Moralität in Anna Seghers' "Das siebte Kreuz"


Hausarbeit, 2013
12 Seiten, Note: 1,0
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1 Fritz Helwig
2.2 Dr. Löwenstein
2.3 Franz Marnet und Elli Mettenheimer
2.4 Paul Röder
2.5 Dr. Kreß

3. Schluss

Literaturverzeichnis

Primärquellen:

Sekundärquellen:

1. Einleitung

Neben Millionen von Juden gehörten auch politische Gegner zu den Opfern des Hitlerregimes zwischen 1933 und 1945. Die Flucht eines solchen politischen Gegners wird in Anna Seghers' Roman Das siebte Kreuz [1] geschildert. Während und nach dieser Zeit stand für viele fest, dass das deutsche Volk die Schuld an den Verbrechen trage, die geschehen waren. Doch gab es auch prominente Gegner, die dieser Auffassung etwas entgegensetzen wollten. In diesem Zusammenhang konstatiert Gunther Nickel in einem Aufsatz zu den deutschlandpolitischen Konzepten Carl Zuckmayers und Anna Seghers': ,,Denn Zuckmayer hob mehr oder weniger darauf ab, dass sich Das siebte Kreuz als ein belletristisches Plädoyer gegen die Kollektivschuldthese und für eine gerechte, differenzierte Beurteilung des deutschen Volkes lesen lasse."[2] Inwieweit es sich um eine ,,gerechte und differenzierte Beurteilung" handeln könnte, wird deutlich an den Figuren, die im Mittelpunkt der Handlung stehen, ebenso wie an denen, die nur eine marginale Rolle spielen, was die Häufigkeit ihrer Erwähnung betrifft. So erscheinen sie dem Leser gar nicht so sehr eingebunden in einen Polizeistaatsapparat als Mittäter hinsichtlich der Verbrechen des NS-Regimes, vielmehr werden sie als Menschen dargestellt, die sich fürchten vor den Konsequenzen, die ihre Handlungen möglicherweise haben könnten – nicht nur für sie selbst, sondern auch für die Familienangehörigen -, sollte die SA erfahren, dass sie einem Gegner des politischen Systems bei seiner Flucht helfen, die versuchen, unter schwierigen Bedingungen ein halbwegs anständiges Leben zu führen, denen aber auch bewusst wird, dass es etwas gibt, dass sie nicht aufgeben dürfen, und das sie schließlich dazu verleitet, ihren Beitrag zu leisten und Georg Heisler, dem KZ-Flüchtling bei seinem Kampf ums Überleben zu unterstützen. So lauten die letzten Zeilen des Romans: ,,Wir fühlten alle, wie tief und furchtbar die äußeren Mächte in den Menschen hineingreifen können, bis in sein Innerstes, aber wir fühlten auch, dass es im Innersten etwas gab, was unangreifbar war und unverletzbar."[3]

Das politische System der Macht unter Hitler vermag die Menschen also nicht bis zum letzten zu unterdrücken, zu korrumpieren und zu instrumentalisieren. Im Innersten, so können die letzten Zeilen des Romans gedeutet werden, bewahren sie sich ihre Integrität und Würde, im Innersten bleiben sie frei. Doch bedarf diese Deutung einer genaueren Klärung. Deshalb möchte ich im folgenden untersuchen, warum die Figuren sich entscheiden, Georg Heisler bei seiner Flucht zu unterstützen. D. h., handeln die Figuren aus persönlichem Interesse, aus politischen Interessen oder aus moralischen? Dabei orientiert sich meine Analyse der Handlungsmotive an Immanuel Kants Moralitätsbegriff: ,,Moralität [...] kann eine Handlung [...] dann beanspruchen, wenn die Erfüllung der moralischen Normen [...] in dem Entschluß zur moralischen Lebensführung selbst [...] gründet[...]."[4] Kant hebt dabei die Legalität einer Handlung von ihrer Moralität ab. So kann es vorkommen, dass eine legale Handlung als unmoralisch anzusehen ist und eine Handlung, die gegen das geltende Recht verstößt geradezu moralisch geboten ist. Entscheidend für die Beurteilung einer Handlung hinsichtlich des Moralitätsbegriffs ist dabei, dass die Handlung der Moralität selbst wegen erfolgt. Das Motiv darf ausschließlich darin bestehen nach diesem Prinzip zu handeln. Anhand der ausgewählten Textstellen untersuche ich die Handlungsmotive von Figuren, die bei Heislers Flucht entscheidend zu ihrem Gelingen beitragen, wie Fritz Helwig, Dr. Löwenstein, Paul Röder und Dr. Kreß sowie Franz Marnet und Elli Mettenheimer, die zwar nicht unmittelbar eingreifen, doch aber wichtige Aspekte hinsichtlich der Untersuchungen liefern.

