Konstruktion von Männlichkeit in der palästinensischen Gesellschaft


Bachelorarbeit, 2013
31 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Problemstellung und Relevanz des Themas
1.2. Zielsetzung und Eingrenzung der Arbeit
1.3. Aufbau der Arbeit

2. Theoretischer Rahmen
2.1. Judith Butler
2.2. Robert W. Connell
2.3. Arnold van Gennep

3. Gewalt- und Gefängniserfahrungen von Kindern und Jugendlichen in der Westbank

4. Die Ausgangsthese von Julie Peteet

5. Analyse
5.1. Die Rolle des Körpers als Erscheinung von Macht- und Hierarchiebeziehungen
5.1.1. Verletzungen als Ausdruck des Zusammenhalts und der Identität
5.1.2. Körperkontrolle als zentrales Element der Männlichkeit
5.1.3. Erhaltung der Würde unter Folter
5.1.4. Geschichten des Leidens als Teil der palästinensischen Identität
5.2. Der palästinensische Held als männliche Ikone
5.2.1. Das Fehlen einer nationalen Identität
5.2.2. Die Kinder der Steine - Helden der Ersten Intifada
5.2.3. Vom Fid ā'iy zum Šahīd
5.3. Die Bedeutung der Frauen für die Konstruktion von Männlichkeit
5.4. Beeinflussung der Männlichkeit durch Heldengeschichten
5.4.1. Die Märtyrermutter

6. Schlussbetrachtung
6.1. Zusammenfassung
6.2. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1. Problemstellung und Relevanz des Themas

In den letzten drei bis vier Jahrzehnten haben Genderstudien im Nahen- und Mittleren Osten und in Nordafrika weltweit große Aufmerksamkeit bekommen, konzentrierten sich aber vor allem auf Weiblichkeit und Feminismus. Im Gegensatz dazu sind Studien bezüglich Bildern von Männlichkeit im arabischen Raum noch extrem selten. Dabei ist bereits von vielen Wissenschaftlern erkannt worden, dass Themen des Feminismus unmittelbar mit dem Bild des Mannes und seiner Mannwerdung zusammenhängen. Eine nähere Beschäftigung mit Männlichkeit im arabischen Raum könnte daher sowohl den Status des Mannes beleuchten, als auch die damit zusammenhängende Geschlechterbeziehungen erklären.

Was genau macht einen Jungen zum Mann? Der Fokus dieser Arbeit wird auf der Mannwerdung in der palästinensischen Gesellschaft liegen. In den palästinensischen Autonomiegebieten sind Gewalt- und Gefängniserfahrung für junge Männer eine Normalität und die meisten können von diesbezüglichen Erlebnissen berichten. Die grundlegende Annahme dieser Arbeit ist, dass Gewalt-und Gefängniserfahrung einen essentiellen Einfluss auf die Art und Weise ausüben, wie sich männliche Identität in der Gesellschaft konstruiert und dass diese somit auch einen starken Einfluss auf die Machtbeziehungen zwischen Mann und Frau haben.

1.2. Zielsetzung und Eingrenzung der Arbeit

Die Frage, die beantwortet werden soll, zielt darauf ab zu verstehen, welche Prinzipien und Werte bei der Konstruktion von Männlichkeit in der palästinensischen Gesellschaft eine Rolle spielen. Grundlegende These dieser Arbeit ist der Artikel von Julie Peteet, in welchem sie darlegt, dass die Gewalt- und Gefängniserfahrung sich während der ersten Intifada zu einem männlichen Übergangsritus (der Übergang vom Jungen zu Mann) entwickelt haben. Ziel dieser Arbeit ist es, Werte und Strukturen, die Peteet erwähnt, genauer auf grundlegende und variable Elemente von Männlichkeit in der palästinensischen Gesellschaft zu untersuchen. Dabei soll herausgefunden werden, inwiefern sich Strukturen im Laufe der Geschichte verändert haben und ob Peteets These heute noch zutreffend ist. Letztendlich steht hinter diesen Fragen immer auch die Frage nach der Wirkung dieser Strukturen auf die palästinensische Frau.

