Persönlicher Worst Case oder Die unmittelbare Haftung der Konstrukteure, Technischen Redakteure und Sachbearbeiter

2. überarbeitete Auflage 2018


Fachbuch, 2018

96 Seiten


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung ... 7

2 Statistik ... 8
2.1 Tödliche Arbeitsunfälle nach Richtlinien ... 8
2.2 Tödliche Arbeitsunfälle nach Produktkategorien ... 9
2.3 Tödliche Arbeitsunfälle nach Gefährdungsarten ... 10
2.4 Tödliche Arbeitsunfälle nach Gefährdungsursprung ... 11
2.5 Tödliche Arbeitsunfälle nach Unfallursachen ... 12

3 Eine fiktive Geschichte oder wie man es nicht machen sollte ... 13
3.1 Szenario Teil I Konstruktion, Dokumentation und Fertigung ... 13
3.2 Beteiligte innerhalb der Maschinenbaufirma ... 15
3.3 Szenario Teil II Aufstellung und Erst-Inbetriebnahme ... 16
3.4 Szenario Teil III Betrieb und Arbeitsunfall ... 17

4 Ermittlungen nach einem Arbeitsunfall ... 18
4.1 Unmittelbarer Ablauf ... 18
4.2 Weitere Maßnahmen der Polizei am Unfallort ... 19
4.3 Firmeninterne Unfallmeldung ... 20
4.4 Unfallmeldung extern ... 21
4.5 Zusammenarbeit der Aufsichts- und Ermittlungsbehörden ... 22
4.6 Zeugen ... 23
4.7 Ermittlung der Arbeitsschutzbehörde ... 23
4.8 Ermittlungen der Berufsgenossenschaft ... 24
4.9 Marktaufsicht ... 25
4.10 Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei ... 27

5 Mögliche Sanktionen und Hintergrundinformationen ... 30
5.1 Strafrecht ... 30
5.2 Gewerberecht – Gewerbeaufsicht ... 44
5.3 Sozialrecht – Berufsgenossenschaft ... 51
5.4 Zivilrecht – Produkthaftung ... 53
5.5 Zivilrecht – Produzentenhaftung ... 60

6 Besserwissermodus oder einige Präventivmaßnahmen ... 63
6.1 Gefahrenabwehrstrategie/Worst-Case-Präventionskonzept ... 64
6.2 Angebotserstellung ... 65
6.3 Bestimmungsgemäße Verwendung ... 66
6.4 Risikobeurteilung ... 67
6.5 Benutzerdokumentation ... 68
6.6 Abnahmeprotokoll ... 70
6.7 Dokumentierte Produktbeobachtung durch den eigenen Service ... 71
6.8 Tägliche Arbeit/Dokumentation der eigenen Tätigkeit ... 72
6.9 CE-Maschinenrichtlinie ... 73
6.10 Dokumentationsbeauftragter ... 74
6.11 Organisation ... 75
6.12 Qualitätsmanagementsystem ... 76
6.13 Rückverfolgbarkeit/Qualitätsmanagement ... 77
6.14 Änderungswesen ... 78
6.15 Dokumentation, Archivierung ... 79
6.16 Konstruktionsverantwortung ... 80
6.17 Zukaufteile ... 81
6.18 Eindeutigkeit in der internen Kommunikation ... 82
6.19 Produktdarstellung im Print- und Onlinebereich ... 83
6.20 Fehleranalyse ... 84
6.21 Stand der Technik ... 85
6.22 Regelwerke / DIN-Normen ... 86
6.23 Vertriebsschulung ... 87
6.24 Behörden ... 88
6.25 Mitgliedschaft und Mitarbeit in Verbänden ... 89

7 Fazit in eigener Sache ... 90

8 Über den Autor ... 92

9 Abkürzungen ... 93

10 Index ... 94

Vorwort

Das Buch richtet sich ausschließlich an Maschinenbauer, vorzugsweise Konstrukteure, Geschäftsführer, Technische Redakteure, Beauftragte für die Risikobeurteilung, Vertriebler und Mitarbeiter des Service.

