Die Ost-West-Wanderung im vereinten Deutschland. Gründe, Verlauf, Alternativen


Hausarbeit, 2016

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Terminologische Annäherung
1.1 Binnenmigration als spezifische Form der Migration
1.2 Zur Bedeutung des Wanderungssaldos

2. Historische Vorbetrachtung: Migration zwischen DDR und BRD

3. Phasenmodell der Ost-West-Wanderung seit 1989/90
3.1 1. Phase: 1989/90
3.2 2. Phase: 1991 - 1997
3.3 3. Phase: 1998 - 2001
3.4 4. Phase: ab 2001 / Aktuelle Tendenzen

4. Ausgewählte Folgen der Ost-West-Wanderung
4.1 Demografische Folgen
4.2 Regionale Folgen

5. Fazit: Alternativen zur Ost-West-Wanderung?

6. Schlussbemerkungen

Literaturverzeichnis

Einleitung

Mit den durch das Ende der SED-Herrschaft neu bereiteten Freiheiten, verbunden mit der Transformation von Plan- zu sozialer Marktwirtschaft, kam es bei aller anfänglicher Euphorie und Freude nach dem Fall der Mauer und der deutschen Wiedervereinigung zunehmend zu Problemen. Insbesondere die sich akut entwickelnde Massenarbeitslosigkeit in Ostdeutschland befeuerte einen Prozess, der in seiner Dimension seinesgleichen sucht - die massenhafte Abwanderung aus der ehemaligen DDR, die Abstimmung zu Fuß. Diese Hausarbeit untersucht, wie sich die Ost-West-Wanderung bis in die Gegenwart entwickelt hat. Dabei werden wesentliche Grundbegriffe erläutert, ein historischer Kontext geschaffen sowie Verlauf, Gründe und mögliche Alternativen zur Ost-West-Wanderung aufgezeigt.

1. Terminologische Annäherung

Ist von Ost-West-Wanderung nach der Wiedervereinigung die Rede, ist es notwendig, diese in den Kontext von Migrationsbewegungen einzuordnen. Zwei vorher separat existierende Staaten wurden zusammengeführt, indem die DDR dem Geltungsbereich des Grundgesetzes der BRD beitrat. Die damit verbundenen Wanderungsbewegungen müssen zunächst spezifiziert werden. Dabei stehen die Begriffe Binnenmigration und Wanderungssaldo im Fokus.

1.1 Binnenmigration als spezifische Form der Migration

Die nach der Wiedervereinigung einsetzende Wanderungsbewegung von Ost nach West wird in der Forschung mit dem Begriff der Binnenmigration in Verbindung gesetzt. Im Folgenden wird sich damit auseinandergesetzt.

Binnenmigration lässt sich dem Konzept der Migration unterordnen. Migration ist die „räumliche Verlegung des Lebensmittelpunktes einer Person“1. Dabei ist Binnenmigration eine spezifische Form von Migration. Die zweite hier zu nennende wäre die internationale Migration.2

Deutsche Binnenmigration meint „alle Wohnsitzwechsel über eine Gemeindegrenze hinweg, die sich innerhalb der Grenzen Deutschlands vollziehen“3. Der Begriff lässt sich in groß- und kleinräumige Binnenmigration unterteilen. Großräumige Binnenmigration wären z.B. Migrationsbewegungen zwischen Nord- und Süddeutschland oder zwischen Ost- und Westdeutschland. Kleinräumige Binnenmigration bezieht sich auf Kreise und Gemeinden oder auf Migration zwischen städtischen und ländlichen Bereichen.4 Im Wesentlichen geht es bei deutscher Binnenmigration somit um alle Wanderungsbewegungen, die sich innerhalb der Bundesgrenzen vollziehen. Analyseebenen dabei können Bundesländer, Kreise und Gemeinden sein. Entscheidend dabei ist die entsprechende Zahl der Zu- und Fortzüge.5

Den Ausführungen des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung folgend lässt sich die Ost-West-Wanderung nach der Wiedervereinigung als großräumige Binnenmigration charakterisieren, da die Bundesländerebene wesentlicher Untersuchungsgegenstand ist.

