Interkulturalität in der deutschen Gegenwartsliteratur. "Neben mir ist noch Platz" von Paul Maar

Die Kriterien der Interkulturalität nach Heidi Rösch


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

16 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zum Begriff Interkulturalität in Literatur
2.1 Interkulturalität in der Literatur nach Heidi Rösch

3. Inhaltsangabe und Hintergrundinformationen zum Buch Paul Maar - Neben mir ist noch Platz
3.1 Erzählstruktur und Sprache
3.2 Interkulturalität nach Heidi Rösch im Buch von Paul Maar - Neben mir ist noch Platz
3.2.1 Wissen
3.2.2 Können
3.2.3 Soziales Bewusstsein
3.2.4 Personales Bewusstsein

4. Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„ Kinder- und Jugendliteratur, die das Thema Migration aufgreift, nutzt poetische Kraft f ü r p ä dagogische Ziele, indem sie Kindern und Jugendlichen beim Erkennen, Deuten und Gestalten der Welt unterst ü tzt. “

(R ö sch 2006a, S.230)

Die Welt erlebt heutzutage einen großen Wandel. Immer mehr fremde Kulturen wachsen zusammen. Allerdings herrschen immer noch Berührungsängste zwischen den unterschiedlichen Kulturen. Besonders in den Schulen treffen viele individuelle Persönlichkeiten und kulturell unterschiedliche Identitäten aufeinander, was zu Konflikten führen kann. Kinder und Jugendliche kommen jedoch nicht mit Vorurteilen auf die Welt, sondern werden in ihren Meinungen oft von ihren Eltern oder sonstigen Vorbildern und Alltagsbegegnungen beeinflusst oder geprägt. Diese Vorurteile sollten vor allem im Unterricht abgebaut werden. Eine Möglichkeit Klischees oder Vorurteile aus den Köpfen der Kinder zu verbannen und sie gar nicht erst aufkommen zu lassen, ist die interkulturelle Unterrichtsgestaltung anhand von Kinder- und Jugendliteratur. Den Kindern werden gerade durch die Interkulturalität in der Literatur die Augen geöffnet, sodass sie sich ihre eigene, individuelle Meinung bilden können. Sie werden so eher befähigt, bewusster auf viele unterschiedliche Alltagssituationen reagieren zu können. Heid Röschs Zitat greift genau das auf, was interkulturelle Kinder- und Jugendliteratur verfolgt und anstreben sollte. Interkulturelle Kompetenzen sollen zu einem wesentlichen Bildungs- und Erziehungsauftrag in der Schule werden. Die Literatur ist ein wichtiger Gegenstand in pädagogischer Hinsicht, um Kinder in ihren Gedanken aufgreifen und lenken zu können. Kinder sollen nicht mit Vorurteilen gegenüber anderen aufwachsen und diese weiter verfolgen, sondern offen und interessiert durch ihr eigenes Leben laufen und sich ihre eigene Meinung bilden. Nur so gelingt eine optimale Persönlichkeitsentwicklung (vgl. Schulte 2013, S. 6 f.).

Diese Hausarbeit soll herausarbeiten, wie viel Interkulturalität in dem Buch von Paul Maar „Neben mir ist noch Platz“ steckt. Zuerst wird eine allgemeine Definition zu Interkulturalität gegeben. Es folgt eine kurze Inhaltsangabe über das Buch von Paul Maar „Neben mir ist noch Platz“, mit einer knappen Analyse der verwendeten Erzählstruktur und Sprache. Danach folgt ein Einblick in die Kriterien zur Interkulturalität eines Buches nach Heidi Rösch. In den vier nächsten Unterpunkten wird das Buch von Paul Maar in Hinblick der vorangegangen Kriterien untersucht und abschließend wird ein Statement abgegeben, ob das Buch nach Heidi Rösch interkulturell ist. Im Fazit wird die aktuelle Notwendigkeit auf Grund der politischen und der heutigen Lebenssituation von interkultureller Literatur in der Schule thematisiert.

2. Zum Begriff der Interkulturalität in der Literatur

Der Begriff Interkulturalität entstand im Kontext der Arbeitsmigration seit den 1950er Jahren. Wenn man sich das Wort „Interkulturell“ in seinen wörtlichen Bestandteilen anschaut, bedeutet es „zwischen den Kulturen“. Dadurch behandelt ein interkulturelles Thema mindestens zwei Kulturen. Es geht hierbei um die Verständigung, um das Sich- Kennenlernen und um das Miteinander leben auf der Basis der Gleichwertigkeit. Interkulturalität meint folglich die Begegnung und Annährung zwischen Einheimischen und Eingewanderten.

