Die Darstellung in Aulus Gellius‘ "Noctes Atticae". Das Verhältnis zwischen Philosophie und Rhetorik in der Hohen Kaiserzeit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Quellenkapitel

3 Das Verhältnis zwischen Philosophie und Rhetorik in der Hohen Kaiserzeit

4 Die Darstellung des Verhältnisses zwischen Philosophie und Rhetorik in den Noctes Atticae
4.1 Die Darstellung des Favorinus von Arelate
4.2 Die Darstellung des Lukios Kalbenos Tauros
4.3 Die Darstellung des Herodes Atticus

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Für die gesellschaftlichen Eliten des Römischen Reiches spielte Bildung eine herausragende Rolle. Im Gegensatz zu den teilweise vererbten Status symbolen wie Reichtum oder Macht wurde umfangreiches Wissen unter den Zeitgenossen eher als eine Errungenschaft betrachtet, die das Ergebnis eines langen und anstrengenden Ausbildungsprozesses darstellte und nicht ohne Weiteres erlangt oder weitergegeben werden konnte. Somit war Bildung, neben Reichtum und Macht, ein wichtiger Faktor zur sozialen Abgrenzung der römischen Oberschicht[1]. Entsprechend hohes Ansehen genossen demnach auch die jeweiligen Bildungsdisziplinen .[2] Allerdings rangierten nicht alle auf demselben Stand und zwischen den einzelnen Bildungsbereichen gab es unterschiedliche Ansichten darüber, welche Disziplin die wichtigste und bedeutendste darstellte. Diese Konkurrenzsituation trat besonders zwischen der Philosophie und der Rhetorik zu Tage. Mit dieser Arbeit soll untersucht werden, wie sich das Verhältnis zwischen diesen beiden Professionen in der Hohen Kaiserzeit gestaltete und ob man für diese Zeit von einem Konflikt sprechen kann. Eine ähnliche Fragestellung wurde bereits von Karadimas und Kasulke bearbeitet. Sie bezogen sich vor allem auf die Überlieferungen von Sextus Empericus, Aelius Aristides, Fronto sowie Marc Aurel, kamen dabei allerdings zu unterschiedlichen Ergebnissen. Aus diesem Grund soll jene Thematik hier noch einmal anhand einer weiteren Quelle der Hohen Kaiserzeit, an Aulus Gellius‘ Noctes Atticae, bearbeitet werden.

Dabei sollen vor allem drei Personendarstellungen genauer untersucht werden. Herodes Atticus dient dabei als Repräsentant der Rhetorik, da er, als Rhetoriklehrer sowie erfolgreicher und gefeierter Vertreter der Zweiten Sophistik, dieser Bildungsdisziplin zuzurechnen ist. Als Vertreter der Philosophie bietet sich Lukios Kalbenos Tauros an. Bei ihm ist davon auszugehen, dass er aufgrund seiner Zugehörigkeit zur Akademie in der Tradition Platons steht und die Rhetorik dementsprechend zu kritisierten weiß. Hinzu kommt Favorinus von Arelate, welcher sich auf der Schwelle zwischen beiden Disziplinen befindet. Der Untersuchung der Personendarstellungen wird eine kurze Abhandlung über die bisherigen Erkenntnisse zum Verhältnis zwischen Philosophie und Rhetorik in der Hohen Kaiserzeit vorangestellt.

