Konzepte der Freundschaft in der Antike und der Moderne. "Das Urteil" von Kool Savas


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Kapitel 1: Battle-Rap als Rivalität unter Freunden

Kapitel 2: Die drei Arten der Freundschaft nach Aristoteles

Kapitel 3: Die Regeln der Konversation nach Thomasius

Kapitel 4: Das Ende einer Freundschaft.

Kapitel 5: Freundschaft in der Moderne

Kapitel 6: Zusammenfassung und Ausblick

Anhang: Songtext zu „Das Urteil“ von Kool Savas

Literatur- und Quellenverzeichnis

Einleitung

„Ich hab Dich geliebt [...]wie ein Bruder, der für seinen Bruder tut, was er kann“[1] lautet eine Zeile in Kool Savas' wohl bekanntestem Rapsong, Anfang 2005. Das Urteil wurde zum populärsten Battle- Track in der deutschen Rapgeschichte und hält sich bis heute an seiner Spitzenposition.

Doch warum sorgte ausgerechnet dieser Song für so viel Aufmerksamkeit in den Medien und Anklang beim Publikum?

In Das Urteil beschreibt der Berliner Rapper Kool Savas die Beziehung zu seinem damaligen Freund und Schützling Eko Fresh. Er thematisiert die Anfänge und Entwicklung einer Freundschaft, die aus unterschiedlichen Gründen ein jähes Ende fand. Doch mit dem Ende nicht genug, die einst freundschaftlichen Gefühle schlugen auf beiden Seiten in Hass um.

Diese Arbeit beschäftigt sich mit den unterschiedlichen Auffassungen von Freundschaft in der Antike und in der Moderne, unter anderem mit den Theorien von Aristoteles und Montaigne. Dabei wird vor allem das Ende einer Freundschaft untersucht und Bezug auf den Song von Kool Savas genommen.

Als Untersuchungsgegenstand habe ich bewusst Das Urteil gewählt, einerseits weil die deutsche Rapszene bis heute noch immer eine Männerdomäne ist und sich die Theorien der Antike ausschließlich auf Männerfreundschaften beziehen. Zum zweiten behandelt der Song eben nicht nur die Freundschaft, sondern vielmehr die Gründe für die Unmöglichkeit einer solchen. Nicht zuletzt bildet der Song außerdem das Ende einer Freundschaft und die daraus resultierenden Konsequenzen ab.

Kapitel 1: Battle-Rap als Rivalität unter Freunden

„Im HipHop geht es um Competition, darum, sich zu messen“[2] und sich innerhalb einer Szene zu positionieren, indem man seine eigene Machtposition darlegt. Was man unter „Szene“ versteht, beschreiben Sascha Verlan und Hannes Loh, indem sie einen Überblick über die Entstehung von crews und der Gangkultur des Berliner Rapmilieus seit Mitte der Achtziger- Jahre geben. Den Ursprung der heutigen Form des Battle-Raps begründen die Autoren in der eskalierenden Ganggewalt, die den friedlichen Gedanken der HipHop-Kultur verdrängt hat.[3]

Das Konzept der Freundschaft bildet in diesem Kapitel den Grundstein, um den Hintergrund des Battle-Raps zu verstehen. Freundschaft und Zugehörigkeit äußern sich im deutschen Rap durch die Darstellung von crews [4]: „Eine Crew im HipHop-Sinn findet sich zusammen, weil man Gemeinsamkeiten hat und ähnliche Ziele verfolgt.“[5]

