Sizilien, Sardinien, Sagunt. Die Kriegsschuldfragen und deren Überlieferung bei Polybios im Vergleich


Bachelorarbeit, 2016
43 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Forschungsstand
1.2 Polybios von Megalopolis
1.3 Präsentation der Krisensituationen
1.3.1 Sizilien
1.3.2 Sardinien
1.3.3 Sagunt

2. Die Kriegsschuld nach Polybios
2.1 Sizilien
2.2 Sardinien
2.3 Sagunt

3. Erörterung der Kriegsschuld
3.1 Die Kriegsschuld des Ersten Punischen Krieges
3.2 Die Kriegsschuld der Sardinienkrise
3.3 Die Kriegsschuld des Zweiten Punischen Krieges

4. Vergleich der drei Vorkriegssituationen und deren Überlieferung bei Polybios

5. Fazit

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Karthago als der Widerpart Roms – das ist wohl eine der gängigsten historischen ‚Stereotypen‘“.[1] Mit dieser Aussage leitet Werner Huss das Kapitel „Karthager und Römer“ seiner Monographie Karthago treffend ein.

Tatsächlich ist das Verhältnis der beiden antiken Staaten aus heutiger Sicht vor allem durch deren kriegerische Auseinandersetzungen geprägt, die als die drei Punischen Kriege in die Geschichte eingingen. Berühmt sind dabei die Vorstellungen der Überquerung der Alpen und des Sieges bei Cannae im Zweiten Punischen Krieg, mit „Hannibal als respektable[m] Feldherren.“[2] Insgesamt ereigneten sich die Konflikte innerhalb von etwas mehr als einhundert Jahren (264-146 v. Chr.).[3] Aber wie konnte es in einem so kurzen Zeitraum zu drei Kriegen zwischen den beiden Parteien kommen? Diese Frage impliziert zugleich die Suche nach einem Schuldigen, welche vor allem durch die Kontroversen über die Kriegsschuld an den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts n. Chr. einen hohen Bekanntheitsgrad erlangte. Der Wirtschaftsexperte Possony postuliert sogar, dass die Kriegsschuldfrage „von größter politischer Bedeutung“ sei, da sie sowohl das innen- als auch außenpolitische Handeln beeinflussen sowie den Nationalismus in positiver wie negativer Form begünstigen könne.[4]

Die Forschung zur Schuldfrage der beiden Weltkriege kann durch die zeitliche Nähe auf weitaus mehr Ressourcen zurückgreifen als im Fall der Punischen Kriege: Erstens liegen diese ca. 2000 Jahre zurück, zweitens sind die Quellen zu diesem Thema sehr einseitig: Im Jahre 146 wurde die karthagische Hauptstadt von den Römern unter Scipio Aemilianus vollständig zerstört. Neben der Vielzahl an Opfern sowie den ca. 50.000 Karthagern, die in die Sklaverei verkauft wurden, verlor die einstige Großmacht durch die Vernichtung der Bibliotheken und Schulen auch nahezu ihre komplette Literatur.[5] Dieser Schaden führte dazu, dass sich die Forschung vorwiegend auf griechische bzw. römische Quellen stützen muss, um Karthagos Geschichte zu rekonstruieren, so auch im Falle der Kriegsschuldfrage(n).[6]

Diese werden nun anhand dreier Beispiele geklärt: Die Situationen auf Sizilien vor dem Ersten Punischen Krieg, in Iberien vor dem Zweiten Punischen Krieg sowie auf Sardinien zwischen den beiden Konflikten sollen behandelt werden. Obwohl es auf Sardinien zu keinem militärischen Angriff kam, erklärten die Römer den Karthagern den Krieg, den man nur durch die Annahme des Friedensvertrags abwenden konnte.[7]

