Wachsender Ärztemangel

Droht eine medizinische hausärztliche Unterversorgung in ländlichen Gebieten in Bayern?


Studienarbeit, 2016

29 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Problem – Fragestellung

3. Medizinische Versorgung im Bundesgebiet
3.1. Altersstruktur und Ärzteanzahl in Deutschland
3.1.1. Durchschnittsalter der Ärzteschaft
3.1.2. Altersbedingter Ersatzbedarf
3.2. Fehlende Landärzte
3.2.1. Einschätzung der KBV
3.2.2. Hintergründe für die Landflucht von Ärzten

4. Aktuelle Situation in Bayern

5. Ärztemangel in Bayern
5.1. Wertung KBV - BÄK
5.2. Gefahr von Facharztmangel in ländlichen Regionen

6. Gegenmaßnahmen

7. Fazit

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Anzahl der Hausärzte

Abbildung 2 Anteil der unter 35- jährigen Ärzte

Abbildung 3 Altersverteilung der Ärzte in Unterfranken

Abbildung 4 Altersverteilung der Ärzte in München

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1 Ersatzbedarf an Ärzten bis 2019

Tabelle 2 Durchschnittsalter der Ärzte

Tabelle 3 Altersbedingter Abgang der Ärzte

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einführung

In der nachfolgenden Arbeit soll untersucht werden, ob sich aus der Überalterung in der Ärzteschaft und der daraus resultierenden Welle von Praxisschließungen in ländlichen Gebieten Bayerns eine drohende Gefahr der medizinischen Unterversorgung für Patienten ergeben kann. Insbesondere soll dargestellt werden, worin die Ursachen dafür liegen und welche Maßnahmen ergriffen werden können, um der möglichen Unterversorgung und den daraus entstehenden Problemen entgegen zu wirken.

Verantwortlich für die ärztliche Versorgung ist die Kassenärztliche Vereinigung. „Die Sicherstellung der vertragsärztlichen Versorgung in Bayern ist gesetzliche Aufgabe der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern. Als Selbstverwaltungskörperschaft erfüllt sie diese Aufgabe in eigener Zuständigkeit und Verantwortung.

Für die Bayerische Staatsregierung hat eine qualitativ hochwertige und flächendeckende medizinische Versorgung im gesamten Freistaat hohe Priorität. Daher ergreift sie schon heute zahlreiche Maßnahmen, um die ärztliche Versorgung auf dem derzeit hohen Niveau zu erhalten und weiterzuentwickeln. Der ländliche Raum steht dabei im Mittelpunkt der Anstrengungen.“[1]

2. Problem – Fragestellung

Durch sich stetig vermindernde Ärztezahlen im Bereich der niedergelassenen Ärzte in ländlichen Gebieten in Bayern, verursacht durch den demografischen Wandel, stellt sich bei genauer Betrachtung der Situation die Frage, ob sich aus dieser Entwicklung eine Gefährdung der medizinischen Versorgung für die Patienten ergeben kann.

„"Etwas mehr und doch zu wenig", so fasste Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), die Ergebnisse der Ärztestatistik für das Jahr 2014 zusammen. Wie aus den Daten der BÄK hervorgeht, erhöhte sich die Zahl der bei den Landesärztekammern gemeldeten ärztlich tätigen Mediziner im vergangenen Jahr um 2,2 Prozent auf 365.247. "Dieses leichte Plus reicht bei Weitem nicht aus, um die Lücken in der medizinischen Versorgung zu schließen, die sich aus einer Reihe von gesellschaftlichen Entwicklungen ergeben", sagte Montgomery.“[2]

In der folgenden Statistik wird die Anzahl der in Deutschland tätigen Hausärzte für den Zeitraum von 2005 bis 2020 dargestellt. Daraus ist zu entnehmen, dass im Jahr 2020 bereits über 8000 tätige Hausärzte fehlen werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Anzahl der Hausärzte[3]