Eine Urform des Sprechgesangs bildet der Battle-Rap, der sich vom englischen Wort battle (= Kampf) ableitet. Diese Technik bezeichnet einen Zweikampf, dessen Ziel es ist, seine Machtposition nicht im körperlichem Kampf auszutragen, sondern einen realen oder imaginären Gegner auf verbaler Ebene zu dissen.[6] Der Gedanke des Battle-Raps bildete ursprünglich einen friedlichen Vorsatz und sollte durch den verbalen Ausdruck von Aggressionen reale Gewalt verhindern.[7] Die Intention lag nicht nur darin, einen Gegner oder eine andere Gang durch Schlagfertigkeit und kreativen Wortwitz zu verhöhnen, sondern implizierte zudem die Positionierung innerhalb der eigenen hierarchisch strukturierten Gemeinschaft. Durch die Entwicklung eines eigenen Stils wollte man Anerkennung aus den eigenen Reihen erlangen. Das Präsentieren war anfangs nur eine Form des Wettstreits und der freundschaftlichen Rivalität. Durch die zunehmende Ganggewalt ist jedoch dieser Gedanke verdrängt worden. Es kam in der Vergangenheit zu realen körperlichen Auseinandersetzungen und die neue Battle-Härte zeichnet sich seit 2001 durch einen sexistischen, teilweise homophoben Wortschatz aus.[8]

Die ersten Diss-Tracks entstanden 1993, zu dem Zeitpunkt noch unter dem Aspekt des Street-Battles, da es um Rivalität zwischen Bezirken ging. Hannes Loh und Sascha Verlan geben einen Überblick über die weitere Entwicklung in Deutschland und nennen einige Künstler, wie Samy Deluxe, Azad oder MC René, die sich zu dieser Zeit gegenseitig verbal bekämpften.[9] Bis zu diesem Zeitpunkt war das Motiv der Gefechte jedoch meistens nur die Frage danach, wer die besseren Rapfähigkeiten besitzt. So rappt Samy Deluxe in Anspielung auf seinen Rap-Kollegen Azad:

„Außerdem geht es beim battlen, Fakten klar zu trennen, es geht nicht darum, Namen zu nennen, sondern den Rahmen zu sprengen, besser als der Andere zu sein und das bist du nicht, also warum disst du mich, du Fischgesicht?“[10]

Auch hier wird der Grundgedanke eines friedlichen Kampfes deutlich, indem Samy Deluxe darauf besteht, keine Namen in den Schmutz zu ziehen. Der Song entstand 2001. Einige Jahre später war jedoch vom Frieden innerhalb des Battle-Raps nicht mehr viel übrig geblieben.

Im Herbst 2004 nahm die Battle-Kultur eine weitaus aggressivere Gestalt an, als Die Abrechnung von Eko Fresh erschien, die sich gegen seinen ehemaligen Mentor Kool Savas richtete. Der Hintergrund dieses Battles lässt sich in wenigen Worten zusammenfassen:

Ende des Jahres 2000 begegnete der damals 17- jährige Eko Fresh seinem Idol Kool Savas und demonstrierte ihm einige seiner Raptexte. Daraus begründete sich seine weitere Karriere, da Savas ihn wenig später als MC in seine „Optik Crew“ (zu dem Zeitpunkt bestehend aus Valeska, Melbeatz und DJ Nicon) aufnahm. Als Savas ein Jahr später gemeinsam mit seiner damaligen Lebensgefährtin und Beatproduzentin Melbeatz das BMG-Sublabel „Optik Rekords“ gründete, erhielt Eko dort seinen Plattenvertrag und Gastauftritte auf Kool Savas' Album Der beste Tag meines Lebens, welches 2002 erschien. Ein Jahr später wurde Ekos Maxi-Single König von Deutschland veröffentlicht. Geblendet von seinem anfänglichen Erfolg wollte er nicht nur als Star der Rapszene gefeiert werden, sondern sich auch im Pop und Mainstream einen Namen machen, was durch sein Umfeld kritisiert wurde. Aufgrund musikalischer und persönlicher Differenzen verließ Eko das Label im Jahr 2003. Zu dem Zeitpunkt lieferte sich Eko Fresh Battles mit weiteren Rappern, wie Bushido und Fler.[11]

Die aus dem Streit resultierende Folge erschien 2004 in Form von Ekos Diss-Track Die Abrechnung. Der Song ist deshalb so bedeutend, weil er eine Lawine an weiteren verbalen Attacken ins Rollen brachte. Eko nennt in seinem Song mehrere Gegner namentlich und beleidigt sie auf persönlicher Ebene, wodurch seine Angriffe einen realen Bezug erhielten.

