Differenzenpraktiken im pädagogischen Alltag und wie sie beschrieben werden können


Seminararbeit, 2015

13 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Gender Erklärung

Hinweis zur Art der Arbeit

1. Einleitung

2. Theoretische Überlegungen
2.1 Postkoloniale Theorie
2.2 Das Konzept „Othering“
2.3 Anerkennung

3. Konklusion und Ausblick

4. Literaturverzeichnis

Gender Erklärung

Es wird an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass alle personenbezogenen Formulierungen, insofern sie in dieser Arbeit vorkommen, geschlechtsunabhängig verstanden werden sollen.

Hinweis zur Art der Arbeit

Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine reine Literaturarbeit, in der die Grundlagen zur Beantwortung der Fragestellung an theoretischem Material erarbeitet worden sind. Dieses wird anschließend in Bezug zur Fragestellung gesetzt und versucht daraus Antwortmöglichkeiten offen zu legen.

1. Einleitung

Im Zusammenhang mit gegenwärtig intensiven Diskussionen, wie im pädagogischen Alltag Differenzen entstehen und wie diese verhindert werden können, stellt sich die Frage, welchen Einfluss hat beziehungsweise welche Rolle spielt das Lehrpersonal in konkreten pädagogischen Situationen in denen Differenzen sichtbar werden.

Die aktuellen Rahmenbedingungen in Schulklassen und Kindergartengruppen, im deutschsprachigen Raum, sind derzeit so gestaltet, dass Kinder aus verschiedenen Herkunftsverhältnissen ein und dieselbe Klasse bzw. Gruppe besuchen. Das Lehrpersonal ist auf Grund dieser Tatsache täglich vor die Herausforderung gestellt, wie es mit dieser gelebten Heterogenität umgehen soll, kann und darf. In einer modernen, multikulturellen und multidigitalen Welt ist die Gesellschaft nicht nur über den gesamten Erdball miteinander vernetzt und verbunden, sondern sie hat auch die Möglichkeit Menschen, die in unterschiedlichen Verhältnissen aufgewachsen sind, kennenzulernen und vor allem mit Ihnen und ihrer ganz eigenen, zu uns selbst divergenten Art des Menschseins, umgehen zu lernen. Im privaten Bereich ist es möglicherweise noch einfach, da die Situation, in den meisten Fällen, frei wählbar ist. Aber wie sieht es in einer Schulklasse oder Kindergartengruppe aus, die bunt zusammen gewürfelt wurde? Wie und warum entstehen in solchen Situationen Differenzpraktiken, wie können diese beschrieben werden und wie kann Ihnen sinnvoll begegnet werden. Diese Überlegungen führen zu der Fragestellung, die dieser Arbeit zugrunde liegt:

Inwiefern lassen sich Differenzpraktiken im pädagogischen Alltag durch das Konzept „Othering“ beschreiben und als ein Othering-Prozess verstehen?

Ein wesentlicher Bestandteil dieser Arbeit ist es, Antworten auf diese und die oben genannten Fragen zu finden.

Im ersten Teil der Arbeit werden die theoretischen Überlegungen zu den wichtigsten Ausgangspunkten, die der Fragestellung zugrunde liegen, aufbereitet. Dazu zählt ein kurzer Abriss zur Postkolonialen Theorie, eine Darstellung des Konzepts „Othering“ und weitere Aspekte und Überlegungen die das Thema dieser Arbeit abrunden. Im Anschluss daran wird das theoretische Grundlagenmaterial, in Bezug auf die Beantwortung der Fragestellung, untersucht. Sofern fachspezifische Begriffe in dieser Arbeit verwendet werden, wird deren Erklärung zum besseren Verständnis, im Zuge ihrer ersten Nennung, angeführt.

2. Theoretische Überlegungen

2.1 Postkoloniale Theorie

Die Postkoloniale Theorie wurde von Edward Said durch seine Studie „Oriantalism“ aus dem Jahre 1978 etabliert. Das von ihm entwickelte Konzept des Orientalismus ist eines der Leitkonzepte postkolonialer Theorie und beschreibt wie repressive Kulturen sogenannte andere Kulturen darstellen und dadurch diese anderen Kulturen erst als Andere kreieren. Said machte mittels Foucaultscher Diskursanalyse deutlich, dass erst durch den kolonialen Diskurs die unterdrückten Kolonien und die Kolonisatoren zugleich hergestellt wurden.

