Die Religion der Wikinger. Mythen und Heldensagen und ihr historischer Ursprung


Hausarbeit, 2012

30 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Die Nordischen Götter
2.1. „Die Völuspa“ - Vom Werden und Vergehen der Welt
2.2. Die Göttergemeinschaft in Asgard
2.3. Odin – Göttervater mit vielen Gesichtern
2.4. Thor – Der Donnergott
2.5. Balder – Der Lichte
2.6. Loki – der verstoßene Verräter
2.7. Die Götter der Fruchtbarkeit
2.8. Tyr – der Einhändige unter den Göttern
2.9. Ragnarök - Die „Götterdämmerung“

3. Helden und ihre Mythen
3.1. Die Völkerwanderungszeit – Die Geburt der germanischen Helden
3.2. Dietrich von Bern – im immerwährenden Exil
3.3. Wieland der Schmied
3.4. Siegfried und der Nibelungen Not
3.5. Beowulf – Monstertöter und Drachenkämpfer

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einführung

Die Entstehung der nordischen Mythen und Sagen erstreckt sich sowohl geographisch als auch zeitlich über ein weites Feld. Das erste, nachweisbare schriftliche Zeugnis über Glaube und Zeremonie der germanischen Stämme ist der Bericht des römischen Historikers Tacitus aus dem 1. Jahrhundert nach Chr., allerdings reiste Tacitus nicht selbst zu den erwähnten Stämmen, sondern gab als Außenstehender wahrscheinlich nur das wieder, was er von Reisenden gehört hatte[1].

Bei den meisten germanischen Stämmen begann die Ära der Schriftlichkeit mit der Bekehrung zum Christentum. Zwar gab es bei Angelsachsen und Skandinaviern der vorchristlichen Ära ein Runen-Alphabet, das dazu benutzt wurde, verhältnismäßig kurze Texte in Stein, Holz, Knochen oder Metall zu gravieren, lange literarische Texte in Form von Handschriften sind jedoch erst das Ergebnis christlich-lateinischer Bildung[2].

Im 9. Jahrhundert wurde Island von einem Skandinavier entdeckt und in der Folgezeit in weiten Teilen von Norwegen aus besiedelt[3]. Allerdings verstanden die Isländer offensichtlich die Mythen ihrer Vorfahren schon damals als Teil ihrer Geschichte und damit ihrer Identität, den es zu pflegen galt[4]. Im Mittelalter brachte Island dann eine Literatur hervor, die in Menge und Qualität mit nichts in der übrigen mittelalterlichen Welt zu vergleichen ist. Wohl bereits im 12. Jahrhundert begannen die Gelehrten der Insel alte Mythen in Form sog. Götterlieder mündlich wie schriftlich zu sammeln oder sogar im vermeintlich alten Stil nachzudichten. Eine danach zusammengestellte Pergamenthandschrift von etwa 1270 ist erhalten geblieben. Der Inhalt dieser Handschrift, des „ Codex Regius “ („Königliche Handschrift“), ist gemeinhin als die „Götter- oder Heldenlieder der älteren Edda“ bzw. „Lieder-Edda“ berühmt geworden[5].

Im 12. Jahrhundert vollzog sich ausgehend von den Gelehrten französischer Schulen ein Wechsel im Umgang mit der antiken Mythologie der Griechen und Römer, deren Überlieferungen zumindest vorurteilsfreier gepflegt wurden. Die Nachkommen der Kelten und Germanen hatten allerdings schon früher dem Erbe der Mythen des Nordens interessierter gegenüber gestanden, was übrigens nicht gegen die Festigkeit ihres christlichen Glaubens spricht[6].