Die Auswahl dieser drei Situationen ist folgendermaßen begründet: Zunächst ist die Zeit ein Faktor, denn die drei Kriegserklärungen wurden innerhalb von nicht einmal 50 Jahren verkündet. Das wirft unmittelbar die Frage auf, in welchem Verhältnis diese drei Ereignisse zueinander stehen. Gibt es zwischen ihnen einen kausalen Zusammenhang? Polybios war beispielsweise der Meinung, dass der Zweite Punische Krieg Karthagos die Revanche für die Abtretung Sardiniens gewesen sein könnte.[8] Außerdem ist die Tatsache, dass zwischen den einzelnen Situationen einige Gemeinsamkeiten herrschen, nicht von der Hand zu weisen.[9] Eine davon ist, dass die Römer in allen drei Konflikten auf ein Hilfegesuch einer dritten Partei in karthagischem Einflussgebiet eingingen.

Ziel dieser Arbeit soll es sein, die Kriegsschuld bzw. die Rollen Roms und Karthagos in den jeweiligen Situationen zu bestimmen und sie miteinander zu vergleichen, was allerdings nur auf Grundlage der polybianischen Überlieferung möglich ist. Polybios‘ Werk gilt als maßgebliche Quelle für die damaligen Gegebenheiten. Die „Mehrzahl der modernen Historiker bringt der Darstellung des Polybios das größte Vertrauen entgegen.“[10]

Folgender Ablauf bietet sich also an: Nach der Präsentation von Polybios‘ Werk und Schaffen werden die drei Krisensituationen kurz vorgestellt, um im nächsten Schritt die Sichtweise des griechischen Historiographen im Hinblick auf die Situationen und die jeweilige Kriegsschuld herauszuarbeiten. Im nächsten Abschnitt sollen diese Sichtweisen hinterfragt werden, sodass mithilfe der Ergebnisse selbst beantwortet werden kann, wer die jeweiligen Akteure waren bzw. wer größere Schuld an den Kriegen trägt. Im letzen Teil kommt es zum Vergleich der drei Situationen unter der Berücksichtigung der jeweiligen Kriegsschuld und ihrer Überlieferung bei Polybios. Am Ende soll offengelegt werden, wer die juristische Hauptverantwortlichkeit für die Kriegsausbrüche trägt. Dennoch wird auch der moralische Aspekt nicht komplett außer Acht gelassen werden.

Als Problemstellung sollen die bereits angegebenen Fragestellungen dienen: Wer trägt die Schuld am Ersten und Zweiten Punisches Krieg bzw. an der Sardinienkrise? Wie behandelt Polybios die Kriegsschuldfragen? Stimmen seine Urteile mit den auszuarbeitenden Resultaten überein? Und wie ist es zu erklären, dass sich innerhalb von ca. 50 Jahren drei „Kriege“ ereigneten? Gab es einen Hauptakteur in dieser Zeit, der nach einem Plan verfuhr, um mit dem Gegner in einen Konflikt zu gelangen?

1.1 Forschungsstand

Die Beziehung von Rom und Karthago fand in der historischen Forschung schon im Nationalsozialismus Beachtung und sollte Rassengegensätze, wie in Joseph Vogts Rom und Karthago, verdeutlichen.[11] Heute findet das Thema ebenfalls Anklang und wurde z.B. von Klaus Zimmermann im Rahmen der Reihe „Geschichte kompakt“ veröffentlicht. Zur Geschichte Roms gibt es ein Meer an Materialfülle,[12] doch auch der antike Staat auf dem afrikanischen Festland wurde eingehend portraitiert, z. B. von Werner Huss in seinen Werken Die Geschichte der Karthager, Die Karthager und Karthago, oder in Amelings Karthago, Studien zu Militär, Staat und Gesellschaft.[13]