Im Schlussteil werde ich dann die Ergebnisse diskutieren, zu einer Schlussfolgerung gelangen und abschließend einen Ausblick bezüglich weiterer interessanter Punkte wagen, die aus Gründen des begrenzten Umfangs hier nicht ausführlicher behandelt werden können.

2. Hauptteil

2.1 Fritz Helwig

Als der Gärtnerlehrling Fritz Helwig bemerkt, dass seine Jacke gestohlen wurde, ist er dermaßen außer sich, dass er bekennt, er werde den Dieb, der ihm diesen Verlust beigebracht hat, töten. ,,,Wenn ich den finde, schlag ich ihn tot!'"[5] Was diese Jacke für den jungen Gärtnerlehrling bedeutet, wird nicht nur an seiner Wut deutlich, es zeigt sich auch daran, dass er lange Zeit hat sparen müssen, um sie kaufen zu können. Dass es sich bei dem Dieb vermutlich um einen Flüchtling aus dem nahegelegen Lager Westhofen handelt, weiß der Junge. Seine eigenen Interessen stellt er über die Not des Flüchtlings, dessen Situation, d. h. warum er dort eingesperrt worden war und was ihm dort angetan wurde, ihm vermutlich nicht bewusst ist. Dabei ist zu konstatieren, dass man Fritz Helwig im Sinne einer Kollektivschuld der Deutschen hier lediglich Unwissenheit vorwerfen kann: ,,Daß jene Männer, die man im Lager Westhofen einsperrte, da hineingehörten wie Irre ins Irrenhaus, davon war er überzeugt."[6] Denn er wurde im Sinne des NS-Regimes erzogen, er kann für die Bewertung der Situation ausschließlich auf Erfahrungen zurückgreifen, die mit diesem Regime in Zusammenhang stehen: ,,Der kleine Helwig war bei der Hitler-Jugend und in der Gärtnerei gut angeschrieben und kam überall ganz gut vorwärts."[7] Die herrschenden Umstände, beispielsweise die, welche zu Heislers Inhaftierung führten, wird er vermutlich als normal ansehen, als ebenso normal, wie die stationäre Aufnahme von ,,Irre[n]".

Diese Szene ereignet sich zu Beginn des Romans. Sie steht am Anfang von Georg Heislers Flucht, und der Leser kann schnell den Eindruck gewinnen, dass dieser Junge ebenso auf sich schaut wie alle Deutschen zu dieser Zeit, dass er exemplarisch für das steht, was den Erfolg der Natonalsozialisten erst möglich machte. Denn was mit der Kollektivschuldthese auch in Verbindung zu bringen ist, ist die Annahme, dass jeder zuerst seinen eigenen Vorteil im Auge hatte, ignorant und egoistisch distanziert gegenüber dem Schicksal politisch Verfolgter. Der Erzähler wird den Leser jedoch darüber aufklären, dass es so einfach nicht ist. Denn Fritz Helwig macht im Verlauf der Handlung eine Entwicklung durch, die dazu führt, dass er leugnet, es sei seine Jacke, die gefunden wurde und es der Polizei somit erschwert Georgs Fluchtweg nachzuvollziehen. Schließlich entdeckt er sein Mitgefühl für den Flüchtigen: ,,,Zuerst war mir's arg -" [...] ,Jetzt verschmerz ich's.' Der weiß, daß er nie mehr lebend rauskommt, wenn sie ihn fangen."[8] Helwig scheint sich mit der Situation Heislers auseinandergesetzt zu haben, was sich auch an dem Gespräch mit seiner Mutter zeigt, durch das ihm klar wird, dass nicht nur ,,Lumpen und Narren"[9] inhaftiert werden. Möglicherweise ist das, was ihn hier dazu führt, vor der Polizei zu lügen und Heislers Flucht zu erleichtern, Mitgefühl mit dem Verfolgten. In der Interpretation heißt es dazu bei Mario Leis:

,,Der gehorsame Hitler-Junge mutiert zum Widerstandskämpfer, indem er eine falsche Spur legt. Helwigs Jacke, die Heisler inzwischen gegen den Pullover eines Schiffers getauscht hat, wird nach der Festnahme des Schiffers gefunden. Helwig soll sich das Kleidungsstück in Westhofen abholen. Ein Kommissar zeigt ihm dort die Jacke, doch Helwig behauptet, dass es nicht seine sei: ,Fritz schüttelte den Kopf in der allgemeinen Bestürzung, die seine Worte verursachten.' Der Kommissar ist entsetzt, die Gestapo ist dem falschen Mann auf der Spur: [...]"[10]

Ich denke nicht, dass man hier so weit gehen kann, eine Entwicklung vom ,,gehorsamen Hitler-Jungen zum Widerstandskämpfer" zu sehen. Ebensowenig entspricht seine Motivation Kants Definition von Moralität, da seine Handlung offenbar lediglich aus einem Gefühl heraus erfolgt. Es gibt keine Stelle, anhand derer sich belegen ließe, dass er sich bewusst dazu entscheidet, der Moralität selbst wegen, moralisch zu handeln und auch keine an der sich in ihm die Eigenschaften eines Widerstandskämpfers manifestieren würden. Zum Widerstandskampf gehört meiner Ansicht nach mehr als ein bloßes Kopfschütteln.

2.2 Dr. Löwenstein

Eine weitere Figur, der Georg Heisler auf seiner Flucht begegnet, ist der jüdische Arzt Dr. Löwenstein. Dieser unterstützt Heisler medizinisch, in dem er seine Hand versorgt, die Heisler sich auf seiner Flucht verletzte. Dabei stellt der Arzt zwar für sich Vermutungen über Heislers Situation an, doch spricht er ihn nicht darauf an, sondern tut das, wofür er ausgebildet wurde.

,,Er hatte sich schon in der Tür gedacht daß dieser Patient einen überaus ungünstigen Eindruck machte. [...] Er war inzwischen an Patienten gewöhnt, die zu ihm liefen, ganz frühmorgens, damit es die Nachbarn nicht merkten, im allerletzten Moment, wie man früher zu einer Hexe lief. Er begann den Verbandfetzten abzuwickeln. Ein Unfall? Ja. Durch den starken Bann hindurch, in den ihn sofort jede Wunde schlug und jede Krankheit, weil er ganz und gar Arzt war, spürte er wieder eine Beklommenheit beim bloßen Anblick des Mannes, stärker noch als vorhin. Was war denn das für ein Verband? Aus einem Jackenfutter. Er rollte ihn ganz langsam ab. Was ist denn das überhaupt für ein Mensch? Alt? Jung? Seine Beklommenheit wuchs, schnürte ihm den Hals zu, als sei ihm der Tod noch nie so nah gewesen in den neunzehn Jahren, in denen er Kranke heilte."[11]

[...]


[1] Anna Seghers: Das siebte Kreuz. Ein Roman aus Hitlerdeutschland. 34. Auflage. Berlin 2012. S. 408

[2] Gunther Nickel: ,,Die deutschlandpolitischen Konzepte von Carl Zuckmayer und Anna Seghers". In: Argonautenschiff (2010), S. 113-128. S. 115

[3] Das siebte Kreuz. S. 408

[4],,Moralität" in: Jürgen Mittelstraß (Hg.) Enzyklopädie Philosophie und Wissenschafstheorie Bd. 2. Unveränderte Sonderausgabe. Stuttgart 2004. S. 933 f.

[5] Das siebte Kreuz. S. 44

[6] Ebd. S. 46

[7] Ebd. S. 45

[8] Ebd. S. 149

[9] Ebd. S. 86

[10] Mario Leis: Lektüreschlüssel. Anna Seghers. Das siebte Kreuz. Stuttgart 2009. S. 33 f.

[11] Das siebte Kreuz. S. 98 f.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Moralität in Anna Seghers' "Das siebte Kreuz"
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Veranstaltung
Anna Seghers
Note
1,0
Jahr
2013
Seiten
12
Katalognummer
V346471
ISBN (eBook)
9783668359178
ISBN (Buch)
9783668359185
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anna Seghers, Das siebte Kreuz, Exilliteratur, Holocaust, NS-Regime, Moralität
Arbeit zitieren
Anonym, 2013, Moralität in Anna Seghers' "Das siebte Kreuz", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/346471

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