Die Hauptaufgaben der Frau sowie die gesellschaftliche und rechtliche Stellung war im Mittelalter eine gänzlich andere als im heutigen Zeitalter. Im Wesentlichen bestand ihre Aufgabe darin Kinder zu gebären, aufzuziehen und den Haushalt zu führen. Den Frauen wurde somit eine untergeordnete Rolle zugeschrieben. Sie hatten im Gegensatz zum Mann eine schwächere Rechtsstellung und waren dadurch dem Ehemann oder männlichen Verwandten unterworfen.
Im Alter von 12 bis 16 Jahren heirateten die Frauen beziehungsweise wurden durch die Befugnis ihres Vaters mit einem Mann verheiratet. In der Trauungsformel hieß es, dass die Ehefrau ihrem Ehemann untertan ist. Dies bedeutet, dass der Gatte die Vormundschaft über seine Frau besitzt. Dies wirkte sich besonders in Rechtsangelegenheiten aus und der Mann hatte das alleinige Nutzungsrecht des ehelichen Vermögens. Trotz dieser untergeordneten Stellung der Frau durften die Männer nicht willkürlich über ihre Ehefrauen entscheiden. Beispielsweise war der Inzest verboten und die vertragliche Bindung mit der Familie seiner Gattin musste eingehalten werden. Jedoch waren diese Regeln und Normen je nach gesellschaftlichem Stand der Frau unterschiedlich stark ausgeprägt. Einer adeligen Frau war es beispielsweise eher möglich einen gewissen Einfluss auszuüben als einer Frau aus den unteren Ständen. In Kriegszeiten war es adeligen Frauen möglich, einen Anteil an der Herrschaftsausübung zu erlangen und als Landesherrin zu fungieren. Somit konnte sie selbst über ihren Besitz und ihr Vermögen bestimmen. Auch wenn die Frau des Adels gewisse Privilegien genießen konnte und ihr ein höherer Status als den Frauen unterer Stände zugebilligt wurde, war ihre gesellschaftliche Stellung unterhalb des Mannes angesiedelt.
Da die weibliche Hauptfigur des „Gregorius“ aus eben solch einer adeligen Gesellschaft stammt, wird die Rolle dieser Frau im Folgenden genauer untersucht. Hierzu wird zunächst auf ihre Namenlosigkeit eingegangen, da die Frau in Hartmann von Aues Werk keinen Namen besitzt. Im Anschluss werden die drei Ausschnitte, in denen die weibliche Hauptfigur auftritt dargestellt wird, behandelt und ihre Funktionen für den Verlauf der Geschichte beschrieben. Hierbei wird erneut auf die unterschiedlichen Bezeichnungen der Frau Bezug genommen. Abschließend werden die Ergebnisse dieser Arbeit in Kapitel 3 zusammengefasst.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die weibliche Hauptfigur in „Gregorius“
2.1 Die Namenlosigkeit
2.2 Der erste Inzest
2.3 Der zweite Inzest
2.4 Zusammenkunft in Rom
3. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle der weiblichen Hauptfigur im mittelalterlichen Werk „Gregorius“ von Hartmann von Aue. Ziel der Analyse ist es, die funktionale Bedeutung der namenlosen Protagonistin für den Handlungsverlauf sowie ihre Rolle als Impulsgeberin für die geistige Entwicklung und Erlösung des Helden Gregorius aufzuzeigen.
- Die Funktion der Namenlosigkeit als erzählerisches Mittel zur Identifikation und Rollenzuweisung.
- Die Untersuchung der Inzest-Motive als treibende Kräfte der Handlungslogik.
- Die Bedeutung der weiblichen Figur für die Bußwege und die religiöse Entwicklung von Gregorius.
- Die symbolische Aufladung der Mutter-Sohn-Beziehung im Kontext göttlicher Gnade.
Auszug aus dem Buch
2.2 Der erste Inzest
Die Bezeichnung der weiblichen Hauptfigur wird in drei Vierteln der Beschreibungen mit einem Objektkasus durchgeführt. Dies lässt auf eine weitgehende Untätigkeit des Mädchens schließen.8 Vor seinem Tod beauftragt der Vater seinen Sohn, sich um seine Schwester zu kümmern:
und diz kint, die swester dîn,
daz dû dich wol an ir bewarst
und ir bruoderlichen mite varst.