Um den Rahmen nicht zu sprengen, liegt der Fokus dieser Arbeit vor allem auf jugendlichen Männern in der Westbank. Gewalterfahrungen werden des Weiteren nur im Bezug auf die Gewalt der Besatzungsmacht Israels an den Palästinensers analysiert und auch die Erfahrungen im Gefängnis beziehen sich vor allem auf Gefängnisse innerhalb Israels. Dabei soll nicht der Eindruck entstehen, innerhalb der palästinensischen Gesellschaft gäbe es keine Gewalt in Gefängnissen, aber dies wird nicht Thema dieser Arbeit sein. Ebenso wird sich die Arbeit vor allem auf physische Gewalt konzentrieren und psychische Gewalt nur am Rand behandeln.

1.3. Aufbau der Arbeit

Im ersten Teil der Arbeit sollen die theoretischen Grundlagen dargestellt werden. Behandelt werden Konstruktion von Männlichkeit, sowie die Theorie zu Übergangsphasen vom Jungen zum Mann. Hier werden die Theorien von Judith Butler, R.W. Connell sowie Arnold van Gennep erläutert.

Anhand von Zahlen und Statistiken soll daraufhin knapp dargelegt werden, wie sich die Situation für Jugendliche in Palästina bezüglich Gewalt- und Gefängniserfahrung darstellt. Damit soll aufgezeigt werden, inwiefern diese Erfahrungen in der palästinensischen Gesellschaft heute „normal“ und Teil des Lebens junger Männer sind.

Im Hauptteil steht die Frage im Vordergrund, wie sich Männlichkeit in der palästinensischen Gesellschaft konstruiert. Dies soll mittels Sekundärliteratur untersucht werden. Ausgehend von drei Hauptthesen Julie Peteets werden literarische, sozialwissenschaftliche und psychologische Artikel herangezogen, um einen tieferen Einblick in die Konstruktion von Männlichkeit in der palästinensischen Gesellschaft zu schaffen und diese mit Gewalt- und Gefängniserfahrung in Verbindung zu setzten. Dabei beziehen sich die Analysen auf die Zeiten vor und während der Intifada 1987 und bis in die heutige Zeit hinein. Die drei Hauptthesen Peteets gliedern sich in 1. den Körper als Erscheinung von Macht- und Hierarchiebeziehungen, 2. den palästinensischen Held als männliche Ikone und 3. die Bedeutung der Frau für die Konstruktion von Männlichkeit. Neben Liedern, Gedichten und Romanen sollen Ergebnisse von Feldforschungen und Aussagen junger Männer das Bild komplettieren.

Zu Letzt soll dann im Fazit beantwortet werden können, welche Rolle Gewalt- und Gefängniserfahrung bei der Konstruktion von Männlichkeit in der palästinensischen Gesellschaft heute spielen und welchen Einfluss dies auf die Stellung der Frau innerhalb der Gesellschaft hat.

2. Theoretischer Rahmen

2.1. Judith Butler

Nach der ersten Welle des Feminismus in den 1920er Jahren[1], in dessen Zentrum Frauen insbesondere die Forderung nach rechtlicher Gleichstellung mit Männern stellten, folgte in den 1960ern die zweite Welle des Feminismus, die geprägt wurde von Simone de Beauvoirs berühmten Worten: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird es“[2]. Seit jener Zeit wird verstärkt eine Unterscheidung zwischen kulturellem/sozialen Geschlecht (gender) und biologischem Geschlecht (sex) gemacht. Der englische Begriff gender bezeichnet dabei sowohl die sozialen Merkmale, die einem Geschlecht zugesprochen werden, als auch die Geschlechtsidentität eines Menschen. Den Beginn der dritten Welle der Emanzipationsbestrebungen stieß Judith Butlers Buch „Gender Trouble“[3] an, welche die theoretischen und politischen Debatten um sex und gender stark beeinflusste.[4] Butlers Theorie umfasst drei Dimensionen, auf die hier näher eingegangen werden soll: 1. das Verständnis des Körpers als eine Oberfläche von regulativen Diskursen, 2. ihr Verständnis von Gender als Performanz und 3. ihre Betrachtungen zu Ein- und Ausschlussmechanismen:[5] Am umstrittensten ist wohl Butlers These, zwischen sex und gender dürfe nicht unterschieden werden. Sie stellt den Körper als Voraussetzung in Frage:

