In Deutschland haben Einwanderungen, ob es gewollte oder ungewollte waren, ob in Folge von Anwerbungen von (Gast-)Arbeitern, Familienzusammenführungen oder Flucht, faktisch die Gesellschaft in eine multiethnische, multikulturelle und somit vor allem auch mehrsprachige Gesellschaft verwandelt. Seit ihrer Gründung im Jahre 1949 hat die Bundesrepublik Deutschland in jedem Jahr geringstenfalls rund 250.000 Zuwanderer mit unterschiedlichsten Migrationshintergründen untergebracht. Viel Diskussionsbedarf werfen Themen wie Migration von Flüchtlingen, (Spät-)Aussiedlung, Arbeitsmigration, Asylsuchende und die transnationale Migration sowie die Ursachen, Absichten und Folgen der internationalen Migration auf. Wenn es um das Thema Daueraufenthalt von Migranten geht, kann gesagt werden, dass Aussiedler und Spätaussiedler direkt vom Staat politisch anerkannt werden und auch in der Vergangenheit respektiert wurden. Im Gegensatz dazu ist der Daueraufenthalt von Asylanten und Flüchtlingen aus staatlich-politischer Sicht nicht erlaubt. An letzter Stelle seien die Arbeitsmigranten genannt. Für deren Aufenthalt werden Genehmigungen erst seit wenigen Jahren erteilt. Und trotz des Bestehens eines
Daueraufenthaltsgesetzes für bestimmte Zuwanderungsgruppen kommt es noch immer zu Diskriminierungen im Alltag dieser Menschen sowie im Schul- und Bildungssystem und im Berufsleben. Im Hinblick auf das Schulsystem herrscht eine soziale Ungleichheit in Bezug auf die verschiedenen Sprachen, welche die Schüler mit Migrationshintergrund mit sich bringen. Neben der Überalterung sind auch Migrationsbewegungen in Deutschland Faktoren für den konstanten demografischen Wandel. Genau diese Struktur der Gesellschaft demonstriert die komplexe Vielschichtigkeit ihrer Bevölkerungsgruppe. Folglich entstehen soziokulturelle Unterschiede, beispielsweise sprachliche oder religiöse, und damit hängt ein Anpassungs- und Veränderungsdruck auf alle sozialen Institutionen zusammen, vor allem im differenzierten Erziehungssystem.
Zwei- oder Mehrsprachigkeit ist in der heutigen Gesellschaft eigentlich ein erstrebenswertes Ziel der schulischen Bildung. Beispielsweise werden viele Kinder von ihren Eltern bereits
gleich nach der Geburt an bilinguale Kindergärten mit den Sprachen Deutsch und Englisch angemeldet, um überhaupt einen Platz zu bekommen. In vielen Orten sind bilinguale Schulen,
wie beispielsweise deutsch-amerikanische Schulen oder französische Gymnasien, die mit [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Historie der Wanderungen in die Bundesrepublik Deutschland nach 1950
2.1 Aussiedler und Spätaussiedler
2.2 Asylsuchende und Flüchtlinge
2.3 Arbeitsmigranten
2.3.1 Die Historie der Arbeitsmigration nach dem zweiten Weltkrieg
2.3.2 Die politische Grenze des Aufenthalts in Deutschland
2.3.3 Familieneingliederung
2.3.4 Auswirkungen und Entgegnungen der Zuwanderung
2.4 Aktuelle Situation der Zuwanderer in Deutschland unter besonderer Berücksichtigung der türkischen Zuwanderer
2.5 Zusammenfassung der geschichtlichen Entwicklung der Wanderungen nach Deutschland unter Berücksichtigung der Wichtigkeit der Beherrschung der Landessprache
