Literatur und Überwachung. George Orwells "1984" vor dem Hintergrund der Machttheorie Foucaults


Hausarbeit, 2014
22 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1. Bedeutung der Thematik und Darstellung der Zielvorstellung

2. Foucaults Machttheorie
2.1 Machtbegriff
2.2 Panoptismus
2.3 Disziplin
2.4 Disziplinargesellschaft
2.5 Normierung
2.6 Wahrheit
2.7 Widerstand
2.8 Strafe

3. Textanalyse und Interpretation
3.1 Überwachungsmechanismen
3.1.1 Panopticon
3.1.2 Parzellierung
3.1.3 Newspeack
3.1.4 Denkprozesse
3.1.5 Permanente Dokumentenfälschung
3.2 Sicherung von Macht durch Internalisierung und Strafe
3.3 Widerstandshandlungen

4. Schlussbetrachtung

1. Bedeutung der Thematik und Darstellung der Zielvorstellung

Literatur steht und stand immer schon unter dem Einfluss der gesellschaftlichen Strömungen und des Zeitgeistes. Viele Werke spiegeln die gesellschaftlichen Ent- wicklungen, die jeweiligen Konflikte, geläufigen Überzeugungen und Diskurse, in denen sich die Menschen austauschen, wider und setzen sich damit kritisch ausei- nander. Der dystopische Roman Ä1984“ von George Orwell (Eric Arthur Blair) ist eines der Werke, das seine Entstehung dem gesellschaftskritischen Blick seines Au- tors verdankt. Mit der Person des Winston liefert Orwell dem Leser eine Figur, wel- che die gesellschaftlichen Spannungen des 20. Jahrhunderts verkörpert.

Besonders das Thema der „Überwachung“ ist ein Begriff, der die Literatur sehr stark beschäftigt und ist eine immer wieder aufgegriffene Thematik. Wenn es um dieses Thema geht, dann ist 1984 das Werk schlechthin. Orwell greift in diesem das Prob- lem der Überwachung auf und zeichnet sein eigenes Bild eines totalitären Überwa- chungsstaates. Obwohl der Roman vor über einem halben Jahrhundert erschienen ist, hat er nichts an seiner Aktualität und literarischen und politischen Signifikanz verlo- ren. Der Titel selber ist zu einem politischen Begriff geworden und viele Ausdrücke aus dem Roman wie Gedankenpolizei, Big Brother und Doppeldenk sind in unser Vokabular eingegangen. Was sind die Gründe hierfür? Orwell greift in seinem Ro- man die Aspekte Macht, Herrschaft, permanente Überwachung und Widerstand ge- gen Macht auf, führt die Auswirkungen derselben auf das menschliche Leben vor Augen. Und diese Diskurse tragen stets eine unmittelbare Präsenz in unserer heuti- gen Gesellschaft.

Da der Roman 1984 eine derartig große Rolle innerhalb der Liteteratur trägt und das Paradebeispiel für Überwachungsliteratur ist, soll er in dieser Hausarbeit näher unter- sucht werden. Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist die Rekonstruktion der von Or- well entworfenen Gesellschaftsphilosophie, Überwachungsmechanismen, der Inter- nalisierung von Macht und letztlich des Widerstands gegen den Überwachungsstaat. Hierbei steht erst einmal die Frage der richtigen, angemessenen und sinnvollen Aus- legung des Textes im Mittelpunkt. Für eine fundierte Analyse des Textes bietet es sich hier an, die Machttheorie von Michel Foucault heranzuziehen.

Aus diesem Grund sollen zunächst im Hauptteil theoretische Einblicke in Foucaults Machttheorie gewonnen werden. Dabei stehen vor allem die zentralen Begriffe seiner Theorie Machtbegriff, Panoptismus, Disziplin, Disziplinargesellschaft, Normierung, Wahrheit, Widerstand und Strafe im Fokus, die innerhalb des Romans 1984 eine zentrale Rolle einnehmen.

