Die Perserkriege als Katalysator für den delisch-attischen Seebund? Quelleninterpretation ausgewählter Stellen der Historien des Herodot


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
18 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Zur Quellenlage
2.1 Herodots Historien
2.2 Weitere Quellen

3. Quellenanalyse Historien
3.1 Quellenkritik
3.2 Ein entscheidender Sieg: Die Schlacht bei Marathon
3.3. Zwischenfazit

4. Delisch-Attischer Seebund
4.1 Gründung und Ziel
4.2 Verpflichtungen der Bündner
4.3 Vormachtstellung Athens

5. Fazit

6. Literatur- und Quellenverzeichnis
6.1 Literatur
6.2 Quellen

1. Einleitung

Im Jahre 500 oder 499 begann an der kleinasiatischen Küste, ein Gebiet was unter dem Namen Ionien bekannt war, ein Aufstand der dort lebenden Griechen gegen die persische Herrschaft. An diesem Krieg, der als Ionischer Aufstand in die Geschichte einging, beteiligten sich unter dem Vorwand der Verwandtenhilfe kurzfristig auch die weit abgelegene Stadt Athen mit Schiffen, Truppen und eigenen imperialen Zielen. Die Beteiligung der Athener an den Aufständen provozierte in Folge einen Angriff der Perser gegen Athen. Die damit verbundenen Kämpfe, in den Jahren von 490 bis 479 v. Chr. werden von griechischer Seite als die Perserkriege bezeichnet.1

Obwohl die Schlachten im Peloponnesischen Krieg weitaus größter waren als die der Perserkriege, blieben diese ohne größeren Nachhall, denn hier kämpften Griechen gegen Griechen. Die Erinnerung an die Perserkriege hingegen überlebte sogar den Niedergang der griechischen Staatswelt.2 Doch was unterschied die Perserkriege von anderen Schlachten? Warum war den Griechen und insbesondere den Athenern so sehr an deren Erinnerung gelegen?

Im Rahmen dieser Arbeit sollen ausgewählte Stellen aus den Historien des Herodot analysiert und interpretiert werden um der Frage nachzugehen, inwiefern Athen die Perserkriege zu Propagandazwecken instrumentalisierte, um den Delisch-attischen Seebund als Herrschaftsinstrument zu etablieren. Ziel es ist herauszufinden, wie die Athener die Perserkriege, anhand des Beispiels der Schlacht bei Marathon, rezipierten und wie sie diese Rezeption für ihre Interessen auslegten und nutzten.

Zunächst erfolgte eine Übersicht zur Quellenlage, gefolgt von einer kurzen Quellenkritik der Historien des Herodot. Im Anschluss werden ausgewählte Quellenauszüge aus den Historien analysiert und auf ihre Bedeutung für das Selbstbild der Athener hin interpretiert. Hierfür werden Quellenauszüge der Schlacht bei Marathon verwendet. Auf Grund des begrenzten Rahmens dieser Arbeit können nicht alle einschlägigen Schlachten der Perserkriege analysiert werden. Die in dieser Arbeit ausgeführte Quellenanalyse zur Schlacht bei Marathon kann folglich nur als Beispiel für weitere Quellenanalysen dieser Art im Rahmen einer größeren Forschungsarbeit dienen.

Nach der Auswertung der Quellenauszüge erfolgt ein kurzes Zwischenfazit, indem die bis dahin herausgearbeiteten Ergebnisse festgehalten und zusammengefasst werden. Im Anschluss an die Quellenanalyse folgt ein Kapitel zum Delisch-Attischen Seebund, indem die Gründung und Ziele des Seebundes und die Stellung der Stadt Athen kurz dargestellt werden. In einem abschließenden Fazit sollen die in der Analyse erarbeiteten Ergebnisse mit dem Kapitel zum Delisch-attischen Seebund in einen sinnvollen Zusammenhang gebracht werden. Die eingangs gestellte Forschungsfrage soll nach Möglichkeit beantwortet oder basierende auf den Ergebnissen der Arbeit hin verändert werden. Zudem erfolgt an dieser Stelle ein kurzer Ausblick auf Möglichkeiten für die thematische Weiterführung des in dieser Arbeit bearbeiteten Themengebietes.