Der einflussreiche isländische Politiker, Historiker und Gelehrte Snorri Sturluson (1179-1241) schrieb um 1220 ein Lehrbuch für Skalden, die traditionellen Dichter der Norweger und Isländer[7]. Es sollte als Hilfsmittel zur kritischen Würdigung und zum Verständnis der Wikingerzeit dienen[8]. Er gab ihm den Namen „Edda“, was in der altnordischen Sprache unter anderem „Urgroßmutter“ bedeutet und hier wohl im Sinne von „Poetik“ verstanden wurde. Snorri war für sein Werk vielfältig tätig: Er sammelte mündlich überlieferte Strophen der Skalden, griff auf die erwähnten Sammlungen von Götterliedern zurück, gestaltete wahrscheinlich einige Mythen zu unterhaltsamen Erzählungen aus und verfasste schließlich selbst ein Gedicht von 102 Strophen[9]. Viele Erzählungen und Anekdoten über Götter und Helden schrieb er in Prosa nieder, hauptsächlich weil es, wie er meinte, schwierig sei die skandinavischen Dichter zu verstehen, wenn man ihre Anspielungen auf die Geschichten nicht versteht. Snorri gibt als Christ detailliert Zeugnis über den heidnischen Glauben seiner Vorfahren ab, von dessen Göttern viele der gesamten germanischen Welt gemein waren[10].

Die Isländer im späten Mittelalter erzählen in zahlreichen mundartlichen Prosadichtungen die Geschichten ihrer heidnischen Wikinger-Ahnen, die Island besiedelt hatten, und isländische Familien-Sagen. Auch norwegische Königsgeschichten und Geschichten aus einer fernen, sagenhaften Vergangenheit, die bis zu Attila zurück reichen sollen, wurden weiter erzählt[11].

Im Laufe der Zeit mussten sich die Nordischen Götter zweimal anderen unterordnen: Zum einen im frühen Mittelalter als das Christentum aufkam, dass ihre Heiligtümer zerstörte und die alten Überlieferungen als heidnisch, sogar teuflisch verdammte. Ein zweites Mal als die „Renaissance“ der Antike, Europa bereits im 12. Jahrhundert ein Repertoire an griechischen und römischen Mythen bescherte[12].

Während der frühen Phasen der Christianisierung stand die Epoche der isländischen und angelsächsischen Literatur ihrer heidnischen Vergangenheit fern, was zum Verlust vieler antiker Überlieferungen führte. Im Unterschied zu den Angelsachsen waren die Isländer jedoch von Anfang an, an ihrem Erbe interessiert und bewahrten und berichteten daher weit mehr[13]. Trotzdem ist es für Historiker der heutigen Zeit schwer einen eindeutigen Eindruck über das Leben und den Glauben der Wikingerzeit zu gewinnen. Zwar gibt die Art und Weise der Bestattung Aufschluss über die religiösen Vorstellungen vom Leben im Jenseits und auch das Vorkommen von Namen germanischer Gottheiten in Bestandteilen heutiger Ortsnamen bietet eine gewisse Orientierungshilfe zur Lokalisierung spezifischer Kulte, doch selbst wenn man die gesamten Erkenntnisse der verschiedenen Forschungsbereiche zusammen nimmt, so wird das Endergebnis noch längst kein befriedigendes, scharf umrissenes Bild der germanischen Mythologie sein[14].

Diese Arbeit soll versuchen die Ursprünge für germanische Mythen und Heldenepen ausfindig zu machen und einen Einblick in das Verhältnis von antiken und mittelalterlichen Dichtern geben, die historische Personen und Ereignisse mit kulturellen und religiösen Vorstellungen vereinten.

2. Die Nordischen Götter

2.1. „Die Völuspa“ - Vom Werden und Vergehen der Welt

Wahrscheinlich dichtete ein Skalde die „Weissagung der Seherin“, das berühmteste Götterlied der „Lieder-Edda“, das bereits Snorri Sturluson für seine Edda verwendete. Der Verfasser blieb allerdings ebenso unbekannt wie Entstehungsort und -zeit. Ihrem Dichter unterstellt man, er habe als Anhänger des alten Glaubens unter derartigen Einflüssen eine gewaltige Schau der heidnischen Mythenwelt entworfen. Aus historischer Sicht ein Glücksfall ob mit oder ohne christlichen Einfluss, denn vor allem diesem Visionsgedicht und Snorris Erklärungen und Ergänzungen ist das eingehende Bild der nordgermanischen Mythologie zu verdanken[15].