Said macht in seinem Werk deutlich, dass das Wissen über den Orient, erst der westlichen Welt ermöglichte diesen zu beherrschen. Mittels Vorgabe eines Scheingrundes andere Kulturen kennen zu lernen, wurde das errungene Wissen über den Orient dazu verwendet über diesen Macht auszuüben. Durch die Machtausübung wurde der Orient als Abweichung zur westlichen Welt angesehen und dieser gegenüber für minderwertig erklärt. Die Menschen im Orient wurden durch den Orientalismus als Andere, im Gegensatz zu den Europäer/innen, positioniert (vgl. Varela/Dhawan 2005, S. 32f und 35). Aufgrund dieser Beherrschung und Machtausübung des Anderen, ist Saids Anschauung, dass andere Kulturen und ihre Geschichte nicht näher betrachtet werden können, ohne dabei die vorherrschenden Machtverhältnisse in den Blick zu nehmen. Er konstatiert daher, dass der Orient nicht als Orient entdeckt wurde, sondern „orientalisiert“ wurde (vgl. Varela/Dhawan 2005, S. 37).

Diesen Gedanken weiter ausführend kann behauptet werden, dass die Kolonialländer durch die Kolonisatoren nicht entdeckt, sondern vor allem erst mal zu deren Besitz wurden, ohne eigene Identität und dem entsprechend durch die Kolonialisierung zu anderen wurden.

Des Weiteren arbeitet er in seiner Studie heraus, wie der Diskurs dazu missbraucht wurde, der kolonialen europäischen Herrschaft machtdienlich zu sein und Gewalt zu rechtfertigen (vgl. Varela/Dhawan 2005, S. 30f).

Postkoloniale Theorie zeigt demnach die Bedingung auf, den anderen zu einem anderen zu konzipieren, um dadurch das eigene Selbst zu konstituieren (vgl. Varela 2010, S. 256).

Folglich ist die Geschichte der Kolonialländer ohne die Geschichte des Westens, nicht ausreichend erzählt und andersherum, so Shalini Randeria (2002). Sie ist der Ansicht, dass die Moderne nicht als ein singulärer Prozess, der nur in Europa stattgefunden hat, zu verstehen ist, sondern viel mehr von einer verflochtene Moderne auszugehen ist. (vgl. Conrad/Randeria 2002, S. 17 zitiert nach Varela 2010, S. 255). Der Westen konnte seine machtvolle Stellung vor allem durch die Unterdrückung des Orients erlangen. Dieses Gedankengut reicht hinein bis in die aktuelle Zeit und könnte eine Erklärung dafür sein, warum Personen aus dem östlichen Kulturkreis, als fremd wahrgenommen werden und als Andere marginalisiert und gleichzeitig damit abgewertet werden (vgl. Varela 2010, S. 253). Chandra Mohanty drückt dies in ihrem Text „Under Western Eyes“ sehr treffend aus

„Without the overdetermined discourse that creates the third world, there would be no (singular and privileged) first world.“ (Mohanty 1988, S. 82)

Weiters schreibt Sie, dass das westliche und politische Konzept von Humanismus, die Erholung von „Ost“ und „Frau“ als Andere benötigt. Damit wird aufgezeigt, dass die Dekolonialisierungsprozesse nur dann gelingen können, wenn der westliche machtförmige Gedanke besser zu sein, aufgegeben wird.

Gayatri Chakravorty Spivak geht in ihren Arbeiten vermehrt auf die Kolonialisierungs- und Dekolonialisierungsprozesse ein. Dies steht vor allem zu der Said´schen Konzeption von Kolonialismus als Unterdrückung und Ausbeutung im Kontrast. Spivak geht davon aus, dass der Kolonialisierungsprozess fundamental zerstörerisch ist, aber gleichzeitig weitere Chancen bietet. Der Diskurs des Postkolonialismus beschreibt sie als ein „Produkt einer Vergewaltigung“ und eröffnet damit die Möglichkeit internationale Beziehungen und Zusammenarbeit abzulehnen. Für Spivak sind Begriffe wie „Inderin“ Ergebnisse kolonialer Diskurse und konstituieren das postkoloniale Subjekt nur tiefergehend. Mit einer Subjektbezeichnung wie z.B. „Inderin“ oder „Asiatin“ und den damit verbundenen Zuschreibungen von Eigenschaften, die in einer der untersten Ebenden der sozialen Hierarchie angesiedelt sind, werden die damit bezeichneten Personen nur noch mehr als andere deklariert und konstituiert. Vor allem durch die „epistemische Gewalt“ und die Euphorie des antikolonialen Diskurses sieht Spivak die Ungleichheiten, die bereits während der Kolonialisierung entstanden sind, vervielfältigt. Auch wenn versucht wird nicht zu differenzieren, wird gerade dadurch wieder Differenz geschaffen (vgl. Spivak 1996 zitiert nach Varela 2005, S. 56ff). Für Spivak ist besonders die Pädagogik von Bedeutung, sieht sie diese doch als Werteindustrie der Zukunft, indem Kindern von heute die Werte von morgen vermitteln werden sollen (vgl. Spivak 1990 zitiert nach Varela 2005, S. 58). Für sie ist daher das Verlernen im Lernprozess besonders wichtig. Die tradierte Geschichte des 19. Jahrhunderts die ohne die Kolonialisierung und dem Imperialismus auskommt führt wieder nur zu epistemischer Gewalt und damit zur Reproduktion der anderen (vgl. Spivak 1985 zitiert nach Varela 2005, S. 58). Epistemische Gewalt verhindert durch die Reproduktion die Dekolonialisierungsprozesse (vgl. Varela 2010, S. 253).