Im Laufe des 20. Jahrhunderts n. Chr. wurden auch die Fragen nach den Kriegsschuldigen gestellt, in der Regel getrennt voneinander. Alfred Heuß sucht beispielsweise den Kriegsschuldigen des Ersten Punischen Krieges in Verbindung zum Römischen Imperialismus.[14] Dieter Flach und Christina Schraven behandeln in einem Aufsatz die Schuldfragen zu den ersten beiden Punischen Kriegen weitgehend separat, nehmen aber auch eine kurze Synthese vor.[15] Die Sardinienkrise wird quantitativ weniger thematisiert als die Punischen Kriege, aber von Schwarte auch in Bezug auf die Überlieferung von Polybios untersucht.[16]

1.2 Polybios von Megalopolis

Die Hauptquelle der Arbeit wurde von Polybios, einem der drei großen Historiographen der Antike, angefertigt. Boris Dreyer ist überzeugt: „[E]s gibt keinen Historiographen der Antike, der wichtiger wäre und moderner wirkt als unser Autor [Polybios].“[17]

Er kam ca. 199 v. Chr. im südarkadischen Megalopolis zur Welt. Sein Vater, ein hochrangiger Politiker, war mehrfach Stratege des Archaiischen Bundes.[18]

Polybios erlangte mit dem Amt des Hipparchen das zweithöchste seines Bundestaates im Jahre 169. Im dritten Makedonisch-Römischen Krieg von 171-168 v. Chr. zwischen Makedonien (unter Perseus) und Rom, in welchem Letzteres die Makedonier bezwang und so deren Hegemonie in Griechenland beendete, wurde Polybios als eine von tausend Geiseln nach Italien deportiert. Den Geiseln wurde vorgeworfen, mit den Makedonen zu kollaborieren oder zumindest zu sympathisieren.[19]

Polybios selbst profitierte vermutlich von Anfang an von einer bevorzugten Behandlung seitens der Römer und kam in das Haus des Militärs Lucius Aemilius Macedonius, der dem Griechen die Erziehung seiner Söhne anvertraute. Zuerst in engerem Kontakt zu Fabius stehend, freundete er sich später mit dem durch die Erfolge im Dritten Punischen Krieg bekannten Publius Cornelius Scipio Aemilianus, dem Bruder Fabius‘, an.[20] Nach einer kurzzeitigen Rückkehr in seine Heimat wurde Polybios gebeten, Scipio nach Afrika zu begleiten, sodass er Augenzeuge des Dritten Punischen Krieges war, was seine Kriegsberichte und Wiedergaben der Reden Scipios belegen.[21]

Neben seinen politischen sollen uns vor allem seine schriftstellerischen Tätigkeiten interessieren, die schon vor seinem Exil zwischen 168 und 150 begannen. Einige Werke wie die Schrift Über die Bewohnbarkeit der Tropen sind aber nicht erhalten, sondern durch Zitate bekannt.[22] Bei seinem Hauptwerk, den Historien, spricht Dreyer von einer „nicht unkomplizierten Erhaltungsgeschichte“.[23] Denn von den ursprünglich 40 Büchern sind lediglich die ersten fünf vollständig erhalten. Das Hauptthema des Gesamtwerkes, der Aufstieg Roms zur Weltmacht in der Zeit von ca. 220 bis 146, wird nicht original überliefert, sondern nur durch Exzerpte bereitgestellt.[24] Die ersten Bücher behandeln zudem eine Zeit, in der Polybios selbst noch nicht gelebt hat und sich auf andere Autoren berufen musste. Vor allem der Erste und Zweite Punische Krieg sowie die Söldner- und Sardinienkrise werden ausführlich von ihm behandelt. Für Champion bilden die Punischen Kriege in den Historien sogar das Rückgrat.[25]