Im Maschinenbau wird mit Worst Case in erster Linie die Situation bezeichnet, wenn eine Maschine oder Anlage Ursache eines Arbeitsunfalls mit tödlichem Ausgang sein könnte und gegen den Hersteller und gegen dort beschäftigte Personen ermittelt wird.

Der Autor ist ebenso wie seine Zielgruppe kein Jurist, sondern ebenfalls Maschinenbauer.

Ziel des Buches ist die Sensibilisierung gegenüber möglichen Arbeitsunfällen und deren strukturierte Vermeidung. Das Ziel ist die Prävention (Vermeidung) einer solchen Situation.

Auf die detaillierte Beschreibung des nach einem Arbeitsunfall möglichen juristischen Ablaufs in seiner Vielfalt (beispielsweise Haftungs­recht, Strafprozessordnung, Produktsicherheitsgesetz (ProdSG) oder 9. Produktsicherheitsverordnung (ProdSV) wurde hier bewusst verzichtet. Daher hat dieses Buch auch nicht den Anspruch, ein juristisches Werk zu sein.

Die Aufzählung in Kapitel 6 erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, sondern ist abhängig von den (persönlichen) Gegebenheiten. Sie soll zum Nachdenken anregen, welche weiteren Maßnahmen zweckdienlich sind.

Ich weise in diesem Zusammenhang auch ausdrücklich darauf hin, dass ich für jegliche Schäden, die aus der Befolgung meiner Vorschläge resultieren, keine Haftung übernehme. Ebenso stelle ich klar, dass die ausschließliche Abarbeitung meiner aufgelisteten Präventiv­maßnahmen natürlich nicht ausreichend sein wird, um sich und seinen Arbeitgeber vor etwaigen Sanktionen zu schützen.

Ich freue mich über Ergänzungen, Verbesserungsvorschläge und grundsätzlich über konstruktive Kritik an info@stoetefalke-consulting.de

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit hat der Autor auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichwohl für beiderlei Geschlecht.

Ich danke nachfolgend aufgeführten Personen, ohne deren kompetente Mithilfe das Buch nicht in dieser Qualität erschienen wäre.
- Herrn Christian Stolzenburg, Polizeioberkommissar, Paderborn für das Kapitel 2.4 Ermittlungen
- Herrn Dr. Karl-Heinz Kruse, LRGD, Paderborn
- Herrn Dr. Volker Winter, RGD im Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales des Landes NRW
- Herrn Raimond Polak, Stabsstelle Rehabilitation Beschwerde­management der Berufsgenossenschaft Holz und Metall in Mainz
- Frau Isabel Bentz, BAuA, Dortmund, für Kapitel 2 Statistik
- Herrn RA Max-Lion Keller, München
- Frau Anja Scharfenberg, Arbeitsschutz Bereich Marktüberwachung Produktsicherheit des Landesamtes für Arbeitsschutz, Verbraucher­schutz und Gesundheit (LAVG)

1 Einleitung

Im Jahr 2014 gab es laut Statistik der Bundesanstalt für Arbeits­schutz und Arbeitsmedizin (BauA), 103 tödliche Arbeitsunfälle mit Beteiligung von technischen Produkten.

Kein Maschinenbauer wünscht sich, dass seine Maschine Verursacher eines Arbeits­unfalls ist oder überhaupt im Rahmen eines Unfalls Anlass einer Untersuchung der Behörden ist.

Die Auswirkungen dieses Worst Case kann nicht nur die Maschinen­baufirma als Unternehmen treffen, sondern auch die einzelnen Mitarbeiter selbst, wenn die Behörde hier einen Fehler nachweisen kann.

Ein Worst Case wäre daher beispielsweise für einen Konstrukteur oder Technischen Redakteur ein tödlicher Unfall an einer Maschine, an deren Konstruktion oder Dokumentation er persönlich entscheidenden Anteil gehabt hat und die Möglichkeit besteht, dass man ihm eine Schuld an diesem Unfall nachweisen könnte.

