Fragen, die unser Menschsein betreffen, gehen mit der Frage einher, wie wir leben sollen. In diesem Zusammenhang wird auch in der Geschichte der praktischen Philosophie versucht, die von Sokrates gestellte Frage „Was soll man tun?“ zu beantworten. Besonders Moralphilosophen sehen es als ihr Anliegen an, diese Frage zu interpretieren und eine Antwort zu finden. Man könnte die Frage, laut gängigen Interpretationen, als Frage interpretieren, zu welcher Handlung eine Person Grund hat. Diese Lesart impliziert, dass Gründe mit normativen Forderungen ungeachtet einer persönlichen Komponente einhergehen. Einen Grund zu einer Handlung haben hieße, eine Handlung auszuführen, die ausgeführt werden soll. In diesem Punkt gehen die Meinungen vieler Philosophen auseinander. Hinsichtlich dessen werden in der praktischen und in der Moralphilosophie Konzeptionen praktischer Gründe entworfen, welche versuchen, Fragen zu klären, wie: Welche Eigenschaften haben Gründe? Wie stehen sie in Verbindung zu rationalem Handeln und zu normativen oder moralischen Forderungen und Handlungen? Inwiefern spielen Motive bei Handlungen aus Gründen eine Rolle? Fest steht, dass eine Theorie praktischer Gründe, verstanden als Handlungsgründe, für eine Theorie rationalen Handelns und für eine Moraltheorie von Belang ist.
Hinsichtlich der Eigenschaften sind sich die meisten Philosophen darüber einig, dass praktischer Gründe normativ und motivierend sein müssen. Im Laufe der Zeit entwickelten sich drei Hauptströmungen, welche den beiden Eigenschaften ein unterschiedlich hohes Gehalt zukommen lassen. In der Arbeit soll vorerst auf die angenommenen Eigenschaften praktischer Gründe eingegangen sowie die drei Hauptströmungen von Konzeptionen praktischer Gründe kurz dargestellt werden. Im Anschluss daran werde ich die Frage stellen, ob Rüdiger Bittner der internalistischen Auffassung Bernard Williams` seine Ansicht glaubhaft entgegensetzen kann und welche Fragen für mich offen bleiben.
Inhaltsverzeichnis
1. Die normative und die motivierende Dimension von Gründen
2. Drei Theorien praktischer Gründe
3. Williams` internalistische Konzeption
3.1. Williams` Auffassung in: „Interne und externe Gründe“
3.1.1. Die Untersuchung interner Gründe
3.1.2. Die Untersuchung externer Gründe
3.2. Schlussbetrachtung
4. Bittners Konzeption
4.1. Bittners Auffassung in „Gründe und Motive“
4.2. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Plausibilität der internalistischen Auffassung praktischer Gründe nach Bernard Williams und setzt diese in den Kontext der Antwort von Rüdiger Bittner, um zu klären, inwiefern unsere Rationalität von motivationalen Zuständen abhängig ist.
- Dimensionen von praktischen Gründen (normativ vs. motivierend)
- Internalistische vs. externalistische Konzepte praktischer Gründe
- Bernard Williams' Kritik an externen Gründen
- Rüdiger Bittners Ansatz zur Handlungserklärung
- Das Verhältnis von Rationalität, Moral und Motivation
Auszug aus dem Buch
3.1.1. Die Untersuchung interner Gründe
Williams formuliert den Satz zunächst um. A muss einen Wunsch haben, „(…) bezüglich dessen Erfüllung A glaubt, dass sein ϕ-en ihr nützt.“9 Dieses Modell bezeichnet Williams als sub-Humesches Modell. Zudem muss ein Zusammenhang zwischen dem Begründungssatz und der subjektiv motivationalen Verfassung einer Person, im Folgenden V genannt, bestehen. Letztere muss zur Handlung motivieren und von ihr gehe der Glaube, den gewissen Grund zu besitzen, aus. Zu V zählen für ihn u.a. Wünsche, Bewertungen, Gefühlsreaktionen und Loyalitäten. Damit der Satz „A hat einen Grund zu ϕ-en“ wahr sein kann, knüpft Williams mehrere Bedingungen an ihn. Fehlt ein Element in V, sei nach ihm der Satz der internen Handlungsbegründung falsch. Diese Behauptung generiert er an einem Beispiel: A möchte Gin-Tonic trinken und glaubt, dass er diesen Wunsch befriedigen kann, wenn er aus der Flasche trinkt, von welcher er nicht weiß, dass sich darin eigentlich Benzin befindet. A hat laut Williams keinen Grund zu dieser Handlung, obwohl diese Handlung mit Hilfe des Grundes erklärt werden kann, denn A handelt hierbei nicht rational. 10 Daraufhin ist für Williams klar, dass V dem Handelnden A keinen Grund zu ϕ-en geben kann, wenn die Existenz seines Wunsches auf falschem Glauben beruht, oder As Glaube an die Relevanz von ϕ-en zur Erfüllung von W, dem Wunsch, falsch ist.11 A glaubt hierbei nur, er habe einen Grund, da sein Wunsch oder sein Glaube sich nicht auf die reale Existenz beziehen. Demnach kann A fälschlicherweise einen internen Begründungssatz über sich selbst glauben, kann aber auch von einem wahren Begründungssatz über sich selbst keine Kenntnis haben. Unbekannte Tatsachen im Handlungskontext und das Unterbewusstsein von A können hierfür Auslöser sein.12 Durch Überlegungen, die durch V gesteuert werden, kann A laut Williams die eigenen Wünsche entdecken, Handlungen überdenken und sich darüber klar werden, auf welche Weise er Elemente in V am effektivsten erfüllen kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die normative und die motivierende Dimension von Gründen: Dieses Kapitel erläutert die doppelte Natur von Handlungsgründen, die sowohl rechtfertigend wirken als auch die Motivation einer Person erklären sollen.
