Für Menschen die ohne Wohnung sind, bzw. auf der Straße leben gibt es viele Bezeichnungen und Selbstbezeichnungen: Obdachlose, Stadtstreicher, Berber, Nichtsesshafte oder Penner, wobei sich in Deutschland vor allem der Begriff „Penner“ mit verachtendem Format etabliert hat. Dieser Begriff verdeutlicht bereits das vorherrschende Stereotyp, alle auf der Straße lebenden Menschen würden „pennen“, also faul sein, apathisch in den Tag hineinleben und in großen Mengen Alkohol konsumieren. Durch derartige Begriffe findet eine eindeutige Abgrenzung statt und es wird deutlich, dass betroffene Menschen offenbar ein Leben außerhalb der bürgerlichen „Normalität“ führen und eine öffentliche Stigmatisierung erfolgt.
Doch wie verläuft das alltägliche Leben dieser Randgruppe tatsächlich? Ist wirklich jeder Tag geprägt von Apathie und Chaos ohne jegliche Ordnung und Regelmäßigkeit, so wie es von den meisten Außenstehenden vermutet wird? Oder gibt es auch bei „Pennern“ eine zumindest teilweise verallgemeinerbare alltägliche Lebensführung und einen geregelten Tagesablauf und wie gestaltet sich dieser? Um diese Fragen zu beantworten, muss zunächst definiert werden, wer genau in diese Gruppe von Menschen einzuordnen ist und unter welchen Bedingungen das alltägliche Leben in der Situation der Wohnungslosigkeit stattfindet, um anschließend zu erörtern, wie im Tagesablauf mit diesen Bedingungen umgegangen wird und wie sich typische Formen der Lebensführung bei wohnungslosen Menschen gestalten können.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. „Wohnungslose“ – Eine Einordnung, Ausmaß und Ursachen
3. Die Lebenssituation von Wohnungslosen und deren Umgang mit viel freier Zeit
4. Obdachlosen-Karrieren und Formen der Lebensführung bei Wohnungslosen
5. Zusammenfassung und Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Arbeit untersucht die alltägliche Lebensführung wohnungsloser Menschen, um den verbreiteten Vorurteilen von Apathie und vollkommenem Chaos entgegenzuwirken. Ziel ist es, die tatsächlichen Routinen, Bewältigungsstrategien und die Strukturierung des Tagesablaufs unter den extremen Bedingungen der Wohnungslosigkeit soziologisch zu analysieren.
- Definition und soziologische Einordnung von Wohnungslosigkeit
- Ursachen für den Verlust von Wohnraum und Risikofaktoren
- Strategien zur Bewältigung des Alltags und Sicherung von Grundbedürfnissen
- Strukturierung der Zeit und Bedeutung von Aufenthaltsorten
- Typologien der Lebensführung und Obdachlosen-Karrieren
Auszug aus dem Buch
Die Lebenssituation von Wohnungslosen und deren Umgang mit viel freier Zeit
Armut kann auf verschiedenste Weise wahrgenommen werden, je nach individuellen und kollektiven Fähigkeiten und Möglichkeiten. Der Entwicklungsausschuss der OECD (DAC) versteht unter Armut verschiedene Arten von Entbehrungen im Zusammenhang mit der Unfähigkeit, menschliche Grundbedürfnisse zu befriedigen. Dabei ist zwischen absoluter und relativer Armut zu unterscheiden. Relative Armut, welche in Deutschland eher vertreten ist, beschreibt Armut im Verhältnis zum jeweiligen Umfeld eines Menschen. Diesbezüglich wird in dem Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung Armut unter anderem als einen Mangel an Teilhabechancen definiert. So führen also nicht nur fehlendes Einkommen, sondern auch ein Mangel an Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Teilhabe und das Fehlen individueller Fähigkeiten, die für eine aktive Lebensgestaltung notwendig sind, in eine unsichere Lebenssituation. Absolute Armut dagegen, ist als ein Zustand definiert, in dem sich ein Mensch die Befriedigung seiner Grundbedürfnisse nicht leisten kann.
Wohnungslose leiden also nicht nur unter relativer Armut, sondern unter absoluter Armut, dem Nichtvorhandensein von grundlegenden Bedürfnismitteln.
