Der Beitrag von Ganztagsschulen zu erhöhter Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem


Essay, 2016

13 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

Deutschlands Bildungssystem und daraus entstehende Chancenungleichheiten – Der sozioökonomische Hintergrund als Einflussfaktor

Ganztagsschulen in Deutschland: Erwartungen und Leistungen

Kritikpunkte am Konzept der Ganztagsschule und der Ausführung in Deutschland

Zusammenfassung und Fazit

Literatur

Einführung

Die Schulform der Ganztagsschule kam nach der Auswertung der ersten PISA-Studie im Jahr 2000 und dem anschließend rege geführten Diskurs über das vermeintliche Versagen des deutschen Schulsystems in den Fokus der öffentlichen und wissenschaftlichen Betrachtung. Nachdem diese Schulform seit dem 19. Jahrhundert hauptsächlich als alternative und reformpädagogische Randerscheinung des deutschen Bildungssystems existierte, etabliert sie sich nun als ein möglicher Ausweg aus der Bildungsmisere. Durch die PISA-Studie wurden nicht nur die vergleichsweise durchschnittlichen bis unterdurchschnittlichen Leistungsergebnisse der deutschen Schüler in den Bereichen Lesekompetenz, mathematische Grundbildung und naturwissenschaftliche Grundbildung festgestellt, sondern auch, dass die Streuung der Leistungen in Deutschland, also die Differenz zwischen dem Leistungsniveau von leistungsstarken und leistungsschwachen Schülern, breiter als in den meisten OECD-Staaten ist, sowie, dass leistungsschwache Schüler und Schüler mit Migrationshintergrund im Vergleich mit anderen Ländern nur wenig gefördert werden.[1] Die PISA-Studie von 2000 deckte somit die Chancenungleichheit im deutschen Bildungssystem auf und war der Ausgangspunkt bildungspolitischer Diskussionen. Die Kultusministerkonferenz (KMK) beschloss, in Bezug auf die ersten Ergebnisse von PISA aus dem Jahr 2000, im Dezember 2001 gemeinsame Anstrengungen zur Qualitätsentwicklung des deutschen Bildungswesens und benannte dafür sieben Handlungsfelder, von denen sich das siebte auf die Ganztagsschulen bezieht: „Maßnahmen zum Ausbau von schulischen und außerschulischen Ganztagsangeboten mit dem Ziel erweiterter Bildungs- und Fördermöglichkeiten insbesondere für Schülerinnen und Schüler mit Bildungsdefiziten und besonderen Begabungen“ (296. KMK, 05./06. Dezember 2001 in Bonn).[2] Dies erfolgte unter anderem, da in der Gruppe der in den PISA-Studien führenden Staaten viele zu verzeichnen sind, in denen das Ganztagsschulsystem bereits etabliert ist. In Deutschland soll also mit Hilfe von Ganztagsschulen die bestmögliche Förderung des Einzelnen bei der Realisierung von mehr Chancengleichheit für alle erreicht werden. Doch tragen Ganztagsschulen wirklich zu mehr Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem bei? Inwieweit ist diese Zielorientierung in der Praxis tatsächlich realisierbar und wird durch Ganztagsschulen wirklich mehr Chancengerechtigkeit gegeben, als durch Halbtagsschulen? Um diese Fragen zu beantworten, muss zunächst der Zustand der Chancenungleichheit in Deutschland genauer beleuchtet werden, um anschließend zu erörtern, ob und wie das System der Ganztagsschule dazu geeignet ist, diese Ungleichheiten im deutschen Bildungssystem auszugleichen.

Deutschlands Bildungssystem und daraus entstehende Chancenungleichheiten – Der sozioökonomische Hintergrund als Einflussfaktor

