Franz Kafkas "Ein Bericht für eine Akademie". Analyse und Interpretation


Rezension / Literaturbericht, 2016

9 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Einführung

Personencharakterisierung

Analyse und Interpretation

Literaturangaben

Einführung

Diese Aufgabe wird sich mit Franz Kafkas Erzählung „Ein Bericht für eine Akademie“ aus dem Jahre 1917 auseinandersetzen. Das Werk wird analysiert, interpretiert und unter Einbeziehung relevanter Sekundärliteratur perspektiviert werden.

Zunächst wird eine Personencharakterisierung erfolgen, unmittelbar gefolgt von der Analyse und der Interpretation.

Personencharakterisierung

Rotpeter, so wird die Hauptperson genannt, ist als Affe an der Goldküste, dem heutigen Ghana, angeschossen und gefangen genommen worden. Er weist dadurch eine Narbe von einer Schusswunde unterhalb der Hüfte und eine weitere an der Wange auf. Erstere lässt ihn noch immer etwas humpeln, zweitere brachte ihm aufgrund der roten Narbe den Namen Rotpeter ein. Der Schimpanse Rotpeter ist die einzige Person, die eingehend beschrieben wird. Mittlerweile nicht mehr als Affe, sondern einem Wesen zwischen Affe und Mensch, entwickelt er sich im Laufe weniger Jahre zu einem intelligenten, schnell lernenden und wissbegierigen Individuum.

Analyse und Interpretation

Grundlage dieser Erzählung ist der Wunsch einer nicht näher beschriebenen Akademie, Rotpeter seine Erinnerung an das frühere Leben als Affen zu beschreiben. Die in seiner Antwort vorweg gehende Anrede „ Hohe Herren der Akademie![1] lässt darauf schließen, dass es sich hierbei um eine briefliche Antwort oder eine eigens verfasste Rede handelt, was eine einseitige Unterhaltung bedeutet, mit Rotpeter als präsentem Ich-Erzähler. Der Begriff Bericht, der im Titel richtungsweisend ist, deutet auf eine augenscheinlich objektive Darstellung.[2] Zum Zeitpunkt der Entstehung des hier diskutierten Werks, 1917, befindet der Erste Weltkrieg sich bereits in seinem dritten Jahr. Das imperialistische Zeitalter, mit dem ua. auch der Wettlauf um Afrika assoziiert wird, neigt sich dem Ende entgegen.

Das Kernthema, die Verwandlung, erscheint per se als Paradoxon, als etwas Übernatürliches. Daher wirkt das geäußerte Interesse der Akademie als wissenschaftlich lehrende und forschende Institution grundsätzlich als nachvollziehbar. Der Germanist Sylvain Guarda stellt die Vermutung auf, dass Kafka die Akademie bewusst als Empfänger gewählt hat, stand sie in der Antike doch für philosophische Gelehrte und war verbunden mit einem göttlichen Hain und einem Tempel.[3] Rotpeter, der seinen Namen nicht zuletzt auch als diffamierend empfindet,[4] entschuldigt sich im Vorfeld, der Akademie nicht, wie gewünscht, von seinem äffischen Vorleben berichten zu können. Obwohl er nach eigenen Angaben nicht auf die konkrete Anfrage antworten kann, entschließt er sich trotzdem, etwas zu antworten. Zu lang besteht ihm zufolge die Verbindung zwischen ihm und seinem Ursprung bereits nicht mehr. „ Ihr Affentum, meine Herren, soferne Sie etwas Derartiges hinter sich haben, kann Ihnen nicht ferner sein als mir das meine.“ [5] Die dramatische Veränderung von Personen stellt bei Kafka ein wiederkehrendes Motiv dar, wenn natürlich auch mit unterschiedlichen Handlungsverläufen. So wacht etwa die Hauptfigur Gregor Samsa in Kafkas bekanntem Werk „die Verwandlung“ eines Morgens auf und entdeckt zu seinem Schrecken die über Nacht vollzogene Verwandlung von einem Menschen in einen Käfer.[6] Neben Übereinstimmungen der Motive sind im Text auch bildliche Übereinstimmungen mit anderen Texten zu finden: „ An der Ferse aber kitzelt es jeden, der hier auf Erden geht: den kleinen Schimpansen wie den großen Achilles[7] Laut Guarda ist eben diese Textstelle in früheren Interpretationen bislang bemerkenswert wenig beachtet worden.[8] Kafka referiert zu Homers aus der Antike stammenden Epos, der Odyssee, was wieder einen Rückschluss auf die Akademie zulässt. Damit stellt Rotpeter sich auf humoristische, nahezu anmaßende, dennoch durchaus legitime Art und Weise gleich mit dem Kriegshelden Achilles, der sein Ende durch seine einzige Schwachstelle fand. Selbiges kann nicht unbedingt von Rotpeter behauptet werden, hebt seinen Bericht allerdings auf eine höhere intellektuelle Ebene. Auf dieser Ebene finden sich auch Hinweise zu möglichen Deutungsansätzen des Kafkaschen Berichts, zieht man beispielsweise Goethes Hymne „Prometheus“ aus den frühen 1770'ern in Betracht. Kafka wirkte zu einer Zeit, zu der Nietzsche Gott zwar bereits für tot erklärt hatte, Religion aber, auch besonders für Kafka als Juden im Europa des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts eine persönliche Rolle gespielt hat. Prometheus erhebt sich im Zorn gegen die Götter und stellt ihre Funktion und Position in Frage.[9] Unter diesem Einfluss könnte Rotpeters Verwandlung so ausgelegt werden, als würde Rotpeter Prometheus zum Vorbild nehmen und das Göttliche, das laut Schöpfungstheorie das Leben kreiert hat, so von einem Schimpansen untergraben wird. Dieser satirische Ansatz besteht allerdings ohne überaus konkreten Bezug der beiden Texte zu einander.