„Bietet ‘der Körper‘ die feste Grundlage, auf der die Geschlechteridentität und die Systeme der Zwangssexualität operieren? Oder wird ‘der Körper‘ selbst durch politische Kräfte geformt, die ein strategisches Interesse daran haben, daß er auch weiterhin durch die Markierung des anatomischen Geschlechts gefesselt und konstituiert wird?“[6]

Der Körper formt sich Butlers Meinung nach unter Zwang und das biologische Geschlecht ist eine erzwungene Materialisierung. Somit sprengt sie jeglichen Zusammenhang zwischen körperlichen Geschlechtsmerkmalen und sozialer Geschlechtsidentität.[7] Zentral in Butlers Schriften ist der Ansatz, dass sich Identität durch Handeln konstruiert und der Mensch nicht auf Grund einer inneren, natürlichen Identität oder auf Grund eines bestimmten Seins auf eine bestimmte Art und Weise handelt. So betont Butler:

„die Akte, Gesten und Begehren erzeugen den Effekt eines inneren Kerns oder einer inneren Substanz; doch erzeugen sie ihn auf der Oberfläche des Körpers. […] Diese im Allgemeinen konstituierten Akte, Gesten und Inszenierungen erweisen sich als insofern performativ, als das Wesen oder die Identität, die sie angeblich zum Ausdruck bringen, vielmehr durch leibliche Zeichen und andere diskursiven Mittel hergestellte und aufrechterhaltene Fabrikationen/Erfindungen sind.“[8]

Durch ständiges Wiederholen und Kopieren produziert diese Performanz Wirkungen, welche nachträglich die Illusion eines inneren Geschlechtskerns vermitteln.[9] Geschlechtsidentität als Performanz ist laut Butler in Zwangssystemen mit Strafmaßnahmen verbunden. In diesen stellen Tabus ein Mittel des Diskurses dar, durch welchen der Körper in seiner Erscheinung und seiner Haltung begrenzt und dadurch letztendlich konstituiert wird.[10] Durch Strafmaßnahmen werden also jene in die Schranken gewiesen, die ihre Geschlechtsidentität nicht ordnungsgemäß ausführen. Dem-entsprechend bestimmt die Gesellschaft, wer in den Rahmen des „anerkannt Menschlichen“[11] gehört und wer nicht. Dies nennt Butler „die Gewalt im Namen normativer Vorstellungen des Menschlichen“[12].

Mit unter anderem diesen drei Ansätzen prägt Butler die Gender Debatten bis zum heutigen Tag.

Von dieser Grundlage aus kann die erste Definition von Männlichkeit hergeleitet werden: Männlichkeit ist die sozial-akzeptierte Art Mann zu sein und vor allem ist sie das, was Männer tun und nicht das, was Männer sind.[13] [14]

2.2. Robert W. Connell

Dass Sozialwissenschaftler begannen, Männlichkeit ernst zu nehmen, ist vor allem der feministischen Kritik Anfang der 1970er Jahre zu verdanken.[15] Männerstudien sind seit jener Zeit Teil der Genderstudien, als Frauen begannen, die Geschlechterunterschiede und -hierarchien in Frage zu stellen und diese als für Frauen unterdrückend zu entlarven.[16] Vor allem in den USA bildeten sich Gruppen von Männern, welche auch die männlichen Geschlechterrollen als unterdrückend wahrnahmen und deren Abschaffung forderten.[17] Durch die Entwicklung dieses Forschungszweiges, begannen Wissenschaftler immer mehr auch heroische Männermythen in Frage zu stellen und zu demontieren, sowie die belastenden Seiten des männlichen Rollendrucks zu identifizieren.[18] International aufschlussreich wurden vor allem die Schriften des australischen Männerforschers Robert Connell, der unter anderem die Mechanismen der Aufrechterhaltung männlicher Macht betrachtete.[19]

Connells Überlegungen gründen zum einen auf der Überzeugung, Männlichkeiten[20] seien vielfältig, veränderbar und instabil,[21] da sie „zutiefst verwoben sind mit ökonomischen Strukturen und der Geschichte von Institutionen.“[22] Zum anderen betont er, dass das Konzept von Männlichkeit nur Sinn macht, wenn es dem gegenüber einen anderen Pol - die Weiblichkeit - als Träger gegensätzlicher polarisierender Charaktereigenschaften gibt.[23]

