Die weibliche Hauptfigur in Hartmann von Aues "Gregorius"


Hausarbeit, 2016
15 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die weibliche Hauptfigur in „Gregorius“
2.1 Die Namenlosigkeit
2.2 Der erste Inzest
2.3 Der zweite Inzest
2.4 Zusammenkunft in Rom

3. Fazit

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Sekundärliteratur

1. Einleitung

Die Hauptaufgaben der Frau sowie die gesellschaftliche und rechtliche Stellung war im Mittelalter eine gänzlich andere als im heutigen Zeitalter. Im Wesentlichen bestand ihre Aufgabe darin Kinder zu gebären, aufzuziehen und den Haushalt zu führen. Den Frauen wurde somit eine untergeordnete Rolle zugeschrieben. Sie hatten im Gegensatz zum Mann eine schwächere Rechtsstellung und waren dadurch dem Ehemann oder männlichen Verwandten unterworfen. Im Alter von 12 bis 16 Jahren heirateten die Frauen beziehungsweise wurden durch die Befugnis ihres Vaters mit einem Mann verheiratet. In der Trauungsformel hieß es, dass die Ehefrau ihrem Ehemann untertan ist. Dies bedeutet, dass der Gatte die Vormundschaft über seine Frau besitzt. Dies wirkte sich besonders in Rechtsangelegenheiten aus und der Mann hatte das alleinige Nutzungsrecht des ehelichen Vermögens.1

Trotz dieser untergeordneten Stellung der Frau durften die Männer nicht willkürlich über ihre Ehefrauen entscheiden. Beispielsweise war der Inzest verboten und die vertragliche Bindung mit der Familie seiner Gattin musste eingehalten werden. Jedoch waren diese Regeln und Normen je nach gesellschaftlichem Stand der Frau unterschiedlich stark ausgeprägt. Einer adeligen Frau war es beispielsweise eher möglich einen gewissen Einfluss auszuüben als einer Frau aus den unteren Ständen. In Kriegszeiten war es adeligen Frauen möglich, einen Anteil an der Herrschaftsausübung zu erlangen und als Landesherrin zu fungieren. Somit konnte sie selbst über ihren Besitz und ihr Vermögen bestimmen. Auch wenn die Frau des Adels gewis- se Privilegien genießen konnte und ihr ein höherer Status als den Frauen unterer Stände zuge- billigt wurde, war ihre gesellschaftliche Stellung unterhalb des Mannes angesiedelt.2

Da die weibliche Hauptfigur des „Gregorius“ aus eben solch einer adeligen Gesellschaft stammt, wird die Rolle dieser Frau im Folgenden genauer untersucht. Hierzu wird zunächst auf ihre Namenlosigkeit eingegangen, da die Frau in Hartmann von Aues Werk keinen Na- men besitzt. Im Anschluss werden die drei Ausschnitte, in denen die weibliche Hauptfigur auftritt dargestellt wird, behandelt und ihre Funktionen für den Verlauf der Geschichte be- schrieben. Hierbei wird erneut auf die unterschiedlichen Bezeichnungen der Frau Bezug ge- nommen. Abschließend werden die Ergebnisse dieser Arbeit in Kapitel 3 zusammengefasst.

2. Die weibliche Hauptfigur in „Gregorius“

2.1 Die Namenlosigkeit

Die weibliche Hauptfigur tritt in „Gregorius“ nicht an allen Handlungsorten auf. Ihre Person wird nur beim ersten und zweiten Inzest in Aquitanien und bei der Buße in Rom beschrieben. Jedoch ist sie, dessen ungeachtet, für das Handlungsgeschehen von großer Bedeutung. So verbindet sie die Vor- und Hauptgeschichte Gregorius´ miteinander.3 Sie wird mit 112 Perso- nenbezeichnungen umschrieben und ist somit im gesamten Werk ohne eigenen Namen vertre- ten.4