Detailliert beschreibt Rotpeter, dass sein Käfig im mittleren Deck des Schiffes nur aus drei Gitterwänden besteht. Die vierte Seite ist kein Käfiggitter, sondern eine Bretterwand mit Lücken zwischen den Holzelementen. Rotpeters Veränderung beginnt bereits merkbar auf dem Dampfer der durchaus bekannten Hamburger Familie Hagenbeck, die zu Lebzeiten Franz Kafkas besonders durch Tierhandel und dem Betreiben von Hagenbecks Tierpark bekannt wurde. Allerdings waren im Tierpark zeitweise auch Menschen, etwa aus Afrika oder Asien zur Schau gestellt.[10] Eine Jagd auf wildlebende Tiere nach hier vorliegendem Muster erscheint daher als plausibel. Das Fiktive trifft dabei also auf die Realität. Wieso aber wählte Kafka ausgerechnet einen Affen als Protagonisten? Als Affe ist Rotpeter ein geeignetes Symbol der vitalen, ungezähmten Natur und obendrein des Exotischen. Sowohl Sylvain Guarda als auch Gerhard Neumann sind sich einig, dass der Affe die misslingende, aber humoristisch imitierende Witzfigur verkörpert.[11] [12]

Sein wahrscheinlich erster Kontakt zum Menschen überhaupt, damit seien die Treffer der beiden Kugeln gemeint, bedeuten den Beginn seines anschließenden Lebens inmitten der Kultur. Der Käfig, in den er auf dem Schiff gefangen gehalten wird, ist deutlich zu klein für ihn und so empfindet er die Gefangenschaft in jeglicher Hinsicht als beklemmend, besonders da es weder in die eine, noch in die andere Richtung einen Ausweg gibt; „ Ich hatte doch so viele Auswege gehabt bisher und nun keinen mehr “.[13] Freilich ist diese Situation gänzlich neu für Rotpeter und bedeutet eine direkte Dichotomie zu seiner bisherigen Existenz. Sein mehr oder weniger autarkes Leben, das er bisher vermutlich in einer Horde verbracht hat,[14] wurde im Inneren des Schiffes ersetzt durch seine an die Tierfänger gebundene Abhängigkeit, die nun über sein Schicksal verfügen.

Auch ein sozialer Aspekt spielt eine entscheidende Rolle im Gesamtbild der Erzählung. Rotpeters Verwandlung basiert letzten Endes auf seiner eigenen Intention, der Gefangenschaft zu entkommen. An einen Fluchtversuch ist für ihn als Affen nicht zu denken. Sämtliche Szenarien führten zu keiner hinnehmbaren Lösung. Die einzig sich bietende Möglichkeit, die zugleich auf ausgeprägte Intelligenz schließen lässt, ist die Assimilation. Hierbei wird die Behauptung aufgestellt, Affen dächten mit dem Bauch. Schon ironisch liest sich daher Rotpeters im Bauch ausgeheckter Gedanke, so „... hörte ich auf, Affe zu sein.[15]. Hierbei wird deutlich, die Assimilation ist keineswegs freiwillig – ganz im Gegenteil, sie ist erzwungen, schon fast von den Menschen erwartet. Jean-Pierre Hombach zufolge kann der gesamte Bericht besonders durch diesen Umstand als pädagogische Satire bezeichnet werden.[16] Hierunter kann wiederum die Perspektivierung des Berichts zu „Prometheus“ erneut erscheinen. Weiterhin ist es möglich, die in der Erzählung vermittelte Geschichte, die anbei bemerkt wohl als melancholisch dargestellte Leidensgeschichte bezeichnet werden kann, auf die Stammesgeschichte des Homo Sapiens zu projizieren. Diese These stammt ebenfalls von Hombach. Schlüssig wirkt sie nicht zuletzt dadurch, dass er hinzufügt, Rotpeters nahezu manisches Lernen könnte als Ausdruck des Menschen verstanden werden, ja, „... als Ausweg aus einer aussichtslosen Situation unter Verleugnung der ureigenen Bedürfnisse. Voraussetzung dazu war das Vergessen und die Umkehr der gewohnten Perspektive.[17] Jedoch kann diese These im Umkehrschluss auch auf eine Menge anderer Fälle von Metamorphosen und sozialer Anpassung als gültig erscheinen.