In diesem Buch werden mögliche Fehler beleuchtet und die gesetzlichen Normen genannt, in deren Rahmen die Untersuchungen der Behörden stattfinden, sowie Präventiv­maßnahmen aufgelistet.

2 Statistik

2.1 Tödliche Arbeitsunfälle nach Richtlinien

Die Anzahl der Arbeitsunfälle im Bereich Maschinenrichtlinie im Vergleich zur Anzahl der Unfälle der anderen Richtlinien ist natürlich ein eindeutiges Zeichen für das Gefahrenpotenzial dieser Produkte.

Der Anteil der Produkte, die unter die Maschinenrichtlinie fallen, ist allerdings auch wesentlich höher als aus anderen Bereichen.

[Tabellen werden in dieser Leseprobe nicht dargestellt.]

Aus: Bentz, I.; Bilinski, A.; Bleyer, T. et al.: Gefährliche Produkte 2015: Informationen zur Produktsicherheit. Dortmund [u.a.] : Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, 2015. S. 31, Tabelle 2.10.

2.2 Tödliche Arbeitsunfälle nach Produktkategorien

Spitzenreiter ist hier eindeutig die Produktkategorie Sonder­maschinen und Anlagen.

[Tabellen werden in dieser Leseprobe nicht dargestellt.]

Aus: Bentz, I.; Bilinski, A.; Bleyer, T. et al.: Gefährliche Produkte 2015: Informationen zur Produktsicherheit. Dortmund [u.a.] : Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, 2015. S. 32, Tabelle 2.11.

2.3 Tödliche Arbeitsunfälle nach Gefährdungsarten

Einen beachtlichen Negativrekord hält die mechanische Energie mit 91 % der Unfallopfer, die durch diese Gefährdungsart ums Leben kamen.

[Tabellen werden in dieser Leseprobe nicht dargestellt.]

Aus: Bentz, I.; Bilinski, A.; Bleyer, T. et al.: Gefährliche Produkte 2015: Informationen zur Produktsicherheit. Dortmund [u.a.] : Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, 2015. S. 33, Tabelle 2.12.

2.4 Tödliche Arbeitsunfälle nach Gefährdungsursprung

[Tabellen werden in dieser Leseprobe nicht dargestellt.]

Aus: Bentz, I.; Bilinski, A.; Bleyer, T. et al.: Gefährliche Produkte 2015: Informationen zur Produktsicherheit. Dortmund [u.a.] : Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, 2015. S. 34, Tabelle 2.13.

2.5 Tödliche Arbeitsunfälle nach Unfallursachen

Die Frage, die sich hier dem Betrachter aufdrängt, ist, ob der Konstrukteur durch sicherheitstechnische Maßnahmen die hohe Anzahl der Opfer, die durch menschliches Versagen (13,6 %) und unzureichende Technik (83,5 %) entstanden sind, hätte vermeiden können.

[Tabellen werden in dieser Leseprobe nicht dargestellt.]

Aus: Bentz, I.; Bilinski, A.; Bleyer, T. et al.: Gefährliche Produkte 2015: Informationen zur Produktsicherheit. Dortmund [u.a.] : Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, 2015. S. 36, Tabelle 2.16.

3 Eine fiktive Geschichte oder wie man es nicht machen sollte

3.1 Szenario Teil I Konstruktion, Dokumentation und Fertigung

Maschinenfabrik Meyer GmbH & Co. KG[1] in Norddeutschland: Der Vertrieb hat einen Auftrag akquiriert. Ein Kunde in Stuttgart bestellt eine Bearbeitungsanlage.