1.2 Zur Bedeutung des Wanderungssaldos

Die Auswirkungen der Ost-West-Wanderung auf bestimmte Regionen können mit der Kenngröße des Wanderungssaldos genauer beschrieben werden.

Der Wanderungssaldo - auch Wanderungsbilanz oder Nettowanderung - ergibt sich durch die Differenz aus Zu- und Fortzügen in einem konkreten Zeitraum in einer konkreten Region. Ein negativer Saldo beschreibt dabei einen Wanderungsverlust/-defizit für die betroffene Region, wohingegen ein positiver Saldo einen Wanderungsüberschuss/-gewinn aufweist. Der Wanderungssaldo lässt sich in Binnen- und Außenwanderungssaldo einteilen.6

Im Kontext der Ost-West-Wanderung ist es somit wichtig, die jeweiligen Binnenwanderungssalden zu analysieren, um die Migrationsbewegung genauer charakterisieren zu können.

2. Historische Vorbetrachtung: Migration zwischen DDR und BRD

Bei der Analyse der Ost-West-Wanderung muss die Migrationsbewegung in einen historischen Kontext gestellt werden. Denn die Abwanderung von Ost nach West ist kein Phänomen erst seit 1990, sondern, „[d]er Rückgang der Bevölkerung ist ein Prozess, der seit über einem halben Jahrhundert andauert“7. Insofern muss dieser Sachverhalt kurz erläutert werden, um die innerdeutsche Binnenmigration nach der Wiedervereinigung korrekt einzuordnen. Die Grafik A1 stellt die Migrationsbewegung zwischen der DDR und der BRD dar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

A1: Migration zwischen Ost- und Westdeutschland, 1950 - 958

Die Abbildung verdeutlicht, dass Ostdeutschland schon vor der Wiedervereinigung Bevölkerung an Westdeutschland verloren hatte. Dabei lässt sich eine erste Abwanderungsphase von 1949 bis zum Mauerbau erkennen, ein Stagnieren zwischen 1961 und 1988 und ein erneutes Ansteigen ab 1989. Im Folgenden werden diese Verläufe erläutert, allerdings sei betont, dass der Schwerpunkt der Erarbeitung auf der Entwicklung seit der Wiedervereinigung liegen soll. Daher sei der Verlauf bis dahin nur knapp umrissen.

Schon vor der DDR-Gründung sind ca. 730.000 Menschen von der sowjetischen in die westliche Besatzungszone übergesiedelt. Mit der Gründung verstärkte sich dieser Vorgang, sodass bis zum Mauerbau 1961 etwa 2,6 Millionen Menschen die DDR in Richtung BRD verließen.9 Umgekehrt war die Übersiedlerzahl von der BRD in die DDR mit 393.000 Menschen in dem genannten Zeitraum vergleichsweise gering.10 Schon 1950 lag der Altersdurchschnitt in der DDR bei 37,9 Jahren, in der BRD bei 35,2, was u.a. auf Abwanderung zurückzuführen ist.11 Hauptsächliche Übersiedlungsmotive von der DDR in die BRD waren Unzufriedenheit mit dem politischen System, die ökonomische Anziehungskraft der BRD insbesondere in Zeiten des Wirtschaftswunders sowie der Wunsch nach Familienzusammenführung. Auch Versorgungsengpässe sowie die Durchsetzung sozialistischer Eigentumsverhältnisse (z.B. Kollektivierung der Landwirtschaft) heizten die Abwanderung an.12 Mit dem Mauerbau 1961 kam es zu einem erzwungenen Rückgang der Übersiedler.13 A1 zeigt deutlich, dass dies dahingehend eine effektive Maßnahme war, um das Ausbluten der DDR auf erzwungenem Wege zu verhindern. Zwischen 1961 und 1988 verließen nur rund 600.000 Bürger die DDR. Zwischen 1984 und 1988 verließen 150.000 Bürger die DDR, vornehmlich durch Bewilligung von Ausreiseanträgen sowie Ausbürgerung missliebiger Personen.14 Dies ist eine mögliche Erklärung für den kleinen Anstieg der Abwanderungsströme in A1 ab 1984. Mit der zunehmenden Destabilisierung der SED-Herrschaft ab 1989 kam es zu einem erneuten Anstieg. Zehntausende DDR-Bürger versuchten, über die deutschen Botschaften in Budapest, Prag oder Warschau oder über die jüngst geöffnete ungarisch- österreichische Grenze die DDR zu verlassen.15 Bei der Betrachtung der Wanderungsbewegungen ist anzumerken, dass sie von wirtschaftlichen Krisen und Konjunkturverläufen in der BRD weitgehend unbeeinflusst blieb.16 Für die weitere Untersuchung ist noch von Relevanz, dass ca. 60% der bis 1989 von der DDR in die BRD Übersiedelnden männlich waren; bei Flüchtlingen war der Prozentsatz höher. 78% waren unter 40 Jahren, oft mit Universitätsabschluss.17

