32.

[72] Daraus folgten weitere Schließungen alter Hochschulen aus der Zeit des Osmanischen Reiches, um mit ihrer Neueröffnung eine Wende zu markieren. Vgl. ebd., S. 32f.

[73] Vgl. Gaier 2007, S. 43ff., 50; Grothusen 1982, S. 142ff; Guttstadt 2008, S. 213f.; Hirsch 1982, S. 41ff.; Koçak 1991, S. 174; Özgüldür 1993, S. 100ff. Die Zahl der Akademiker-Flüchtlinge variiert in den Forschungsarbeiten.

[74] Vgl. Özgüldür 1993, S. 102f. Die Bevorzugung von deutschen Emigranten nahm auch im Laufe der 30er Jahre nicht ab. Dies stellte auch die deutsche Seite fest, weshalb hier künftig Anstrengungen unternommen werden sollten, die „Emigrantenclique“ gegen Reichsdeutsche zu ersetzen. Vgl. Grothusen 1987, S. 117f. Für strukturelle Schwierigkeiten und sonstige Hürden, die sowohl emigrierte als auch unter normalen Umständen lehrenden Professoren in der Türkei hatten, siehe Gaier 2007, S. 49ff.

[75] Vgl. Doğramacı 2008, S. 25.

[76] Vgl. Yalçın 2011, S. 98ff.

[77] Vgl. Pekesen 2014, S. 61.

[78] Früher unter dem Namen Doris Zernott, welche in Deutschland geboren und aufgewachsen war, reiste aufgrund ihrer Ehe mit einem türkischen Maschinenbauingenieur in die Türkei und nannte sich um. Vgl. Hillebrecht 2006, S. 204f.

[79] Vgl. ebd., S. 198ff.

[80] Vgl. Bozay 2001, S. S. 72ff.; Doğramacı 2008, S. 27; Gaier 2007, S. 56ff.; Neumark 1980, S. 190ff. Das deutsch-deutsche Verhältnis in Bezug auf Emigranten mit Reichsdeutschen verlief in den ersten Jahren des NS-Regimes zunächst positiv. Mit fortschreitender Nazifizierung sowie klaren Verboten seitens der Reichsregierung, nicht mit politischen Gegnern und Juden zu verkehren, nahm der Kontakt nach und nach ab. Vgl. Gaier 2007, S. 76ff. Die Beziehungen unter den Emigranten waren auch manchmal belastet. Einige wurden als Spitzel des NS-Regimes angesehen. Vgl. Dalaman 1998, S. 116f.

[81] Vgl. Gaier 2007, S. 70f. Bereits 1937 besuchte Scurla mit dem gleichen Auftrag die Türkei, dessen Bericht aber nicht aufzufinden ist. Vgl. Grothusen 2007, S. 20. Als Beispiel für die Berichte aus dem Jahr 1939 sei hier einmal der in der Philologisch-Historischen Fakultät in Ankara arbeitende Dr. Walther Ruben genannt. Er und seine Ehefrau seien „Mischlinge 1. Grades“, weshalb wohl auch seine Lehrbefugnis 1937 aberkannt wurde. Politisch sei er aber „harmlos und völlig zurückhaltend“. Vgl. Grothusen 1987, S. 103. Eine weitere Person ist Albert Eckstein. Er wird als Emigrant und „nichtarisch“ klassifiziert. Trotz seines unerfreulichen Umgangs mit den Türken, hätte er dennoch gute Beziehungen zu türkischen Kabinettsmitgliedern. Vgl. ebd., S. 109. Unterstützt wurde Scurla von den Reichsdeutschen in der Türkei. Vgl. ebd.; Grothusen 2007, S. 22. Zur Kritik des Scurla-Berichts durch einen ehemaligen deutschen Exilanten, siehe Neumark 2007, S. 101ff.

[82] Vgl. Bozay 2001, S. 62ff.; Doğramacı 2008, S. 31; Grothusen 1982, S. 149.

[83] Vgl. Yalçın 2011, S. 263f. Datiert ist dieses Hitler-Inönü Gespräch nicht.

[84] Sowohl regimetreue Lehrer als auch Exilanten bekamen einen überdurchschnittlichen Gehalt von der türkischen Regierung, teils doppelt so viel wie die ihrer türkischen Kollegen. Exillehrer, inklusive die mit jüdischem Glauben genossen zudem eine Sonderstellung, welche von den schlechten Bedingungen der Minderheiten in der Türkei nicht betroffen waren. Das erklärt auch die positiven Eindrücke der Wissenschaftler aus der Türkei. Vgl. Guttstadt 2008, S. 217f.

[85] Die Angabe von Phillip Schwartz, dass die vorgeschlagenen Juden vermögend und prominent seien, half nicht. Vgl. ebd., S. 216.

[86] Vgl. ebd., S. 222. Ehemals jüdisch-deutsche Mitbürger in der „Deutschen Kolonie“ sowie ihre Lokale, Cafés usw. wurden von der deutschen Botschaft aufgelistet und der Besuch dieser Geschäfte für Reichsdeutsche verboten. Vgl. Gaier 2007, S. 66f.

[87] Hervorhebung im Original.“Yahudi“ bedeutet übersetzt Jude Vgl. Guttstadt 2008, S. 225f., 228. Die deutsche Seite war deshalb um die jüdischen Bürger bemüht, weil sie bis Oktober 1941 die Ausreise von diesen förderten. Damit diese aufgrund fehlender Papiere nicht wieder nach Deutschland abgeschoben wurden, gab die deutsche Seite Pässe mit kurzer Gültigkeit. Vgl. ebd., S. 225, 227.

Ende der Leseprobe aus 112 Seiten

Details

Titel
Die deutsch-türkischen Beziehungen 1933-1945
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Veranstaltung
Geschichte - Europa - Deutschland
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
112
Katalognummer
V345027
ISBN (eBook)
9783668354647
ISBN (Buch)
9783668354654
Dateigröße
987 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Drittes Reich, Türkei, Außenpolitik, 2. Weltkrieg
Arbeit zitieren
Mete Emrah Özdemir (Autor), 2015, Die deutsch-türkischen Beziehungen 1933-1945, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/345027

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