Inhalt des Liedes ist die Weissagung einer, von Riesen abstammenden Seherin, einer Völva, an den Gott Odin von der Entstehung und dem Ende der mystischen Welt[16]:

Demnach waren die Riesen die ältesten Lebewesen, die mit den natürlichen Kräften von Feuer und Eis verbunden wurden. Ihr Stammvater war Ymir, dessen Name etwa „Zwitterwesen“ bedeutet. Als die heiße Luft mit dem Reif Tau bildete, entstanden daraus der Urriese und die Kuh Audhumla. Ymir nährte sich von ihrer Milch, Leben zeugte er aus sich heraus[17].

Die ersten Götter waren Odin, Wili und We. Diese erschlugen den Urriesen, in dessen Blut mit Ausnahme eines Paares alle Riesen umkamen. Die drei Götter schufen aus Ymirs Körper die Welt: Aus seinem Blut wurden das Meer und alle Gewässer, aus dem Fleisch die Erde, aus den Knochen die Berge. Den Schädel des Riesen nutzten sie als Himmel, den sie an vier Ecken auf die Erde setzten. In jeder stand ein Zwerg, sie hießen nach den Himmelsrichtungen Austri, Westri, Nordri und Sudri. In der Mitte der Welt errichteten sie einen Wall aus Ymirs Wimpern, um vor den Angriffen der Riesen geschützt zu sein. Diese Befestigung nannten sie Asgard[18].

Die Völva spricht von ursprünglich neuen Welten, entscheidend sollte jedoch die Dreiteilung der Welt werden: In die Menschenwelt Midgard, „Wohnort in der Mitte“, die vom Meer kreisförmig umgeben ist; In Utgard, die „Außenwelt“, wo Riesen und andere dämonische Wesen hausen und schließlich Asgard, das Heim der Asengötter, das ursprünglich wahrscheinlich nahe der Menschenwelt lag und später (evtl. im Zuge christlichen Einflusses) in den Himmel versetzt wurde[19].

Ergänzend zu diesem Weltbild kennt die altnordische Mythologie die Vorstellung einer sich über alle Welten erstreckenden Esche namens Yggdrasill. Diese ist zweifelsohne alten Vorstellungen eines Baumes als Kosmosachse geschuldet, zu der die Verehrung von Bäumen hinzukommt. Adam von Bremen bezeugt bekanntlich im 11. Jahrhundert einen gewaltigen Baum am Tempel von Uppsala, der besondere Verehrung genoss.

Die mythische Welt des Nordens wird von einer Vielzahl an Lebewesen bevölkert. Darunter spielen die Menschen die geringste Rolle. Obwohl die Götter ursprünglich sogar mit den Riesen verwandt waren, stellen diese gleichsam das böse Prinzip dar, das Götter wie Menschen ständig bedroht und zum Untergang der alten Welt entscheidend beiträgt. Die Zwerge zählen zu den ältesten Wesen, denn die Götter schufen sie aus Blut und Knochen des Urriesen Ymir. Gemäß Snorri lebten sie anfangs als Maden in dessen Fleisch, bis ihnen die Götter Verstand und menschliche Gestalt verliehen. Der Erde unter den Bergen, den Steinen und Felsen bleiben sie jedoch stets verbunden. Folgerichtig zählt zu ihren charakteristischen Eigenschaften neben der Vorliebe für das Unterirdische und Verborgene ihr Können in der Schmiedekunst[20]. Diese Eigenschaften finden sich noch heute in märchenhafter und mythischen Charakterisierungen.

2.2. Die Göttergemeinschaft in Asgard

Die Gottheiten der Nordgermanen werden üblicherweise der Götterfamilie der Asen zugerechnet, was wohl auf ein altes germanisches Grundwort, das soviel bedeutet wie „Pfahl, Balken“ oder „Lebenskraft“, zurück zuführen ist und damit auf die Verehrung von Holzidolen und (wie in 2.1. erwähnt) der Verehrung von Bäumen. In den Götterliedern und bei Snorri Sturluson findet sich allerdings diese archaische Vorstellung nicht mehr, dort sind die übernatürlichen Wesen gleichsam aus Fleisch und Blut, mit überragenden Fähigkeiten, aber sogar sterblich (grundsätzlich können sie aus der Unterwelt zurück kehren). Die Unterscheidung zwischen den beiden Götterfamilien der Asen, die insbesondere für die Aspekte der Herrschaft und des Krieges stehen, und den Fruchtbarkeitsgöttern der Wanen, die wohl dazu diente die Gottheiten der breiten Masse zugänglich zu machen, wird nicht streng eingehalten[21].