Es wird deutlich, dass schon vor der Wiedervereinigung eine Abwanderung aus Ost- nach Westdeutschland im Gange war. Waren ökonomische und politische Motive die wichtigsten Abwanderungsmotive18, wird zu untersuchen sein, wie die Motive seit der Wiedervereinigung waren. Auch die Zusammensetzung der Übersiedler bis 1989 wird mit den Ost-West-Wanderern ab 1989 verglichen werden müssen. Terminologisch sei vermerkt, dass bis zur Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion und der Wiedervereinigung die Wanderungen in die internationale Migration bzw. Außenbewegung eingeordnet werden müssen.19

3. Phasenmodell der Ost-West-Wanderung seit 1989/90

Nachdem die für die Untersuchung wichtigen Grundbegriffe „Binnenmigration“ und „Wanderungssaldo“ sowie der historische Kontext erläutert wurden, ist es wichtig, sich den genauen Verlauf der Ost-West-Wanderung ab 1989/90 anzusehen. Dadurch ist es möglich, Phasen in der Wanderungsbewegung auszumachen, um anschließend nach zu Grunde liegenden Motiven zu suchen. Bei der Analyse hilft der Blick auf die Binnenwanderungsbewegung zwischen Ost- und Westdeutschlands mittels A2.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

A2: Wanderungen zwischen West- und Ostdeutschland, 1991 bis 201420

A2 stellt die Wanderungsbewegungen zwischen West- und Ostdeutschland von 1991 bis 2014 dar. Dabei lässt sich anhand zweier Linien aufzeigen, wie viele Personen von Ost (einschließlich Berlin) nach West gezogen sind und umgekehrt. Weiterhin lassen sich die für die einzelnen Jahre geltenden Binnenwanderungssalden in Form von Balken ablesen. Bis auf die Zeit ab 2013 wird deutlich, dass die Fortzüge aus Ostdeutschland die Zuzüge in die Region übertrafen mit stets negativen Binnenwanderungssalden für Ostdeutschland. Die Zuzüge von West- nach Ostdeutschland sind über die Jahre tendenziell eher angestiegen, aber gering. Die Umzüge von Ost nach West hingegen unterlagen größeren Schwankungen, sodass sich Phasen schlussfolgern lassen:

- 1. Phase: 1989/1990 → starker Anstieg der Umzüge von Ost nach West (in der Abbildung nicht dargestellt, dazu siehe Abbildung A1)
- 2. Phase: 1991 - 1997 → Absinken der Umzüge von Ost nach West, übergehend in Stagnation, bei Zunahme der Umzüge von West nach Ost
- 3. Phase: 1998 - 2001 → Anstieg der Umzüge von Ost nach West
- 4. Phase: ab 2001 → Absinken der Umzüge von Ost nach West, gipfelnd in ausgeglichenem Binnenwanderungssaldo ab 2013 - erstmals positiver Binnenwanderungssaldo für Ostdeutschland ab 2014

Im Folgenden werden die Phasen in ihrem Verlauf analysiert und dargestellt.