3. Integration, Assimilation und Partizipation
3.1 Die Definition des Begriffs Integration
3.2 Assimilation Hartmut Essers
3.3 Die Definition des Begriffs Partizipation
4. Die Funktionen der Sprache und Mehrsprachigkeit
4.1 Funktionen der Sprache
4.2 Die Definition von Mehrsprachigkeit
4.3 Spracherwerbstypen
4.3.1 Erstsprache
4.3.2 Zweitsprache
4.4 Mehrsprachigkeit durch Erst- und Zweitspracherwerb
4.4.1 Der Prozess des Spracherwerbs
4.4.2 Code-Switching
4.5 Die Relevanz der Erstsprache für die Entwicklung von Kompetenzen in der Zweitsprache
5. Politische Teilhabe durch Sprachvermögen: Politische Bildung als kommunikatives Geschehen
5.1 Begriffsbestimmung und Geschichte der „politischen Bildung"
5.2 Aufgaben und Ziele der politischen Bildung
5.3 Die Bedeutung der Beherrschung der Landes- und der Muttersprache für Zuwanderer aus politischer Sicht
5.4 Sprachkompetenz und die Subsprache Politik, ein Problem hinsichtlich der politischen Teilhabe?
6. Politische Integration und Integrationspolitik hinsichtlich der Relevanz der sprachlichen Kommunikation
6.1 Politische Teilhabeformen von Zuwanderern
6.2 Ein Beispiel für eine gelungene politisch-gesellschaftliche Teilhabe der Zuwanderer: Politiker mit Migrationshintergrund
7. Fazit und Ausblick: Zur Zukunft von Sprache für eine Verbesserung der politisch-gesellschaftlichen Teilhabe
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Masterarbeit untersucht die Bedeutung von Mehrsprachigkeit für die politisch-gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie sich die Beherrschung der Muttersprache sowie der Zweitsprache Deutsch auf die staatsbürgerliche Kompetenz und die Möglichkeiten zur politischen Partizipation von Zuwanderern auswirkt, um daraus pädagogische Handlungsoptionen abzuleiten.
- Historische und systematische Betrachtung der Migration nach Deutschland seit 1955.
- Analyse der Konzepte von Integration, Assimilation und Partizipation.
- Untersuchung der Funktionen von Sprache, Mehrsprachigkeit und deren Auswirkung auf den Zweitspracherwerb.
- Darstellung der politischen Bildung als zentrales Instrument für gesellschaftliche Teilhabe.
- Reflexion der Rolle von Politikern mit Migrationshintergrund als Beispiel für gelungene Partizipation.
Auszug aus dem Buch
2.3.1 Die Historie der Arbeitsmigration nach dem zweiten Weltkrieg
Nach dem Zweiten Weltkrieg, überwiegend in den Jahren zwischen 1950 und 1970, verzeichnete die Bundesrepublik ein andauerndes Wirtschaftswachstum, das nur durch die Rezession von 1966/67 beeinträchtigt wurde. Das Bruttosozialprodukt (BSP) hatte sich zwischen 1950 und 1960 als grundlegende Kennziffer einer Volkswirtschaft mehr als verdoppelt. Damit dieses Wachstum auch ab dem Jahre 1960 aufrechterhalten und als Folge auch der Wohlstand der deutschen Bevölkerung bewahrt werden konnte, benötigte Deutschland eine beachtliche Anzahl an Arbeitskräften im Niedriglohnbereich. Diese sollten aber nicht mehr aus den Gruppen der Vertriebenen, der Kriegsheimkehrer und der DDR-Flüchtlinge angeworben werden, wie es noch überwiegend in den 1950er Jahren umgesetzt wurde.
Die Arbeitslosenquote in den 1960er Jahren, welche oft unter einem Prozent lag, und der höheren Bedarf an Arbeitskräften aufgrund der nicht zu besetzenden Stellen, deren Anzahl höher als die der Erwerbslosen war, führten zu einem starken Konkurrenzkampf um Auszubildende und Arbeitskräfte zwischen den Unternehmen. Das Wirtschaftswachstum und zusätzlich der wachsende Wohlstand dauerten stetig an.
Der damalige Bundesminister, Ludwig Erhard, hatte in den 1950er Jahren die bundesdeutsche Bevölkerung zum Konsumieren angehalten, um die Wirtschaft anzukurbeln. Ein Jahrzehnt später rief er, nachdem er Bundeskanzler geworden war, zum „Maßhalten“ auf, um die Konjunktur nicht durch zu hohe Lohnforderungen einzudämmen. Meinhardt (2006) beschreibt, dass Mitte der 1950er Jahre als Folge der unausgewogenen Altersstruktur der Bevölkerung, der Kriegsverletzten und -toten und der steigenden Sozialleistungen wie die Vorverlegung des Rentenalters, Arbeitszeitverkürzungen und die Verlängerung der Schulpflicht, das Arbeitskräftepotential nahezu erschöpft gewesen sei.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Wandlung der Bundesrepublik Deutschland in eine multiethnische und mehrsprachige Gesellschaft sowie die mit der Migration verbundenen sozialen und bildungsrelevanten Herausforderungen.