Auf Rotpeter liegt vermutlich besonders zu Beginn seiner Gefangenschaft ein gewisser psychischer Druck; eine derart umfangreiche Veränderung der Lebensweise und nicht zu vergessen der körperlichen Eigenschaften, hierunter dem Erwerb der Fähigkeit zu sprechen, ist jedoch nicht nur für ihn, sondern auch für seine Lehrer eine anstrengende Prozedur. Es geht um nichts minderes als das Austreiben der Natur des Affen, den sowohl Affe als auch Mensch anstreben.[18] Kafka beschreibt mit seiner Erzählung einen steten Prozess des Lernens. Der schon absurde Verlauf der Verwandlung kann jedoch auch auf eine gewisse Gesellschaftskritik hindeuten. Der Affe, der sich gezwungen sieht, sich anzupassen und des weiteren möglichst zu einer anderen Spezies zu werden, kann somit auch als Parabel ausgelegt werden. Besonders weil dieser Affe nicht vollends zum Menschen wird, legt der Bericht offen, dass die Assimilation lediglich einen Kompromiss im Überlebenskampf darstellt und zeigt, dass eine so drastische Wendung gegen die eigene Person und Natur nicht ohne weiteres möglich ist. Rotpeter berichtet der Akademie von einer Verzweiflungstat. Nun ist Rotpeters Werdegang hin zum sprechen könnenden Individuum mit der durchschnittlichen Intelligenz eines Europäers ein mehrjähriger Prozess. Für die trotz allem drastische Transformation liegen der Wissenschaft keinerlei Referenzwerte oder ähnliche vorangegangene Fälle vor und so ist Rotpeter, wie Gregor Samsa es respektiv wäre, die einzige empirische Quelle, auf die zurückgegriffen werden kann.

[...]


[1] Kafka, Franz „ Das Urteil und andere Prosa “ (Fischer Verlag, Hamburg, Nov. 1983) S. 88

[2] Gray, Richard T. „ A Kafka Encyclopedia“ (Greenwood Press, Westport/London, 2005) S. 37

[3] Guarda, Sylvain „Kafkas Akademiebericht: Die auflösende ,Ruhe' als lebendige Varieténummer“A Journal of Germanic Studies, Vol. 51 (University of Toronto Press, Sep. 2015) S. 228

[4] Kafka S. 89

[5] Ibid. S. 88

[6] Ibid. S. 19

[7] Kafka S. 88

[8] Guarda S. 227

[9] SpiegelOnline: Goethe, Johan Wolfgang von: „Prometheus“ frühe Fassung (ca. 1772-1774) Zeile 13 – 18 (Letzter Zugriff: 12.06.2016)

[10] SpiegelOnline: „Zoo-Spektakel im Kaiserreich – Menschen im Wildgehege (08.02.2009) Abschnitt: „Hottentotten“ für die Wissenschaft (Letzter Zugriff: 12.06.2016)

[11] Guarda S. 227

[12] Neumann, Gerhard: „Ein Bericht für eine Akademie“ Erwägungen zum „Mimesis“-Charakter Kafkascher Texte, Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 49.1 (Freiburg, 1. Feb. 1975) S. 172

[13] Kafka S. 91

[14] Ibid. S. 89

[15] Ibid. S. 91

[16] Hombach, Jean-Pierre „ Serdar Somuncu: Der neue deutsche Kafka? “ (Verlag: Hombach, 2010) S. 549

[17] Ibid. S. 551

[18] Kafka S. 95

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Franz Kafkas "Ein Bericht für eine Akademie". Analyse und Interpretation
Hochschule
Aarhus Universitet  (Institut for kultur og samfund)
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
9
Katalognummer
V346700
ISBN (eBook)
9783668362642
ISBN (Buch)
9783668362659
Dateigröße
691 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
franz, kafka, bericht, akademie, analyse, interpretation
Arbeit zitieren
Kilian Reichardt (Autor), 2016, Franz Kafkas "Ein Bericht für eine Akademie". Analyse und Interpretation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/346700

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Franz Kafkas "Ein Bericht für eine Akademie". Analyse und Interpretation



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden