Die Bedeutung des Holocaust für Jugendliche aus Einwandererfamilien


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

17 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Bedeutung der NS-Geschichte und des Holocaust für Jugendliche aus
Einwandererfamilien
2.1 Zugänge zum Holocaust und historische Identitäten von Jugendlichen in
der deutschen Einwanderungsgesellschaft
2.2 Multiperspektivische Vermittlung des Holocaust und der NS-Zeit im
Geschichtsunterricht

3. Schlussbetrachtung

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Ja, also man kann als Gesellschaft auf jeden Fall nicht ignorieren, dass da Einwanderer sind mit einer eigenen Geschichte. Und man kann auch nicht verlangen, dass man praktisch als Einwanderer seine alte Geschichte irgendwie abstreift und in dieses Kostüm ‚Deutsche Geschichte‘ reinsteigt. Das kann man einfach nicht verlangen. Und man muss, ich finde, was ein wichtiger Schritt zum Beispiel für die Integration wäre, dass man die Geschichte der Einwanderer auch selber wahrnimmt. Dass man über diese Geschichte als dass man als Gesellschaft darüber aufgeklärt ist, was es bedeutet, Türke zu sein [sic!].“ [1]

Diese überzeugende und treffende Antwort gibt der achtzehnjährige Abiturient Süleyman auf die Frage, wie in der deutschen Einwanderungsgesellschaft mit Geschichte umgegangen werden sollte. Die Diskussion um die Frage, wie an den Holocaust und an die Zeit des Nationalsozialismus erinnert werden kann, hat in den letzten Jahren im Zuge von Migrationsprozessen und Generationenwechsel zunehmend an Bedeutung gewonnen.[2] Zum einen zeigt die Aussage Süleymans beispielhaft, mit welchem Anerkennungsproblem sich viele Jugendliche mit Migrationshintergrund konfrontiert sehen. Diese beklagen oftmals, dass die spezifischen Geschichten ihrer Migration nach Deutschland und die Geschichten ihres Herkunftslandes zu wenig oder überhaupt nicht im Geschichtsunterricht berücksichtigt werden.[3]

Zum anderen berichten Pädagogen und Lehrkräfte auf Fortbildungsveranstaltungen wiederum, dass Jugendliche an deutscher Geschichte grundsätzlich desinteressiert seien und falls der Nationalsozialismus im Unterricht behandelt werden würde, seien die Wortmeldungen und Unterrichtsbeiträge oft antisemitisch.[4]

Inwiefern sich diese beiden Phänomene und Erfahrungen in der Unterrichtspraxis bestätigen sei dahingestellt. Tatsache ist allerdings, dass Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund zahlreiche unterschiedliche Zugänge zur deutschen Geschichte, zum Nationalsozialismus und zum Holocaust haben.

Somit stellt sich die Frage, mit welchen Methoden die dargestellten Herausforderungen im Geschichtsunterricht angegangen werden können.

Ausgehend von diesen Überlegungen beschäftigt sich die vorliegende Arbeit mit der Frage, welche Bedeutung der Holocaust für Jugendliche aus Einwandererfamilien hat und wie diese zur Geschichte des Holocaust und des Nationalsozialismus stehen. Hierzu werden auch Aussagen von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund aus Interviews herangezogen, um auf deren Geschichtsbewusstsein und historische Identitäten einzugehen.

Des Weiteren beschäftigt sich die Arbeit damit, welche Möglichkeiten es gibt, das Thema Holocaust und NS-Zeit im interkulturellen Geschichtsunterricht didaktisch zu vermitteln, um zum einen das Interesse der Jugendlichen zu wecken und zum anderen diesen einen besseren Zugang zu den besagten Themen zu ermöglichen. Dazu werden am Ende der vorliegenden Arbeit verschiedene Ansatzpunkte und Möglichkeiten vorgestellt, wie man im Geschichtsunterricht das Thema Nationalsozialismus und Judenverfolgung Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund zugänglicher vermitteln kann. „In der Behandlung der deutschen [..] Geschichte bestehen [..] Defizite, die im Hinblick auf die Erfordernisse einer historisch-politischen Bildung in der Einwanderungsgesellschaft zu kritisieren sind“[5], betont Karoline Georg ausdrücklich.

