Nietzsches Wissenschaftskritik in Aphorismus 344 der "fröhlichen Wissenschaft"


Hausarbeit, 2013

11 Seiten, Note: 2,3

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Frage nach der angeblichen Voraussetzungslosigkeit der Wissenschaft

3. Die Frage nach der Vereinbarkeit von Wissenschaft und Leben

4. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Frage, die mich im Rahmen dieser Hausarbeit interessiert ist: Was versteht Nietzsche unter Wissenschaft und in welchen Kontext stellt er sie? Was zeichnet Wissenschaft gegenüber anderen Bereichen des Lebens als selbige aus? Dafür beschränke ich mich auf den Versuch der Rekonstruktion des Aphorismus 344 des fünften Buchs der fröhlichen Wissenschaft, weil ich denke, dass gerade hier sein Verständnis dieses Begriffs in Bezug auf die Bedingungen der wissenschaftlichen Praxis besonders deutlich wird. Nietzsche stellt diese Bedingungen hier unter historischer Betrachtungsweise in den Kontext ihres Selbstverständnisses und in das Verhältnis zum Leben. Eben diese Betrachtungsweise werde ich versuchen nachzuvollziehen.

In diesem Aphorismus – ,,Inwiefern auch wir noch fromm sind"[1] stehen 2 Fragen im Zentrum. Zum einen die Frage nach einem generellen Selbstwiderspruch der der wissenschaftlichen Praxis zugrundeliege und zum anderen die nach der Vereinbarkeit von Wissenschaft und Leben.

Da diese Arbeit wissenschaftlichen Ansprüchen genügen soll, muss hier zunächst die Frage gestellt werden, worauf Nietzsche sich bezieht? Bezieht er sich rational nachvollziehbar auf eine bestimmte deskriptive oder normative Wissenschaftstheorie, auf empirische Daten, die er gesammelt hat, auf eine Art Manifest einer Gruppe von Wissenschaftlern, die für alle Wissenschaftler steht? Diese Frage muss jedoch offen bleiben, da er in seinen Ausführungen zwar argumentativ vorgeht, er seine Argumentation aber nicht systematisch entfaltet, sondern von ,,Plausibilitäten"[2] ausgeht, die jederzeit in Frage gestellt werden können und damit nicht als Axiome oder dogmatische Setzungen oder notwendige Bedingungen eines Sachverhaltes angesehen werden können. Damit ist auch klar, dass er keine in sich geschlossene Theorie entwirft, womit sich Zweifel an der philosophischen Relevanz des Werkes ergeben. Ich denke allerdings, dass seine Relevanz eben in dieser scheinbaren Schwäche zu sehen ist, aus der wiederum eine besondere Stärke von Nietzsches Philosophieren ersichtlich wird, nämlich die des kritischen Hinterfragens. Es steht hier also nicht die Widerspruchsfreiheit der untersuchten Aphorismen im Vordergrund, da es schon problematisch ist, Nietzsche einen solchen Anspruch anhand von Belegen durchgehend zuzuschreiben und damit auch systematische Fehler einer angeblichen Theorie, die sich Vollständigkeit und Widerspruchsfreiheit zuspricht, sondern es soll hier vielmehr vordergründig darum gehen, was Nietzsche tut und was als Ergebnis dessen angesehen werden kann. Die Tätigkeit des kritischen Hinterfragens soll dabei im Vordergrund stehen, d. h: Was wird in Frage gestellt und warum?

Nietzsches Wissenschaftsbegriff, d. h. wie er Wissenschaft auffasst und in seinen Texten behandelt – es ist immer die Rede von der Wissenschaft, also der Wissenschaft im allgemeinen - ist dabei eng verwoben mit sozialen, kulturellen und moralischen Fragen. Diese können im Rahmen dieser Hausarbeit lediglich in Bezug auf den Wissenschaftsbegriff berücksichtigt werden.