Auch wenn nicht alle Asen von dem Götterpaar Odin und Frigg abstammen, gelten diese doch als über alle residierende Eltern. Odin und sein Sohn Thor wurden besonders verehrt (sie galten speziell als Repräsentanten der Stände, Odin wurde besonders vom Adel und Thor vorwiegend von Bauern verehrt), während die „Göttermutter“ Frigg mit der Liebesgöttin Freyja um Bedeutung ringen musste[22].

2.3. Odin – Göttervater mit vielen Gesichtern

Die „Jüngere Edda“, die Snorri Sturluson im 13. Jahrhundert auf Island verfasste, ist die Hauptquelle unseres Wissens über Odin, aber auch über die meisten anderen germanischen Mythen[23].

Die beiden Edda-Sammlungen kennen Odin oder Wodan als höchsten Gott, dessen Vielgestaltigkeit ihm nicht selten eine unberechenbare, geheimnisvolle Aura verleiht. Ihm wurden nicht nur Krieger und Tote zugesprochen, sondern auch die Skalden sahen ihn als ihren Schutzherren an[24]. Zudem wurde er als Gott der Könige verehrt, die Angelsachsen sahen ihn sogar als den Vorfahren ihrer Herrscher an, eine Vorstellung die noch im Mittelalter geläufig war. In einer, jetzt in Camebridge befindlichen Handschrift aus dem 13. Jahrhundert wird der Stammbaum der englischen Könige von Heinrich II. über Wodan auf Adam zurück verfolgt[25].

Man brachte ihn außerdem mit entfesselten Wutausbrüchen in Verbindung, verehrte ihn als Gottheit der Runenkenntnis und schrieb ihm magische Macht zu, wodurch er Heilkraft besaß. Die Vielzahl seiner Aspekte drückt sich in mehr als 170 Namen und Umschreibungen aus, mit denen man ihn benannte, darunter Allvater, Zauberer, Blinder, Weiser, Gott der Gehängten, der Schreckliche usw.[26].

Man muss begründeter Weise annehmen, dass Odin ursprünglich nicht der Oberste Gott war. Einige frühe Schriftsteller setzen ihn mit Merkur gleich, andere spielen auf längst vergessene Legenden an, deren Bedeutung wir nicht mehr ergründen können. Im frühen Mittelalter war seine Stellung im germanischen Götterhimmel jedoch zweifellos gesichert[27]. Zudem entspricht Odin als der höchste nordgermanische Gott zweifellos dem südgermanischen Wodan, dessen Name mit dem Wort „Wut“ verwandt ist und ihn als Gottheit der Besessenheit und Ekstase kennzeichnet. Verfolgt man die Spuren seines Kultes zurück, so wird er zweifelsfrei als der germanische Gott identifiziert, den die Römer mit Merkur verglichen[28]. Auch für die gebildeten Angelsachsen war Odin, mit dem römischen Merkur zu vergleichen. In einem lateinisch-angelsächsischen Wörterbuch des 8. Jahrhundert wird Wodan mit „Mercurium“ übersetzt. In „De falsis Deis“ erwähnt Aelfric kurz die Verehrung des Merkur, den die Dänen Odin nennen[29].

Zwei von Snorris Erzählungen werden von der Archäologie bestätigt: Erstens durch einen Bildstein aus dem 9. Jahrhundert: Er zeigt Odins achtbeiniges Pferd Sleipnir, das ein Abkömmling von Loki ist, als dieser sich in eine Stute verwandelt hatte. Zweitens durch ein Steinrelief von der Isle of Man: Ein weiterer Spross des Loki, der Wolf Fenrir ist zuerkennen. Zur Zeit des Untergangs der Götter riss Fenrir seinen riesigen Rachen so weit auf, dass er mit dem Unterkiefer die Erde und mit der Schnauze den Himmel berührte[30].