Es soll noch in aller Kürze die Methodik der polybianischen Geschichtsschreibung erläutert werden. Der Historiker versuchte, seine Historiographie als pragmatisch zu klassifizieren, indem er sein Werk ursprünglich historia pragmateia nannte.[26] Mit dieser Methode wollte er seinen Lesern – im Idealfall Staatsmänner bzw. Politiker – nützliche Erkenntnisse liefern, die es dem Betreffenden erleichtern sollten, (richtige) politische Entscheidungen zu treffen.[27] Elementar war dafür der Gegenwartsbezug, vor allem, da „immer etwas Neues dabei“ ist, was man methodisch korrekt bewältigen muss.[28] Wie bei Thukydides steht die Wahrheit im Vordergrund, obwohl eingesehen wird, dass auch Lügen, Übertreibungen u.Ä. Vorteile mit sich bringen können. Mit der Wahrheit wollte Polybios dem Leser vor allem einen kausalen Geschichtsverlauf schildern, aus dem man die Konsequenzen für politisches Handeln ziehen sollte.[29]

Dieser Umriss über das Leben und Schaffen kann nur ein generelles Bild bieten. Für detailreichere Ausführungen sollte man die Studien von Frank Walbank oder Boris Dreyer konsultieren.[30] Letzterer hebt hervor, dass Historiker weniger bestrebt sind, ein allgemeines Bild über Polybios zu zeichnen, als vielmehr spezielle Aspekte seiner Arbeit zu behandeln. Dass die Forschung über den griechischen Historiographen hochfrequentiert betrieben worden ist, zeigt die von Dreyer aufgelistete Forschungsliteratur mit über 300 Titeln.[31] Wenn eben jener in seiner Einleitung dazu schreibt, dass die Bibliographie „nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erheben“ kann, wird die Quantität der Studien zu Polybios – und damit gleichzeitig sein Stellenwert für die Alte Geschichte – augenfällig.[32]

Die Bewertung der polybianischen Geschichtsschreibung und deren Wahrheitsgehalt fällt unterdessen nicht nur positiv aus. Während man ihm auf der einen Seite Tribut für seine Detailtreue und Art der pragmatischen Geschichtsschreibung zollt, wird ihm von anderer vorgeworfen, in manchen Fällen das Geschichtsbild zu verfälschen. Die Kritik fußt dabei auf der Tatsache, dass Polybios für seine ersten fünf Bücher, d.h. für die einzig vollständig erhaltenen Teile seiner Historien, andere Historiographen als Referenz verwenden musste, da er selbst zu dieser Zeit nicht lebte. Zu nennen für die Zeit von ca. 264-180 ist der römische Senator Fabius Pictor, der der Strömung der Annalistik zuzurechnen ist.[33] In dieser Art der Geschichtsschreibung wurden Annalen gefertigt, die Ereignisse waren dementsprechend chronologisch geordnet.[34]

Problematisch bei Polybios‘ Vorgehen ist, dass die Annalisten selbst bestrebt waren, die „Rechtfertigung römischer Politik“ und „senatorische Selbstdarstellung“ zu betreiben, was zu Lasten der Objektivität und Wahrheitstreue geht.[35] Indem Studien auf einen Annalisten gestützt werden, keimt die Gefahr auf, unhistorische oder manipulierte Aspekte zu kopieren. Im Vorspiel zum 2. Punischen Krieg beispielsweise nimmt Polybios lückenhafte und widersprüchliche Sachverhalte auf (in 2.3 dazu mehr), wobei die Frage unbeantwortet bleibt, ob dies bewusst oder unbewusst geschieht.[36]

Die zweite Ursache für die Zweifel an Polybios‘ Arbeit gehen mit seiner ihm vorgeworfenen Parteilichkeit einher, denn obwohl er von den Römern selbst deportiert wurde, ist eine gewisse „admiration of Roman policy“ nicht von der Hand zu weisen.[37]

Seine Darstellungen der Kriegsschuldfragen der beiden ersten Punischen Kriege sowie der Sardinienkrise werden im späteren Verlauf ein wichtiger Bestandteil der Arbeit sein.