Es ist hier von Fragen die Rede, obwohl Nietzsche seine (mitunter auch rhetorischen) Fragen faktisch betrachtet, oftmals beantwortet. Jedoch tut er dies nicht mit der größtmöglichen Gründlichkeit und Seriosität. Das, was er als Prämissen und Schlussfolgerungen vorstellt, hat allenfalls Denkbarkeitscharakter in dem Sinne, dass man sich sehr wohl vorstellen kann, dass es sich so verhält, wie Nietzsche behauptet, also eben möglicherweise, aber nicht notwendigerweise, dergestalt, dass es gar nicht anders gedacht werden kann. Das Fehlen dieser Bezugsquellen, wenn er beispielsweise von einem allgemeinen, nicht weiter ausgewiesenen Wissenschaftsbegriff ausgeht, der sich erst aus dem Kontext heraus dem Verständnis des Lesers zu erschließen vermag, könnte bereits dazu führen, seine Ausführungen als unbedeutend zu verwerfen, doch stellt er, wie ich denke, gerade in Aphorismus 344 Thesen auf und Fragen, die nicht ohne weiteres widerlegt bzw. beantwortet werden können und für die Philosophie durchaus von Bedeutung sind.

2. Die Frage nach der angeblichen Voraussetzungslosigkeit der Wissenschaft

Überzeugungen haben in der Wissenschaft keinen Platz, so Nietzsche. Was ihnen noch am nächsten komme, seien Hypothesen:

,,In der Wissenschaft haben die Ueberzeugungen kein Bürgerrecht, so sagt man mit gutem Grunde: erst wenn sie sich entschliessen, zur Bescheidenheit einer Hypothese, eines vorläufigen Versuchs- Standpunktes, einer regulativen Fiktion herabzusteigen, darf ihnen der Zutritt und sogar ein gewisser Werth innerhalb des Reichs der Erkenntniss zugestanden werden, — immerhin mit der Beschränkung, unter polizeiliche Aufsicht gestellt zu bleiben, unter die Polizei des Misstrauens."[3]

Nietzsche stellt hier die Frage, ob eine Überzeugung erst zu einer Hypothese werden und aufhören müsse, eine Überzeugung zu sein, um wissenschaftlichen Status zu erlangen, da die wissenschaftliche Praxis keine Überzeugungen erlaube. Und weiter, ,,ob nicht, damit diese Zucht [der wissenschaftlichen Praxis] anfangen könne, schon eine Ueberzeugung da sein müsse, und zwar eine so gebieterische und bedingungslose, dass sie alle andren Ueberzeugungen sich zum Opfer bringt."[4] Er scheint hier einen Widerspruch bemerkt zu haben, der im folgenden etwas deutlicher formuliert wird in der Einsicht: ,,Man sieht, auch die Wissenschaft ruht auf einem Glauben, es giebt gar keine ,voraussetzungslose' Wissenschaft."[5] Da wissenschaftliche Erkenntnisse dem Kriterium der Wahrheit genügen müssen, hinterfragt er nun, ob das Voraussetzen von Wahrheit als notwendige Bedingung nicht bloßer Glaube und Überzeugung sei und damit selbst wiederum nicht als Wahrheit ausgewiesen sei: ,,Die Frage, ob Wahrheit noth thue, muss nicht nur schon vorher bejaht, sondern in dem Grade bejaht sein, dass der Satz, der Glaube, die Ueberzeugung darin zum Ausdruck kommt ,es thut nichts mehr noth als Wahrheit, und im Verhältniss zu ihr hat alles Uebrige nur einen Werth zweiten Rangs'."[6]