Der am ausführlichsten überlieferte Mythos um Odin ist die Geschichte, wie er den Skaldenmet gewann[31]. In dieser Geschichte erlangt der Gott auf umständliche Weise eben erwähnten Met bzw. die Gabe der Dichtkunst. Der „Dichtermet“ war ein Wunder wirkendes Getränk, das jeden der davon trank, zum Dichter und Weisen machte. Odin besaß es und teilte es an jene aus, die in seiner Gunst standen, diese wurden die Barden. Aus diesem Grund betrachten ihn die Dichter der Wikingerzeit als ihren Schirmherren[32] und nutzen seinen Mythos immer wieder als Quelle der Inspiration[33]. Snorri zufolge bestand der sagenhafte Met aus einer Mischung aus Blut und Honig. Das Blut stammte von dem überklugen Kwasir, den Asen und Wanen zum Zeichen des Friedens aus ihrem gemeinsamen Speichel geschaffen hatten. Historisch gesehen entstammt diese Geschichte vom inspirierenden Dichtertrunk wohl indogermanischem Erbe, die Ursprünge aus Kwasirs Blut erinnern an alte Kultbräuche.[34]

Odin wird durch zahlreiche Kennzeichen charakterisiert, dazu zählt der Speer Gungnir, dessen Stoß niemals endet, außerdem der Goldring Daupnir, von dem in jeder neunten Nacht acht gleich schwere Ringe abtropfen. Sein achtbeiniges Pferd Sleipnir gilt als das beste Pferd bei Göttern wie Menschen. Wenn Odin auf seinem Hochsitz in Walhall Platz nimmt, sitzen die beiden Raben Huginn (Gedanke) und Muninn (Erinnerung) auf seinen Schultern und erzählen ihm, was sie überall gesehen und gehört haben. Vor ihm sitzen die beiden Wölfe Freki und Geri (beides „Gieriger“), die er mit Fleisch füttert[35]. Odin wird auch der Einäugige genannt, da er ein Auge geopfert haben soll, um aus Mimirs Brunnen der Weisheit trinken zu dürfen[36].

Ein angelsächsisches Gedicht unterscheidet deutlich zwischen den Verdiensten der heidnischen und der christlichen Gottheiten: „Wodan schuf Götzen, der Allmächtige schuf die Herrlichkeit, den weiten Himmel“[37]. Wodan wird hier zum Gegenbild des christlichen Gottes, was ihn aus der Vielzahl an heidnischen Göttern hervorhebt und ihm eine gesonderte, bedeutungsvolle Stellung zugesteht.

Hauptsächlich findet sich Odin (oder Wodan) in den Stammesverzeichnissen der angelsächsischen Königsfamilien. Die „Lateinische Chronik“ des angelsächsischen Schriftstellers Aethelweard stellt eine direkte Verbindung zwischen Wodan als dem Ahnherr der angelsächsischen Könige und Odin dem Heidengott her. Die Führer des ersten angelsächsischen Einfalls in England Hengist und Horsa waren „Abkömmlinge von Wodan, einem König der Barbaren. Und nach seinem Tod ehrten ihn die Heiden als Gott mit unsäglicher Ehrfurcht und opferten ihm, um siegreich oder mutig zu werden“[38]. In den Handschriften der angelsächsischen Chronik erscheint Wodan als Ahnherr der Königshäuser von Wessex, Mercia, und Northumbria, manchmal als Stammvater überhaupt, manchmal als einer unter anderen in einer Reihe biblischer Namen, um so eine lückenlose Abstammung von Adam nachzuweisen[39].