Auf zwei Aspekte von Connells Thesen soll hier näher eingegangen werden: Zum einen auf die Beziehungsdynamik unter Männern und zum anderen auf die Rolle des männlichen Körpers. Männlichkeit, so Connell, „muss als ein Aspekt umfassender sozialer Strukturen und Prozesse begriffen werden“[24]. Seiner Meinung nach müssen daher die Beziehungsdynamiken erkannt werden, in der das soziale Geschlecht entsteht. Diese Dynamiken basieren unter Männern auf drei Strukturen: Bündnissen, Dominanz und Unterordnung, welche durch Praxen entstehen, die „ein- oder ausschließen, einschüchtern (oder) ausbeuten“[25]. Folglich darf man Männlichkeit nicht als isoliertes Objekt betrachten, sondern muss sie als einen Aspekt einer umfassenden Struktur analysieren.[26] Der männliche Körper ist von großer Bedeutung in dieser Struktur. Connell betont, dass man gewiss nicht den kulturellen Charakter des sozialen Geschlechts ignorieren kann, jedoch ebenso wenig die Gegenwärtigkeit des Körpers. Damit gemeint ist im Besonderen die hohe Bedeutung, die die Gesellschaft körperlichen Aspekten zuteilt und die daher das soziale Geschlecht mit formen.[27] Im Bereich des Sports wird Männlichkeit beispielsweise durch den Körper definiert: Der Überlegene in Fähigkeit und Kraft siegt ebenso im Wettkampf der Männlichkeit.[28] Connell schließt: „Man kann dem Körper nicht entrinnen, wenn es um die Konstruktion von Männlichkeit geht.“[29] Letztendlich geht folgende Definition aus Connells Überlegungen hervor:

„Männlichkeit ist eine Position im Geschlechterverhältnis; die Praktiken, durch die Männer und Frauen diese Position einnehmen, und die Auswirkungen dieser Praktiken auf die körperliche Erfahrung, auf Persönlichkeit und Kultur.“[30]

Diese Position kann jedoch - und das ist essentiell - jeder Zeit in Frage gestellt werden.[31]

2.3. Arnold van Gennep

Anfang des 19. Jahrhunderts beschäftigte sich der französische Anthropologe Arnold van Gennep eingehend mit Riten. Van Gennep hatte beobachtet, dass im Verlauf des gesellschaftlichen Lebens eines Individuums zahlreiche Übergänge zwischen zwei Lebensstadien oder sozialen Zuständen vollzogen werden müssen, wie z.B. zwischen Kindheit und Erwachsensein. Die rituellen Verrichtungen, die zur Absicherung des undefinierten Zwischenzustandes zwischen der Anfangs- und der Endposition dienten, nannte van Gennep Übergangsriten. Diese begleiten im Prinzip einen Wechsel von der einen in die andere Gruppe oder von der einen sozialen Situation in eine andere.[32] Die Übergangsriten unterteilte er in Trennungsriten, Umwandlungsriten und Angliederungsriten.[33] Einer der von ihm untersuchten Übergänge war der vom Jungen zum Mann, welche er zu den Initiationsriten zählte. Von Bedeutung ist dabei zu allererst van Genneps Unterscheidung in eine physiologische und eine soziale Pubertät, da sich die Körper von Individuen zeitversetzt entwickeln und Riten vom Kind zum Erwachsenen nur selten mit der körperlichen Entwicklung zusammenfallen.[34] Durch die Beschreibung verschiedenster Initiationsriten auf der Welt verdeutlichte van Gennep sein Prinzip der Dreiteilung: In einer ersten Phase wird das Individuum durch einen Trennungsritus aus einer Gruppe herausgelöst. Oft wird dieser Ritus von „Mutilationen“ begleitet, eine Art Differenzierung:

„Diese vorübergehenden Differenzierungen spielen eine wichtige Rolle bei Übergangsriten, da man sich bei jeder Veränderung im Leben eines Individuums in modifizierter Form vornimmt.“[35]

Nach einer Umwandlungsphase folgen dann Angliederungsriten, die van Gennep im Allgemeinen als positiven Neuanfang, als Neugeburt beschreibt.[36] Natürlich variieren die Riten von einem Ort zum anderen, doch dieses Grundgerüst fand van Gennep in vielen seiner Untersuchungen wieder.