Wohnungslose sind demnach vor die Herausforderung gestellt, ihren Alltag trotz äußerst begrenzter Ressourcen, Möglichkeiten und Lebensperspektiven eigenständig zu gestalten. Sie besitzen in der Regel keine automatisierenden Strukturen wie z.B. Beruf oder Familie, haben aber trotzdem häufig eine feste Form des Tagesablaufs, da sie jeden Tag aufs Neue ihr Überleben sichern müssen und sich somit in einer Situation, in der das Notwendigste fehlt, Zugang zu Ressourcen schaffen müssen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Das Kapitel führt in das Thema ein, problematisiert die Stigmatisierung durch Begriffe wie „Penner“ und stellt die zentrale Forschungsfrage nach der tatsächlichen alltäglichen Lebensführung von Wohnungslosen.
2. „Wohnungslose“ – Eine Einordnung, Ausmaß und Ursachen: Hier werden Definitionen von Wohnungslosigkeit diskutiert, statistische Schätzungen zur Anzahl der Betroffenen in Deutschland gegeben und die vielfältigen Ursachen für den Wohnungsverlust erläutert.
3. Die Lebenssituation von Wohnungslosen und deren Umgang mit viel freier Zeit: Dieses Kapitel analysiert, wie trotz extremer Ressourcenknappheit der Alltag strukturiert wird, wie die Versorgung sichergestellt wird und welche Rolle Aufenthaltsorte und soziale Kontakte spielen.
4. Obdachlosen-Karrieren und Formen der Lebensführung bei Wohnungslosen: Es wird dargelegt, wie sich soziale und biographische Prozesse der Wohnungslosigkeit entwickeln und welche fünf typischen Formen der Lebensführung in der Literatur beobachtet wurden.
5. Zusammenfassung und Fazit: Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass das Leben von Wohnungslosen entgegen gängiger Klischees keine völlige Apathie darstellt, sondern oft durch komplexe Routinen und Versuche der Selbstorganisation geprägt ist.
Schlüsselwörter
Wohnungslosigkeit, Obdachlosigkeit, alltägliche Lebensführung, Armut, soziale Randgruppe, Stigmatisierung, Tagesstrukturierung, Wohnungsnotfall, Obdachlosenkarriere, Lebensbewältigung, soziale Teilhabe, Versorgungsstrategien, prekäre Lebensverhältnisse, soziale Identität, Selbstorganisation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der soziologischen Untersuchung der alltäglichen Lebensführung von Menschen, die in Deutschland von Wohnungslosigkeit betroffen sind.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Definition von Wohnungslosigkeit, die Ursachen für den Wohnungsverlust, die tägliche Überlebenssicherung, die Bedeutung von Zeit und Aufenthaltsorten sowie die unterschiedlichen Typologien der Lebensführung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, zu hinterfragen, ob das Leben von Wohnungslosen tatsächlich ausschließlich durch Chaos und Apathie geprägt ist, oder ob es geregelte Abläufe und Normorientierungen gibt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um einen essayistischen, theoretischen Zugriff, der auf soziologischen Studien, Berichten von Hilfsorganisationen und fachwissenschaftlicher Literatur basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die materiellen und sozialen Bedingungen der Wohnungslosigkeit, die Strategien zur Ressourcenbeschaffung, die Rolle von Arbeit und Zeitvertreib sowie die biographischen Entwicklungen von „Obdachlosen-Karrieren“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wohnungslosigkeit, Alltag, Lebensführung, Stigmatisierung, Prekarität und soziale Organisation sind die zentralen Begriffe.
Warum wird in der Arbeit zwischen „absoluter“ und „relativer“ Armut unterschieden?
Die Unterscheidung verdeutlicht, dass Wohnungslose nicht nur durch den Ausschluss von gesellschaftlicher Teilhabe (relativ), sondern durch das direkte Fehlen grundlegender Bedürfnismittel (absolut) in ihrer Existenz bedroht sind.
Welche Rolle spielt Arbeit für wohnungslose Personen?
Trotz geringer Chancen nehmen viele Wohnungslose Gelegenheitsjobs wahr, um sich eine materielle Basis zu schaffen, ihr Selbstbild zu stützen und eine Orientierung an gesellschaftlichen Werten aufrechtzuerhalten.
Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Wohnungslosigkeit?
Ja, Frauen versuchen ihre Situation häufiger zu verdecken, um sich vor Gewalt zu schützen, und greifen vermehrt auf Hilfen bei Bekannten zurück, während Männer öfter öffentlich als wohnungslos sichtbar sind.
- Citation du texte
- Anonym (Auteur), 2016, Wie gestaltet sich die alltägliche Lebensführung von Wohnungslosen?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/345625