Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit drei Theorien über Institutionen. Da der Erkenntnisgegenstand in der Sozialwissenschaft auch durch die Theorie strukturiert wird, ist ein Vergleich hauptsächlich deshalb möglich, weil alle drei den Begriff Institutionen benutzen. Herauszuarbeiten, ob alle drei dasselbe Phänomen untersuchen, ist ein Ziel dieser Arbeit. Es erschien zum Zwecke des Vergleich sinnvoll, zuerst zwei der Theorien vorzustellen. Es sind dies die Theorien von Hartmut Esser und John R. Searle. Erst im dritten Teil, dem eigentlichen Vergleich, wird der dritte Autor, Rainer M. Lepsius, eingeführt. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt dennoch auf den ersten beiden Autoren, denn der Vergleich zwischen ihnen ist am fruchtbarsten. Dies ist insbesondere in der zugrundeliegenden Annahme begründet, dass Lepsius das Verhältnis zwischen Struktur und Handlung anders fasst, als die ersten beiden Autoren.
Nach einer Vorstellung der ersten beiden Theorien, die angesichts des Rahmens der Arbeit sehr knapp ausfällt und besonders die Aspekte hervorhebt, wo sich Vergleichsmöglichkeiten ergeben, wird der Vergleich auf drei Ebenen geführt. Zuerst werden die unterschiedlichen Analyseebenen verglichen, dort zeigen sich grob drei unterschiedliche Ebenen, wobei aber Searle und Esser auch Gemeinsamkeiten aufweisen. Bei der anschließenden Untersuchung des Status von Regeln, ein Kernbegriff in jeder der Theorien, zeigen sich Gemeinsamkeiten zwischen Esser und Lepsius gegenüber Searle. Und in der dritten Ebene, dem Vergleich der Arten der Entstehung von Institutionen, unterscheiden sich insbesondere Searle und Esser gegenüber Lepsius, der dort aus der Analyse ausgeklammert werden muss. Doch Searles und Essers Unterschiede, die erheblich sind, lassen sich in gewisser Weise als komplementär darstellen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Hartmut Esser
2.1. Definition von Institutionen
2. 2. Funktionen von Institutionen
2. 2. 1. Orientierungsfunktion
2. 2. 2. Ordnungsfunktion
2. 2. 3. Sinnstiftungsfunktion
2. 2. Die Entstehung von Institutionen
2. 3. Legitimität von Institutionen
3. John R. Searle
3. 1. Der Hintergrund
3. 2. Institutionen als Komplex konstitutiver Regeln
3. 2. 1. Funktionszuweisung
3. 2. 2. Kollektive Intentionalität
3. 2. 3. Konstitutive Regeln
3. 2. 4. Die Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit
3. 2. 5. Typen institutioneller Tatsachen
4. Vergleich
4. 1. Analyseebene
4. 2. Der Status von Regeln
4. 3. Die Entstehung von Institutionen
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, die theoretischen Konzepte von Hartmut Esser und John R. Searle hinsichtlich ihres Verständnisses von Institutionen kritisch zu vergleichen und zu prüfen, ob sie dasselbe Phänomen untersuchen. Ergänzend wird der Ansatz von Rainer M. Lepsius eingeführt, wobei der Fokus auf dem methodologischen Vergleich der Theoriebildung zur Entstehung und Legitimität von Institutionen liegt.
- Vergleich der theoretischen Analyseebenen von Esser, Searle und Lepsius.
- Untersuchung des ontologischen Status von Regeln innerhalb der Theorien.
- Analyse der Prozesse der Entstehung von Institutionen.
- Diskussion der Legitimität von Institutionen im Kontext gesellschaftlicher Konstrukte.
Auszug aus dem Buch
3. 2. 3. Konstitutive Regeln
In dem Abschnitt über konstitutive Regeln nähert sich Searle dem Begriff der Institutionen. Den rohen Tatsachen, die unabhängig vom Menschen existieren, auch wenn Aussagen über sie nur innerhalb der menschlichen Sprache formuliert werden können, stellt er hier die institutionellen Tatsachen gegenüber. Deren Existenz setzt die Existenz menschlicher Institutionen voraus. Offensichtlich unterscheidet Searle institutionelle Tatsachen von Institutionen. Institutionen sind nun ein Komplex konstitutiver Regeln. Die Eigenart dieser Form von Regeln ist vor dem Hintergrund einer anderen Form zu verstehen. Während „regulative“ Regeln darauf abzielen, schon vorhandenes Verhalten zu regulieren, sind bestimmte Handlungen gerade erst durch die Existenz „konstitutiver“ Regeln möglich. Searles Beispiel ist das Schachspiel, dass eben nicht aus regulativen Regeln besteht, da niemand auf die Idee kommen würde, ohne den Regeln zu folgen, die Spielsteine wahllos über das Brett zu schieben, ein Verhalten, das dann erst reguliert werden müsste.