Wie wird also der Junge zum Mann? Im Folgenden soll es um die Jungen in der palästinensischen Gesellschaft gehen und um die Frage, ob Gewalt- und Gefängniserfahrung sich innerhalb dieser Gesellschaft zu einer Art Initiationsritus zum Mann entwickelt haben.

3. Gewalt- und Gefängniserfahrungen von Kindern und Jugendlichen in der Westbank

Seit dem Sechs-Tage Krieg 1967 sind die Westbank und der Gazastreifen von Israel besetzt und gelten als besetzte Palästinensische Autonomiegebiete[37]. Seit jener Zeit ist auch der Widerstand gegen diese Besatzung vor allem von Seiten der jungen Bevölkerung präsent und nimmt von Demonstrationen und Streiks bis zu gewaltvollen Angriffen auf israelische Soldaten verschiedenste Formen an. Auch die Bestrafung von Seiten Israels ist gewaltvoll gegenüber der jungen Bevölkerung, die sich gegen die Besatzung auflehnt. Daher haben viele Kinder und Jugendliche in den besetzten Gebieten bereits Verhaftungen und Verhörmethoden der Besetzungsmacht erlebt.[38] Während der Ersten Intifada [39] erreichte die Rate an Toten, Verletzten und Verhafteten ihren Höhepunkt. Allein im ersten Jahr wurden 20 000 Palästinenser verhaftet. Etwa 30% der Verletzten während der Ersten Intifada waren unter 16 Jahre alt.[40]

Heute machen Jugendliche in Palästina fast 30%[41] der Bevölkerung aus.[42] Jedes Jahr stehen im Durchschnitt 500-700 Kinder unter 18 Jahren aus der Westbank vor dem israelischen Militärgericht, nachdem sie verhaftet, befragt und inhaftiert worden sind.[43] Zeugnisse dieser Kinder beweisen, dass die Verhaftungen sowie der Transport und die Befragung in den ersten 48 Stunden in vielen Fällen von physischer oder verbaler Gewalt geprägt sind.[44] Im Jahr 2012 wurden monatlich im Durchschnitt 198 Kinder inhaftiert, 29 von ihnen zwischen 12 und 15 Jahren. Die Verhaftungen können bereits auf bloßen Verdacht einer Aktivität geschehen und benötigen keine Erklärung, keinen Beweis und keine Vorankündigung.[45]

Eine Studie des Defence for Children International ( DCI) , in der 108 Kinder im Alter von 12-18 Jahren nach ihrer Verhaftung befragt worden sind, erbrachte unter anderem folgende Ergebnisse: Fast die Hälfte (45,5%) der Kinder wurden in der Nacht in ihrem Haus verhaftet. 74 % der Befragten berichteten von physischer Gewalt während ihre Augen und Hände verbunden waren. Desweiteren berichteten über 67 % der Kinder von verbalen Angriffen wie Einschüchterungen, Drohungen und demütigender Behandlung. Fast 20% der befragten Kinder waren in Einzelhaft gesperrt worden und in 99% der Fälle geschah die Befragung ohne die Anwesenheit eines Anwalts oder eines Familienmitglieds.[46]

Nach israelischem Militärgesetz dürfen Kinder zwischen 12 und 13 Jahren bis zu 24 Stunden festgehalten werden, bevor sie vor das Militärgericht gebracht werden müssen. Bei Kindern zwischen 14 und 15 Jahren beträgt diese Zeit 48 Stunden und bei Kindern zwischen 16 und 17 Jahren 96 Stunden, was der Zeit entspricht, die auch für Erwachsene gilt. In allen Fällen kann diese Zeit für weitere Befragungen verlängert werden.[47]

[...]


[1] Die erste Welle des Feminismus bezeichnet eine Frauenbewegung, die in vielen Ländern Europas, in Australien und den USA in den 1920er Jahren entstand.

[2] Original schrieb sie in ihrer Studie das andere Geschlecht (1949): „On ne naît pas femme, on le devient“.

[3] Butler, Judith (1990): Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity, New York: Routledge.

[4] Vgl. Frey Steffen, Therese (2006): Grundwissen Philosophie: Gender, Leipzig: Reclam, S. 74

[5] Vgl. ebd. S. 76.

[6] Butler, Judith (1990): Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 190.

[7] Vgl. Bublitz, Hannelore (2002): Judith Butler zur Einführung, Dresden: Junius Verlag, S. 9.