Auch die Vorsitzenden der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) sehen die sich abzeichnende Entwicklung sehr kritisch. Auf Grund der aktuell herrschenden Altersstruktur in der Ärzteschaft und den derzeitigen Studentenzahlen zeichnet sich in den kommenden Jahren eine drohende Gefahr durch medizinische Unterversorgung auf dem Land für die Bevölkerung ab. „Laut Bundesärztekammer (BÄK) und KBV wird es 2020 bis zu 7000 Hausärzte (berechnet auf 2010, A.d.V.) weniger in der Bundesrepublik geben als heute. Das gaben die beiden Organisationen unter Berufung auf eine neue Studie bekannt.“[4]

„Umfragen zufolge planen 23 Prozent der niedergelassenen Ärzte, bis zum Jahr 2020 ihre Praxis aufzugeben. Hinzu kommt ein personeller Mehrbedarf, der aus neuen Behandlungsmöglichkeiten, vor allem aber aus dem demografischen Wandel resultiert. Während heute fünf Prozent der Bevölkerung älter als 79 Jahre sind, wird ihre Zahl bis zum Jahr 2060 auf etwa 13 Prozent steigen.“[5]

Woran liegt es, dass immer mehr niedergelassene Ärzte in ländlichen Gebieten tätig sein wollen? Ein Faktor ist, dass durch immer mehr fehlende Infrastrukturen und immer weniger Freizeitangebote ein Verbleib niedergelassener Ärzte in ländlichen Regionen immer unattraktiver wird und die Gefahr besteht, dass für Patienten in Zukunft kein flächendeckendes Angebot an niedergelassenen Fachärzten mehr vorhanden sein wird und eine effiziente und umfassende Patientenversorgung nicht mehr gegeben sein wird.

„Deutschland wird sich aufgrund der demographischen Entwicklung innerhalb der nächsten zehn bis fünfzehn Jahre stark verändern. Deutschland altert, aber diese Entwicklung vollzieht sich in den Regionen sehr unterschiedlich und wird vor allem durch innerdeutsche Wanderungsbewegungen verändert. Die voraussichtliche Veränderung der Bevölkerungsstruktur hat starke Auswirkungen auf den Bedarf an Ärzten. Durch Abwanderungen wird insbesondere in strukturschwachen Gegenden die Bevölkerungszahl deutlich sinken, zurück bleiben aber die älteren und häufig multimorbiden Menschen. Der Bedarf an medizinischer Versorgung wird dort deshalb vor allem in der hausärztlichen und in der altersspezifischen fachärztlichen Versorgung steigen. Kinderärzte hingegen werden in solchen Gegenden kaum noch gebraucht.“[6]

In der nachstehenden Grafik wird der Ersatzbedarf insgesamt an Ärzten bis zum Jahr 2019 durch den derzeitigen demografischen Wandel aufgezeigt. Dieser summiert sich auf eine Gesamtzahl von 108.260 fehlenden Ärzten in allen Fachbereichen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1 Ersatzbedarf an Ärzten bis 2019[7]

3. Medizinische Versorgung im Bundesgebiet

Zunächst möchte ich, bevor auf die spezielle Situation in Bayern eingehe, den Ärztemangel im gesamten Bundesgebiet erläutern. Dazu ist es wichtig, die demographische Situation der Ärzte näher zu betrachten und deren Auswirkungen auf die Zahl der berufstätigen Ärzte zu analysieren.

3.1. Altersstruktur und Ärzteanzahl in Deutschland

Zu Beginn soll mittels einer Studie verdeutlicht werden, wie die Altersstruktur der Ärzteschaft und die Arztzahlentwicklung in Deutschland aussehen. Ebenso gehe ich auf die Gründe für den Ärzteschwund ein.