2. Bedeutung der NS-Geschichte und des Holocaust für Jugendliche aus Einwandererfamilien

Welche Bedeutung die deutsche Geschichte um den Nationalsozialismus und den Holocaust für junge Migrantinnen und Migranten hat, wird im Folgenden thematisiert. Dass dieses Thema irgendeine Bedeutung für diese hat und sie sich in irgendeiner Weise zur nationalen Geschichte verhalten müssen, steht außer Frage. „Schließlich werden Jugendliche, die nach Deutschland eingewandert oder als Kinder ausländischer Eltern in Deutschland geboren sind, zu ‚unfreiwilligen Mitgliedern‘ einer Gemeinschaft, zu deren kollektiver Vergangenheit sie sich in Beziehung setzen müssen“[6], resümiert Viola Georgi.

2.1 Zugänge zum Holocaust und historische Identitäten von Jugendlichen in der deutschen Einwanderungsgesellschaft

Bevor man sich mit dem Inhalt, der Didaktik und Methodik einer interkulturellen Vermittlung des Holocaust auseinandersetzt, sollte man zunächst einmal genauer die Zielgruppe und deren Zugänge zu diesem Thema in Betracht ziehen.[7]

„Wie geht es Jugendlichen, die nicht den gemeinsamen (historischen, kulturellen) Erfahrungshintergrund von Nationalsozialismus und Holocaust haben? Welchen Bezug haben die Schülerinnen und Schüler?“[8]

Wie bereits eingangs erwähnt, beklagen sich viele junge Migranten darüber, dass die Geschichte ihres Herkunftslandes zu wenig Beachtung im Geschichtsunterricht findet. Zusätzlich lamentieren diese, dass ihnen nicht zugestanden wird, an „deutscher Geschichte“ teilzuhaben, da man ihnen als nichtherkunftsdeutschen Jugendlichen unterstellt, nicht in der Lage zu sein, sich „deutsche Geschichte“ anzueignen, aufgrund des Mangels an deutscher Familiengeschichte und nationaler Identifikation.[9] Folgende Aussage eines Interviews mit dem sechzehnjährigen Bülent belegt diese Auffassung. Auf die Frage, wie es dazu kam, dass er sich mit dem Nationalsozialismus beschäftigt hat, antwortet Bülent:

„Da wird ja auch immer so von geredet – [..] auch wegen den ausländischen Kindern, dass die halt anders wären, als die Deutschen, dass die sich dafür nicht viel interessieren würden. [..] Zum Beispiel ich: ich bin hier zum Beispiel geboren und aufgewachsen. Ich sprech die Sprache besser besser als meine. [..]Ich kann mich für Dinge interessieren, für die sich jugendliche Deutsche auch interessieren. Zum Beispiel: Es gibt hier viele deutsche Jugendliche, die überhaupt keine Ahnung haben von deutscher Geschichte [..] Das interessiert die Leute eigentlich gar nicht. Die sind der Meinung: Ausländer ist Ausländer und deutsch ist deutsch. Und, ob man hier geboren ist, ist egal [sic!].“ [10]

Hierbei wird vor allem eine Problematik der gegenwärtigen Vermittlung des Themas Holocaust im Geschichtsunterricht deutlich. Der sechzehnjährige Bülent bringt mit der Aussage: „Ich kann mich für Dinge interessieren, für die sich deutsche Jugendliche auch interessieren“, sein Verlangen nach Zugehörigkeit, Akzeptanz und Anerkennung als Deutscher zum Ausdruck.[11]

An dieser Stelle zeigt sich vor allem, dass Jugendliche nichtdeutscher Herkunft durchaus einen herkömmlichen Zugang zum Thema Holocaust und der Geschichte des NS haben. So wird Bülents Meinung nach Jugendlichen mit Migrationshintergrund im vornhinein ein Interesse an deutscher Geschichte abgesprochen. „Die Aneignung der Geschichte des NS wird dabei zum Prüfstein des Dazugehörens. Bülent unterstreicht sein Recht, an vermeintlich „deutsch“ besetzten Themen in gleicher Weise teilzuhaben wie die Jugendlichen ohne Migrationshintergrund auch“[12], betont Viola Georgi ausdrücklich.