Darauf aufbauend wird im Analyseteil vor dem Hintergrund der Machttheorie Foucaults der Roman analytisch beleuchtet. Es werden die unterschiedlichen Facetten der Überwachungsmechanismen, die Sicherung von Macht durch Internalisierung und Strafe und die Widerstandshandlungen im Roman in den Fokus gestellt. Die Arbeit schließt mit einer Schlussbetrachtung, in der die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst und kritisch reflektiert werden.

2. Foucaults Machttheorie

2.1 Machtbegriff

Nach Foucault ist Macht kein Wesen, welches Materie aufweist. Sie besitzt weder einen Körper noch eine Hülle: Ä[…] die Macht ist nicht eine Institution, ist nicht eine Struktur, ist nicht eine Mächtigkeit einiger Mächtiger. Die Macht ist der Name, den man einer komplexen strategischen Situation in einer Gesellschaft gibt.“1 Die Macht stellt eine Form der Normalisierung und kann nicht eindeutig räumlich festgelegt werden.

Bei Foucault geht es nicht um Macht, sondern um Machtbeziehungen. Das bedeutet, dass Macht ein Netz aus produktiven Machtstrukturen ist. Außerdem basiert Macht auf Handlung, das bedeutet, dass Macht durch eine Form definiert ist, dass sich nicht unmittelbar auf andere, sondern auf deren Handeln auswirkt.2

2.2 Panoptismus

Foucault bezeichnet die disziplinierte Machtausübung, die in der Wende zum 19. Jahrhundert vollzogen wurde, als „Panoptismus“. Diese Form der Disziplinierung beschränkt sich nicht nur auf den Bereich des Gefängnisses, sondern ist ebenfalls im pädagogischen, militärischen und medizinischem Bereich wirksam. Als Modell fasst Foucault das „Inspection-House“, welches der Sozialphilosoph Jeremy Bentham im Jahre 1787 unter dem Titel ÄPanopticon“ entwickelt hat. Der Titel lehnt sich an das Wort „panoptos“ an, welches in der griechischen Mythologie als Epitheton für den Äallsehenden“ und vieläugigen Wächter Argus steht.

Das allseitige Sichtbarmachen und Gesehenwerden, beweist auch im Entwurf des Panopticons bestand. Bei dem Modell des Panopticons, werden die Inhaftierten nicht wie in den Kerkern der Vergangenen Jahrhunderte gemeinsam im Kollektiv wegge- sperrt, sondern sie verbringen ihre Zeit einzeln, in gut einsehbaren und kreisförmig angeordneten Zellen. Dieses ringartig konstruierte Konstrukt, beherbergt exakt in der Mitte einen Aufsichtsturm, von dem aus sämtliche Zellen beobachtbar sind.3 Die Zellenmauern sind sowohl nach außen als auch nach innen durchbrochen, so dass das Licht sie durchdringt und die Silhouetten der gefangenen sich abzeichnen. Der Zentralturm ist demgegenüber ist durch Jalousien und sich kreuzenden oder bewegli- chen Zwischenwenden verdunkelt. Dies hat zur Folge, dass die Inhaftierten nicht erkennen können, ob sie überhaupt beobachtet werden und falls ja wer sie über- wacht.4 Der wesentliche Vorteil dieses Konstrukts liegt darin, dass der Aufseher sich im Zentrum des Baus befindet und durch die Besonderheit der Vorrichtung sehen kann, ohne selbst gesehen zu werden. Die Gefangenen bekommen somit ein Gefühl von allgegenwärtiger Überwachung, da sie einer andauernden Sichtbarkeit ausgesetzt sind.