Firma Meyer ist Hersteller von Bearbeitungsmaschinen, die nach Kunden­auftrag entsprechend differenziert ausgelegt, konstruiert und gebaut werden, sie zählt damit zu den klassischen Einzelfertigern.
Die Maschinen­fabrik versucht, kostengünstig zu arbeiten und konzentriert sich auf die wichtigen Elemente wie Vertrieb, Konstruktion und Fertigung. Eine interne Normung existiert marginal, die Produkt­sicherheit wird über­wiegend über das Qualitätswesen gewährleistet, die die Risiko­beurteilung unmotiviert durchführt. Eine Technische Redaktion ist vorhanden, aber die Mitarbeiter sind schlecht ausgebildet und hängen in der Kette der innerbetrieblichen Informationen ziemlich weit unten. Erst aufgrund der Maschinenrichtlinie und einigen unschönen Vorfällen (Kunde hat 10 % des Auftragswertes zurück­gehalten wegen fehlender Dokumentation) ist die Abteilung überhaupt eingerichtet worden.

Da der Kunde eine neue Fertigungsstraße plant, ist der Auftrag an feste Terminvorgaben geknüpft, der Kunde „zieht“ Pönale, wenn die Fertigstellung und damit die Auslieferung ab zwei Wochen hinter dem vereinbarten Termin erfolgt.

Bei der Auftragsplanung stellt sich heraus, dass einige technische Details zwar nicht unlösbar sind, aber der Konstruktions- und Berechnungsaufwand unterschätzt wurde. Darüber hinaus stellen die Detail-Konstrukteure fest, dass einige der Baugruppen bislang noch nie in dieser Form gebaut wurden. Daher kann auch nicht auf ähnliche, bewährte Konstruktionen zurückgegriffen werden.

Unter Zeitdruck wird nun die Konstruktion fertiggestellt. Die ersten Baugruppen werden bereits in Rohteilen gedreht und gefräst, während die Konstrukteure für die letzten Baugruppen noch die Berechnungen und Detailzeichnungen abschließen.

Als der Qualitätssicherungsbeauftragte für diesen Auftrag die Risiko­beurteilung nach DIN EN ISO 12100 durchführen will, steht er wegen des nahenden Auslieferungstermins unter Druck, ihm ist damit auch bewusst, dass mögliche Konstruktionsänderungen als Konsequenz aus der Risikobeurteilung bei dieser Neukonstruktion aus Zeitgründen schwer durchzusetzen sein wären. Er beschließt daher, die Risikobeurteilung sehr wohlwollend durchzuführen.

Die Technische Dokumentation, die chronisch unterbesetzt ist, erhält dadurch eine minimale Liste von Restrisiken. Auch dieser Abteilung fehlen, ebenso wie der Konstruktion, ähnliche Baugruppen als Vorlagen.

Die Technik selbst stellt niemand in der Firma vor große Heraus­forderungen, nur fehlende Vorlagen zusammen mit erheblichem Zeitdruck führen dazu, dass manche Arbeiten nicht mit der nötigen Sorgfalt durchgeführt werden. Dieses Phänomen kann anschließend auch in der Fertigung und Montage beobachtet werden.

Während des Zusammenbaus der Anlage zeigt sich, dass einige Detailkonstruktionen nicht wie geplant realisiert werden können. Teilweise ändern die erfahrenen Werker vor Ort die Konstruktion selbst, teilweise werden die verantwortlichen Konstrukteure hinzugezogen, um eine rasche Änderung zu genehmigen. Daher werden die durchgeführten Änderungen nur rudimentär im Änderungswesen dokumentiert. Die Technische Dokumentation beruht vollständig auf der ersten Konstruktionsausführung. Niemand hält es für wichtig, die Abteilung über relevante Änderungen zu unterrichten.

3.2 Beteiligte innerhalb der Maschinenbaufirma

3.2.1 Konstrukteur

Die Arbeit des Konstrukteurs hat, je nach Konstruktions­auftrag, einen mittleren bis großen Einfluss auf die Gefahren­potenziale einer Maschine/Anlage.

Durch grobe Fahrlässigkeit seinerseits zusammen mit einer Verkettung unglücklicher Umstände besteht die Möglichkeit, dass es zu einer nichtreversiblen Verletzung oder gar einem Todesfall kommen kann.