Mohanty und Spivak sind sich darüber einig, dass die literarische Verarbeitung der Kolonialisierungsgeschichte in Romanen problematisch ist. Werden doch in ihnen gerade die kolonialisierten Protagonisten als Andere dargestellt und dieses Bild weiter tradiert (vgl. Varela 2005, S. 59). Durch die Darstellung von kolonialistischen Themen in Romanen, wird das Bild über die Anderen weiter verfestigt und unter anderem auch in pädagogischen Situationen weitergetragen. Die Geschichte wird in den Klassenraum hineingetragen und weitergeführt mit dem Hintergrund, dass es ja schon immer so war, was die Geschichte erzählt.

Die Postkoloniale Theorie ist in Bezug auf die Fragestellung ein wichtiger Eckpfeiler, da in ihr das Hintergrundwissen erläutert wird, um auf die Fragestellung einen Rückbezug nehmen zu können. Wenn das Lehrpersonal unbewusst die Geschichte weiter trägt und sich selbst als Europäer/In als höherwertig einstuft, so wird deutlich welche Mechanismen zutage kommen und warum daher Minderheiten im pädagogischen Alltag dadurch marginalisiert und als Andere klassifiziert werden.

2.2 Das Konzept „Othering“

Eine Besonderheit innerhalb der Postkoloniale Theorie hat Edward Said mit seinem Konzept Othering geschaffen. Sein Werk „Orientalism“ stellt eines der Schlüsselkonzepte Postkolonialer Theorie dar. Sein Konzept von Othering beschreibt wie vorherrschende Kulturen sogenannte andere Kulturen dominieren und dadurch erst erzeugen. Unter Othering will Said verstanden wissen,

„der_die Andere beständig (neu) erzeugt und gleichzeitig auf der Position der Differenz festgezurrt werden muss. Das Fremd-machen (Othering) bedient sich der Differenz als konstitutives Außen, um Identität herzustellen. Othering bedarf insoweit zwangsläufig der Essentialisierung und Homogenisierung. Innerhalb der Kolonialisierungsprozesse wurde so ein klares „Wir“ und die „Anderen“ - „Europa“ und der „Rest“, wie Stuart Hall bemerkt - hergestellt.“ (Varela M. d., 2010)

Othering bedeutet für Said gleichzeitig, dass ein Selbst ohne den Anderen unvorstellbar ist und dass jede Person durch die vorherrschenden Umstände geprägt ist, eine bestimmte Stellung innehat und nur aus dieser Sichtweise handeln kann. Er ist stets im Hier und Jetzt eingeschlossen. Wenn über den anderen gesprochen wird, so wird auch immer über das eigene Selbst gesprochen, denn sie sind untrennbar miteinander verflochten. Jede Person ist in seiner eigenen wie auch in der gesellschaftlichen Geschichte verhaftet und damit auch in einer kolonialisierten Geschichte.

[...]

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Differenzenpraktiken im pädagogischen Alltag und wie sie beschrieben werden können
Hochschule
Universität Wien
Note
1
Autor
Jahr
2015
Seiten
13
Katalognummer
V346742
ISBN (eBook)
9783668360259
ISBN (Buch)
9783668360266
Dateigröße
774 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gender, othering, Postkoloniale Theorie
Arbeit zitieren
Anja Walter (Autor), 2015, Differenzenpraktiken im pädagogischen Alltag und wie sie beschrieben werden können, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/346742

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