Anstatt zu dem Schluss zu kommen, dass Nietzsche lediglich wissenschaftlich irrelevante Plausibilitäten vorstellt, könnte hier zunächst die Frage gestellt werden, ob es ihm um Überzeugungen geht und dann, welche Bedeutung diese in Bezug auf die Wissenschaft haben. Bei Stegmaier heißt es: ,,Durch Überzeugungen legt man seine persönliche Orientierung so fest, dass man auch dann nicht von ihnen ablässt, wenn starke Anhaltspunkte gegen sie sprechen. Überzeugtheit ist die Entschiedenheit, an etwas nicht ausweisbarem festzuhalten."[7] Zudem bemerkt er: ,,Nietzsche führt die Überzeugungen als Gegenbegriff zur wissenschaftlich-kritischen Orientierung, nämlich als persönliche Orientierungen ein."[8] Die persönliche Orientierung wird also dem wissenschaftlich-kritischen Ansatz, dem es um Wahrheit geht, entgegengesetzt. Da nun aber nach Nietzsche die Wissenschaft Wahrheit als Kriterium fordere, vermöge sie hier ihrem eigenen Anspruch dahingehend nicht nachzukommen, dass sie diesen selbst nicht im Sinne des Wahrheitskriteriums begründe.[9] Stegmaier hierzu: ,,Die Überzeugung, Überzeugungen zum Opfer bringen zu müssen, ist ein durch Selbstbezug hervorgerufener Widerspruch und damit im strengen Sinne paradox."[10] Bei dem Anspruch an Wahrheit handelt es sich also, so könnte man Nietzsche interpretieren, zunächst um eine dogmatische Setzung, woraus sich aber aus dem Wahrheitsanspruch ein Selbstwiderspruch ergibt. Was im rein philosophischen Kontext als dogmatische Setzung bezeichnet wird, kann im Kontext dieses Aphorismus meiner Ansicht nach auch als Überzeugung bezeichnet werden. Damit würde auch der Wissenschaftler nach einer persönlichen Überzeugung handeln. Für die Frage nach der Bedeutung für die Wissenschaft folgt damit, dass der Anspruch an die Wissenschaft, wahre Erkenntnisse hervorzubringen, nicht mehr Wert ist, als jede Überzeugung. Jede Überzeugung besitzt im Verhältnis zum Wahrheitsanspruch der Wissenschaft an sich selbst einen gleichwertigen Geltungsanspruch.

Es muss somit gefragt werden: Wie begründet die Wissenschaft ihren Anspruch an den Wahrheitscharakter der Erkenntnisse, die sie hervorbringt? Diese Begründung sieht Nietzsche in einem ,,Wille[n] zur Wahrheit":

,,Die Frage, ob Wahrheit noth thue, muss nicht nur schon vorher bejaht, sondern in dem Grade bejaht sein, dass der Satz, der Glaube, die Ueberzeugung darin zum Ausdruck kommt ,es thut nichts mehr noth als Wahrheit, und im Verhältniss zu ihr hat alles Uebrige nur einen Werth zweiten Rangs'. Dieser unbedingte Wille zur Wahrheit: was ist er? Ist es der Wille, sich nicht täuschen zu lassen ? Ist es der Wille, nicht zu täuschen ? Nämlich auch auf diese letzte Weise könnte der Wille zur Wahrheit interpretirt werden: vorausgesetzt, dass man unter der Verallgemeinerung ,ich will nicht täuschen' auch den einzelnen Fall ,ich will mich nicht täuschen' einbegreift."[11]

Nietzsche stellt hier zwei mögliche Interpretationsweisen dessen vor, was er dem wissenschaftlich Handelnden in Form des ,,Willens zur Wahrheit" als Motiv unterstellt. Bei letzterem handle es sich um eine Erwägung nach ,,Nützlichkeit" und ,,Klugheit", die sich in diesem Willen zeige: ,,[...] man will sich nicht täuschen lassen, unter der Annahme, dass es schädlich, gefährlich, verhängnissvoll ist, getäuscht zu werden, — in diesem Sinne wäre Wissenschaft eine lange Klugheit, eine Vorsicht, eine Nützlichkeit [...]"[12] Diese Aussage ist im Konjunktiv formuliert – angenommen, es wäre so –, und sie steht darin in keiner direkten argumentativen Beziehung zu dem, was ihr vorangeht. Deshalb müssen wir uns ihre argumentative Stellung in diesem Aphorismus dergestalt hinzudenken, dass er wiederum einen plausiblen Gedankengang vorstellt. Als Einwand formuliert, heißt es daraufhin:

,,[...] wie? ist wirklich das Sich-nicht-täuschen-lassen-wollen weniger schädlich, weniger gefährlich, weniger verhängnissvoll: Was wisst ihr von vornherein vom Charakter des Daseins, um entscheiden zu können, ob der grössere Vortheil auf Seiten des Unbedingt-Misstrauischen oder des Unbedingt- Zutraulichen ist?"[13]