Im Jahr 2010 hat Dr. Thomas Kopetsch von der BÄK eine sehr umfangreiche und detaillierte Studie zum Thema Altersstruktur der Ärzte in Deutschland durchgeführt. Da diese Studie große Beachtung fand, wurde sie sogar in Buchform unter dem Titel „Dem deutschen Gesundheitswesen gehen die Ärzte aus!“ veröffentlicht.

3.1.1. Durchschnittsalter der Ärzteschaft

Wie hat sich das Durchschnittsalter in der Ärzteschaft in der Vergangenheit entwickelt? „Das Durchschnittsalter der unter 69-jährigen Vertragsärzte erreichte im Jahre 1993 mit 46,56 Jahren seinen niedrigsten Wert, seitdem stieg es kontinuierlich an auf 51,92 Jahre im Jahr 2009. Diese Entwicklung ist durch die Einführung der Bedarfsplanung im Jahre 1993 erklärbar, wodurch das vertragsärztliche System quasi zu einem „Closed Shop“ wurde. Umso überraschender ist, dass sich dieser Trend des steigenden Durchschnittsalters auch im Krankenhausbereich beobachten lässt.“[8]

Das Durchschnittsalter der Ärzte in den einzelnen Fachbereichen zeigt sich in der folgenden Statistik der KBV.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2 Durchschnittsalter der Ärzte[9]

*Hierbei handelt es sich um die Nervenärzte im Sinne der Bedarfsplanung, dazu gehören im Einzelnen die Nervenärzte, Psychiater sowie Psychotherapeuten, sofern sie nicht überwiegend psychotherapeutisch tätig sind.

„Erstaunlich ist, dass parallel zum Anstieg des Durchschnittsalters der Anteil der unter 35-jährigen Ärzte an allen berufstätigen Ärzten sinkt. Waren 1995 noch 24,8% der berufstätigen Ärzte unter 35 Jahre alt, so betrug der Anteil im Jahre 2009 nur noch 16,6% - ein Rückgang um 33,1%.“[10]

Der Anteil der unter 35jährigen Ärzte im Zeitraum von 1995 bis 2009 wurde von der BÄK wie folgt dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 Anteil der unter 35- jährigen Ärzte[11]

Stellvertretend für die verschiedenen Fachbereiche soll die Situation bei den Internisten betrachtet werden. Die Internisten unterteilen sich zudem in zwei unterschiedliche Gruppen. Einerseits in die hausärztliche internistisch tätige Gruppe und andererseits in die fachärztliche internistische Gruppe. „Bei den hausärztlich tätigen Internisten ist der Anteil der älteren Ärzte im Vergleich zu den fachärztlich tätigen Internisten sehr hoch.“[12]

„Ein Grund für das hohe Durchschnittsalter in bestimmten Fachgruppen sind die geringen Zulassungsraten, die durch die Ärzte Bedarfsplanung gesetzlich verursacht wurden.“[13] Wie kam die ärztliche Bedarfsplanung zustande?

Die Bedarfsplanung der Ärzte wurde mithilfe vieler Ärzte verabschiedet. Hintergrund war unter anderem, dass die Ärzte sich ihre Pfründe erhalten wollten. Ausschlaggebend für die Bedarfsplanung war, dass je mehr Ärzte eine Zulassung bekommen, umso weniger Patienten in den einzelnen Praxen überbleiben würden und umso weniger finanzielle Mittel am Quartalsende in der Praxis verbleiben. Dass dieser Beschluss und die Beweggründe mehr als egoistisch und kurzsichtig waren, zeigt sich in diesen Jahren durch die sich immer mehr verschärfende Lage. Zudem wurde der Numerus Clausus für die Zulassung zum Medizinstudium auf Drängen der Ärzteschaft immer weiter verschärft, die Ausbildungszeit zum Facharzt wurde immer länger und schwieriger und zu guter Letzt wurde die Approbationsordnung auch noch verschärft.