In Deutschland ist es durch ein offenes Bildungssystem prinzipiell möglich, über verschiedene Bildungswege einen hohen Bildungsabschluss zu erwerben. Es wird also offiziell jedem die Möglichkeit gegeben, die Fachhochschulreife zu erwerben und ein Studium zu beginnen, auch wenn aufgrund anfangs schlechterer Leistungen nach der Grundschule zunächst ein Haupt- oder Realschulabschluss angestrebt wird. Leistung stellt dabei also den angeblich einzigen Faktor für den Bildungs- und damit auch einhergehenden Berufserfolg dar, womit der Einfluss herkunftsbedingter Merkmale größtenteils negiert wird.[3] Unter anderem die PISA-Studie hat jedoch gezeigt, dass sozioökonomische Merkmale einen unbestreitbaren Einfluss auf die Bildungschancen haben und die Selektion am Ende der Grundschulzeit durch die soziale Herkunft bestimmt wird und somit im deutschen Bildungssystem keine leistungsgerechte Verteilung erfolgt. Es wurde nachgewiesen, dass es den Schulsystemen mit den besten Ergebnissen in der PISA-Studie gelingt, allen Schülerinnen und Schülern eine qualitativ hochwertige Bildung zu vermitteln, denn in der Regel unabhängig von ihrem Hintergrund oder dem Hintergrund der besuchten Schule schnitten sie gut ab.[4] Dies zeigt, dass es einigen Staaten gelingt, die Auswirkungen des sozioökonomischen Hintergrunds der Schüler und Schülerinnen auf ihre Lernergebnisse zu reduzieren und somit Leistungsschranken zu überwinden, auch wenn ihr Hintergrund selbst sich nur schwer ändern lässt. Deutschland zeichnete sich im internationalen Vergleich der PISA-Studie nicht nur durch das allgemein schlechte Abschneiden der Schüler aus (in fast allen getesteten Bereichen befand sich Deutschland im hinteren Drittel), sondern Kinder mit Migrationshintergrund und Kinder aus sozioökonomisch schlechter gestellten Familien erzielten dabei auffallend schlechte Leistungen in allen geprüften Kompetenzbereichen. Ebenso erzielten Kinder aus Ein-Eltern-Familien durchschnittlich weniger Leistungspunkte als Schülerinnen und Schüler aus anderen Familientypen. Der familiale Hintergrund wirkt sich also offenbar auf den Bildungserfolg aus. Des Weiteren besuchen Schülerinnen und Schüler mit einem ungünstigen sozioökonomischen Hintergrund häufig auch Schulen in denen die Lehrer weniger qualifiziert sind, bzw. die Ressourcenausstattung in Hinblick auf das Lehrerangebot geringer ist. Durch die Schulen werden die Effekte hinsichtlich des Bildungserfolgs also noch weiter verstärkt.[5]

Es wird deutlich, dass das Elternhaus die Basis für schulischen Erfolg bildet. Die Vorbildfunktion von Eltern für ihre Kinder ist hierbei ein relevanter Faktor. So kann ein angesehener Beruf und der damit einhergehende Bildungsweg eines Elternteils das Vorbild für ein Kind sein. Aber auch ein weniger angesehener Beruf oder auch das Leben in Abhängigkeit vom Arbeitsamt können als erstrebenswert für das Kind gelten. Ein ebenfalls relevanter Faktor ist, dass Eltern mit einem höheren Bildungsabschluss ihre Kinder beim Erreichen schulischer Erfolge häufig mehr unterstützen und dahingehend auch mehr Zeit für die schulische Bildung ihrer Kinder aufwenden. Das häusliche Umfeld ist bei wohlhabenderen Familien deswegen auch eher darauf ausgerichtet und es besteht eher die Möglichkeit, den Kindern eine gute Lernumgebung in Form von einem eigenen Zimmer mit einem eigenen Schreibtisch und vielen Bildungsressourcen zu schaffen.[6] Unter anderem durch das fehlende ökonomische Kapital ist dies bei sozioökonomisch schlechter gestellten Familien nicht immer möglich. Auch die Förderung in Form von z.B. Nachhilfeunterricht gestaltet sich bei weniger wohlhabenderen Familien als schwierig. Mögliche Sprachdefizite können entstehen, wenn z.B. bei Familien mit Migrationshintergrund zu Hause eine andere Sprache gesprochen wird als in der Schule und durch mögliche Sprachbarrieren bei den Eltern diese auch nicht in der Lage sind, ihre Kinder bei Hausaufgaben oder dergleichen zu betreuen und zu unterstützen.

Ein klares Zeichen für die Notwendigkeit der Entkopplung von Bildungserfolg und sozialer Herkunft wird deutlich, wenn man Deutschland dahingehend mit anderen Ländern vergleicht, wie viele Schülerinnen und Schüler ein höheres, bzw. niedrigeres Bildungsniveau als ihre Eltern erzielen: Während 20% der Heranwachsenden in Deutschland ein höheres Bildungsniveau als ihre Eltern erreichen, also wesentlich weniger als im OECD-Durchschnitt, der bei 37% liegt, beenden 22% ihre schulische Ausbildung mit einem niedrigeren Bildungsabschluss als ihre Eltern, ein Wert, der höher liegt als der OECD-Durchschnitt (13%).[7] In Deutschland stellt die soziale Herkunft einen sehr hohen Indikator für den Schulerfolg dar. Von der Einrichtung von mehr Ganztagsschulen erhofft man sich deswegen, dass durch die stärkere Individualisierung schulischer Bildungsprozesse die soziale Herkunft nicht länger entscheidend für den schulischen Erfolg ist. Am 12. Mai 2003 wurde das Investitionsprogramm „Zukunft Bildung und Betreuung“ in Höhe von vier Milliarden Euro von Bund und Ländern unterzeichnet, was einen erheblichen Beitrag zur Initiierung und Implementierung der Ganztagsschule in Deutschland leistete.[8]