[8] Butler 1990, S. 200.

[9] Vgl. Bublitz, S. 23.

[10] Vgl. Butler 1990, S. 193.

[11] Butler 1990, S. 206.

[12] Butler, Judith (2005): Gefährdetes Leben. Politische Essays, FaM: Suhrkamp Verlag, S. 50.

[13] Vgl. Beynon, John (2002): Masculinities and Culture, Philadelphia: Open University Press Buckingham/Philadelphia, S. 5.

[14] Robert Connell ist inzwischen eine Frau und nennt sich Raewyn. Als sie „der gemacht Mann“ geschrieben hat, war sie jedoch noch ein Mann und deshalb wird hier weiterhin das Personalpronomen „er“ benutzt.

[15] Vgl. ebd. S. 54.

[16] Vgl. Steffen, S. 84; Connell, Robert W.(1999): Der gemacht Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeit, Opladen: Leske und Budrich, S. 42.

[17] Vgl. Connell, S. 43.

[18] Vgl. Steffen, S. 84f.

[19] Vgl. ebd., S. 87.

[20] Hier wird bewusst der Plural „Männlichkeiten“ benutzt, da auch Connell der Meinung ist, dass es „die eine Männlichkeit“ nicht gibt; auch bei künftiger Nutzung des Wortes „Männlichkeit“ soll diese Bedeutungsebene berücksichtigt werden.

[21] Vgl. Connell, S. 47.

[22] Ebd., S. 48.

[23] Vgl. ebd., S. 90.

[24] Ebd., S. 58.

[25] Ebd., S. 56.

[26] Vgl. ebd., S. 65.

[27] Vgl. ebd., S. 73.

[28] Vgl. ebd. S. 74.

[29] Ebd. S. 76.

[30] Ebd. S. 91.

[31] Vgl. ebd. S. 97.

[32] Vgl. Van Gennep, Arnold (2005) 3., erw. Aufl.: Übergangsriten (les rites de passage), Frankfurt a.M.: Campus-Verlag, S. 15.

[33] Vgl. ebd. S. 21.

[34] Vgl. ebd. S. 71f..

[35] Ebd. S. 78.

[36] Vgl. ebd., S. 79.

[37] In der Arbeit wird für diese besetzten Gebiete der Begriff „Palästina“ verwendet, obgleich der Staat Palästina offiziell nicht existiert.

[38] Vgl. Punamaki, Raija-Leena (1988): Experiences of Torture, Means of Coping, and Level of Symptoms among Palestinian Political Prisoners, in: Journal of Palestine Studies, Vol. 17, No. 4, pp. 81-96, University of California Press, S. 81f..

[39] Intifāḍa: arab. "sich erheben, abschütteln”, steht für die beiden palästinensischen Aufstände gegen die israelische Besatzung, Erste Intifāḍa: 1987-1993; Zweite Intifāḍa: 2000-2005, in der Arbeit wird die eingedeutschte Schreibweise „Intifada“ verwendet. (Transkription nach den Regeln der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft)

[40] Vgl. Palestine Human Rights Information Center (PHRIC) in: Rouhana, Kate (1989): Children and the Intifadah, in: Journal of Palestine Studies, Vol. 18, No. 4, pp.110-121, University of California Press, S. 112.

[41] Davon 30,6% 15-19 Jahre, 60,4% 20-29 Jahre.

[42] Sharek Youth Forum: The Status of Youth in Palestine 2013, www.sharek.ps/new/report%202013e.pdf, S. 33.

[43] DCI (2013): Palestinian children detained in the Israeli military court system, 1 January 2012 to 31 December 2012, S. 3.

[44] Ebd. S. 1.

[45] Vgl. Sharek Youth Forum, S. 46.

[46] Vgl. DCI, S. 7-9.

[47] Vgl. DCI, S. 4.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Konstruktion von Männlichkeit in der palästinensischen Gesellschaft
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Centrum für Nah- und Mittelost Studien)
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
31
Katalognummer
V346499
ISBN (eBook)
9783668358027
ISBN (Buch)
9783668358034
Dateigröße
650 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
konstruktion, männlichkeit, gesellschaft
Arbeit zitieren
Eva Stoelzel (Autor), 2013, Konstruktion von Männlichkeit in der palästinensischen Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/346499

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