„Da sich die Altersstrukturen fast aller Fachgebiete nicht gleichmäßig linear (rechteckig), sondern als „polygonale Gebirge“ darstellen, führen deren „Täler“ zu einem geringeren Ersatzbedarf, gefolgt von „Gipfeln“ mit hohem Ersatzbedarf. Umfassen diese Gipfel gleich mehrere Jahrgänge ist es schwierig bis nahezu unmöglich, den Ersatzbedarf zu decken.“[14]

Wie entstehen diese „Berg“ und „Tal“ Bildungen und warum bleibt es nicht bei gleichmäßig verteilten Arztzahlen über die Jahre? In Deutschland gab es Mitte 1996 einen Tiefstand bei der Zahl von Medizinstudenten. Dabei kamen auf einen Studienplatz 2,4 Bewerber. Ein Hochstand von 3,2 wurde 1998 erreicht um im Jahre 2001 wieder auf eine Zahl von 2,1 Bewerbern pro Studienplatz abzufallen.

Da diese Studie im Jahr 2002 das erste Mal öffentlich vorgestellt wurde, gab es kurz darauf einen Anstieg an Studentenzahlen im Fachbereich Medizin. 2005 erreichte die Zahl der Bewerber pro Studienplatz mit 5,3 eine Höhe wie zuletzt in den 80er Jahren, um danach wieder abzufallen.[15]

Woraus resultieren die schwindenden Studentenzahlen im Bereich Medizin? Mediziner werden immer mehr zu Verwaltungsangestellten, die Einkommensmöglichkeiten werden immer mehr beschnitten und reglementiert, die Arbeitszeiten nehmen ständig zu, nicht zuletzt dank der neben der Praxis erforderlichen Verwaltungsarbeiten und die Ausbildungszeiten bis zur Erlangung des Facharztes werden immer länger. Dies alles führt dazu, den Beruf des Mediziners stetig unattraktiver erscheinen zu lassen.

3.1.2. Altersbedingter Ersatzbedarf

Die von der KBV veröffentlichten Zahlen zeigen eine erschreckende Tendenz. Wenn man nur die Gruppe der Hausärzte betrachtet wird man erkennen, dass bis zum Jahre 2020 etwa 23.768 Hausärzte in den Ruhestand gehen werden. Gleichzeitig sinkt aber der medizinische Nachwuchs kontinuierlich. Neben der schon reduzierten Anzahl von Studenten beträgt auch die Quote der Studienabbrecher zusätzliche 14%. Außerdem werden rund 12% der fertigen Mediziner nicht kurativ tätig werden. Dieses Zusammenspiel der immer weniger werdenden Studenten mit gleichzeitig immer weniger kurativ tätigen Ärzten und zudem immer mehr junge Ärzte zu einer lukrativen Tätigkeit ins Ausland abwandern, verschärft die Lage zusätzlich.

Im Ergebnis kann festgehalten werden, dass neben der Überalterung der Ärzteschaft auch der für eine Sicherstellung der medizinischen Versorgung erforderliche Nachwuchs ausbleibt und somit zu einer prekären Versorgungslage führen kann.

Die Entwicklung des Abgangs niedergelassener Ärzte auf Grund des altersbedingten Ausscheidens bis 2015 und 2020 zeigt sich wie folgt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 3 Altersbedingter Abgang der Ärzte[16]

Wie kann dem gegengesteuert werden? Die Politik ist gezwungen, umgehend ihren Handlungsbedarf für eine Sicherstellung der ärztlichen Versorgung zu erkennen und die Zulassungsbedingungen zum Medizinstudium zu erleichtern. Auch die Studienbedingungen insgesamt müssen optimiert werden, ansonsten ist der sich abzeichnende Kollaps durch die Überalterung nicht mehr aufzuhalten und scheint unabwendbar. Außerdem ist es nötig, dass die Weiterbildungsvorschriften vereinfacht und erleichtert, sowie die Arbeitsbedingungen in der Gesamtheit wieder auf ein vernünftiges und akzeptables Maß gebracht werden.