3.1 1. Phase: 1989/90

Streng genommen noch nicht Teil der Binnenwanderung, aber für deren Entstehung eine entscheidende Phase ist die zwischen 1989 und 1990 vor der Wiedervereinigung. In dem Kontext sei nochmals auf Abbildung A1 verwiesen, welche die innerdeutsche Migration zwischen 1950 und 1995 darstellt.

Es wurde bereits auf die geöffnete Grenze zwischen Österreich und Ungarn und die Relevanz der deutschen Botschaften im Jahr 1989 verwiesen. Spätestens mit dem Fall der Mauer kam es in der DDR zu unkontrollierter Massenabwanderung v.a. in den Jahren 1989 und 1990. In beiden Jahren wanderten je rund 400.000 Menschen aus der DDR ab. Dies und die damit verbundenen ökonomischen Auswirkungen beschleunigten den Zusammenbruch der DDR.21

[...]


1 Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB). 2016. Binnenwanderungen. Abrufbar unter: http://www.bib-demografie.de/DE/ZahlenundFakten/10/binnenwanderungen_node.html. Eingesehen am: 01.06.2016.

2 Ebd.

3 Ebd.

4 Ebd.

5 Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB). 2016. Binnenwanderung. Abrufbar unter: http://www.bib- demografie.de/SharedDocs/Glossareintraege/DE/B/binnenwanderung.html;jsessionid=DB261 230F9C9E6063F3F9FC7261594B6.2_cid292?nn=4958516. Eingesehen am: 01.06.2016.

6 Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB). 2016. Wanderungssaldo, Wanderungsbilanz, Nettowanderung. Abrufbar unter: http://www.bib- demografie.de/SharedDocs/Glossareintraege/DE/W/wanderungssaldo_wanderungsbilanz_ne ttowanderung.html?nn=4958516. Eingesehen am: 01.06.2016.

7 Heydemann, Günther. „Blühende Landschaften“ oder entvölkerte Landkreise?. Die neuen Bundesländer zwischen Wachstums- und Schrumpfungsprozessen. In: Totalitarismus und Demokratie 6 (2009). 1. S. 87 - 100. S. 90.

8 Münz, Rainer / Seifert, Wolfgang / Ulrich, Ralf. Zuwanderung nach Deutschland. Strukturen, Wirkungen, Perspektiven. Frankfurt / New York 1997. S. 30.

9 Heydemann 2009. S. 88.

10 Münz et al. 1997. S. 29.

11 Werz, Niolaus. Abwanderung aus den neuen Bundesländern von 1989 bis 2000. In: Politik und Zeitgeschichte 39 (2001). S. 23 - 31. S. 23.

12 Münz et al. 1997. S. 29f.

13 Werz 2001. S. 23.

14 Werz 2001. S. 23.

15 Münz et al. 1997. S. 31.

16 Ebd. S. 32.

17 Werz 2001. S. 24.

18 Münz et al. 1997. S. 32.

19 Werz 2001. S. 24.

20 Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB). 2016. Wanderungen zwischen West- und Ostdeutschland, 1991 bis 2014. A_10_04. Abrufbar unter: http://www.bib-demografie.de/DE/ZahlenundFakten/10/Abbildungen/a_10_04_wanderungen_o_w_ab1991. html?nn=4958496. Eingesehen am 02.06.2016.

21 Münz et al. 1997. S. 31.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Ost-West-Wanderung im vereinten Deutschland. Gründe, Verlauf, Alternativen
Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
25
Katalognummer
V346592
ISBN (eBook)
9783668358485
ISBN (Buch)
9783668358492
Dateigröße
1463 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ost-West-Wanderung, Binnenmigration, Deutschland, Vereintes Deutschland, Wiedervereinigung, Geschichte, Zeitgeschichte, DDR, BRD, Bundesländer
Arbeit zitieren
Benedikt Liebsch (Autor), 2016, Die Ost-West-Wanderung im vereinten Deutschland. Gründe, Verlauf, Alternativen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/346592

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