Männliche Erzieher in Kindertagesstätten

Welchen Einfluss hat die Präsenz männlicher Erzieher auf die Entwicklung der Geschlechtsidentität von Jungen?


Hausarbeit, 2016

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Männer in Kindertagesstätten
2.1 Wenige Männer im Erzieherberuf in Kitas
2.2 Forderung nach mehr Männern in Kitas

3. Sozialisationstheoretische Grundlagen
3.1 Geschlecht als soziales Konstrukt und Produkt der Sozialisation
3.2. Bildung der Geschlechtsidentität bei Jungen

4. Alternative Männlichkeit bei Erziehern

5. Auswirkungen durch männliche Erzieher
5.1 Befriedigung des Bedürfnisses nach einer männlichen Identifikationsfigur
5.2 Förderung der Eigenschaften und Interessen von Jungen
5.3 Erzieher als alternatives Rollenvorbild

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Kindertagesstätten(Kitas) sind Orte, die von weiblichen Erzieherinnen1 dominiert werden. Nur ein Bruchteil des Fachpersonals ist männlich. Es gibt also fast keine Männer, die sich für die Arbeit als Erzieher in Kitas entscheiden. Doch warum ist das so? Wenn es nach dem Wunsch unterschiedlichster Institutionen, wie dem BMFSFJ2 ginge, würde sich dies ändern. Die Forde- rung nach mehr Männern in Kitas ist seit einiger Zeit sehr populär und wird immer wieder geäußert. Auch medial wird das Thema regelmäßig aufgegriffen (Buschmeyer 2013 S.41ff.). Zum Beispiel titelte DIE ZEIT (Michael Klitzsch 2012). Doch wa- rum sollten Männer in Kitas arbeiten? Wofür brauchen wir sie? Hat es nicht viele Jahre auch ohne sie funktioniert? Das sind Fragen, die in der Diskussion zu Männern in Kitas fast nie thematisiert werden. Es wird selten versucht argumentativ darzulegen, welchen Mehrwert männliche Erzieher für die Einrichtung Kita und die Entwicklung von Kindern hätten. Die Be- antwortung dieser Fragen sollte jedoch zentral sein, um die Forderung begründen zu können. Dies fällt allerdings besonders schwer, weil es so gut wie keine wissenschaftlichen Studien zu diesem Thema gibt. Empirische Belege dazu, welche Veränderungen durch Männer entstehen könnten, fehlen. Deshalb fußt die Behauptung, dass männliche Erzieher Sozialisationsvorteile brächten, ausschließlich auf einem populären, auf augenscheinlichen Selbstverständlichkeiten beruhenden nicht belegbaren Verständnis (Buschmeyer 2013 S.41ff.). Auf andere Argumente, wie dass beispielsweise mehr Personal benötigt werde und dieses nicht allein durch Frauen abgedeckt werden könne, gehe ich an dieser Stelle nicht weiter ein, da vor allem immer voran- gestellt wird, dass Erzieher positive Auswirkungen auf Kinder hätten (Cremers und Krabel 2015 S.9).

Diese Arbeit versucht Fragen positiver Entwicklungen, die durch männliche Erzieher entstehen könnten, zu beantworten. Es geht mir darum zu analysieren, wie sich das Vorhandensein männ- licher Erzieher in Kitas auf die Bildung der Geschlechtsidentität von Jungen auswirken kann. Aufgrund des Umfangs der Arbeit ist es nicht möglich auf weiterführende Sozialisationsfragen einzugehen oder noch einen Blick auf die Entwicklung von Mädchen zu werfen. Dabei muss diese Arbeit aufgrund des Mangels an Studien ohne direkt auf die Kita bezogene empirische Belege auskommen.