(V. 260-263)
Außerdem drückt der Vater seine Sorgen um seine Tochter aus (V. 236f.), welche man als Hinweis auf den weiteren Fortgang der Geschichte ansehen kann. Im Verlauf der Handlung wird anschließend das Verhältnis zwischen Bruder und Schwester dargestellt:
man enmac im anders niht gejehen,
er enphlaege ir alsô wol,
als ein getriuwer bruoder sol
sîner lieben swester.
(V. 296-299)
Bald wird der erste Inzest zwischen Bruder und Schwester in „Gregorius“ beschrieben. Der Autor nennt vier Gründe, für das Geschehen: die Begierde des Bruders, die Schönheit seiner Schwester, die Überheblichkeit des Teufels und die kindliche Unerfahrenheit.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel skizziert die gesellschaftliche Stellung der Frau im Mittelalter und führt in die Fragestellung ein, wie die namenlose Hauptfigur in Hartmann von Aues Werk fungiert.
2. Die weibliche Hauptfigur in „Gregorius“: Hier wird detailliert analysiert, wie die Protagonistin durch verschiedene Rollenbezeichnungen charakterisiert wird und welche Bedeutung ihr in den Inzest-Szenen sowie bei der späteren Zusammenkunft zukommt.
2.1 Die Namenlosigkeit: Die Analyse zeigt auf, dass die fehlende Eigennamensnennung der Figur eine stärkere Identifikation ermöglicht und ihre funktionale Rolle im Erlösungsgeschehen betont.
2.2 Der erste Inzest: Dieser Abschnitt beleuchtet die Umstände des ersten Sündenfalls und wie der Autor versucht, die Schuld der weiblichen Figur durch ihre Passivität zu minimieren.
2.3 Der zweite Inzest: Das Kapitel untersucht die erneute Begegnung von Mutter und Sohn und die Rolle der Frau als Landesherrin, die aus politischer Notwendigkeit handelt.
2.4 Zusammenkunft in Rom: Hier wird die finale Begegnung in Rom als Zeichen der göttlichen Gnade und der gegenseitigen Erlösung gedeutet.
3. Fazit: Die Ergebnisse werden zusammengefasst, wobei betont wird, dass die Frau trotz ihrer Mitschuld als unverzichtbarer Handlungsantrieb für Gregorius’ Weg zum Papstamt dient.
Schlüsselwörter
Hartmann von Aue, Gregorius, Mittelalter, weibliche Hauptfigur, Inzest, Namenlosigkeit, Erlösung, Gnade, Buße, Heilsplan, Legende, Frauenbild, Minne, Schicksal, Schuld.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Arbeit untersucht die Rolle der weiblichen Hauptfigur in Hartmann von Aues „Gregorius“ und beleuchtet deren Bedeutung für das Schicksal des Helden.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Mittelpunkt stehen die Aspekte Schuld und Sühne, das mittelalterliche Frauenbild, die göttliche Gnade und die literarische Funktion von Namensgebungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es soll analysiert werden, warum die Figur namenlos bleibt und wie sie als zentraler Handlungsantrieb fungiert, um Gregorius auf seinen Weg zur Erlösung zu führen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin verwendet eine literaturwissenschaftliche Analyse des Primärtextes unter Einbeziehung relevanter Sekundärliteratur zu den Themenfeldern Inzest, Rollenverhalten und mittelalterlicher Heilslehre.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Namenlosigkeit, die Analyse des ersten und zweiten Inzests sowie die Zusammenkunft der Figuren in Rom.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Erlösung, Inzest, göttliche Gnade, Frauenbild im Mittelalter und literarische Namensgebung charakterisieren.
Warum spielt die Namenlosigkeit der Frau eine so große Rolle für den Autor?
Die Namenlosigkeit dient laut Analyse dazu, ein nicht-existentes Ideal darzustellen und die funktionale Rollenaufteilung der Figur innerhalb der Heilsgeschichte zu betonen.
Wie interpretiert die Arbeit die Rolle der Frau nach dem zweiten Inzest?
Die Arbeit sieht die Frau als eine Gestalt, die durch Leid und aufrichtige Buße ihre Schuld überwindet und somit als Wegbereiterin für die geistige Erhebung Gregorius’ dient.
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- Anne Hamburger (Author), 2016, Die weibliche Hauptfigur in Hartmann von Aues "Gregorius", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/346625