2. Zur Quellenlage

2.1 Herodots Historien

Wer sich mit der Darstellung der Perserkriege befasst, der muss sich dabei weitgehend auf Herodot und seine Historien stützen, da die nichtherodoteische Überlieferung kaum signifikant ist und Herodot eine Monopolstellung in diesem Themengebiet innehat. Aufgrund der Tatsache, dass Herodots geschichtsähnliche Erzählungen über die Perserkriege erst zwei Generationen nach den geschichtlichen Ereignissen entstanden, ist anzunehmen, dass es bereits vor Herodot Überlieferungen zu den Perserkriegen gab. Diese wurden jedoch mit dem Werk von Herodot vollständig verdrängt, sodass wir davon ausgehen könne, dass das Werk Herodots bereits im fünften Jahrhundert eine Monopolstellung einnahm.3

Aufgrund dieser Monopolstellung sind uns die Geschehnisse während der Perserkriege lediglich aus Sicht der Sieger bekannt. Was für die Griechen auf eigenem Boden ein Kampf um Autonomie war, muss für die Perser nicht mehr als ein Scharmützel am Rande ihres riesigen Reiches gewesen sein. Die Perserkriege sind in der Überlieferung folglich ein griechischer Krieg. Dieser Einseitigkeit sollte man sich bei der Beschäftigung mit den Perserkriegen bewusst sein.4

2.2 Weitere Quellen

Den ersten und einzigen Augenzeugenbericht liefert der Tragiker Aischylos im Jahre 472. Er selbst kämpfte bei Marathon und Salamis. Aus seinen Beobachtungen entstand eine Komödie, die die Ereignisse bei Salamis drastisch verkürzt und verformt. Als historische Quelle ist sein Werk damit nur mäßig geeignet. Dasselbe gilt für die Epigramme und Gedichte des Somonides und des Pindar. Weiterhin erhalten ist die Darstellung der Perserkriege durch Ephoros, enthalten in der Bibliotheke des Diodor aus dem 1. Jahrhundert v. Chr., welche jedoch viele Ausschmückungen und Fehlinformationen enthält. Der Bezug, den die attischen Redner des 4.Jahrhunderts auf die Perserkriege nehmen, ist politisch bedingt und ideologisch verformt. Die drei von Plutarch im 2. Jahrhundert n. Chr. veröffentlichten Biographien über die drei athenischen Sieger der Perserkriege geben mehr Details als die Historien des Herodot heraus, doch steht die Zuverlässigkeit dieser von Plutarch zusätzlich verwendeten Quellen in Frage.5 Wie bereits zuvor erwähnt bietet die nichtherodoteische Überlieferung folglich keine hinreichende Grundlage, weshalb wir bei der Beschäftigung mit den Perserkriegen auf Herodot und seine Historien angewiesen sind.

3. Quellenanalyse Historien

Im nachfolgenden Kapitel erfolgt eine Analyse und Interpretation ausgewählter Textstellen zu der Schlacht bei Marathon, in Hinblick auf die eingangs gestellte Fragestellung. Eine kurze Quellenkritik zu den Historien des Herodot ist der Analyse vorangestellt. Den Abschluss der Analyse bildet eine Zusammenfassung der Ergebnisse.

3.1 Quellenkritik

Die Historien des Herodot umfassen neun Bücher und bilden eines der besterhaltenen Werke aus der griechischen Antike. Herodot selbst gab seinem Werk keinen Titel. Die Einteilung in die neun Musen erfolgte erst wesentlich später durch Philologen aus Alexandria. Es ist davon auszugehen, dass Herodot ursprünglich eine Zweiteilung des Buches vorgesehen hatte, da es zu Beginn des siebten Buches ein zweites Vorwort gibt. Der erste Teil der Historien enthält demnach den Aufstieg und die Expansion der Perser und der mir ihnen in Kontakt tretenden Völker. Der zweite Teil enthält den Angriff und die Abwehr des Großkönigs Xerxes.6

Nahezu alle äußeren Daten, die die Entstehungsgeschichte von Herodots Werk betreffen und die uns bei der Interpretation seines Inhalts wichtige Anhaltspunkte geben konnten, sind bis heute umstritten und leiden grundsätzlich unter der Unsicherheit, dass sie ihrerseits fast ausnahmslos aus der Werkinterpretation gewonnen werden müssen, sodass wir ständig Zirkelschlüssen ausgesetzt sind. Wir wissen jedoch, dass Herodot noch während des Peloponnesischen Krieges (431-404) daran arbeitete, denn er nimmt mehrfach auf diesen Bezug.7