Diese Punkte sind auch im Besonderen vor dem Hintergrund zu sehen, dass sich die Situation durch eine immer schneller wachsende Überalterung der Bevölkerung mit einer Wandlung des Morbiditätsspektrums und einer sich daraus hervorgehenden Multimorbidität verschärft.

3.2. Fehlende Landärzte

Im Folgenden soll anhand von Studien der drohende Ärztemangel im Bereich niedergelassener Hausärzte insbesondere in ländlichen Gebieten untersucht werden. Die bereits oben erläuterten Faktoren erklären, warum die Zahl der Niedergelassenen in ländlichen Gebieten im Vergleich zu städtischen Regionen überproportional abnimmt.

Die Causa hierfür sollen nachfolgend noch einmal im Detail betrachtet werden.

3.2.1. Einschätzung der KBV

Die BÄK und die KBV gehen in ihrer Einschätzung in Bezug auf den künftigen Ärztemangel von dem gleichen Zahlenstand aus. „Deutschland leidet unter einem bedenklichen Ärzteschwund. Laut Bundesärztekammer und KBV wird es 2020 bis zu 7000 Hausärzte weniger in der Bundesrepublik geben als heute. Das gaben die beiden Organisationen unter Berufung auf eine neue Studie bekannt.“[17]

KBV und BÄK haben in diesem Zusammenhang bereits mehrfach darauf hingewiesen, dass in Zukunft für die Patienten erhebliche Wartezeiten und weitere Unannehmlichkeiten auf sie in den verbliebenen Praxen zukommen werden.

Die KBV sieht die Probleme gleichermaßen auch in den Kliniken auf die Patienten zukommen. „KBV-Chef Andreas Köhler nannte die Zahl "alarmierend". Der Vizepräsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, warnte vor einer "Wartelistemedizin". Schon jetzt seien in Kliniken 5000 Stellen unbesetzt.“[18]

3.2.2. Hintergründe für die Landflucht von Ärzten

„Heute geben auch Politiker und Krankenkassen zu, dass wir direkt in einen Ärztemangel hineinlaufen. Dafür ausschlaggebend ist der doppelte demographische Wandel: Trotz des Rückgangs der Bevölkerungszahl aufgrund der Alterung und trotz des medizinischen Fortschritts wird es weiterhin sehr hohen Behandlungsbedarf geben; gleichzeitig werden auch die Ärzte immer älter. Damit sinken die verbleibenden Restarbeitsjahre erheblich. Hinzu kommt ein anderer Effekt: Die nächste und die übernächste Ärztegeneration hat ganz andere Erwartungshaltungen hinsichtlich ihrer Arbeitsbedingungen und ihrer Ansprüche an den Umfang und die Qualität ihrer Freizeit.“[19]

Die vorgenannten Punkte verdeutlichen die Faktoren, auf denen sich die sogenannte Landflucht der Hausärzte begründet. Nicht nur, dass die einzelnen Ärzte immer größere Einzugsgebiete zu betreuen haben, sie müssen auch sehr oft schon an 7 Tagen in der Woche rund um die Uhr verfügbar sein. Die Arbeitszeiten liegen nicht selten um 50% und mehr über den vergleichbaren Arbeitszeiten von Ärzten in Städten. Das bedeutet, Familienleben und Freizeit fahren gegen Null. Das resultiert daraus, dass die nächstgelegenen Rettungswachen in ländlichen Gebieten nur dünn angesiedelt sind und oft große Strecken zum Einsatzort zurückzulegen und daher lange Anfahrtszeiten haben, die durch die vor Ort ansässigen Ärzte kompensiert werden müssen. Hausärzte in ländlichen Gebieten müssen auch sehr oft Multitalente sein, da durch die immer älter werdende Bevölkerung mit daraus resultierenden multimorbiden Krankheitsbildern auch immer umfangreichere Behandlungsbilder auf die Hausärzte zukommen. Das erklärt die immer länger werdenden einzelnen Behandlungszeiten, die unweigerlich zu langen Wartezeiten führen. Konsiliarisch hinzugezogene Fachärzte sind für viele ältere Patienten oft nur noch mit sehr großem Aufwand oder gar nicht mehr erreichbar.