Zunächst wird sie als „ tohterlîn “ (V. 184) und „ swester “ (V. 237) bezeichnet. Nach dem Tod ihres Vaters (V 266-269) wird die Bezeichnung als Tochter nicht mehr verwendet. Bis sie von ihrem Bruder schwanger wird, wird sie als „ kint “ (V. 260) aufgeführt. Die Schwangerschaft schafft die Notwendigkeit, sie zur „ vrouwe “ (V. 405) werden zu lassen um einer Verwechs- lung mit dem Kind in ihrem Leib entgegenzuwirken. Diese Bezeichnung erweist sich jedoch aus ungenügend, da in Hartmann von Aues Werk mehrere Frauen im Handlungsgeschehen auftreten. Für ihren Bruder ist sie zudem nicht nur Frau, sondern auch eine Schwester. Vom Ausdruck als Schwester wird allerdings nur solange Gebrauch gemacht, bis ihr Bruder seinen Bußweg antritt.

Auch im späteren Verlauf der Geschichte ergeben sich eine Vielzahl von Beziehungen, in denen Gregorius und seine Mutter zueinander stehen: „Für seine Mutter ist er Kind, Gatte und geistlicher Vater (Papst, Beichtvater), während sie für ihr Kind (Beichtkind), Frau und Mutter ist.“5

Die weibliche Hauptfigur wird demnach immer im jeweiligen Verhältnis zu ihrem männlichen Gegenüber benannt. Die diversen Antonomasien verweisen auf die funktionale Bedeutung, die der Leser in der Folge dieser weiblichen Figur zu erwarten hat.

„Wie sehr die Figur von ihrer funktionalen Bedeutung für das Geschehen (und vor allem für den Helden) bestimmt ist, kommt in dieser Namenlosigkeit, in dieser Aufspaltung in verschiedene Rollen, hinreichend deutlich zum Ausdruck.“6

Wie oben bereits beschrieben, verstirbt der Vater des Geschwisterpaares zu Beginn der Erzählung, wodurch der Leser ein mitfühlendes Verhältnis aufbauen soll.

Man könnte behaupten, dass es die Intention des Autors ist, ein positives Bild der weiblichen Hauptfigur zu transponieren. Diese vom Autor suggerierte Sympathie gegenüber der Mutter belegt KASTEN (1993) folgendermaßen:

„[...] Dass er an der impulsiven Spontaneität der Mutter im „Grégoire“ Anstoß genommen hat, dürfte zwar unstrittig sein - auch an anderen Stellen hat er, ganz im Sinne der soge- nannten „adaptation courtoise“, Züge von Unbeherrschtheit eliminiert -, aber der Vergleich mit der Quelle lässt den Schluss zu, dass Hartmann die Problematik überspielen wollte, die in dem Faktum der Aussetzung des Kindes liegt. Es sollte hier offensichtlich kein negatives Licht auf die Mutter fallen.“7

Um das Mit- und Einfühlen des Lesers in die Not und in das unglückliche Schicksal der weib- lichen Hauptperson zu beeinflussen, ist es für Hartmann ein dienliches Mittel, die Figur be- züglich ihrer verwandtschaftlichen Position beziehungsweise Rolle zu benennen. Durch die Namenlosigkeit kann sich der Leser besser mit der weiblichen Hauptperson identifizieren. Durch die Bezeichnungen als „ swester “ „ muoter “ , „ tohterlin “ oder „ kint “ wird mehr Mitge- fühl erzeugt, als durch die schlichte Bezeichnung als „ vrouwe “ oder die Verwendung von Pronomina.