„Der Geschichtsschreiber gehört vielleicht mehr zu den Künstlern als den Gelehrten“, sagte der berühmte Altertumsforscher und Literaturnobelpreisträger auf einer Rektoratsrede in Berlin 1874. Und genau hier liegt eines der großen Probleme bei der Quellenarbeit mit den Historien des Herodot. Für Herodot ist beides gleich wichtig, die Erkenntnis muss auch einen ihr gemäßen, literarischen Ausdruck finden. Herodot wollte sein Publikum gleichsam unterhalten wie bilden, was ihm oft starke Kritik einbrachte - so auch von seinem Nachfolger Thukydides.8 Herodot unterbricht seine geschichtliche Darstellung immer wieder, um Aussprüche und Anekdoten einzufügen und novellenartige Geschichten zu erzählen. Des Weiteren gibt es viele Exkurse und fiktionale Elemente. Die in den Historien gemachten Angaben dürfen folglich nur unter größter Vorsicht zur Rekonstruktion der Begebenheiten herangezogen werden.9

Herodot war mit den vielen, sich oft wiedersprechenden Erzählungen, welche die Marathon und Salamiskämpfer verbreiteten, sichtlich überfordert. Die Griechen, die, wenn es um ihre eigenen Truppen und Schiffe ging ganz genau erzählen konnte, verloren bei der Berichterstattung über die Gegner jegliche Übersicht. So berichtet auch Herodot über absurde Zahlen, als wüsste er nicht, was solche Zahlen bedeuten.10

Weiterhin ist bei der Arbeit mit den Historien kritisch zu betrachten, dass die Niederschrift ca. ein halbes Jahrhundert nach den Ereignissen erfolgte. Was wir also heute von den Perserkriegen wissen, ist was die Griechen Mitte des 5. Jahrhunderts darüber gedacht haben. Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass wir den Krieg nur aus der Sicht der Sieger kennen. Auch wenn dies mit wenigen Ausnahmen die übliche Perspektive ist, so sollte man sich dieser Einseitigkeit bewusst sein.11

Da es bei der nachfolgenden Untersuchung jedoch hauptsächlich zu untersuchen gilt, wie die Athener die Perserkriege rezipieren und diese Rezeption für ihre Interessen nutzen, ist für die Beschäftigung mit den Historien im Rahmen dieser Arbeit die eben beschriebene Einseitigkeit der Überlieferung von Vorteil, und macht die Historien zu einer interessanten und wichtigen Quelle für diese Arbeit.

3.2 Ein entscheidender Sieg: Die Schlacht bei Marathon

Als die Athener diese Nachricht erhielten, zogen auch sie hinaus nach Marathon. Zehn Feldherren führten sie; der zehnte war Miltiades […].12

Nachdem die Perser gegen Eretria gezogen waren, die Stadt zerstört und ihre Einwohner versklavt hatte, zogen sie weiter um den Athener das gleiche Schicksaal zu teil werden zu lassen. Dass die Athener als Reaktion direkt nach Marathon aufbrachen zeugt davon, dass sie den Angriff der Perser bereits erwarteten und sich darauf vorbereiteten hatte. Denn hätten sie nicht damit mit dem Angriff gerechnet, dann wären sie sicherlich nicht direkt kampfbereit gewesen. Die Tatsache, dass eine beachtliche Menge an Feldherren für den Kampf aufgestellt worden waren deutet weiterhin darauf hin, dass die Athener sich der Kampfkraft und Truppenstärke ihrer Gegner bewusst waren.

[...]


1 W. Will: Die Perserkriege. München 2010, S.7.

2 Will 2010, S.111.

3 B. Bleckmann: Ktesias von Knidos und die Perserkriege. Historische Varianten zu Herodot. In: Bleckmann, Bruno (Hrsg.): Herodot und die Epoche der Perserkriege. Realitäten und Fiktionen. Kolloquium zum 80. Geburtstag von Dietmar Kienast, Köln 2007, S.137.

4 Will 2010, S.8.

5 Will 2010, S.19f.

6 Will 2010, S.14.

7 J. Cobet: Wann wurde Herodots Darstellung der Perserkriege publiziert?, Hermes 105. Bd., H. 1 (1977), S.2. 4

8 Will 2010, S.15.

9 J. Keil: Die Schlacht bei Salamis, Hermes 73. Bd., H. 3 (1938), S.329.

10 Will 2010, S.9.

11 Will 2010, S.8.

12 Hdt., Hist. 6, 103.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die Perserkriege als Katalysator für den delisch-attischen Seebund? Quelleninterpretation ausgewählter Stellen der Historien des Herodot
Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
18
Katalognummer
V345130
ISBN (eBook)
9783668348431
ISBN (Buch)
9783668348448
Dateigröße
968 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Herodot, Historien, Quelleninterpretation, Perserkriege, delich-attischer Seebund
Arbeit zitieren
Elisabeth Schick (Autor), 2016, Die Perserkriege als Katalysator für den delisch-attischen Seebund? Quelleninterpretation ausgewählter Stellen der Historien des Herodot, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/345130

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