1.3 Präsentation der Krisensituationen

Auf den nächsten Seiten werden die jeweiligen Vorkriegssituationen sowie deren Schauplätze kurz vorgestellt. Die Kriegsschuldfragen werden dabei genauso wenig wie Polybios‘ persönliche Einstellungen aufgearbeitet. Freilich ist es nicht umsetzbar, die einzelnen Abläufe zu schildern, ohne von seiner Überlieferung zu profitieren. Nichtsdestoweniger sollen die folgenden Ereignisse so neutral wie möglich nachgezeichnet werden.

1.3.1 Sizilien

Auf der ans italische Festland angrenzenden Insel Sizilien nahmen die Karthager ab dem sechsten Jahrhundert Einfluss, nachdem sie von sizilischen Städten um Hilfe gerufen wurden, um sich gegen Expansionsbestrebungen der griechischen Teile (u.a. Akragas und Selinus) verteidigen zu können. Karthago setzte sich vor allem an der Westküste mit der Folge fest, dass die sizilischen Städte z.T. ihre Unabhängigkeit verloren und die nordafrikanische Handelsmacht ihre Epikratie ausüben konnte.[38] Diese bestand trotz Auseinandersetzungen mit griechischen Städten auf der größten Mittelmeerinsel bis zum Ende des Ersten Punischen Krieges. Das damalige Messana (heute Messina) sollte schließlich den Anlass zur ersten großen kriegerischen Konfrontation der beiden Großmächte Karthago und Rom bieten:

Mitte der 80er-Jahre hatten sich die Marmertiner, was „Marssöhne“ – nach dem römischen Kriegsgott benannt – bedeutet, in der im Nordosten gelegenen Hafenstadt festgesetzt und die eigentlichen Bewohner z.T. brutal ermordet bzw. vertrieben. Weitere Raubzüge im Vorderland Messanas brachten schließlich den syrakusanischen König Hieron II. auf den Plan, der sich 269 am Longanos zwar gegen die Söldner behaupten, nicht aber Messana einnehmen konnte. Grund war eine karthagische Intervention unter dem Feldherren Hannibal. 264 begann Hieron den Kampf von Neuem, sodass sich die Marmertiner erneut gezwungen sahen, Karthago um Hilfe zu ersuchen, was Hieron wiederum zum Abzug seiner Truppen nach Syrakus zwang. Doch anstatt der Beilegung des Konflikts wurde auch Rom in diesen einbezogen. Die Marmertiner hatten nicht nur Karthago, sondern auch die aufstrebende Macht Italiens um Hilfe gebeten.[39]

Obwohl die Karthager mittlerweile die Burg erobern konnten, wurden sie von den kampanischen Söldnern vertrieben, die die Stadt letztendlich dem Konsul Appius Claudius übergaben. Die Karthager stellten den Römern ein Ultimatum, in welchem sie den Abzug der Soldaten aus Messana einforderten. Die Römer hingegen ließen es verstreichen, sodass Karthago mit der Belagerung der Stadt und damit den Ersten Punischen Krieg begann.[40]

Nach diesem musste Karthago Sizilien auf Grundlage des Lutatius-Vertrages an Rom abtreten, welches durch die Einnahme Siziliens sein Territorium erheblich ausweitete. Der Einfluss auf Sizilien war zuvor, bis auf Kontakte zu Syrakus ab 492, eher gering.[41]

1.3.2 Sardinien

Auf Sardinien, im Süden Korsikas, trafen die Karthager Mitte des sechsten Jahrhunderts ein, vermutlich um die Westphoiniker gegen die einheimischen Sarden zu unterstützen. Im Verlaufe der Jahrhunderte zeigte man zunehmend Interesse am dortigen Erzvorkommen. Des Weiteren hatte man militärische Konflikte um die zweitgrößte Insel im Mittelmeer zu bestehen.[42]