Zuerst wird in Kapitel zwei thematisiert, welche Herausforderungen es in Bezug auf Männer in Kitas gibt, es wird erläutert, wie gering die Zahl männlicher Erzieher ist, warum dies so ist und die Forderung nach mehr Männern in Kitas wird ausgeführt. Anschließend werden die soziali- sationstheoretischen Grundlagen für diese Arbeit erläutert. Die Frage danach, was Geschlecht bedeutet und wie die Geschlechtsidentität bei Jungen hergestellt wird werden an dieser Stelle thematisiert. Anschließende wird diskutiert, in wie weit das Männlichkeitsbild von Erziehern dem gesellschaftlichen Stereotyp entspricht beziehungsweise davon abweicht. Im fünften Ka- pitel wird ein Zusammenhang hergestellt zwischen den theoretischen Vorannahmen und dem, was Erzieher potentiell leisten können. Dabei wird darauf eingegangen, inwiefern Erzieher eine Vorbildfunktion für Jungen einnehmen können, wie sie deren Interessen fördern können und wie sie Alternativen zum gesellschaftlichen Geschlechtsstereotyp anbieten können.

2. Männer in Kindertagesstätten

Unter dem Begriff Kindertagesstätte werden drei, oft getrennt voneinander betrachtete Institu- tionen zusammengefasst. Dabei handelt es sich um Kinderk , den Hort . Die Betreuung in der Kinderkrippe ist für Kinder bis zum Alter von drei Jahren und teilweise bereits ab dem dritten Lebensmonat vorgesehen. Der Kindergarten ist eine Betreu- ungseinrichtung für Kinder im Alter zwischen drei und sechs Jahren, also in der Regel bis zum Besuch der Grundschule. Beim Hort handelt es sich um eine Einrichtung, in der Grundschul- kinder nach dem Schulunterricht betreut werden. Häufig sind in einer Einrichtung der Kinder- tagesbetreuung alle drei Institutionen untergebracht, doch sind sie personell und räumlich im Gebäude oft voneinander getrennt. Diese Arbeit beschäftigt sich ausschließlich mit der Kinder- krippe und dem Kindergarten, die ich unter dem Begriff Kita zusammenfasse. Die Entwicklung der Geschlechtsidentität ist bei Grundschülern bereits weit fortgeschritten, weshalb ich meinen Fokus nur auf die Kinder im Vorschulalter richte3. In Kitas werden Kinder sehr unterschiedli- chen Alters betreut und somit auch Kinder auf sich sehr stark unterscheidenden Entwicklungs- stufen (Wagner 2010). Das macht es in vielen Fällen schwer, präzise wissenschaftliche Aussa- gen bezüglich unterschiedlicher Aspekte in Kitas zu treffen, da es sich dabei um ein differen- ziertes Feld handelt. Dennoch versucht diese Arbeit Kitas im Allgemeinen in den Blick zu neh- men. Dies fällt jedoch in mancher Hinsicht schwer, da sozialwissenschaftlich häufig, besonders in Bezug auf Männer als Erzieher primär Sachverhalte mit Blick auf das Kindergartenalter dar- gestellt werden. Die Frage nach der Relevanz von Männern als Erzieher in Kitas ist jedoch im Allgemeinen sehr wichtig und rückt immer wieder in den Mittelpunkt von Diskussionen über die Kinderbetreuung. Deshalb wird hier versucht nicht ausschließlich auf den Kindergarten zu blicken (Buschmeyer 2013 S.41ff.). Warum es wichtig ist, einen speziellen Blick auf männliche Erzieher zu werfen soll in diesem Kapitel thematisiert werden. Zuerst wird der Ist-Zustand dar- gelegt und ein quantitativer Blick darauf, welchen Status Männer in Kitas haben. Daraufhin wird erläutert, wie es dazu kommt, dass die Frage nach mehr Männern in Kitas gesellschaftlich immer relevanter wird.