3.2.2 Technischer Redakteur

Der Technische Redakteur gibt dem Leser der Betriebsanleitung alle notwendigen Informationen, die dieser benötigt, um die Anlage/ Maschine sicher zu betreiben (instandzuhalten, zu rüsten und in Betrieb zu halten).

Kann der Redakteur auf die Ergebnisse einer sach­gemäß erfolgten (und umgesetzten) Risikobeurteilung nach DIN EN ISO 12100 zurückgreifen, beschreibt er lediglich die Restrisiken.

Durch grobe Fahrlässigkeit des Technischen Redakteurs zusammen mit einer Verkettung unglücklicher Umstände kann es zu einer nicht­reversiblen Verletzung oder gar einem Todesfall kommen.

3.2.3 Verantwortlicher für Risikobeurteilung

Der Verantwortliche für die Risikobeurteilung trägt die größte Verantwortung. Übersieht er bei seiner Tätigkeit eine Gefahr oder bewertet er falsch, ist bei seiner Tätigkeit (im Vergleich zu den anderen genannten Personengruppen) die Gefahr am größten, dass es zusammen mit einer Verkettung unglücklicher Umstände zu einer nicht-reversiblen Verletzung oder gar einem Todesfall kommen kann.

3.2.4 Fertigungsmitarbeiter

Ein Mitarbeiter aus der Fertigung, der beispielsweise Baugruppen der Anlage montiert oder in der Endmontage tätig ist, hat ein unterschätzten Einfluss auf die Sicherheit der Maschine. Werden Verbindungselemente nicht sachgemäß mit dem nötigen Drehmoment angezogen oder greift der Monteur während der Montage einer Anlage in die falsche Kiste und baut einen Artikel aus einem falschen Material ein, der optisch baugleich ist, so kann das für die Maschinensicherheit Folgen haben, die von Laien schwer zu überschauen sind. So kann es auch hier mit einer Verkettung unglücklicher Umstände zu einer nicht­reversiblen Verletzung oder gar einem Todesfall kommen.

Aus Zeitgründen wird in dem fiktiven Beispiel der Firma Meyer auf eine durchgängige Endprüfung und Abschlusskontrolle verzichtet. Die Anlage ist kaum richtig eingelaufen, da befindet sie sich schon auf dem LKW. Da die Erst-Inbetriebnahme auch im verkauften Leistungspaket enthalten ist, bleibt letztendlich alles an den, damit natürlich überforderten, hauseigenen Service-Personal hängen.

3.3 Szenario Teil II Aufstellung und Erst-Inbetriebnahme

Die Anlage wird ausgeliefert, bei dem Kunden vom LKW abgeladen und zum Aufstellungsort transportiert. Mitgeliefert wird eine eilig zusammen­gestrickte Technische Dokumentation, die auf der minimalen Liste der Restrisiken beruht.

Als die Anlage aufgebaut wird und die Service-Monteure die Erst-Inbetriebnahme durchführen, stellt sich heraus, dass einige Nach­arbeiten und Änderungen im mechanischen Bereich nötig sind. Auch das Programm muss an entscheidenden Stellen geändert werden.

Auch hier fließen die wenigsten Informationen zurück ins Werk. Der zuständige Monteur erstellt zwar einen detaillierten Montagebericht, der allerdings nur von seinem direkten Vorgesetzten gelesen wird.

Nach umfangreichen Montagetätigkeiten und notwendigen Programm­änderungen wird die Maschine in Betrieb genommen. Da sie die vereinbarte verfahrenstechnische Leistung, das Pflichtenheft des Kunden, erbringt, wird das Abnahmeprotokoll unterzeichnet.