Die Ressourcen Sardiniens waren nach dem Ersten Punischen Krieg durch den Verlust Siziliens von immenser Bedeutung; die Agrikultur konnte die karthagische Hauptstadt durch Getreidelieferungen in besonderem Maße versorgen.[43] Ab 241 verschlechterte sich die wirtschaftliche und politische Lage nicht nur durch die Paragraphen des Lutatius-Vertrages zunehmend. Dieser und seine Korrektur zwangen die Karthager u.a. dazu, insgesamt 3200 Talente Reparationen an Rom binnen zehn Jahren zu zahlen, Sizilien abzutreten und auf ein Engagement auf römischem Boden zu verzichten.[44] Diese Strafen waren hart, aber nicht als dramatisch für Karthago einzustufen.[45]

Bedrohlich wurde die Lage durch den Aufstand des Söldnerheeres, das auf das afrikanische Festland zur Demobilisierung übergesetzt worden war. Zwischen der karthagischen Administration und den Söldnern entfachte sich ein Streit um die Auszahlungen, der schnell in einem militärischen Konflikt mündete. Unter großen Anstrengungen schaffte es Karthago dank des Feldherren Hamilkar Barkas, den Aufstand niederzuschlagen.[46]

Doch noch während der Kampfhandlungen auf lybischem Boden verselbstständigte sich die Lage auf Sardinien, wo es die dort stationierten Söldner ihren Vorgängern in Afrika gleichtaten. Die Rebellen gingen sogar noch einen Schritt weiter und pochten auf eine eigene staatliche Identität, sodass sie auch vor Ermordungen von Zivilisten nicht zurückschreckten. Nach und nach wurden mehrere Küstenstädte erobert, was jedoch den Widerstand der Einheimischen weckte. Die Söldner baten deshalb die Römer um Unterstützung; erst beim zweiten Hilfegesuch willigten diese ein. Karthago rüstete auf, um die Rebellen von der Mittelmeerinsel zu vertreiben. Die Sarden konnten sich indes gegen die Revoltierenden behaupten, was sowohl ein römisches als auch ein karthagisches Eingreifen eigentlich redundant gemacht hätte. Rom erklärte Karthago den Krieg mit der Begründung, die Aufrüstung sei gegen Rom gerichtet gewesen.[47]

Gleichzeitig legte man einen Friedensvertrag vor, der Karthago zwang, Sardinien abzutreten und 1200 Talente Reparationen zu zahlen. Aufgrund der wirtschaftlichen Instabilität, hervorgerufen durch den Ersten Punischen Krieg und die Ereignisse in Afrika bzw. auf Sardinien, wurde das Friedensangebot alternativlos angenommen.[48]

1.3.3 Sagunt

Den Anlass zum Zweiten Punischen Krieg gab die Stadt Sagunt auf dem iberischen Festland, an der Mittelmeerküste gelegen. Die iberische Halbinsel wird mit Karthago vor allem ab der Zwischenkriegszeit (241-218) in Verbindung gebracht, obwohl karthagische Händler dort schon seit dem achten Jahrhundert mit südlichen Küstenstädten verkehrten. Zudem intervenierte man im sechsten Jahrhundert, um dem iberischen Stamm der Gaditaner im Kampf gegen Nachbarvölker beizustehen. Eine wirkliche Forcierung der Einflussnahme in Iberien ist in der Tat ab dem Jahre 237 zu erkennen, nachdem man mit Sizilien und Sardinien zwei elementare ökonomische Stützpunkte verloren hatte.[49] Unter Hamilkar Barkas und seinem Schwiegersohn Hasdrubal erschloss man vom Süden aus innerhalb weniger Jahre weitreichende Gebiete und gründete Städte wie Leuke Akra, was dem heutigen Alicante gleichkommt, und Cartagena (Neu-Karthago). Kriegsbeute und Rohstoffe wurden dabei hauptsächlich in die Hauptstadt gesendet.[50]