2.1 Wenige Männer im Erzieherberuf in Kitas

Männliche Erzieher sind in deutschen Kindertagesstätten eine Ausnahmeerscheinung. Im Jahr 2015 lag der Anteil von Männern am pädagogischen Fachpersonal in Kitas bei 2,4 Prozent. Diese Zahl stagniert seit mehreren Jahren und für die nahe Zukunft sind auch keine signifikan- ten Veränderungen zu prognostizieren. Männer sind also in der institutionalisierten Vorschul- kinderbetreuung sehr selten präsent (Cremers und Krabel 2015 S.9). Die Erklärung für dieses geschlechtsbezogene Ungleichgewicht liegt in erster Linie in gesellschaftlich verankerten ste- reotypen Geschlechtszuschreibungen. Beim Erzieherberuf handelt es sich um einen als weiblich konstruierten Beruf. Die Betreuung von Kleinkindern wird aufgrund der Nähe zu einer anschei- nend mütterlichen Tätigkeit Frauen zugeschrieben (Niebergall 2015). Doch nicht nur die bloße Konstruktion als Frauenberuf hält viele Männer von dem Beruf fern. Das mangelnde Ansehen, die vermeintlich schlechte Bezahlung und die vermuteten fehlende Aufstiegschancen sind für vielen Männer Gründe diese Tätigkeit nicht auszuüben (Aigner 2012 S.41ff.). Zudem sind Män- ner, die mit Kleinkindern arbeiten oft dem impliziten Generalverdacht der Pädosexualität aus- gesetzt (Buschmeyer 2013 S.37f.). Zu beobachten ist auch, dass viele Männer, wenn sie in einer Kita arbeiten als typisch männliche geltende Tätigkeiten übernehmen und viele in Leitungspo- sitionen kommen. So kommt es, dass 2008 5,7 Prozent der Freigestellten Kitaleitungskräfte in Deutschland Männer waren. Dies ist in Relation zu der Gesamtzahl an männlichem Fachperso- nal sehr viel (Cremers und Krabel 2015 S.41ff.). Kinder haben in Kitas somit nur selten männ- liche Bezugspersonen und Jungen haben als Folge daraus kein gleichgeschlechtliches Rollen- vorbild in der Kita.

2.2 Forderung nach mehr Männern in Kitas

Der im vorigen Abschnitt beschriebene Mangel an männlichem Fachpersonal in Kitas wird meist als Problem betrachtet. Viele unterschiedliche Institutionen äußern fortwährend die For- derung, dass mehr Männer in Kitas beschäftigt werden sollten. Es wird gefordert die Stigmati- sierung des Erzieherberufs als Frauenberuf zu durchbrechen (Cremers und Krabel 2015 S.9ff.). Für den Wunsch nach mehr Männern in Kitas gibt es unterschiedliche Argumente, die immer wieder angebracht werden. Diese sind jedoch meist trivial und sind in den seltensten Fällen wissenschaftlich belegt. Oft genügt das Argument, dass Kinder männliche Vorbilder brauchen, oder dass ein männlicher Einfluss bei der Erziehung wichtig sei. Dabei wird oft auch auf die sich unterscheidenden Herangehensweisen oder Eigenschaften zwischen Männern und Frauen verwiesen. Die Anwesenheit eines Mannes bringe also einen Sozialisationsgewinn für die Kin- der (Rose und Stibane 2013 S.6ff.). Das scheint plausibel und wissenschaftliche Erkenntnisse legen eine solche Vermutung nahe, doch Studien, die der Frage nachgehen, welche Chancen die Präsenz von Männern in Kitas bietet, existieren nahezu keine (Buschmeyer 2013 S.40). Dies stellt eine große Herausforderung für diese literaturbasierte Arbeit dar. Der Erkenntnisgewinn ist hier nur durch das Herstellen von Zusammenhängen zwischen sozialisationstheoretischen Annahmen und dem was Männer als Erzieher leisten können möglich und muss ohne konkrete Ergebnisse von Erhebungen auskommen.

Für die Forderung nach mehr Männern in Kitas wird vor allem auch immer wieder zentral auf die sich zwischen Männern und Frauen unterscheidenden Verhaltensweisen im Umgang mit den Kindern verweisen. Männer toben häufiger mit Kindern. Sie sollen Kindern häufiger ge- fährliche Situationen zutrauen und diese so, ihr körperlichen Grenzen erkennen lassen. Sie seien also wilder im Spiel und kämen so der Spielart von Jungen näher als Frauen. Bei dieser Argu- mentation wird oft vernachlässigt, dass viele Männer Erzieher werden, um der gleichen Tätig- keit wie Frauen nachzugehen und nicht stereotypen Vorstellungen zu entsprechen. Doch eine Tendenz zu einem anderen Umgang mit Kindern lässt sich auch empirisch belegen (Cremers und Krabel 2015 S.41ff.).