Das Konzept der Integration zielte ursprünglich auf die Emanzipation der Minderheiten in der Einwanderungsgesellschaft ab, so fand Mitte der 80er Jahre ein Perspektivenwechsel statt. Aus dem 19. Jahrhundert stammte die traditionelle monolinguale und monokulturale Nationalliteratur, die den Blick auf neue „interkulturelle“ Literatur verdeckte. Infolge der Mehrsprachigkeit im Lande und in der Literatur mussten diese traditionellen Formate gebrochen werden. Interkulturelle Erziehung forderte nicht länger eine einseitige Angleichung, sondern ein gegenseitiges Näher kommen.

In der Literatur entstand in den 1970er Jahre, die sogenannte „Gastarbeiterliteratur“. Der Begriff kam zustande, da man aus wirtschaftlichen und politischen Gründen in den 1950er Jahren viele Gastarbeiter aus dem Ausland herholte und diese als „Gastarbeiter“ definierte. Im Gegensatz zu der Betitelung stammten die Autoren und Autorinnen keinesfalls nur aus den eigenen Reihen. Die behandelten Themen bezogen sich auf die Auswanderung, Flucht, Exil, Asyl und die erlebte Arbeitsmigration (vgl. Esselborn 2007, S. 9f.).

Der Begriff der „Gastarbeiterliteratur“ entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte, bis zum Ende der 1990er Jahre, basierend auf die Veränderung im Hinblick auf die Öffnung zu anderen Thematiken (vgl. ebd. S. 10).

Interkulturelle Literatur ist demnach „eine Literatur […], die im Einflussbereich verschiedener Kulturen und Literaturen entstanden und auf diese durch Übernahmen, Austausch, Mischung usw. bezogen ist“ (Esselborn, 1997, S. 10). Auf Grundlage dieser Definition handelt es sich bei interkultureller Literatur um all jene Schriftstücke, die in irgendeinem Zusammenhang mit mehreren Kulturen stehen. Die Eingrenzung des Begriffs der interkulturellen Literatur wird allerdings immer noch stark individuell definiert.

Beispielsweise beinhaltet der Begriff Interkulturalität nach Wierlacher eher die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Kultur nach der Öffnung für etwas Fremdes und Neues. „In seiner weiteren Bedeutung wird der Begriff der Interkulturalität im Folgenden als Bezeichnung eines auf Verständigung gerichteten, realen oder dargestellten menschlichen Verhaltens in Begegnungssituationen verstanden, an denen einzelne Menschen oder Gruppen aus verschiedenen Kulturen in diversen zeitlichen continua beteiligt sind“ (Wierlacher 2003, S. 257). Dieser Prozess verhilft dazu, Unterschiede aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, so dass überhaupt ein Dialog möglich wird, bei dem es nicht schon im Vorhinein ein besser oder schlechter, ein richtig oder falsch gibt.

Im Gegensatz dazu spielen für Heidi Rösch mehrere Punkte in die Definierung von interkultureller Literatur zusammen. „Eine interkulturell orientierte Literaturdidaktik zielt u. a. auf eine Repolitisierung literarischer Bildung, auf Erweiterung der Weltsichten, auf die Einbeziehung von Migrationsliteratur und Literatur von Minoritäten sowie auf multiple Identitätsbildung.“ (Fäcke, Wanderin 2007, S. 9) Genauer wird in den nächsten Abschnitten darauf eingegangen.

2.1 Interkulturalität in der Literatur nach Heidi Rösch

Dr. Heidi Rösch ist Privatdozentin für Deutschdidaktik und tätig an der Technischen Universität Berlin. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Migrationsliteratur, Interkulturelle (Kinder- und Jugend-) Literatur und ihre entwickelte Didaktik zu diesem Bereich. Sie sieht interkulturelle Kompetenzen als Aufgabe von Bildung und Erziehung (vgl. ebd. S.238). Heidi Rösch meint, dass Interkulturalität im Gegensatz zu Multikulturalität, die ein gleichberechtigtes Nebeneinander mehrerer Kulturen zulässt, eine Begegnung zwischen Einheimischen und Eingewanderten ausdrückt. Ursprünglich war das Ziel der Integration die Emanzipation der Minderheiten und wurde seit den 80er Jahren zur Forderung nach einem gegenseitigen Näherkommen der verschiedenen Kulturen (vgl. Rösch 1997).