„Ich weiß dass ich hing am windigen Baum neun Nächte lang, mit dem Ger verwundet, dem Odin geweiht, ich selbst mir selbst.“[40], dieses Zitat aus der Edda-Geschichte „Havamal“ (die Sprüche des Hohen) kann zu zweierlei Deutungen führen: Aus christlicher Sicht erinnert es an die Kreuzigungsgeschichte Christi und kann als Selbstopfer des Gottes gedeutet werden. Allerdings geht aus keiner der isländischen Quellen hervor, dass sich Odin für die Menschheit hätte opfern wollen. Andererseits ist bekannt, dass der Gott auf der Suche nach Wissen war und dieses häufig durch Leid erlangte, so sagt z.Bsp. ein Zitat aus der „Jüngeren Edda“, dass Odin einen Schluck aus der Quelle Mimir, „in der Weisheit und Verstehen liegen“ mit einem Auge bezahlt habe“[41].

Odin galt als Beispiel an Weisheit und List. Wohingegen „listig“ keinesfalls abschätzig verstanden werden darf. Die Entwicklung des Gottes kann man am Bedeutungswandel der Adjektive „listig“ und „durchtrieben“ verfolgen. Bei beiden schwingt heute ein eher geringschätziger Unterton mit, während sie ursprünglich für einen geschickten oder wissenden Mann galten[42]. Durch diesen Wandel erscheint der Gott oftmals als finstere Gestalt, er bedient sich seiner ungeheuren Kräfte mehr zum Schaden denn zum Nutzen anderer, sowie er diejenigen betrügt, die ihm vertrauen und sogar zum Hader und Meineid anstiftet. Trotzdem wurde er von den Wikingern und Nordischen Völkern hoch geachtet und verehrt, denn er begann nicht die Arglist, sondern half vielmehr diese aufzudecken. Ein Beispiel hierfür gibt der Wikinger Egil Skallagrimsson, der in seinem ergreifenden Klagelied über den Tod seiner Söhne sagt, dass wenn ihm Odin auch seine Kinder genommen habe, so habe er ihm doch zwei große Geschenke gemacht: Die Dichtkunst und die Fähigkeit wirkliche Feinde von bloßen Gaunern zu unterscheiden[43].

Odin wird, als Gott der Geschenke, des Speers und der Raben, eine Nähe zum Tod in Form von Opfern und Krieg zugeschrieben (so ist der Rabe der Raubvogel, der sich von Leichen ernährt). Odin wird in vielen Sagen mit den Schicksalen von Helden und Königen verknüpft, mit Kampf und Feindseligkeit. Snorri berichtet, dass die Norweger einen Trinkspruch auf Odin ausbrachten, damit er ihnen den Sieg schenkte und bei dem mittelalterlichen Historiker Adam von Bremen sollen die Schweden Odin ein Opfer für ihre Siege dargebracht haben[44].

Außer der Beteiligung bei Entstehung und Ende der Welt brachte man Odin insbesondere mit der Vorstellung von Walhall in Verbindung, jener „Halle der Gefallenen“, wo er die in der Schlacht zu Tode gekommenen Krieger empfängt und bis zu den Ragnarök bewirtet. Sein Hof wird als prächtige Halle beschrieben, mit 540 Toren, durch deren jedes 800 Männer ausziehen können. Die als „Einherjer“ bezeichneten Krieger werden von den Walküren („Wählerinnen der Gefallenen“, die auf Odins Geheiß die Getöteten bestimmen) bewirtet und mit Met versorgt. Für niemals zuneige gehendes Essen sorgt das Fleisch des Ebers Sährimnir, das jeden Abend gekocht wird und sich immer wieder erneuert. Auf dem Dach steht die Ziege Heidrun, aus deren Euter unaufhörlich Met für die Einherjer fließt. Die Wurzeln für dieses detailreich beschriebene Walhallbildes reichen wahrscheinlich zu den Walküren als Todesdämoninnen zurück, die die Gefallenen in die Grabhügel begleiteten. Haftet Odin hierbei als Totengott Düsteres an, so tritt er oft auch als Gott des Wissens auf[45], trotzdem haftet ihm niemals etwas Komisches oder sogar Lächerliches an (wie seinem Sohn Thor in vereinzelten isländische Sagen)[46].