Warum sind ländliche Gebiete für junge Ärzte oft unattraktiv, obwohl sie hier durch die besonderen Krankheitsbilder sich sehr viel Wissen aneignen können? Es gibt nur geringe kulturelle Angebote, nur sehr wenige Bildungsangebote und auch die Gastronomie ist in der Auswahl in ländlichen Gebieten sehr eingeschränkt. Ein besonderes Problem haben Ärzte mit Kindern. Weiterführende Schulen sind oft nur mit großem Aufwand zu erreichen, da Schulen oftmals zu Schulzentren zusammengelegt werden. Sportangebote für Kinder gibt es in ländlichen Bereichen im Vergleich zu Städten nur in sehr geringem Umfang. Genauso verhält es sich auch mit Kindergärten. Günstige Immobilien und viel Natur sind meistens nicht in der Lage, diese Nachteile zu kompensieren. Auch die sogenannten Fangprämien für Praxisimmobilien und finanzielle Zuschüsse für Praxisgründungen führen nicht zu einer Entschärfung der Situation. Dritter Grund der Abwanderung von Ärzten sind geringere Verdienstmöglichkeiten auf dem Land, da oft die für einen lukrativen Praxisbetrieb erforderlichen Privatpatienten fehlen. So liegen die Praxisumsätze in ländlichen Gebieten oftmals um 40% unter denen vergleichbarer Praxen in Städten.

„Die KBV hat sich schon vor Jahren mit der Entwicklung der kleinräumigen Versorgungsanalyse auf diesen Weg begeben. Hier werden alle relevanten Einflussfaktoren berücksichtigt. In einem nächsten Schritt soll dieses Analyseinstrumentarium erweitert werden um die Kapazitäten der Krankenhäuser und somit ein sektorenübergreifendes Planen ermöglichen.

Aber das reicht noch nicht aus: Wir müssen die demographische Veränderung ebenfalls in die Planung einbeziehen. Deutschland wird sich aufgrund der demographischen Entwicklung innerhalb der nächsten zehn bis fünfzehn Jahre stark verändern. Deutschland altert, aber diese Entwicklung vollzieht sich in den Regionen sehr unterschiedlich und wird vor allem durch innerdeutsche Wanderungsbewegungen verändert. Die voraussichtliche Veränderung der Bevölkerungsstruktur hat starke Auswirkungen auf den Bedarf an Ärzten. Durch Abwanderungen wird insbesondere in strukturschwachen Gegenden die Bevölkerungszahl deutlich sinken, zurück bleiben aber die älteren und häufig multimorbiden Menschen. Der Bedarf an medizinischer Versorgung wird dort deshalb vor allem in der hausärztlichen und in der altersspezifischen fachärztlichen Versorgung steigen.“[20]

4. Aktuelle Situation in Bayern

Stellvertretend für viele ländliche Regionen, möchte ich nun ein Beispiel aus der Region Oberfranken anführen, das das Problem in seinem vollen Ausmaß verdeutlicht.

„Bei Simone Schneider "ist die Hölle los", wie sie sagt. "Die Leute stehen bis hinunter zur Straße, noch bevor wir die Praxis aufmachen." Die 50-jährige ist Allgemeinmedizinerin im oberfränkischen Kulmbach und erlebt täglich, was Ärztemangel auf dem Land bedeutet – vor allem seit ein Kollege seine Kassenzulassung abgegeben hat: "Wir haben in diesem Quartal 300 Patienten mehr als in dem davor", sagt Schneider. "Ich möchte nicht wissen, wie das wird, wenn in zwei, drei Jahren einige meiner älteren Kollegen auch aufhören. Einen Nachfolger haben die bis jetzt alle noch nicht."