2. Die Historie der Wanderungen in die Bundesrepublik Deutschland nach 1950: Dieses Kapitel zeichnet die verschiedenen Migrationsbewegungen nach, von Aussiedlern über Asylsuchende bis hin zur Anwerbung von Arbeitsmigranten, und analysiert deren Auswirkungen auf die deutsche Gesellschaft.
3. Integration, Assimilation und Partizipation: Es erfolgt eine theoretische Einordnung und Definition der Begriffe Integration, Assimilation und Partizipation unter Berücksichtigung des Sozialintegrationsmodells von Hartmut Esser.
4. Die Funktionen der Sprache und Mehrsprachigkeit: Hier werden die Funktionen von Sprache für Kommunikation und Denken analysiert und der Spracherwerb (Erst- und Zweitsprache) bei Kindern mit Migrationshintergrund detailliert untersucht.
5. Politische Teilhabe durch Sprachvermögen: Politische Bildung als kommunikatives Geschehen: Dieses Kapitel verknüpft Sprachkompetenz mit politischer Bildung und zeigt auf, inwiefern Sprachvermögen die Voraussetzung für eine erfolgreiche politische Teilhabe bildet.
6. Politische Integration und Integrationspolitik hinsichtlich der Relevanz der sprachlichen Kommunikation: Der Fokus liegt auf den Teilhabeformen von Migranten sowie der Analyse von Beispielen für gelungene politische Mitgestaltung durch Personen mit Migrationshintergrund.
7. Fazit und Ausblick: Zur Zukunft von Sprache für eine Verbesserung der politisch-gesellschaftlichen Teilhabe: Das Fazit fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen und betont die Notwendigkeit der Förderung der Erst- und Zweitsprache für eine gelingende Integration in Staat und Gesellschaft.
Schlüsselwörter
Mehrsprachigkeit, Integration, Migration, Politische Bildung, Partizipation, Assimilation, Spracherwerb, Arbeitsmigranten, Politische Teilhabe, Deutsch als Zweitsprache, Muttersprache, Staatsbürgerschaft, Bildungsgerechtigkeit, Interkulturelle Kompetenz, Sozialisation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Bedeutung der Mehrsprachigkeit für die politisch-gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte in Deutschland.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit behandelt die Migrationsgeschichte Deutschlands, theoretische Integrationskonzepte, Spracherwerbsprozesse, die Rolle der politischen Bildung und Möglichkeiten der politischen Partizipation.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass die Förderung von Sprachkompetenzen – insbesondere die Wertschätzung der Erstsprache als Basis für das Erlernen der Zweitsprache – eine wesentliche Voraussetzung für die erfolgreiche Integration und politische Teilhabe von Migranten ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit ist als Literaturstudie angelegt, die aktuelle und historische Fachliteratur sowie Forschungsergebnisse auswertet und diskutiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil umfasst eine historische Einordnung der Migration, Definitionen von Fachbegriffen wie Assimilation und Integration, eine Untersuchung von Spracherwerbstypen und eine Analyse der politischen Bildung als kommunikatives Geschehen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Schlüsselwörtern zählen Mehrsprachigkeit, Integration, politische Bildung, Partizipation, Migration und Sprachkompetenz.
Welchen Stellenwert nimmt die politische Bildung ein?
Sie wird als essenziell betrachtet, um Menschen zu befähigen, politische Strukturen zu verstehen, ihre eigenen Interessen zu artikulieren und aktiv an demokratischen Prozessen teilzunehmen.
Wie bewertet die Autorin die Rolle der Muttersprache?
Die Autorin argumentiert, dass die Erstsprache nicht als Hindernis, sondern als unterstützende Ressource für den Erwerb der Zweitsprache und die kognitive Entwicklung verstanden werden muss.
Warum ist das "Code-Switching" bei Mehrsprachigen relevant?
Code-Switching wird als Ausdruck hoher Sprachkompetenz gewertet, bei der die Sprecher situationsangepasst zwischen verschiedenen sprachlichen Systemen wählen können, um ihre Kommunikationsfähigkeit zu optimieren.
Welche Rolle spielen Politiker mit Migrationshintergrund?
Sie dienen als prominente Beispiele für gelungene politische Teilhabe und belegen, dass Menschen mit Migrationshintergrund aktiv die Politik und Gesellschaft Deutschlands mitgestalten können.
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- Ayca Halvali (Author), 2016, Die Bedeutung von Mehrsprachigkeit für die politisch-gesellschaftliche Teilhabe, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/345404