3.4 Szenario Teil III Betrieb und Arbeitsunfall

In der Nachtschicht meldet die Anlage Störungen. Der Maschinen­führer versucht, die Störungen zu beheben. Hierbei kommt es zu einem Arbeits­unfall mit tödlichem Ausgang. Die Rettungsleitstelle alarmiert den Notarzt. Dieser stellt den Tod des Maschinenführers fest, anschließend wird von der Rettungsleitstelle die Polizei informiert.

4 Ermittlungen nach einem Arbeitsunfall

4.1 Unmittelbarer Ablauf

1. Verletzte Personen müssen möglichst schnell gut versorgt werden. Das ist nur möglich, wenn jeder Mitarbeiter über den Ablauf der Rettungskette und die notwendigen Notfallmaßnahmen informiert ist.

2. Nach dem Unfall verständigen Arbeitskollegen oder Vorgesetzte den Notfallarzt oder über den Notruf 112 die Rettungsleitstelle, die wiederum den Notarzt verständigt. Die Rettungsleitstelle, die nach Schilderung des Sachverhalts und nach Erfragung der Verletzungen entsprechend reagiert, kann aber auch gegebenenfalls Spezialrettungskräfte, wie z.B. einen Rettungshub­schrauber, mit verständigen. In größeren Firmen weicht der Meldeablauf in der Regel hiervon ab, dort wird über einen zentralen Notruf direkt die Rettungsleitstelle verständigt.

3. Der Notarzt stellt den Tod des Unfallopfers fest und informiert seine Rettungsleitstelle.

4. Die Polizei erhält anschließend von der Rettungsleitstelle Kenntnis über den Arbeitsunfall.
Mannchmal wird die Polizei direkt über die Polizeinotrufnummer 110 von einem Unfall in Kenntnis gesetzt wird. In diesem Fall verständigt die Leitstelle der Polizei die Rettungsleitstelle. Die Einsatzkräfte (oftmals zuerst ein Funkstreifenwagen) fahren zum Einsatzort, verschaffen sich eine Übersicht über die Lage und prüfen, ob es sich um einen leichten, schwerwiegenden oder um einen Arbeitsunfall mit Todesfolge handelt. Der Funkstreifenwagen führt hier den sogenannten „ersten Sicherungsangriff“ durch (Notieren von Name des Verletzten, der Zeugen, der Ersthelfer, Sicherung /Absicherung der Unfallstelle, Fotos, Notieren des Sachverhalts usw.).

5. Die Einsatzkräfte der Polizei verständigen unmittelbar die Staatsanwaltschaft, die sich unter Umständen auch mit eigenem Personal vor Ort in die Ermittlungen einschaltet / einschalten kann.

6. Oft erhält die Polizei schon im Vorfeld so viele Hinweise, dass neben dem Einsatzmittel der Polizei, also dem Funkstreifenwagen, auch andere Fachdienststellen informiert werden, wie beispielsweise gleichzeitig das Kriminalkomissariat (KK) oder die zuständige Berufsgenossenschaft (BG). Das ist bei schweren und tödlichen Arbeitsunfällen der Fall.

7. Unmittelbar nach einem schweren oder tödlichen Arbeitsunfall informiert die Einsatzleitstelle der Polizei die Arbeitsschutzbehörde. Diese informiert die Aufsichtsperson des zuständigen Unfall­versicherungs­trägers (UVT) und vereinbart mit dem KK und der BG einen ersten Unfallaufnahme-Termin. Die Arbeitsschutz­behörde ist meist direkt vor Ort, wenn der Tote bereits abtransportiert wurde.

8. Nach der Unfallaufnahme werden nach ersten Auswertungen die Erkenntnisse zwischen den Beteiligten ausgetauscht.

4.2 Weitere Maßnahmen der Polizei am Unfallort

Die Polizei am Unfallort sorgt im Zuge der unmittelbaren Gefahren­abwehr dafür, dass an einer Unfallstelle drohende weitere Gefahren, soweit wie möglich, eingedämmt werden (zum Beispiel Stoppen von gefahrdrohenden Bewegungen und Prozessen, Verhinderung von Kipp- und Sturzgefahren).