2 Quellenkapitel

Die Hauptquelle der hier vorliegenden Arbeit bildet Aulus Gellius‘ einzige überlieferte Schrift Noctes Atticae. Dabei handelt es sich um ein 20 Bücher umfassendes Werk in lateinischer und teilweise griechischer Sprache, welches Gellius zwischen 140 und 165 in Attika begann zusammenzustellen .[3] Es besteht aus ungeordneten Miszellen, in denen Gellius vermeintliche Erlebnisse mit seinen Lehrern und historische Anekdoten wiedergibt. Aufgrund seiner besonderen literarischen Form fällt es schwer, dieses Werk einer bestimmten Gattung zuzuordnen. Während Vardi für eine Einordung als Miszellenwerk plädiert, spreche Pausch zufolge das starke dialogische Element dieser Arbeit gegen eine solche Einordung[4]. Aus diesem Grund definiert er die Noctes Atticae als „buntschriftstellerisches ,Substrat‘ mit starken dialogischen Elementen“[5]. Genauere Angaben lassen sich hingegen zum Zweck der Noctes Atticae und zur Intention des Autors machen. Gellius selbst gibt in der Einleitung zu verstehen, dass er den Zweck seines Werkes in der unterhaltsamen Wissensvermittlung sehe und den Leser damit bei der Entwicklung seiner Persönlichkeit, seines Gedächtnisses sowie seiner rhetorischen Fähigkeiten „in der gewöhnlichen Unterhaltung, wie beim wissenschaftlichen Austausch“[6] unterstützen möchte[7]. Vardi fügt hinzu, dass Gellius mit seinem Werk außerdem versuche, sein eigenes Bildungsideal zu propagieren. Ihm zufolge halte Gellius die in der Hohen Kaiserzeit zunehmende Spezialisierung auf einzelne Wissensgebiete für kontraproduktiv. Ausschlaggebend dafür sei die Angst, dass ein solcher Spezialisierungsprozess zu einer Konzentration des Wissens auf eine schmale Gelehrtenschicht führen könnte. In einem solchen Fall wäre dieses Wissen für gebildete Laien, zu denen sich Gellius selbst zähle, nicht mehr zugänglich. Aus diesem Grund lege er großen Wert darauf, sein Werk im Sinne der enkyklios paideia zu präsentieren und dem Trend zur Spezialisierung entgegen zu wirken[8].

Was die Glaubwürdigkeit der in Noctes Atticae gemachten Angaben anbelangt, so ist vor allem bei der Präsentation von Gellius‘ Weggefährten und Lehrern Vorsicht geboten. Gellius schöpft nicht nur aus Erlebtem, sondern auch aus schriftlichen Quellen, deren Inhalt er seinen Weggefährten in den Mund legt, ohne die entsprechenden Herkunft zu nennen[9]. Außerdem passte Gellius die Darstellung seiner Lehrer und Freunde wohl an die didaktischen

Zielsetzungen seines Werkes an. Elemente, welche dem Modellcharakter der Protagonisten nicht entsprechen, werden daher in den Noctes Atticae ausgeblendet[10]. Pausch gibt jedoch an, dass gerade die Personendarstellungen wohl nicht allzu weit von der damaligen Realität abweichen können. Ihm zufolge diene Gellius‘ Personendarstellung vor allem zwei Zwecken, welche er als „Monument und Modell“[11] beschreibt. Einerseits dienten die Darstellungen als literarische Denkmäler, andererseits als „Modelle für vorbildliches Verhalten im Rahmen der Bildungskultur“ .[12] Die Darstellungsweise der Persönlichkeiten im Sinne der Modelle sei also von Gellius‘ eigener Einstellung zu den jeweiligen Bildungsdisziplinen und von seiner didaktischen Absicht abhängig. Jedoch erlaube die Monumentfunktion keine zu großen Abweichungen von den realen Personen, da Gellius ihnen sonst kein authentisches literarisches Denkmal hätte setzen können [13]. So sind die Personendarstellungen vielleicht nicht im Detail, aber dafür in ihrer Tendenz als glaubhaft einzuschätzen.

So bleibt für den Zweck dieser Arbeit noch zu klären, welche Einstellung Gellius selbst zu den zwei Bildungsdisziplinen Rhetorik und Philosophie hat. Beide Bereiche werden in den Miszellen seines Werkes behandelt und so fällt es schwer, Gellius einer Disziplin zuzuordnen. So ist er zwar an Sprache und Rhetorik interessiert, jedoch ginge es zu weit, ihn einen Rhetor zu nennen.[14] Auch philosophische Anekdoten sind in den Noctes Atticae zu finden. Allerdings sucht man vergeblich nach tiefgründigen philosophischen Abhandlungen. Stattdessen sind die Ausflüge in die Philosophie fast ausschließlich moralischer Natur, wodurch Gellius‘ eigene Vorstellung von der Nützlichkeit der Philosophie zu Tage treten. Diese nütze ihm nur dann etwas, wenn sie „der Ausbildung der Jugend und der moralischen Anleitung der Menschen“[15] diene. Er ist kann also auch nicht als Philosoph betrachtet werden. Dies ist eine gute Ausgangslage für den Zweck dieser Arbeit, da davon auszugehen ist, dass er weder der einen, noch der anderen Disziplin einen höheren Wert zumisst und sich daher mit persönlichen Bewertungen zurückhält.