Kool Savas' Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Noch im selben Jahr reagierte er auf die Vorwürfe und schlug mit geballter Aggression zurück. In dem fast fünfeinhalb-minütigen Song Das Urteil rappt er ohne jegliche Unterbrechung oder Refrain seine Antwort. Der Song wurde als kostenloser Free-Track auf der Homepage mzee.com zum Download bereitgestellt, so dass innerhalb kürzester Zeit mehr als einhunderttausend Fans ihn herunterluden. Einen so aggressiven und bedrohlichen Raptext hatte es bis dahin noch nicht gegeben, zumal sich der Text vor allem durch die autobiographischen Szenen von anderen Diss-Tracks abhebt und zeigt, wie persönlich der Streit wurde.[12]

Kapitel 2: Die drei Arten der Freundschaft nach Aristoteles

Laut Aristoteles wird Freundschaft danach bemessen, wie zwei Menschen zueinander stehen und welche Handlungsmotive sie verfolgen. Als Voraussetzung für eine gelingende Freundschaft sieht er drei Gründe für das Lieben[13]: Gegenliebe und gegenseitiges Wohlwollen, welche besagen, dass man seinem Freund etwas Gutes wünscht. Die dritte Grundlage besteht im Wissen der Existenz der Freundschaft des Gegenübers.[14]

Darüber hinaus unterstreicht Aristoteles weitere Eigenschaften einer Freundschaft, die zwar nur am Rande erwähnt werden, die für diese Arbeit jedoch von Bedeutung sind: der Zusammenhalt („Weiter hält man in Armut und anderen Unglücksfällen die Freunde für die einzige Zuflucht“[15] ), die gegenseitige Hilfe („Außerdem hilft die Freundschaft […] Fehler zu vermeiden […] und Unterstützung bei Tätigkeiten zu bekommen“[16] ) und der Großzügigkeit.[17]

Daraus ergeben sich drei Arten der Freundschaft: die des Nutzens, die der Lust und die vollkommene Freundschaft. Die ersten beiden Arten der Freundschaft bezeichnet er als „akzidentiell“ und begründet dies damit, dass nicht die Person geliebt wird, sondern nur ein Zustand „insofern er ein Gut bzw. Lust verschafft. Solche Freundschaften werden daher leicht aufgelöst, wenn die Menschen nicht die gleichen bleiben.“[18] Da der Nutzen nicht von Dauer ist, sei auch die Freundschaft nicht von Dauer und löse sich spätestens mit dem Verschwinden des Nutzens auf. Freundschaft funktioniere nur, wenn beide dasselbe voneinander bekommen und sich an denselben Dingen erfreuen.

Die vollkommene Freundschaft besteht laut Aristoteles in einer Form der absoluten Gutmütigkeit, bei der sich zwei Menschen völlig selbstlos aufgrund ihrer Tugenden wertschätzen. „Das Gute“ bildet seiner Meinung nach die Basis für jegliche Freundschaften, dennoch wird auch die Kehrseite belichtet.

In diesem Sinne werden ebenfalls Eigenschaften angeführt, die die Unmöglichkeit oder den Verlust einer Freundschaft zur Folge haben: Überlegenheit oder Machtstrukturen schließen eine selbstlose Freundschaft aus, ebenso Feigheit und Trägheit.[19]

Die Untersuchung der Freundschaft durch Aristoteles leitet sich von Überlieferungen aus der Antike ab, als die Bedeutung des Wortes „Freundschaft“ nicht nur die enge freundschaftliche Verbindung zwischen zwei Menschen umfasste, sondern sich gleichermaßen auf eine erotische Verbindung und auf Geschäftsbeziehungen bezog. Daraus erschließt sich der Grund, wieso die Arten der Freundschaft bei Aristoteles den Aspekt der Lust mit einbeziehen. Den Nutzen einer Freundschaft könnte man in diesem Kontext genauso gut als materiellen Gewinn verstehen, der aus einer Geschäftsbeziehung resultiert.