Es scheint hier Nietzsche zufolge wieder ein Vorurteil darin zu liegen, dass mit der Zuschreibung von Seinsweisen in Bezug auf das Dasein ein Wahrheitsanspruch vorausgesetzt wird, der ohne weitere Begründung bleibt. Welcher Einwand könnte hier beweisen, dass es sich bei der Antwort auf die Frage nach dem ,,Charakter des Daseins" nicht um ein Vorurteil handelt? Diese Frage stellt Nietzsche ganz offensichtlich – aber nur auf rhetorische Weise. Wir könnten in dem Glauben zurückfragen und damit unter der mitgedachten Voraussetzung, dass die wissenschaftlichen Hypothesen in Bezug auf das Dasein von Bedeutung sind, ob diese Hypothesen sich nicht doch zu bewahrheiten vermögen, ob ihnen nicht doch ein inhärentes Potential und damit die Möglichkeit der Wahrheit zukommt? Wenn wir von dem zufällig bestehenden absehen und uns damit nur auf die Relationen zwischen den zufällig bestehenden Entitäten beziehen, dann erhalten wir das, was aus sich selbst heraus (der Definition nach) als notwendig wahr anzusehen ist – wir schaffen damit eine Definition von Wahrheit. Doch das scheint Nietzsche hier nicht zu interessieren. Es muss die Frage beantwortet oder begründet zurückgewiesen werden, ob den Dingen in der Welt Wahrheit zugesprochen werden kann. Nietzsche definiert seinen Wahrheitsbegriff allerdings nicht - das würde auch im Widerspruch zum vorangehenden stehen; der Leser selbst muss seinen Wahrheitbegriff in die Diskussion einbringen. Wenn wir uns die philosophische Tradition vergegenwärtigen, ist es meiner Ansicht nach naheliegend, das Kriterium von Wahrheit hier als Evidenz zu verstehen, als das, was unmittelbar einsichtig ist und keiner weiteren Herleitung bedarf. Doch kann dies nur eine Vermutung bleiben. In Ottmanns Nietzsche-Handbuch heißt es zum Begriff der Wahrheit: ,,[Er] entzieht sich einer eindeutigen Bestimmung."[14] Mit Hinblick auf Nietzsches antisystematische Methode des kritisch-reflexiven Hinterfragens und In-Frage-stellens dessen, was er als seine Eindrücke vom Selbstverständnis der Wissenschaft vorstellt, verwundert es kaum. Denn der Wahrheitsbegriff unter dem Wahrheit Evidenz bedeutet, weist meiner Ansicht nach ebensowenig den Charakter der intersubjektiven Ausweisbarkiet auf, wie Nietzsches vorgestellte Annahmen, die uns als bloße Behauptungen, Unterstellungen etc. erscheinen. Methodisch bleibt dieser Aphorismus eine Kritik in Form von Denkbarkeiten und Plausibilitäten, eben von Nietzsches subjektiven Eindrücken ausgehend.

[...]


[1] Friedrich Nietzsche: ,,Die fröhliche Wissenschaft". In Ders. : Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden. Hg. v. Colli, Giorgio / Montinari, Mazzino. 8. Aufl.. München 2011. Bd. 3. Morgenröte, Idyllen aus Messina, Die fröhliche Wissenschaft. S. 574, ff.

[2] Werner Stegmaier: Nietzsches Befreiung der Philosophie. Kontextuelle Interpretation des V. Buchs der ,,Fröhlichen Wissenschaft". Berlin/Boston. 2012. S. 127.

[3],,Die fröhliche Wissenschaft". S 574.

[4] Ebd. S. 575.

[5] Ebd. S. 575.

[6] Ebd. S. 575.

[7] Nietzsches Befreiung der Philosophie. S. 129.

[8] Ebd. S. 129.

[9] Vgl. ,,Die fröhliche Wissenschaft". S. 575.

[10] Ebd. S. 131.

[11],,Die fröhliche Wissenschaft". S. 575.

[12] Ebd. S. 575.

[13] Ebd. S. 575.

[14] Wolfgang Schiller: ,,Wahrheit". In: Henning Ottmann (Hg.): Nietzsche-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart. 2011. S. 330.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Nietzsches Wissenschaftskritik in Aphorismus 344 der "fröhlichen Wissenschaft"
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Veranstaltung
Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft
Note
2,3
Jahr
2013
Seiten
11
Katalognummer
V346470
ISBN (eBook)
9783668358720
ISBN (Buch)
9783668358737
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Friedrich Nietzsche, Lebensphilosophie, Ästhetik, Wissenschaft, Wissenschaftsphilosophie, Wissenschaftskritik, Die fröhliche Wissenschaft, Aphorismus 344
Arbeit zitieren
Anonym, 2013, Nietzsches Wissenschaftskritik in Aphorismus 344 der "fröhlichen Wissenschaft", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/346470

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