3 Das Verhältnis zwischen Philosophie und Rhetorik in der Hohen Kaiserzeit

Angehörige der Philosophie und der Rhetorik stritten bereits seit dem vierten Jahrhundert v. Chr. darum, welche der beiden Disziplinen die legitime Form der Bildungskultur darstellte[16]. An dieser Stelle seien vor allem die Auseinandersetzung zwischen Platon und Isokrates im vierten Jahrhundert sowie der Streit zwischen den verschiedenen hellenistischen Philosophen- und Rhetorenschulen im zweiten Jahrhundert v. Chr. genannt [17]. Das gemeinsame Schlachtfeld dieser Auseinandersetzungen stellte dabei die Ausbildung der angehenden Eliten dar [18]. Beide Disziplinen stritten im Grunde um Einfluss auf diejenigen Persönlichkeiten, die die zukünftigen Geschicke im griechischen Polis-Staat beziehungsweise im römischen Reich leiten sollten. Obwohl in beiden Fällen vor allem die Frage nach der praktischen Anwendbarkeit sowie der Bedarfsorientierung im politischen Leben ausschlaggebend war[19], wurden die Diskussionen größtenteils auf moralischer Ebene geführt. So mussten sich Vertreter der Rhetorik vor allem gegen den Vorwurf verteidigen, dass ihr Handwerk moralisch prinzipienlos sei [20]. Hinzu kam, dass sich die Zuständigkeitsbereiche der beiden Disziplinen in hellenistischer Zeit immer mehr überschnitten. In der Mitte des zweiten Jahrhunderts vor Chr. erörterten nun auch Rhetoren solche ethisch-politische Fragen, welche traditionell den Philosophen vorbehalten waren. Als Reaktion darauf wurde in Philosophenschulen ein größeres Augenmerk auf die rhetorische Ausbildung der Schüler gelegt, was schließlich zu einem Kompetenzgerangel zwischen den beiden Disziplinen führte [21]. In der frühen Kaiserzeit entschärfte sich dieser Konflikt allerdings zusehends. Aufgrund wachsender innenpolitischer Stabilität, sozialer Ruhe und größeren Wohlstandes zogen sich beide Disziplinen immer mehr aus dem politischen Geschehen zurück. Während die freie Rede als Medium politischer Entscheidungsfindung immer mehr an Bedeutung verlor, konzentrierte sich die Philosophie vermehrt auf den Bereich der individuellen Ethik und der persönlichen Lebensführung. Dieser weitgehende Verzicht auf einen politischen Führungsanspruch ermöglichte erstmals eine gleichberechtigte Koexistenz beider Professionen [22].

[...]


[1] Vgl. Hahn 2011, 134 f.

[2] Vgl. Kasulke 2005, 58.

[3] Vgl. Gell. praef. 4; Ameling 1984, 485.

[4] Vgl. Vardi 2004, 164; Pausch 2004, 153.

[5] Pausch 2004, 154.

[6] Gell. praef. 13.

[7] Vgl. Gell. praef. 1.

[8] Vgl. Vardi 2001, 54.

[9] Vgl. Ameling 1984, 484.

[10] Vgl. Pausch 2004, 209.

[11] Pausch 2004, 208.

[12] Pausch 2004, 208.

[13] Vgl. Pausch 2004, 226.

[14] Vgl. Gell. 1, 5, 3; 1, 15, 3; 6, 3; 10, 19, 3; Lakmann 1995, 5; Morgan 2004, 193.

[15] Lakmann 1995, 5.

[16] Vgl. Schmitz 1997, 86.

[17] Vgl. Kasulke 2005, 20.

[18] Vgl. Karadimas 1996, 1f.

[19] Vgl. Kasulke 2005, 49.

[20] Vgl. Kasulke 2005, 33.

[21] Vgl. Kasulke 2005, 41 f.

[22] Vgl. Kasulke 2005, 50.

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Details

Titel
Die Darstellung in Aulus Gellius‘ "Noctes Atticae". Das Verhältnis zwischen Philosophie und Rhetorik in der Hohen Kaiserzeit
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Herodes Atticus und die Zweite Sophistik
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
19
Katalognummer
V346868
ISBN (eBook)
9783668361195
ISBN (Buch)
9783668361201
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
verhältnis, philosophie, rhetorik, hohen, kaiserzeit, darstellung, aulus, gellius‘, noctes, atticae
Arbeit zitieren
Sebastian Flock (Autor), 2016, Die Darstellung in Aulus Gellius‘ "Noctes Atticae". Das Verhältnis zwischen Philosophie und Rhetorik in der Hohen Kaiserzeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/346868

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