Das Panopticon ist deshalb so bedeutend, weil es die Macht entindividualisiert und automatisiert. Die Macht liegt nicht mehr bei einer Person, sondern vielmehr in einer Anordnung von Körpern, Oberflächen, Blicken und Lichtern.5

In Benthams ÄLaw of mutual Reponsibility“ wird angeführt, dass innerhalb dieser Öffentlichkeit, die Mitglieder nicht nur selbst überwachen, sondern auch die Inhaf- tierten. Sofern dies nicht geschieht, werden diese als Mittäter angesehen und für die geringsten nicht gemeldeten Vergehen, mitbestraft. Nichts desto trotz handelt es sich für Foucault um eine Äzwanglose“ Unterwerfung, da durch die permanente Beschat- tung das Machtverhältnis internalisiert wird und Gewalt in physischer Form nicht existiert.6 Durch ihre Überwachung werden die Inhaftierten diszipliniert und durch ihre Arbeiten, die sie innerhalb der Institution verrichten sozialisiert.7 So ist es mög- lich, dass die Inhaftierten (Häftlinge, Schüler, Arbeiter) die der Sichtbarkeit unter- worfen sind, an ihrer eigenen Normalisierung und Überwachung arbeiten. Das Pa- nopticon stellt dabei Wissen vom Menschen als Individuum her, löst Massen und unkontrollierbare Vielheiten auf. Darüber hinaus macht das Panopticon eine abstei- gende Individualisierung möglich.

2.3 Disziplin

Foucault räumt dem Begriff der „Disziplin“ den größten Platz innerhalb seines Wer- kes ein. Er bezeichnet das gleichnamige Kapitel als „Prozess der Formierung eines Gehorsamssubjekts“.8 Unter dem Begriff „Disziplin“ versteht er eine Form von Macht, die eine enge Verbindung zwischen der inneren Ordnung des Subjekts und der äußeren Ordnung seiner Lebensbedingungen schafft. Während bislang die mo- derne Subjektivität die Befreiung aus gesellschaftlichen und natürlichen Zwängen aufgefasst wurde, verbindet Foucault mit ihr die Disziplinierung des Körpers sowie die Überwachung und Kontrolle aller Lebensäußerungen. In Verbindung ist ebenfalls auf den Begriff der „Parzellierung“ einzugehen, da Foucault sie als essentiell für die Ausübung von Disziplin sieht. Unter Parzellierung ist die ÄVerteilung der Individuen im Raum“ zu verstehen. Hierbei deutet jeder Platz auf einen bestimmten Rang des jeweiligen Individuums, der wiederum die bestimmte Funktion, die das Individuum erfüllt verdeutlicht. Durch diese hierarchische und systematische Verteilung wird die Individualisierung im Gesellschaftsganzem erhöht.9 Sofern die Überwachung und Normierung der Tätigkeiten ein dauerhaftes persönlichkeitsprägendes Verhalten ver- ursacht, ist laut Foucault von einer ÄDisziplinarmacht“ zu sprechen. Diese Macht beschränkt sich nicht nur auf eine dauerhafte Beobachtung, vielmehr richtet sie einen zwingenden Blick ein, der mächtige Effekte erzeugt.10 Foucault sieht als zentrale Funktion von staatlichen Institutionen, die Erziehung zum Normalverhalten. Auch Bentham spricht davon, dass große Bevölkerungsschichten unter Beobachtung ge- stellt werden sollten, damit sie dadurch zum sinnvollen und produktiven Leben hin- geleitet werden. Als Disziplinierungsmodell, welches sowohl Machttyp und Macht- technik vereinigt, stellt das Panopticon ein Funktionsmodell dar, welches verallge- meinerungsfähig ist.11

2.4 Disziplinargesellschaft

Die Auseinandersetzung mit dem Machtverständnis von Foucault, lässt die Meinung aufkommen, dass eine moderne Gesellschaft nur funktioniert, wenn die Macht die Ordnung stiftet omnipräsent ist.12 Hierbei stellt die Disziplin als Vergesellschaf- tungsform ein sehr wichtiges Machtparadigma dar. Die Disziplin bewirkt es, dass die Individuen in der Institution Vergesellschaftung erfahren. Hierbei werden sie nicht vollständig vergesellschaftet, sondern vielmehr mit Hilfe disziplinärer Arbeitstechni- ken an die Erfordernisse der Gesellschaft ausgerichtet. Dies wird durch ein System von Hierarchie, Überwachung, Aufsicht, Anordnung, Architekturen, Berichten und Niederschriften gewährleistet, wodurch sie mit wenig Aufwand und Kosten, ihre Nutzkraft erhöhen.13

Durch das Panopticon ist das machtausübende Subjekt austauschbar bzw. ersetzbar. Durch diese allgegenwärtige und objektivierte Macht innerhalb der Disziplinargesellschaft, wird die Macht nicht mehr sichtbar. Sie wird zu einer verheimlichten Macht, die sich zum einen der individuellen Kontrolle entzieht und zum anderen aber jederzeit Zugang zum Individuellen und von der Norm Abweichendem hat, es identifiziert, umstellt und modifiziert.

2.5 Normierung

Die soziale Normierung kommt der industriellen Normierung gleich. Beide sind nicht nur strafend, sondern auch belohnend. Die Menschen werden untereinander verglichen und daraufhin erfolgt eine Differenzierung. Der Durchschnitt der Leis- tung, der Tätigkeit und des Verhaltens, ist einer Gesamtregel unterstellt. Das Wesen und die Natur der Menschen, unterliegen einer Hierarchisierung und Quantifizie- rung.14 Die Macht von Worten, Texten und der Tradition wird von der Norm besetzt. Die Normalisierungs- und Disziplinarmacht, erfasst sowohl die Normalen als auch die Anormalen. Zusammen mit der Überwachung, stellt die Normalisierung ein sehr großes Machtinstrument dar. Die kennzeichnenden Male, die die Standeszugehörig- keit und Privilegien verdeutlichten, werden durch ein System von Normalitätsgraden ersetzt, welche die Verbundenheit zu einem homogenen Körper der Gesellschaft an- zeigt. Diese Normalisierungsgrade wirken dabei hierarchisierend, rangordnend und klassifizierend. Die Normalisierungsmacht zwingt die Individuen nicht nur zur Ho- mogenität.

[...]


1 Foucault, M. (1983): Der Wille zum Wissen, S. 94

2 Foucault, M. (2005): Der Wille zum Wissen, S.255

3 Vgl. Kammler, C./Parr/Schneider (2008): Foucault Handbuch. Leben-Werk-Wirkung, S.280.

4 Vgl. Foucault, M. (1994): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, S.256-259.

5 Vgl. Ebd. S.259.

6 Vgl. Ebd. S.260.

7 Vgl. Kammler, C./Parr/Schneider (2008): Foucault Handbuch. Leben-Werk-Wirkung, S.280.

8 Ebd.

9 Vgl. Ebd. S.74.

10 Vgl. Foucault, M. (1994): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, S.220.

11 Vgl. Kammler, C./Parr/Schneider (2008): Foucault Handbuch. Leben-Werk-Wirkung, S.75.

12 Vgl. Kammler, C./Parr/Schneider (2008): Foucault Handbuch. Leben-Werk-Wirkung, S.385.

13 Vgl. Ebd. S.391.

14 Vgl. Foucault, M. (1994): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses, S.236.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Literatur und Überwachung. George Orwells "1984" vor dem Hintergrund der Machttheorie Foucaults
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Geisteswissenschaften)
Veranstaltung
Literatur und Überwachung
Note
2,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
22
Katalognummer
V346280
ISBN (eBook)
9783668350755
ISBN (Buch)
9783668350762
Dateigröße
654 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Machtbegriff, Panoptismus, Disziplin, Disziplinargesellschaft, Normierung, Wahrheit, Widerstand, Strafe, Foucault, Machttheorie, Orwell, 1984
Arbeit zitieren
Sevim Toker (Autor), 2014, Literatur und Überwachung. George Orwells "1984" vor dem Hintergrund der Machttheorie Foucaults, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/346280

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