3. Sozialisationstheoretische Grundlagen

Da sich diese Arbeit damit beschäftigt wie sich bei Jungen eine Geschlechtsidentität ausbildet und welche Einflüsse Männer als Erzieher in Kitas darauf haben können, müssen die Grundla- gen und die sozialisationstheoretischen Ansätze für diese Frage dargelegt werden. Wichtig ist es zu . Außerdem wird in diesem Kapitel dargestellt, wie sich die Grundlagen einer Geschlechtsidentität bei Jungen herausbilden und welche Rolle Männern bei dieser Entwicklung zukommt. Da Sozialisations- forschung ein sich immer wieder wandelndes Feld ist und es unterschiedliche Theorien gibt, ist es an dieser Stelle wichtig darzulegen, mit welchen Vorannahmen hier gearbeitet wird.

3.1 Geschlecht als soziales Konstrukt und Produkt der Sozialisation

Für das Verständnis, der Bildung einer Geschlechtsidentität ist eine Definition für den Begriff Geschlecht grundlegend. Zentral ist, dass Geschlecht im Kontext dieser Arbeit nicht biologisch determiniert ist. Es handelt sich um eine gesellschaftliche Kategorie, die sich an dem Merkmal des biologischen Geschlechts orientiert. Im Englischen gibt es, was es einfacher macht dies differenziert darzustellen, zwei unterschiedliche Begriffe. „Sex“ meint das as biologische Ge- schlecht und „Gender“ bezeichnet das sozial konstruierte Geschlecht, welches hier primär be-handelt wird. Für beide Begriffe gibt es in der zweigeschlechtlichen Gesellschaft, die in Deutschland vorherrscht, nur Kategorien „männlich“ und „weiblich“. Bei der Geburt, muss jeder Mensch in eine dieser beiden Kategorien eingeordnet werden und wird dadurch ein Leben lang geprägt (Böhnisch 2004 S.11ff.). Den Geschlechtskategorien werden jedoch nicht nur bi- ologische Voraussetzungen zugeordnet, sondern auch unterschiedliche psychische, physische und soziale Eigenschaften, denen jeder Mensch in der jeweiligen Kategorie gerecht werden sollte. Es gibt klare Vorstellungen davon, was männlich und was weiblich bedeutet und wie dies jeweils charakteristisch ausgestaltet ist. Geschlecht ist die wichtigste Unterscheidungska- tegorie in unserer Gesellschaft und grenzt Menschen grundlegend voneinander ab (Buschmeyer 2013 S.46ff.). Die Einteilung scheint natürlich und selbstverständlich zu sein, doch ist sie auch ein Produkt sozialer Prozesse und nur durch die kontinuierliche Reproduktion sozialer Praxen besteht diese angenommene Selbstverständlichkeit (Hurrelmann 2008 S.242). Neben der Au- ßenperspektive auf die Geschlechtskategorie einer Person ist Gender vor allem ein Ergebnis der individuellen Sozialisation und ein in der Sozialisationsforschung fortwährend diskutiertes Thema.

[...]


1 Erzieher*innen wird in dieser Arbeit, der Einfachheit halber als Synonym für alle in Kitas beschäftigte pädagogische Fachkräfte verwendet.

2 Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

3 „Vorschulalter" bezeichnet in dieser Arbeit die gesamte Lebensphase vor Eintritt in die Schule.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Männliche Erzieher in Kindertagesstätten
Untertitel
Welchen Einfluss hat die Präsenz männlicher Erzieher auf die Entwicklung der Geschlechtsidentität von Jungen?
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Institut für Erziehungswissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
16
Katalognummer
V345350
ISBN (eBook)
9783668351370
ISBN (Buch)
9783668351387
Dateigröße
446 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
männliche, erzieher, kindertagesstätten, welchen, einfluss, präsenz, entwicklung, geschlechtsidentität, jungen
Arbeit zitieren
Luca Schirmer (Autor), 2016, Männliche Erzieher in Kindertagesstätten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/345350

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