Die These dieser Arbeit lautet: Sowohl Nietzsches "Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne" als auch Hofmannsthals "Ein Brief" evozieren in der Darstellung ihrer Thematik eine produktive Paradoxie. Paradoxie verstehe ich hier nicht im Sinne einer Antinomie, das heißt eines logischen Widerspruchs, sondern als Widersinnigkeit prima facie. Diese Widersinnigkeit ergibt sich bei Nietzsche und Hofmannsthal dadurch, dass beide in den hier untersuchten Texten auf den ersten Blick betrachtet etwas tun, von dem sie behaupten, es sei nicht möglich. Nietzsche, indem er für seine Analysen des Wahrheitsbegriffs einen Wahrheitsanspruch voraussetzt und Hofmannsthals Lord Chandos dadurch, dass er das, was er nicht zu sagen vermag, in Worte fasst. Produktiv sind diese Darstellungen der Paradoxie deshalb, weil sie in ihrer jeweiligen Evokation ein individuelles schöpferisches Potential ansprechen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Philosophie
2.1 Begriff
2.2 Urteil
3. Kunst
3.1 Vergessen
3.2 Erinnern
4. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von Philosophie und Kunst unter dem Aspekt der Sprachkritik, wobei Nietzsches "Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne" und Hofmannsthals "Ein Brief" als zentrale Referenztexte dienen. Ziel ist es aufzuzeigen, wie beide Autoren das schöpferische Potenzial des Individuums in Abgrenzung zu einer rein terminologischen, wissenschaftlichen Sprachverwendung herausarbeiten.
- Sprachkritik bei Nietzsche und Hofmannsthal
- Die Funktion von Begriffen und Urteilen in der Philosophie
- Das Spannungsfeld zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und künstlerischem Schaffen
- Paradoxien als Ausdruck schöpferischen Potenzials
- Die Rolle von Vergessen und Erinnern bei der Konstitution von Selbstverständnis
Auszug aus dem Buch
3.1 Vergessen
Den Begriffen wird nach Nietzsche eine Wahrheit in Bezug auf die Dinge zugesprochen, weil vergessen worden sei, dass es sich bei den Begriffen eigentlich um Metaphern handele. Erst das Vergessen ermögliche ein „Gefühl der Wahrheit“. „Nur durch Vergesslichkeit kann der Mensch je dazu kommen zu wähnen: er besitze eine Wahrheit [...]“ Diese Wahrheit bestehe in einer Gleichheitsrelation zur Realität. Doch wichtiger ist hier die Frage, was vergessen worden ist. Denn durch die Beantwortung dieser Frage lässt sich erst ein Bezug zur Philosophie herstellen, d. h. zum philosophischen Begriffsverständnis.
Der Mensch hat vergessen, dass die Begriffe einmal Metaphern waren. „Er vergisst also die originalen Anschauungsmetaphern und nimmt sie als die Dinge selbst.“ Damit vergisst er sein schöpferisches Potenzial und damit einhergehend einen Aspekt seiner Existenz, wodurch er sich eine geistige Selbstbeschränkung auferlegt. Nietzsche formuliert diesen Gedanken noch weiter aus: „So gewiss nie ein Blatt einem anderen ganz gleich ist, so gewiss ist der Begriff Blatt durch beliebiges Fallenlassen dieser individuellen Verschiedenheiten, durch ein Vergessen des Unterscheidenden gebildet [...]“ Im Prozess der Abstraktion wird das schöpferische Vermögen des Menschen und damit irgendwann eben dieses Vermögen als Bedingung für die Verwendung von Sprache ausgeblendet. Gerade an diesem Punkt der Thematik kann ein Bezug zum Brief des Lord Chandos hergestellt werden, dergestalt, dass die Betrachtung der „Furchen und Höhlen“ unter dem Vergrößerungsglas mit dem Finger in keiner sinnlich erfahrbaren Beziehung mehr stehen. Wenn nun der Wissenschaftler, der Astronom oder der Biologe beispielsweise, seine Betrachtung der Welt auf diese Sichtweise beschränkt, dann vergisst er seine wirkliche, d. h. seine subjektive und individuelle Sichtweise auf das Leben, nämlich die seiner individuellen Existenz. In diesem Falle verlieren die wissenschaftlichen Erkenntnisse jede existenzielle Bedeutung und die Wörter ihren Sinn für die Existenz des Wissenschaftlers als Individuum.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die These einer produktiven Paradoxie bei Nietzsche und Hofmannsthal ein und verortet die Sprachkrise des Lord Chandos im Kontext einer wissenschaftsphilosophischen Kritik.
2. Philosophie: Hier wird die philosophische und wissenschaftliche Differenzierung beleuchtet, wobei der Vorwurf einer schädlichen Fixierung von Begriffen zentral ist.
2.1 Begriff: Dieses Kapitel analysiert die Funktion von Begriffen und wie diese durch Abstraktion von singulären Erlebnissen entfremden.
2.2 Urteil: Hier wird untersucht, wie der Zwang zum Urteilen und die damit verbundene Sprachverwendung eine Krise der Erkenntnis auslösen können.
3. Kunst: In diesem Kapitel wird das künstlerische Schaffen als Befreiung aus dem geistigen Gefängnis starrer Begriffe und als alternative Form des Weltzugangs dargestellt.
3.1 Vergessen: Es wird dargelegt, wie das Vergessen des metaphorischen Ursprungs von Begriffen zu einer illusionären Wahrheit führt und die individuelle Existenz beschneidet.
3.2 Erinnern: Dieses Kapitel zeigt auf, wie Erinnerung durch eine subjektive Vergegenwärtigung des Erlebens den Wörtern einen tieferen Sinn verleiht.
4. Schluss: Die Zusammenfassung unterstreicht die weltkonstituierende Funktion der Sprache und die Bedeutung des schöpferischen Potenzials für das individuelle Selbstverständnis.
Schlüsselwörter
Sprachkritik, Produktive Paradoxie, Hugo von Hofmannsthal, Friedrich Nietzsche, Lord Chandos, Philosophie, Kunst, Begriff, Urteil, Metapher, Abstraktion, Subjektivität, Weltkonstituierung, Schöpferisches Potenzial, Erkenntnistheorie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit sprachkritischen Reflexionen bei Friedrich Nietzsche und Hugo von Hofmannsthal, insbesondere mit deren Kritik an der fixierenden und entfremdenden Funktion der Sprache in der Philosophie und Wissenschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zu den zentralen Themen gehören das Verhältnis von Philosophie und Kunst, die Natur von Begriffen und Urteilen sowie die Bedeutung von Vergessen und Erinnern für die menschliche Existenz.
Welches primäre Ziel verfolgt die Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie sowohl Nietzsche als auch Hofmannsthal in der Auseinandersetzung mit sprachlichen Grenzen ein schöpferisches Potenzial identifizieren, das sich jenseits rational-wissenschaftlicher Definitionen bewegt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine komparative und sprachkritische Analyse der Primärtexte unter Einbeziehung philosophischer und forschungsrelevanter Literatur, um die Konzepte der Autoren gegenüberzustellen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine philosophische Analyse der Begriffe "Begriff" und "Urteil" sowie eine kunstästhetische Untersuchung, wie das künstlerische Individuum durch Vergessen und Erinnern seine eigene Weltsicht konstituiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Sprachkritik, produktive Paradoxie, schöpferisches Potenzial, Entfremdung, Subjektivität und die weltkonstituierende Funktion der Sprache.
In welcher Beziehung steht Lord Chandos zum Philosophen Francis Bacon?
Hofmannsthal wählt Bacon als Adressaten des Briefes, um einen Kontext zu markieren, in dem Fortschrittsglaube und der Siegeszug naturwissenschaftlichen Denkens auf die subjektive Sprachkrise des Chandos treffen.
Wie interpretieren die Autoren das Phänomen der "modrigen Pilze"?
Das Bild der modrigen Pilze steht für die Aversion von Lord Chandos gegenüber leblosen, zerfallenden Begriffen, die ihm im Alltag als untaugliche Werkzeuge zur Beschreibung der Welt erscheinen.
Wie lässt sich Nietzsches Verständnis von "Wahrheit" in diesem Kontext zusammenfassen?
Nietzsche betrachtet Wahrheit nicht als objektive Größe, sondern als ein notwendiges Gefühl, das durch die unbewusste Anwendung konventioneller Metaphern entsteht.
Warum wird das künstlerische Schaffen als Mittel zur Befreiung gesehen?
Das künstlerische Schaffen wird als Befreiung interpretiert, da es dem Individuum erlaubt, das starre "Gebälk" der Begriffe zu zerschlagen und intuitiv, fernab von dogmatischen Schemata, zu agieren.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2013, Erinnerungen an das Vergessene. Die Paradoxie sprachkritischer Reflexionen über das Verhältnis von Philosophie und Kunst, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/345030