Die Folgen für die Patienten sind auf jeden Fall bedrückend: Weniger, aber vollere Praxen, weniger Hausbesuche, weniger Zeit für ein Arztgespräch. Es ist ein Problem aller ländlichen Gebiete in Bayern. Es gibt bei der medizinischen Versorgung ein gravierendes Verteilungsproblem. Das Ziel gleichwertiger Lebensverhältnisse im Freistaat, das erst 2013 in die Bayerische Verfassung aufgenommen wurde, rückt in die Ferne.

Zwar gibt es so viele Ärzte wie noch nie in Deutschland. Doch die allgemeine Lebenserwartung und damit der Bedarf an medizinischer Versorgung steigt. Gleichzeitig gehen viele Ärzte demnächst in Rente. Laut Versorgungsatlas der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB) sind 33,2 Prozent aller Hausärzte im Freistaat über 60 Jahre alt.

In Oberfranken ist die Situation besonders dramatisch. Dort kommen durchschnittlich schon jetzt 1409 Einwohner auf einen Hausarzt, im bayerischen Durchschnitt sind es 1378.[…]

Die praktizierenden Ärzte in den Problemregionen spüren es: "Die Fallzahlen steigen von Quartal zu Quartal. Mehr als die Hälfte der Kollegen im Kreis Wunsiedel-Selb ist über 60 Jahre alt, das kommt jetzt Schlag auf Schlag", sagt Petra Reis-Berkowicz, Allgemeinmedizinerin aus Gefrees.“[21]

Woran das liegen mag, darüber lässt sich nur spekulieren. Ein Grund dafür könnte jedoch sein, dass sich Ärzte am liebsten in wohlhabenden Regionen niederlassen. Dies bedeutet auch eine höhere Anzahl an privatversicherten Patienten, die jede Praxis für einen wirtschaftlichen Betrieb benötigt.

„Der Wohlstand in einer Region spielt laut den Experten dabei eine große Rolle. Die Münchner Gesundheitsökonomin Leonie Sundmacher hat ausgerechnet: Ein Prozent mehr an Privatversicherten erhöht die Ärztedichte um rund zwei Prozent. Laut dem Gesundheitsexperten Etgeton liegt das nicht nur am höheren Honorar für Privatpatienten, sondern auch an den attraktiveren Lebensbedingungen in solchen Regionen. Dagegen gelten einige Regionen Deutschland als weniger attraktiv, zum Beispiel die östlichen Bundesländer, Nordostbayern, Westfalen, Unterfranken oder Nordhessen.“[22]

5. Ärztemangel in Bayern

Das Durchschnittsalter bei Hausärzten liegt derzeit bei 52,5 Jahren und zeigt somit, dass die flächendeckende medizinische Versorgung alleine durch die Altersstruktur in Gefahr ist. Jeder vierte Hausarzt ist sogar über 60 Jahre alt und wird in den nächsten Jahren in den Ruhestand gehen. Und, wie oben bereits dargestellt, ist es schwer, Nachwuchs dafür zu finden.[23]

Kein Ärztemangel – nur politisch schöngerechnet?

Es ist überhaupt keine Frage, dass in den nächsten Jahren auf Grund verschiedener Faktoren eine Unterversorgung an niedergelassenen Ärzten in Deutschland droht. Es gibt in diesem Zusammenhang schon Ansätze, diesen drohenden Versorgungsengpass zu beschönigen, um keine Unruhe oder Ängste in der Bevölkerung aufkommen zu lassen.

Wie sieht die ärztliche Situation in Bayern heute aus? Nach Aussage des zuständigen Ministeriums ist die medizinische Versorgung in Bayern optimal. Hier sieht man, dass Theorie und Praxis auseinander laufen.