Viola Georgi konnte in ihrer Arbeit herausarbeiten, dass sich Jugendliche nichtdeutscher Herkunft besonders intensiv mit diesem Teil deutscher Geschichte beschäftigen, da eine solche Konfrontation sozusagen als „Eintrittskarte“ in die deutsche Mehrheitsgesellschaft fungiert, weil man nach dieser Interpretation eine aufgeklärte Haltung zu diesem Teil deutscher Vergangenheit entwickeln muss, um Deutscher oder Deutsche zu sein. Dies geht so weit, dass manche der von Georgi untersuchten Jugendlichen sogar Schuldgefühle für die NS- Zeit haben.[13]

So beschreibt Bülent dieses Phänomen, indem er folgendermaßen von der Teilnahme an einer Gedenkstättenfahrt nach Theresienstadt berichtet:

„Als wir in Tschechien waren, das war eigentlich das einzige Mal, wo ich als Deutscher angesehen worden bin. Also, da hab ich mich als ‚Reindeutscher‘ gesehen. Da hab ich den Türken in mir vergessen, weil da war es was anderes. [...] Da kam ich mir schon so schlecht auch vor, weil die Deutschen da so Schlimmes verbrochen. Das sind solche Momente, wo man drüber nachdenkt und wo man auch ein bisschen Schuldgefühle kriegt. Da hab ich mich echt als Deutscher gesehen, also als ein Gast in einem Land, der nicht gern gesehen wird [sic!].“ [14]

Es scheint, als habe sich Bülent mit der Bereitschaft zur Übernahme der historischen Verantwortung gänzlich für die Mitgliedschaft in der deutschen Erinnerungs-gemeinschaft qualifiziert. Letztendlich wird die Aneignung der NS-Geschichte, die sogar in Schuldgefühlen mündet, für Bülent identitätsstiftend. [15] Natürlich ist diese Form des Bezuges von jungen Migrantinnen und Migranten auf den Holocaust und die NS-Vergangenheit eine spezielle Form. So lassen sich bei der Analyse des Geschichtsbewusstseins von Jugendlichen mit Migrationshintergrund auch ganz andere Bezüge finden.[16]

Demgemäß positionieren sich Jugendliche nichtdeutscher Herkunft selektiv und kontextabhängig zu bestimmten historischen Ereignissen und geben sich im Ausland nicht als Deutsche aus, aufgrund der NS-Geschichte und dem damit zusammenhängenden negativen Image der Deutschen. So schildert Dragan, dass er sich in den USA vorzugsweise als Bosnier gibt anstatt als Deutscher aufzutreten: [17]

„Wenn ich sage, ich komme aus Bosnien, wissen die meisten nicht, um was es geht. Das hat schon seine Vorteile. Und wenn man hier wohnt und die Staatsbürgerschaft annimmt, ist es gut, dass man das Andere trotzdem noch ist.“

Folglich zeigt sich an diesem Bezugstyp beispielhaft, dass in Deutschland Jugendliche mit Migrationshintergrund über mehrfache historische Identifikationen verfügen und diese strategisch einsetzen, weil sie den Holocaust und Nationalsozialismus als üble Last und Bürde empfinden. Darüber hinaus betrachten sich manche Jugendlichen zeitweise als späte „Opfer“ dieser Geschichte.[18]

Bei einem weiteren Bezugstypus setzen nämlich junge Migranten selbsterlebte Diskriminierung in der deutschen Mehrheitsgesellschaft in Beziehung zu der Ausgrenzung von Minderheiten durch das NS-Regime. Somit vergleichen diese die eigene Lebenssituation und Position als Ausländer in Deutschland mit den jüdischen Opfern des Nationalsozialismus.[19]

An dieser Stelle kann als Fallbeispiel ein Interviewauszug Hülyas, einer siebzehnjährige Gymnasiastin türkischer Herkunft herangezogen werden:

[...]


[1] Meyer-Hamme, Johannes: „Dieses Kostüm ‚Deutsche Geschichte‘ “ – Historische Identitäten Jugendlicher in Deutschland, in: Georgi, Viola B./Ohliger, Rainer (Hrsg.): Crossover Geschichte. Historisches Bewusstsein Jugendlicher in der Einwanderungsgesellschaft, Hamburg 2009, S. 76.

[2] Vgl. Gryglewski, Elke: Diesseits und jenseits gefühlter Geschichte. Zugänge von Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu Shoa und Nahostkonflikt, in: Georgi, Viola B./Ohliger, Rainer (Hrsg.): Crossover Geschichte. Historisches Bewusstsein Jugendlicher in der Einwanderungsgesellschaft, Hamburg 2009, S. 238.