Andererseits, sobald sich zwei Spieler an eigens definierte Regeln halten, würden sie zwar nicht Schach spielen, aber hätten ebenso erst durch diese Regeln die Möglichkeit für ein Spiel geschaffen. Die allgemeine Form dieser Regel ist immer „X zählt als Y im Kontext K“. Was das im einzelnen heißt, soll im weiteren Verlauf beleuchtet werden. Institutionen bestehen nun aus diesen Regeln und nur innerhalb derer sind institutionelle Tatsachen möglich, z. B. ist es eine institutionelle Tatsache, dass ich Student bin. Doch eine solche Tatsache ist nur durch ein komplexes Geflecht von konstitutiven Regeln, respektive Institutionen, wie Universität, Staatsbürgerrecht usw., möglich.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des Erkenntnisgegenstandes und der Absicht, die Theorien von Esser, Searle und Lepsius vergleichend gegenüberzustellen.
2. Hartmut Esser: Darstellung des handlungstheoretischen Ansatzes unter dem methodologischen Individualismus und der Definition von Institutionen als Erwartungen über verbindliche Regeln.
3. John R. Searle: Analyse der ontologischen Struktur institutioneller Tatsachen, insbesondere durch die Bausteine Funktionszuweisung, kollektive Intentionalität und konstitutive Regeln.
4. Vergleich: Systematische Gegenüberstellung der Analyseebenen, des Regelstatus und der Genese von Institutionen über die drei Autoren hinweg.
5. Fazit: Zusammenführende Bewertung der komplementären Aspekte der Theorien und kritische Reflexion des Legitimitätsrelativismus.
Schlüsselwörter
Institutionen, Hartmut Esser, John R. Searle, Rainer M. Lepsius, konstitutive Regeln, soziale Ordnung, kollektive Intentionalität, methodologischer Individualismus, Institutionengenese, Legitimität, Handlungsrationalität, soziale Wirklichkeit, Systemtheorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit bietet einen systematischen Vergleich dreier soziologischer bzw. sozialwissenschaftlicher Theorien über Institutionen, mit dem Ziel, ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Analyse gesellschaftlicher Strukturen aufzudecken.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Felder sind die Definition von Institutionen, die Rolle von Regeln (konstitutiv vs. regulativ), die Genese von Institutionen und die Frage nach ihrer Legitimation.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, herauszuarbeiten, ob die Theorien von Esser, Searle und Lepsius tatsächlich dasselbe Phänomen untersuchen oder ob sie unterschiedliche Aspekte von Institutionen fokussieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Methode, bei der die Theorien anhand zentraler Begriffe wie "Regel", "Funktion" und "Intentionalität" analysiert und in einen direkten Vergleich gesetzt werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung der Ansätze von Esser und Searle, gefolgt von einem ausführlichen Vergleich auf drei Ebenen: Analyseebene, Status von Regeln und Entstehung von Institutionen, unter Einbeziehung von Lepsius.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Institutionen, soziale Ordnung, kollektive Intentionalität, methodologischer Individualismus und Legitimität.
Inwiefern unterscheidet sich Searles Ansatz zur Entstehung von Institutionen von Esser?
Searle betrachtet die Entstehung eher durch die Brille der Evolutionstheorie als einen Prozess der "blinden" Entstehung ohne immanenten Zweck, während Esser den Fokus auf die bewusste Überwindung von Dilemmasituationen kollektiven Handelns legt.
Warum spielt der Begriff des "Hintergrunds" bei Searle eine so wichtige Rolle?
Der Hintergrund dient Searle zur Erklärung, wie Menschen in Institutionen handeln können, ohne sich der zugrundeliegenden konstitutiven Regeln explizit bewusst zu sein, was den Einfluss von Institutionen auf das Verhalten auch ohne ständige Repräsentation ermöglicht.
Welche Rolle spielt die Legitimation laut Esser?
Für Esser ist Legitimation eng an die Interessen der Akteure geknüpft; Institutionen gelten als legitim, sofern sie den Interessen der Akteure langfristig nicht widersprechen, auch wenn sie kurzfristig einschränkend wirken.
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- Lars Vogel (Author), 2004, Institutionentheorie bei Hartmut Esser, John R. Searle und Rainer Lepsius im Vergleich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34642