Die aussagekräftigsten archäologischen Funde über einen Odin-Kult sind diese, die ein Bild zeigen, auf dem ein Reiter auf einem achtbeinigen Pferd sitzt. Bei Snorri heißt es dass der Gott Loki sich in eine Stute verwandelte, als er das Pferd eines Riesen von der Arbeit ablenken sollte. Diese Ablenkung gelang erstaunlich gut und einige Zeit später gebar Loki ein Fohlen: „Es war grau und es hatte acht Beine, und das Pferd ist das Beste bei Göttern und Menschen“[47], weiterhin heißt es: „Die Pferde der Götter haben folgende Namen: […] Sleipnir ist das Beste. Es gehört Odin, es hat acht Beine“[48]. Wenn wir also ein solches Bild finden, dann dürfe es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Odin auf Sleipnir handeln[49].

[...]


[1] Fell, Christine E.: Götter und Heroen der nordischen Welt, in: Wilson, David M. (Hrsg.): Kulturen im Norden. Die Welt der Germanen, Kelten und Slawen 400-1100 n. Chr., München, 1980. S. 15

[2] Ebd.

[3] Ebd.

[4] Krause, Arnulf: Von Göttern und Helden. Die mythische Welt der Kelten, Germanen und Wikinger, Stuttgart, 2010 S. 248

[5] Ebd.

[6] Ebd.

[7] Ebd.

[8] Fell, Christine E.: Götter und Heroen der nordischen Welt, S. 16

[9] Krause, Arnulf: Von Göttern und Helden, S. 248

[10] Fell, Christine E.: Götter und Heroen der nordischen Welt, S. 16

[11] Vgl. Fell, Christine E.: Götter und Heroen der nordischen Welt, S. 17

[12] Ebd.

[13] Ebd.

[14] Vgl. Ebd. S. 18

[15] Krause, Arnulf: Von Göttern und Helden, S. 250

[16] Ebd.

[17] Ebd.

[18] Krause, Arnulf: Von Göttern und Helden, S. 251

[19] Ebd.

[20] Ebd.

[21] Vgl. Ebd. S. 254

[22] Ebd.

[23] Fell, Christine E.: Götter und Heroen der nordischen Welt, S. 20

[24] Krause, Arnulf: Von Göttern und Helden, S. 252

[25] Fell, Christine E.: Götter und Heroen der nordischen Welt, S. 20

[26] Krause, Arnulf: Von Göttern und Helden, S. 252

[27] Ebd.

[28] Ebd.

[29] Fell, Christine E.: Götter und Heroen der nordischen Welt, S. 21

[30] Ebd.

[31] Krause, Arnulf: Von Göttern und Helden, S. 252

[32] Fell, Christine E.: Götter und Heroen der nordischen Welt, S. 21

[33] Krause, Arnulf: Von Göttern und Helden, S. 253

[34] Ebd.

[35] Krause, Arnulf: Von Göttern und Helden, S. 253

[36] Fell, Christine E.: Götter und Heroen der nordischen Welt, S. 22

[37] Vgl. Ebd. S. 23

[38] Ebd.

[39] Ebd.

[40] Ebd.

[41] Ebd.

[42] Ebd. S.24

[43] Ebd.

[44] Ebd.

[45] Krause, Arnulf: Von Göttern und Helden, S. 253

[46] Fell, Christine E.: Götter und Heroen der nordischen Welt, S. 22

[47] Vgl. Ebd. S. 25

[48] Ebd.

[49] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Die Religion der Wikinger. Mythen und Heldensagen und ihr historischer Ursprung
Hochschule
Universität Siegen  (Mittelalterliche Geschichte)
Veranstaltung
Kompaktseminar: Die Wikinger
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
30
Katalognummer
V347060
ISBN (eBook)
9783668365582
ISBN (Buch)
9783668365599
Dateigröße
644 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
religion, wikinger, mythen, heldensagen, ursprung
Arbeit zitieren
BA of Arts Annalena Schäfer (Autor), 2012, Die Religion der Wikinger. Mythen und Heldensagen und ihr historischer Ursprung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/347060

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