2. Drei Theorien praktischer Gründe: Hier werden die humeschen, aristotelischen und kantischen Strömungen kurz vorgestellt und deren unterschiedliche Auffassungen von Vernunft und Motivation dargelegt.
3. Williams` internalistische Konzeption: Das Kapitel analysiert Bernard Williams' These, dass Handlungsgründe immer internalistisch interpretiert werden müssen, da sie zwingend auf Motive zurückzuführen seien.
4. Bittners Konzeption: Dieses Kapitel behandelt Rüdiger Bittners Kritik, wonach Motive zur Handlungserklärung nicht notwendig seien und Gründe stattdessen als Zustände oder Ereignisse in der Welt zu verstehen seien.
Schlüsselwörter
Praktische Gründe, Rationalität, Bernard Williams, Rüdiger Bittner, Internalismus, Externalismus, Motivation, Handlungserklärung, Handlungsgründe, Normativität, Vernunft, Moral, Willensfreiheit, Motivationale Verfassung, Handlungsbegründung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der philosophischen Debatte darüber, was einen praktischen Grund für eine Handlung ausmacht und wie diese Gründe im Verhältnis zu persönlicher Motivation und Rationalität stehen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit untersucht die Konzepte von Bernard Williams (Internalismus) und Rüdiger Bittner sowie die zugrundeliegenden Theorien über die Verbindung von Vernunft, Motivation und normativen Forderungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Plausibilität der Argumente von Bernard Williams hinsichtlich der internen Gründe kritisch zu beleuchten und zu prüfen, ob Rüdiger Bittners Gegenentwurf eine überzeugende Alternative bietet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine analytische Untersuchung praktischer Philosophie, die durch eine vergleichende Lektüre und Interpretation der Primärtexte von Williams und Bittner geleitet wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Williams' Unterscheidung zwischen internen und externen Gründen sowie Bittners These, dass die bloße Angabe von Gründen ohne explizite Erwähnung von Motiven zur Handlungserklärung ausreicht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen praktische Gründe, Internalismus, Motivation, Rationalität und Handlungserklärung.
Was ist das spezifische Problem an Williams' Gin-Tonic-Beispiel?
Das Beispiel illustriert, dass A keinen Handlungsgrund hat, aus einer Benzinflasche zu trinken, selbst wenn A glaubt, es sei Gin, da der Glaube auf einem falschen Wissen über die Außenwelt basiert.
Wie unterscheidet sich Bittner von Williams hinsichtlich der Handlungserklärung?
Während Williams darauf beharrt, dass eine interne motivationale Verfassung (Wünsche) zwingend vorhanden sein muss, argumentiert Bittner, dass Gründe Zustände oder Ereignisse in der Welt sind, auf die der Handelnde reagiert, ohne dass ein psychologischer Motiv-Unterbau explizit Teil der Erklärung sein muss.
Welche Rolle spielt die Erziehung im Fazit der Arbeit?
Die Autorin stellt die Überlegung an, ob eine moralische Rationalität möglicherweise durch Erziehung geschult werden muss, anstatt zwingend einen bereits vorhandenen, intrinsischen motivationalen Unterbau vorauszusetzen.
- Quote paper
- Anika Mehner (Author), 2015, Theorie praktischer Gründe. Ist Rüdiger Bittners Antwort auf Bernard Williams plausibel?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/345332