Die Polizei gewährleistet, dass alle weiteren Eingriffe an der Unfallstelle aus Gründen der Beweissicherung unterbleiben. Gerade in Schock­reaktionen neigen Menschen dazu, Zuflucht zu vertrauten Reaktionen wie Aufwischen, Putzen, Aufräumen zu nehmen. Daher ist es wichtig, sofort nach den Rettungs- und Sicherungsmaßnahmen den betroffenen Bereich großflächig abzusperren und von sämtlichen Personen zu räumen. Wenn möglich, sollten betroffene Räume/Hallen abgeschlossen, ansonsten in geeigneter Form abgesperrt werden, wobei die Absperrung gegebenenfalls von durchsetzungsfähigen und vertrauenswürdigen Personen beaufsichtigt werden muss.

Je nach Betriebsart und -größe und Unfallausmaß schränkt die Polizei vor Ort den Gesamtbetrieb ein oder stellt ihn ab. Wegen des zu erwartenden Einsatzes von Ermittlungs- und Aufsichtsbehörden und des damit verbundenen Aufsehens und Zeitaufwandes ist es sinnvoll, Kunden- und Besucherverkehr zu beenden. Ebenso werden bestimmte Mitarbeitergruppen nach Hause geschickt, wenn sie vom Unfall nicht betroffen sind, aber während der Ermittlungen vor Ort nicht sinnvoll weiter beschäftigt werden können (zum Beispiel Auszubildende).

Die Polizei sorgt dafür, dass direkt betroffene Mitarbeiter, soweit sie nicht selbst durch Schock behandlungsbedürftig sind, im Betrieb bleiben, um möglicherweise als Unfallzeugen gehört zu werden.

Eine feste Abgrenzung von schweren und tödlichen Arbeitsunfällen kann es dabei nicht geben: In der akuten Situation sind die genauen Unfall­folgen oft gar nicht absehbar und auch die Unfallumstände, zum Beispiel die Person des Opfers oder die Schuldfrage, können eine Rolle spielen. Schwere Unfälle können sein:

Schwere oder tödliche Unfälle,
- wenn bleibende Körperschäden wahrscheinlich sind,
- wenn mehrere Personen betroffen sind,
- wenn eine spektakuläre Außenwirkung eingetreten oder wahrscheinlich ist.

4.3 Firmeninterne Unfallmeldung

Ein schwerer Unfall muss immer unverzüglich intern der Unternehmens­leitung direkt (beziehungsweise auf den von für solche Fälle vorgesehenen Wegen) gemeldet werden. Der Unternehmer hat in einem solchen Fall unverzüglich nicht nur die hier beschriebenen rechtlichen Pflichten wahrzunehmen, sondern muss auch die Möglichkeit haben, Haftungs- und Versicherungsfragen unverzüglich zu regeln sowie die Öffentlichkeitsarbeit zu steuern, muss er doch unter Umständen mit erheblichen Konsequenzen für das Wohl des Betriebs rechnen.


[1] Die Vorgang und die Namen sind natürlich frei erfunden. Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Vorgängen sind zufällig.

Ende der Leseprobe aus 96 Seiten

Details

Titel
Persönlicher Worst Case oder Die unmittelbare Haftung der Konstrukteure, Technischen Redakteure und Sachbearbeiter
Untertitel
2. überarbeitete Auflage 2018
Autor
Jahr
2018
Seiten
96
Katalognummer
V346515
ISBN (eBook)
9783668364240
ISBN (Buch)
9783668364257
Dateigröße
1332 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Maschinenrecht, Produkthaftung, Arbeitsunfall, Betriebsanleitung, Technische Dokumentation, Maschinenbau, Anlagenbau, Risikobeurteilung, Maschinensicherheit
Arbeit zitieren
Dieter Stötefalke (Autor), 2018, Persönlicher Worst Case oder Die unmittelbare Haftung der Konstrukteure, Technischen Redakteure und Sachbearbeiter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/346515

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