Des Weiteren könnte es ein Versuch des Autors sein, die Frau ohne einen Namen zu beschreiben, damit sich die Grundaussage ihrer Person besser verdeutlichen lässt. Die Verwendung von „ diu guote “ (V. 1963) bliebe somit die Quintessenz aus der Darstellung der weiblichen Hauptfigur in „Gregorius“, da diese Bezeichnung nur an Textstellen verwendet wird, an denen die Frau eigentlich eine Sünde begeht. Man könnte daraus schließen, dass es nicht möglich ist, sündenfrei zu leben. Durch den Glauben an Gott aber sei es möglich, wieder auf den richtigen Weg zu gelangen und somit „ guot “ zu bleiben.

Zuletzt könnte es Hartmanns Intention gewesen sein, durch die Namenlosigkeit der weibli- chen Hauptfigur in „Gregorius“ darauf hinzuweisen, dass eine Frau, wie sie in der Legende dargestellt wird, nicht existent ist. Es sollte ein Ideal einer Frau erschaffen werden und durch das Fehlen des Namens wird verdeutlicht, dass es sich um ein nichtexistentes Ideal handelt. Hartmann grenzt sich dadurch von anderen Minnelyrikern ab. In ihren Werken wurden die Frauen meist verherrlicht charakterisiert. Diese Verherrlichung der Frau war das höchste Ziel der Minnesänger wohingegen bei Hartmann die Einheit von Frau und Mann den abschließen- den Höhepunkt findet. Das Leitmotiv in „Gregorius“ ist trotz der veränderten Darstellung die Minne.

2.2 Der erste Inzest

Die Bezeichnung der weiblichen Hauptfigur wird in drei Vierteln der Beschreibungen mit einem Objektkasus durchgeführt. Dies lässt auf eine weitgehende Untätigkeit des Mädchens schließen.8 Vor seinem Tod beauftragt der Vater seinen Sohn, sich um seine Schwester zu kümmern:

und diz kint, die swester dîn, daz dû dich wol an ir bewarst und ir bruoderlichen mite varst. (V. 260-263)

Außerdem drückt der Vater seine Sorgen um seine Tochter aus (V. 236f.), welche man als Hinweis auf den weiteren Fortgang der Geschichte ansehen kann. Im Verlauf der Handlung wird anschließend das Verhältnis zwischen Bruder und Schwester dargestellt:

man enmac im anders niht gejehen, er enphlaege ir als ô wol, als ein getriuwer bruoder sol sîner lieben swester. (V. 296-299)

Bald wird der erste Inzest zwischen Bruder und Schwester in „Gregorius“ beschrieben. Der Autor nennt vier Gründe, für das Geschehen: die Begierde des Bruders, die Schönheit seiner Schwester, die Überheblichkeit des Teufels und die kindliche Unerfahrenheit.

Daz eine was diu minne, dui im verriet die sinne, daz anders sîner swester schoene, daz dritte des tiuvels hoene, das vierde was sîn kintheit (V. 323-327)

Das junge Mädchen bemerkt zunächst nichts von dem Vorhaben ihres Bruders. Sie wird somit [...] zur Verführerin des Mannes- nicht willentlich, nicht bewußt [sic!], sondern durch ihr Sosein.“9 Hartmann versucht, die Schuld des Mädchens auf ein Minimum zu reduzieren, um Mitgefühl zu vermitteln.10

[...]


1 Vgl. Hösch (1989), S. 852-874.

2 Vgl. ebd.

3 Vgl. Steinle (1970), S. 46.

4 Vgl. ebd., S. 163.

5 Ernst (2002), S. 203.

6 Kasten (1993), S. 401.

7 Kasten (1993), S. 411.

8 Vgl. Steinle (1970), S. 164.

9 Carne (1970), S. 70.

10 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die weibliche Hauptfigur in Hartmann von Aues "Gregorius"
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
15
Katalognummer
V346625
ISBN (eBook)
9783668360549
ISBN (Buch)
9783668360556
Dateigröße
662 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
hauptfigur, hartmanns, gregorius
Arbeit zitieren
Anne Hamburger (Autor), 2016, Die weibliche Hauptfigur in Hartmann von Aues "Gregorius", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/346625

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