„Schöngerechnete medizinische Versorgung

Wie gut der ländliche Raum tatsächlich mit Arztpraxen bestückt ist, darüber gehen die Meinungen von Kommunalpolitikern und Ministerien auseinander

Die medizinische Versorgung im ländlichen Raum wird immer schlechter, lautet ein immer wieder beschworenes Szenario von Kommunalpolitikern. Doch das ist offenbar eine Frage der Berechnung.

[...]


[1] Bayerisches Staatsministerium der Finanzen (Ärztliche Versorgung).

[2] Bundesärztekammer (Ärztestatistik 2014: Etwas mehr und doch zu wenig 2014).

[3] in Anlehnung an (http://de.statista.com/statistik/daten/studie/191814/umfrage/anzahl-der-hausaerzte-in-deutschland/).

[4] Spiegel Online (Verbandsstudie: Deutschland droht dramatischer Ärztemangel 2010).

[5] Bundesärztekammer (Ärztestatistik 2014: Etwas mehr und doch zu wenig 2014).

[6] Köhler (KBV und Bundesärztekammer stellen Arztzahlstudie 2010 vor 2010).

[7] in Anlehnung an (http://www.dkgev.de/media/file/8324.2010_10_11_Aerztemangel_Endbericht_1.pdf).

[8] Kopetsch (Dem deutschen Gesundheitswesen gehen die Ärzte aus! 2010) S. 20.

[9] in Anlehnung an (Bundesarztregister der KBV 2009).

[10] Kopetsch (Dem deutschen Gesundheitswesen gehen die Ärzte aus! 2010) S. 24.

[11] in Anlehnung an (http://www.bundesaerztekammer.de/downloads/Arztzahlstudie_03092010.pdf), S. 25.

[12] Kopetsch (Dem deutschen Gesundheitswesen gehen die Ärzte aus! 2010) S. 28.

[13] Kopetsch (Dem deutschen Gesundheitswesen gehen die Ärzte aus! 2010) S. 30.

[14] Kopetsch (Dem deutschen Gesundheitswesen gehen die Ärzte aus! 2010) S. 30.

[15] Vgl. Kopetsch (Dem deutschen Gesundheitswesen gehen die Ärzte aus! 2010) S. 32.

[16] in Anlehnung an (http://www.bundesaerztekammer.de/downloads/Arztzahlstudie_03092010.pdf), S. 143.

[17] Spiegel Online (Verbandsstudie: Deutschland droht dramatischer Ärztemangel 2010).

[18] Spiegel Online (Verbandsstudie: Deutschland droht dramatischer Ärztemangel 2010).

[19] Köhler (KBV und Bundesärztekammer stellen Arztzahlstudie 2010 vor 2010).

[20] Köhler (KBV und Bundesärztekammer stellen Arztzahlstudie 2010 vor 2010).

[21] Meister (Junge Ärzte lassen sich mit Geld nicht locken 2015).

[22] Focus online (Viele Regionen unterversorgt 2014).

[23] Vgl. Bayerischer Hausärzteverband e.V. (Kampagne „Hausärzte vor dem Aus“).

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Wachsender Ärztemangel
Untertitel
Droht eine medizinische hausärztliche Unterversorgung in ländlichen Gebieten in Bayern?
Hochschule
Hochschule für angewandtes Management GmbH
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
29
Katalognummer
V345354
ISBN (eBook)
9783668351561
ISBN (Buch)
9783668351578
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Durch den demographischen Wandel und die damit einhergehenden Praxisschließungen vieler Ärzte auf dem Land droht eine medizinische Unterversorgung. Diese wird in dieser Arbeit speziell für Bayern untersucht und analysiert.
Schlagworte
Ärztemangel, medizinische Unterversorgung, medizinische Versorgung auf dem Land
Arbeit zitieren
Martin Neugebauer (Autor:in), 2016, Wachsender Ärztemangel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/345354

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