Ganztagsschulen in Deutschland: Erwartungen und Leistungen

Nach Definition der KMK[9] „ist eine Schule als Ganztagsschule zu bezeichnen, wenn

- über den vormittäglichen Unterricht hinaus an mindestens drei Tagen der Woche ein ganztägiges Unterrichtsangebot vorgehalten wird, das mindestens 7 Zeitstunden täglich umfasst,
- an allen Tagen des Ganztagsbetriebs den teilnehmenden Schülerinnen und Schülern ein Mittagessen bereitgestellt wird,
- die nachmittäglichen Angebote unter der Verantwortung der Schulleitung organisiert und durchgeführt werden sowie in einem konzeptionellen Zusammenhang mit dem vormittäglichen Unterricht stehen“.

Dabei gibt es zwei Grundformen von Ganztagsschulen in Deutschland: die offene Form, bei der Angebote vorgehalten werden, die fakultativ zur Nutzung bereit stehen zusätzlich zum obligatorischen Unterricht, und die gebundene Form, welche eine für alle Schüler obligatorische werktägliche Schulzeit bis in den Nachmittag hinein, sowie Fördermaßnahmen und Hausaufgabenbetreuung. In Deutschland ist zurzeit die offene Form der Ganztagsschule die verbreitetste.

Mit der flächendeckenden Einführung von Ganztagsschulen in Deutschland und somit der möglichen nachmittäglichen Betreuung der Schülerinnen und Schüler sind bestimmte Erwartungen und nachgewiesene Folgen verknüpft, wobei in sozialpolitische, bildungspolitische und sozialpädagogische Argumente unterteilt werden kann.[10] Vor allem die Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Situation der Familien, also die sozialpolitischen Argumente, könnte dabei im Interesse der Eltern sein. Durch die nachmittägliche schulische Betreuung der Schülerinnen und Schüler ist eine Vereinbarkeit von Familienarbeit und Berufsarbeit möglich. So werden auch nichtberufstätige Eltern von Betreuungsaufgaben entlastet und sind eher in der Lage eine Arbeit aufzunehmen, wodurch das ökonomische Kapital der Familien steigt und somit auch mehr Bildungsressourcen für die Kinder aufgebracht werden können. Vor allem auch Alleinerziehenden kommt dies zu Gute. Ein Großteil ist im Arbeitsmarkt tätig, um den Lebensunterhalt zu bestreiten, der durch lediglich einen verdienenden Erwachsenen sowieso geringer ausfällt, als bei Familien bei denen zwei Elternteile dauerhaft präsent sind. Dabei stehen sie aber ebenfalls vor der Herausforderung der Vereinbarung des Berufslebens mit dem Familienleben. Nach aktuellen Zahlen nehmen daher rund 78,3% der Alleinerziehenden das ganztägige Angebot im Primarbereich und 65% mit Kindern in der Sekundarstufe in Anspruch.[11] Gerade im Hinblick darauf, dass mittlerweile jede fünfte Familie aus alleinerziehenden Eltern besteht, ist diesem Punkt besondere Beachtung zu widmen.[12] Das Konzept der Ganztagsschule leistet daher einen erheblichen Beitrag zur Armutsprävention, da die Eltern ihre Kinder für einen verlässlichen Zeitrahmen in der Obhut der Schule wissen und sich somit mehr ihrem Berufsleben widmen können.

[...]


[1] Vgl. OECD 2011a, S.28-34

[2] Vgl. Kultusministerkonferenz 2015, S. 3

[3] Vgl. Vester 2006, S. 14f

[4] Vgl. OECD 2011a, S. 13-16

[5] Vgl. OECD 2011b, S. 10f

[6] Vgl. OECD 2011a, S.28

[7] Vgl. OECD 2012, S. 1

[8] Vgl. Zickgraf, Arnd / Zickgraf, Peer 2009, S. 99

[9] Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister 2015, S. 4

[10] Hansel 2005, S. 230ff

[11] Vgl. Holtappels / Klieme / Rauschenbach / Stecher 2008, S. 120

[12] Vgl. Prof. Dr. Lenze 2012, S. 7

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Der Beitrag von Ganztagsschulen zu erhöhter Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Soziologie)
Note
1,7
Jahr
2016
Seiten
13
Katalognummer
V345626
ISBN (eBook)
9783668354500
ISBN (Buch)
9783668354517
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
beitrag, ganztagsschulen, chancengleichheit, bildungssystem
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Der Beitrag von Ganztagsschulen zu erhöhter Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/345626

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