Türen sind nicht nur feste Bestandteile konstruierter Gebäude, vielmehr gelten sie als Medien der Architektur. Durch sie stellen sich in erster Linie Unterscheidungstechniken her, indem überhaupt erst innen und außen in ein besonderes Verhältnis gelangen. Die Funktion der Tür manifestiert sich im Öffnen und Schließen, in jenen Operatoren, die anfänglich vollständig der aktiven menschlichen Kontrolle zugeordnet waren und inzwischen ebenso durch Mechanismen oder Automatisierungen ausgeführt werden können. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Thema der Tür(en) in Franz Kafkas „Die Verwandlung“. Dabei bildet neben Kafkas Erzählung, Bernhard Siegerts „Türen: Zur Materialität des Symbolischen“ die Grundlage dieser Verschriftlichung.
Zuerst soll kurz auf den Inhalt von Die Verwandlung eingegangen werden, um die literarische Tür-Dimension näher zu bringen. In der folgenden Dreiteilung der Analyse wird diese beginnend unter Siegerts Kulturtechnik-Begriff beleuchtet. Danach rücken die durch eine Tür hergestellten Differenzen in den Fokus. Die Öffnungs- und Schließtechniken führen in Kafkas Erzählung zu einem Isolationsmoment, der über das Innen- und Außenverhältnis erforscht werden soll. Dabei wird Georg Simmels Essay „Brücke und Tür“ hinzugezogen, weil hierbei Begrenzungs- und Freiheitsempfinden anhand architektonischer Bestandteile diskutiert und demnach auf den Untersuchungsgegenstand angewendet werden können. Im letzten Teil sollen kurz die Machtkonstellationen erläutert werden, die durch die Tür überhaupt erst hergestellt worden sind. Während der Ausarbeitung wird die Tür nicht nur als ein einzelner Baustein im Raum betrachtet, sondern vielmehr als ein sich im kulturellen System befindendes Element. Im Fazit werden die Erkenntnisse zusammengetragen.
Ziel der Hausarbeit ist es Gregor Samsas Tür aus „Die Verwandlung“ mit den Begriffen aus Bernhard Siegerts Medientheorie zu untersuchen und damit zu überprüfen, ob die wesentlichen Techniken, die durch die Tür hervorgerufen werden, ebenso im literarischen Werk erfahrbar sind.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Franz Kafkas „Die Verwandlung“
3. Kultur- und Unterscheidungstechniken der Tür in „Die Verwandlung“
3.1 Kulturtechniken
3.2 Innen / Außen
3.3 Fores, Grenzüberschreitungen und Machtkonstellationen
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Das primäre Ziel dieser Arbeit ist es, die Funktion der Tür in Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ auf Basis von Bernhard Siegerts Medientheorie zu analysieren, um zu prüfen, inwieweit die durch Türen hervorgerufenen kulturellen Techniken der Unterscheidung im literarischen Werk erfahrbar sind.
- Analyse der Tür als kulturelles Medium und technischer Apparat.
- Untersuchung der Differenzbildung von Innen und Außen.
- Deutung der Öffnungs- und Schließtechniken als Machtinstrumente.
- Einbezug kulturtheoretischer Konzepte von Bernhard Siegert und Georg Simmel.
- Reflexion über die Dehumanisierung Gregors durch architektonische Barrieren.
Auszug aus dem Buch
3.1 Kulturtechniken
Bernhard Siegert nähert sich über Theodor W. Adorno an den Begriff der Kulturtechnik. Demnach wird es verlernt „leise, behutsam und doch fest eine Tür zu schließen“. In der Technisierung hören für ihn Türen auf kulturelle Medien zu sein, da sie sich in Maschinen verwandeln. Er begriff demnach das Verschwinden der Türklinke als ein Ereignis von epochalem Ausmaß. Adorno setzt Geste und Mechanismus, menschliche und nichtmenschliche Akteure in ein Verhältnis, wobei in der Vermittlung sogar dem letzteren die Macht zukommt, das Subjekt in seinem Sein zu dezentrieren und depotenzieren. Kultur ist für ihn etwas, das allein mit den Dingen anthropomorph angehenden Menschen zugehört; Kulturtechniken wären demnach Gesten, die die Dinge anthropomorphisieren und diese in die Sphäre des Humanoiden einschließen.
Siegert hingegen bezieht sich auf den Kulturtechnik-Begriff der neunziger Jahre, wobei Kultur im Gegensatz zu Adorno als ein humanoid-technoider Hybrid gilt. Im komplexen Akteur-Netzwerk sind gleichermaßen Objekte und Handlungsketten inbegriffen, sodass das Menschsein und dessen Machtzuschreibung nicht immer schon gegeben sind, sondern durch Kulturtechniken zuallererst konstituiert werden.
Die Bezeichnung der Kulturtechnik ist heute deswegen so produktiv, weil sie den problematischen Dualismus von Medien und Kultur unterläuft, indem sie die Begriffe Medien, Kultur und Technik gemeinsam zur Disposition stellt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die medientheoretische Relevanz der Tür als Architektur-Medium ein und skizziert die methodische Vorgehensweise anhand von Siegerts und Simmels Theorien.
2. Franz Kafkas „Die Verwandlung“: Dieses Kapitel gibt einen inhaltlichen Überblick über die Erzählung und ordnet das zentrale Motiv der Tür in das häusliche Umfeld Gregor Samsas ein.
3. Kultur- und Unterscheidungstechniken der Tür in „Die Verwandlung“: Das Hauptkapitel untersucht detailliert, wie Türen als Instrumente zur Differenzierung von Innen und Außen dienen und welche Machtdynamiken durch ihre Bedienung entstehen.
3.1 Kulturtechniken: Hier wird der medientheoretische Begriff der Kulturtechnik erörtert und auf das spezifische Öffnen und Schließen der Zimmertür durch Gregor Samsa angewendet.
3.2 Innen / Außen: Dieses Kapitel beleuchtet mittels Georg Simmels raumsoziologischer Perspektive, wie die Tür als Gelenk zwischen dem privaten Raum und dem Äußeren fungiert.
3.3 Fores, Grenzüberschreitungen und Machtkonstellationen: Der Abschnitt fokussiert auf die symbolische Bedeutung der Türschwelle und die mit der Kontrolle des Schlüssels verbundene Machtausübung.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass die Tür als anthropomorphisiertes Ding wesentlich zur Dehumanisierung Gregors beiträgt.
Schlüsselwörter
Tür, Die Verwandlung, Franz Kafka, Kulturtechnik, Bernhard Siegert, Georg Simmel, Innen und Außen, Machtkonstellation, Medientheorie, Architektur, Unterscheidungstechnik, Dehumanisierung, Symbolik, Gregor Samsa, Raumsoziologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Bedeutung der Zimmertür in Franz Kafkas „Die Verwandlung“ aus einer medientheoretischen Perspektive.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Schwerpunkte liegen auf Architekturtheorie, medienwissenschaftlichen Kulturtechniken und der soziologischen Analyse von Raumverhältnissen.
Was ist die zentrale Forschungsfrage?
Es wird untersucht, ob sich die von Bernhard Siegert definierten Kulturtechniken im literarischen Werk „Die Verwandlung“ in Bezug auf die dort beschriebenen Türen nachweisen lassen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt einen theoretischen Analyserahmen basierend auf Medientheorie und Raumsoziologie, um literarische Szenen zu interpretieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Tür als technisches und mediales Objekt, die Bedeutung der räumlichen Trennung von Innen und Außen sowie die Machtaspekte, die durch das Abschließen und Öffnen entstehen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wesentliche Begriffe sind Kulturtechnik, Medientheorie, Differenzbildung, Machtkonstellation, Raumsoziologie und Dehumanisierung.
Welche Rolle spielt Georg Simmel in der Argumentation?
Simmel wird mit seinem Aufsatz „Brücke und Tür“ herangezogen, um das architektonische Gelenk zwischen privatem und öffentlichem Raum als Voraussetzung für soziale Distanzierung zu verstehen.
Warum wird Gregors Unfähigkeit, die Tür zu öffnen, besonders betont?
Diese Unfähigkeit wird als Ausdruck seiner Dehumanisierung und seines Verlusts an Handlungsmacht interpretiert, da die Kulturtechnik der Tür exklusiv für menschliche Physis konzipiert ist.
Welches Fazit zieht der Autor zur Rolle der Tür?
Die Tür wird als ein Instrument identifiziert, das durch die Familie genutzt wird, um Gregor auszugrenzen und seine Verwandlung durch physische Isolierung zu manifestieren.
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- Simon Dietze (Author), 2016, Die Tür(en) in Franz Kafkas "Die Verwandlung", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/346746