Die Erfolge Karthagos auf iberischem Boden blieben auch den Römern nicht geheim. Als Reaktion folgte um 231/30 eine römische Gesandtschaft nach Leuke Akra, die den Senat über die Ziele des Gegners aus dem Ersten Punischen Krieg informieren sollte. Kurz vorher oder schon während des Keltenkrieges wurde eine nächste Gesandtschaft vorstellig. Im Gegensatz zur ersten verhandelte man nun im neuen iberischen Hauptquartier in Cartagena mit Hasdrubal statt Hamilkar, der ca. 229/228 ums Leben gekommen war.[51] Aus den Verhandlungen resultierte der von Polybios nicht im Wortlaut überlieferte Ebro-Vertrag, in dem Hasdrubal den Römern zusicherte, den Ebro bzw. Iber nicht in militärischer Absicht zu überschreiten.[52]

Südlich des Ibers liegt eben auch Sagunt. U.a. dessen topographische Lage beinhaltet auch das Konfliktpotenzial: Durch die karthagischen Eroberungen in Iberien befürchtete man in Sagunt den Verlust der eigenen Autonomie und sendete ein Hilfegesuch an Rom. Konfrontationen mit dem karthagisch-freundlichen Stamm der Torboleten ließen Hannibal aufmerksam werden, der das Amt des Strategen vom 221 ermordeten Hasdrubal übernommen hatte. Hannibal stationierte einen Teil seines Heeres bei den Torboleten, um den Saguntinern zu drohen, doch kurze Zeit später mischte sich auch Rom, dem saguntinischen Hilfegesuch folgend, in den Konflikt ein.

Die Gesandten (legati) Tamphilus und Flaccus kamen im Winter 220/219 nach Cartagena und drohten Hannibal unter der Begründung, Sagunt stehe unter römischem Schutz, den Krieg an, sollte er es attackieren. Nach Rücksprache mit dem karthagischen Rat griff Hannibal Sagunt 219 an und zerstörte es nach einer achtmonatigen Belagerung.[53]

Rom reagierte abermals mit einer Gesandtschaft, die nun die Auslieferung Hannibals und seiner Berater einforderte. Der karthagische Rat lehnte das Ultimatum mit der Konsequenz ab, dass Rom Karthago den Krieg erklärte.[54]

[...]


[1] Huss, W., Karthago, München 1985, S. 50.

[2] Zimmermann, K., Karthago. Aufstieg und Fall einer Großmacht, Darmstadt 2010, S. 7.

[3] Im Folgenden wird bei Jahreszahlen, die vor dem Jahre Null datieren, auf den Zusatz (v. Chr.) verzichtet.

[4] Possony, S. T., Zur Bewältigung der Kriegsschuldfrage. Völkerrecht und Strategie bei der Auflösung zweier Weltkriege, Wiesbaden 1968, S. 11.

[5] Vgl. Zimmermann, K., Rom und Karthago, Darmstadt 2005, S. 244.

[6] Vgl. Zimmermann, Karthago, S. 6.

[7] Vgl. Bringmann, K., Geschichte der römischen Republik. Von den Anfängen bis Augustus, München 2002, S. 101.

[8] Vgl. Polyb. 3,30.

[9] Dieser Punkt wird in Kapitel 4 behandelt.

[10] Huss, Karthago, S. 59.

[11] Vgl. Vogt, J., Rom und Karthago, Leipzig 1943. Nach Zimmermann, Rom und Karthago, S. 147.

[12] Vgl. z.B. Bleicken, J., Geschichte der Römischen Republik, München6 2004.

[13] Vgl. Blösel, W., Die römische Republik. Forum und Expansion, München 2015. S. 289.

[14] Vgl. Heuß, A., Der Erste Punische Krieg und das Problem des römischen Imperialismus, in: HZ 169 (1949) , S. 457-513 (ND Darmstadt 1964).

[15] Vgl. Flach, D./Schraven, C., Die Frage der Kriegsschuld im Wandel der völkerrechtlichen Beziehungen zwischen Karthago und Rom, in: RhM 150 (2007), S. 135-178.

[16] Vgl. Schwarte, K. H., Roms Griff nach Sardinien, in: Dietz, K./ Hennig, D./ Kaletsch, H. (Hg.), Klassisches Altertum, Spätantike und frühes Christentum (Festschrift für Adolf Lippold), Würzburg 1993, S. 107-146.

[17] Dreyer, B., Polybios. Leben und Werk im Banne Roms, Hildesheim 2011, S. 3.

[18] Stratege = höchstens Amt im achäischen Bundesstaat.

[19] Vgl. Dreyer, S. 9-16.

[20] Fabius ist nicht zu verwechseln mit Fabius Pictor.

[21] Vgl. Dreyer, S. 16ff.

[22] Vgl. ebd., S. 23-27.

[23] Ebd., S. 30.

[24] Vgl. Bengtson, H., Griechische Geschichte von den Anfängen bis in die römische Kaiserzeit, München 1950, S. 366.

[25] Vgl. Champion, C. B., Polybius and the Punic Wars, in: Hoyos, D. (Hg.), A Companion to the Punic Wars, Chichester 2011, S. 95-110, S. 104.

[26] Vgl. Dreyer, S. 29

[27] Vgl. Bengtson, S. 366. u. Dreyer, S. 70.

[28] Polyb. 9,2 nach Dreyer, S. 93.

[29] Vgl. Dreyer, S. 69-75.

[30] Vgl. Walbank, F. W., A Historical Commentary on Polybius, 3 Bde., Oxford 1957-1979.

[31] Vgl. Dreyer, S. 152-169.

[32] Ebd., S. 162.

[33] Vgl. ebd., S. 30.

[34] Anno (lat.)= Jahr.

[35] Zimmermann, Rom und Karthago, S. 1.

[36] Vgl. ebd., S. 58.

[37] Baronowski, D. W., Polybius an Roman Imperialism, London 2011, S. 92.

[38] Vgl. Huss, Karthago, S. 20.

[39] Vgl. Huss, Karthago S. 58f. u. Zimmermann, Rom und Karthago S. 18f.

[40] Für die Vorkriegssituation des Ersten Punischen Krieges vgl. Polyb. 1,10/11.

[41] Vgl. Steinby, C., Rome versus Carthage. The War at Sea, Barnsley 2014, S. 56.

[42] Vgl. Huss, S. 21.

[43] Vgl. Ameling, W., Karthago. Studien zu Militär, Staat und Gesellschaft, München 1993, S. 258.

[44] Die Römer verpflichteten sich ebenfalls zum Verzicht auf ein Eingreifen auf karthagischem Boden.

[45] Vgl. Zimmermann, Rom und Karthago, S. 37.

[46] Vgl. Huss, W., Geschichte der Karthager, München 1985, S. 266.

[47] Vgl. ebd., S. 266.

[48] Vgl. Zimmermann, Karthago, S. 39 u. Polyb. 1,79-88.

[49] Vgl. Huss, Karthago, S. 62f.

[50] Vgl. Huss, Geschichte der Karthager, S. 273.

[51] Vgl. ebd., S. 273f.

[52] Vgl. Polyb. 2,13.

[53] Vgl. Huss, Geschichte der Karthager, S. 281f.

[54] Vgl. Polyb. 3,13-33.

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Sizilien, Sardinien, Sagunt. Die Kriegsschuldfragen und deren Überlieferung bei Polybios im Vergleich
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Seminar für Alte Geschichte)
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
43
Katalognummer
V345672
ISBN (eBook)
9783668356276
ISBN (Buch)
9783668356283
Dateigröße
637 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Punische Kriege, Rom, Karthago, Hannibal, Kriegsschuld, Weltmacht, Polybios, Sardinienkrise, Mommsen, defensiver Imperialismus, Iberien, Hasdrubal, Hamilkar, Mittelmeer
Arbeit zitieren
Lars Marwinski (Autor), 2016, Sizilien, Sardinien, Sagunt. Die Kriegsschuldfragen und deren Überlieferung bei Polybios im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/345672

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