[3] Vgl. Georgi, Viola B./ Ohliger, Rainer: Geschichte und Diversität. Crossover statt nationaler Narrative? , in: Georgi, Viola B./Ohliger, Rainer (Hrsg.): Crossover Geschichte. Historisches Bewusstsein Jugendlicher in der Einwanderungsgesellschaft, Hamburg 2009, S. 8.

[4] Vgl. Gryglewski, Diesseits und jenseits gefühlter Geschichte. S. 238.

[5] Georg, Karoline/ Niehoff, Mirko/ Demirel, Aycan: Multiperspektivische Bildungsarbeit: Das Beispiel der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIgA e.V.), in: Georgi, Viola B./Ohliger, Rainer (Hrsg.): Crossover Geschichte. Historisches Bewusstsein Jugendlicher in der Einwanderungsgesellschaft, Hamburg 2009, S. 227.

[6] Georgi, Viola B.: „Ich kann mich für Dinge interessieren, für die sich jugendliche Deutsche auch interessieren“: Zur Bedeutung der NS-Geschichte und des Holocaust für Jugendliche aus Einwandererfamilien, in: Georgi, Viola B./Ohliger, Rainer (Hrsg.): Crossover Geschichte. Historisches Bewusstsein Jugendlicher in der Einwanderungsgesellschaft, Hamburg 2009, S. 95.

[7] Vgl. Kux, Ulla: Deutsche Geschichte und Erinnerung in der multiethnischen und religiösen Gesellschaft. Perspektiven auf interkulturelle historisch-politische Bildung, in: Behrens, Heidi/Motte, Jan (Hrsg.): Politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft, Schwalbach 2006, S. 243.

[8] Langer, Phil C./ Cisneros, Daphne/ Kühner, Angela: Aktuelle Herausforderungen der schulischen Thematisierung von Nationalsozialismus und Holocaust, in: Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit (Hrsg.): Einsichten und Perspektiven, Themenheft 1/2008: Holocaust Education. Wie Schüler und Lehrer den Unterricht zum Thema Nationalsozialismus und Holocaust erleben, Augsburg 2008, S. 21.

[9] Vgl. Georgi, Geschichte und Diversität. Crossover statt nationaler Narrative? S. 8.

[10] Georgi, Ich kann mich für Dinge interessieren, für die sich jugendliche Deutsche auch interessieren S. 99.

[11] Vgl. Georgi, Geschichte und Diversität. Crossover statt nationaler Narrative? S. 9.

[12] Georgi, Ich kann mich für Dinge interessieren, für die sich jugendliche Deutsche auch interessieren. S. 100.

[13] Vgl. Kölbl, Carlos: Mit und ohne Migrationshintergrund. Zum Geschichtsbewusstsein Jugendlicher in der Einwanderungsgesellschaft, in: Georgi, Viola B./Ohliger, Rainer (Hrsg.): Crossover Geschichte. Historisches Bewusstsein Jugendlicher in der Einwanderungsgesellschaft, Hamburg 2009, S. 67.

[14] Georgi, Ich kann mich für Dinge interessieren, für die sich jugendliche Deutsche auch interessieren. S. 102.

[15] Georgi, Ich kann mich für Dinge interessieren, für die sich jugendliche Deutsche auch interessieren. S. 102.

[16] Vgl. Kölbl, Mit und ohne Migrationshintergrund. Zum Geschichtsbewusstsein Jugendlicher in der Einwanderungsgesellschaft. S. 67.

[17] Georgi, Geschichte und Diversität. Crossover statt nationaler Narrative? S. 9.

[18] Vgl. Kölbl, Mit und ohne Migrationshintergrund. Zum Geschichtsbewusstsein Jugendlicher in der Einwanderungsgesellschaft. S. 67.

[19] Vgl. Georgi, Ich kann mich für Dinge interessieren, für die sich jugendliche Deutsche auch interessieren. S. 103.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung des Holocaust für Jugendliche aus Einwandererfamilien
Hochschule
Universität Augsburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
17
Katalognummer
V345272
ISBN (eBook)
9783668349582
ISBN (Buch)
9783668349599
Dateigröße
530 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bedeutung, holocaust, jugendliche, einwandererfamilien
Arbeit zitieren
Matthias Mielich (Autor), 2016, Die Bedeutung des Holocaust für Jugendliche aus Einwandererfamilien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/345272

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