Jost Hermand bezeichnet demnach die Freundschaft zwischen Goethe und Schiller als „strategisch kalkulierte Interessengemeinschaft“[20], da sie laut seiner Theorie nicht unbedingt auf Gemeinsamkeiten in literarischer Form beruhte, sondern vielmehr ein Bündnis darstellte, mit dem es jedem Einzelnen gelang, seine eigenen Ansichten durch die Unterstützung und Mithilfe des Anderen zu proklamieren.

Hermands Untersuchungen beschreiben zwei unterschiedliche Trends innerhalb des Konzeptes von Freundschaft seit Aristoteles, die nun nicht mehr nur dem antiken Kriterium von „gut“ und „schlecht“ folgte, sondern seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, mit dem Anbruch der Aufklärung, einem Wandel unterlag. Bedingt durch die Französische Revolution entstand der Gedanke der Brüderlichkeit, eine Solidaritätsvorstellung, die sich auch auf politischer Ebene widerspiegelt, heutzutage jedoch im privaten Bereich nur selten auftritt. Im Zuge der Selbstrealisierung sei man, so Hermand, von einer sozialethischen Freundschaftsauffassung abgewichen und sehe nun im Freundschaftskonzept keinen gesamtgesellschaftlichen Bezug mehr, sondern nur noch den individuellen Nutzen.[21]

Kool Savas formuliert das freundschaftliche Verhältnis zwischen sich und Eko Fresh folgendermaßen:

„Ich hab Dich geliebt, doch nicht wie ein Schwuler einen anderen Mann. Wie einen Bruder, der für seinen Bruder tut, was er kann.“[22]

[...]


[1] Kool Savas, 2005.

[2] Verlan, Loh, S. 46.

[3] Vgl. ebd. S. 37.

[4] Crew bedeutet Gruppe.

[5] Verlan, Loh, S. 57.

[6] Dissen bedeutet „jemanden fertig machen“.

[7] Vgl. Wiegel, S. 78.

[8] Vgl. Verlan, Loh, S. 21.

[9] Ebd. S. 30.

[10] Samy Deluxe: Rache ist Süss auf der EP (Vinyl 12") Rache ist Süss. Eimsbush 2001.

[11] Vgl. http://www.laut.de/Eko-Fresh (letzter Zugriff am 18.09.2016)

[12] Vgl. Wiegel, S. 85.

[13] Vgl. Höffe, S. 376 f.

[14] Vgl. ebd. S. 377.

[15] Ebd. S. 374.

[16] Ebd. S. 374 f.

[17] Vgl. ebd. S. 383.

[18] Ebd. S. 377.

[19] Vgl. ebd. S. 383 ff.

[20] Vgl. Hermand, S. 28 ff.

[21] Vgl. ebd. S. 6 ff.

[22] Kool Savas, 2005.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Konzepte der Freundschaft in der Antike und der Moderne. "Das Urteil" von Kool Savas
Hochschule
Universität Siegen  (Fakultät 1)
Veranstaltung
Umgangslehre
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
19
Katalognummer
V345304
ISBN (eBook)
9783668350793
ISBN (Buch)
9783668350809
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Freundschaft, Moderne, Antike, Aristoteles, Montaigne, Simmel, Relationship, Beziehungen, Rapkultur, Freundschaftsmodell, Freundschaftskonzept, Brüderlichkeit, Umgangslehre, Thomasius, Kool Savas, Claudia Schmölders, Soziologie, Psychologie, Affekt, soziale Bindung, Konversation, Schinkel, Deutschrap, HipHop
Arbeit zitieren
Laura Puglisi (Autor), 2012, Konzepte der Freundschaft in der Antike und der Moderne. "Das Urteil" von Kool Savas, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/345304

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