Heidi Rösch widmet sich der Kinder- und Jugendliteratur und untersucht, inwiefern sich Interkulturalität an Texten festmachen lässt. Damit ein Schriftstück als interkulturell gilt, gibt es nach Rösch vier Kriterien, die erfüllt werden müssen. Kurz genannt sind die Dimensionen: Wissen, Können und soziale bzw. personale Bewusstheit.

Das erste Kriterium Wissen ist die Polyvalenz von interkultureller Literatur. Es beinhaltet sowohl kulturelle Gegebenheiten als auch die Kenntnis von Migrations- und Globalisierungsprozessen, Formen der Dominanzkultur und auch Wissen auf der Ebene der sprachlichen Fähigkeiten. Das bedeutet, dass der Tex mehrere Deutungen impliziert, beispielsweise indem das Fremd- oder Selbstbild mit einem Universalbild konfrontiert wird. In der interkulturellen Literatur werden zwischenmenschliche Beziehungen betrachtet und dem Leser werden unterschiedliche Perspektiven auf diese Situation geboten. In vielen interkulturellen Texten liegt es bei dem Leser, ob er den Text im Hinblick auf fremdkulturelle-, universelle- oder interkulturelle Aspekte analysiert (vgl. Rösch 1997, S.54 f.).

Als zweites Kriterium wird das Können, die stilistische Qualität der Texte, genannt. Können meint hier, Stereotypen, Klischees und Ethnozentrismus erkennen und aufbrechen zu können, einen Perspektivenwechsel unternehmen zu können und mit Selbst- und Fremdreflexion Empathie herstellen zu können. Dies führt über ästhetische Erfahrung im idealen Fall zu Multiperspektivität und einer Bewusstheit über kulturelle und sprachliche Interdependenzen. Damit diese ästhetische Erfahrung aktiviert werden kann, muss eine empathische Erzählform verwendet werden. Zu den stilistischen Merkmalen der empathischen Erzählform gehören zwei Welten die aufeinander treffen, die jeweils ihre parallelen Handlungsstränge verfolgen und unterschiedliche Konflikte, Ursachen und Konfliktlösungsstrategien verfolgen. Zusätzlich wird das Fremd- und Selbstbild mit dem Universalbild konfrontiert, beispielsweise aus der Sicht von Kindern (vgl. ebd. S.55).

Das dritte Kriterium das interkulturelle Literatur ausmacht, sind „[…] die Überschreitungen des nationalen, monokulturellen Charakters von Literatur, indem unterschiedliche kulturelle Einflüsse ästhetisch gestaltet werden […]“ (Zitat ebd. S.55). Das bedeutet, dass die Betrachtung der Welt vorwiegend aus interkultureller und globaler Perspektive stattfindet, indem Migration und Integration, Multikulturalität und Hybridität, Globalisierung und Ethnizität thematisiert werden. Diese Dimension wird die soziale Bewusstheit genannt und beschreibt das oben genannte dritte Kriterium und die Vorgehensweise für die Umsetzung. Die Umsetzung erfolgt, indem eine offene Gesprächshaltung eingenommen wird, nach kulturellen Gemeinsamkeiten gesucht wird und kulturelle Widersprüche ertragen werden (vgl. ebd. S.55f.).

Die interkulturelle Literatur spricht ein bestimmtes Publikum an, womit das vierte Kriterium zu nennen ist. Die Literatur ist ethnisch adressiert und spricht somit ein Lesepublikum aus einer multiethnischen Gesellschaft an. Heidi Rösch benennt diese Dimension als personales Bewusstsein mit der Intention sich hinsichtlich Migration, anderer Kulturen und eigenen Einstellungen positionieren zu können und diese im eigenen Lebensumfeld praktizieren zu können (vgl. ebd. S.56).

Diese vier Dimensionen sind als nicht abgeschlossen zu betrachten und meinen keine Kompetenz, die man einmal erlangt und dann für immer besitzt.

Heidi Rösch „stellt interkulturelle Lernprozesse in den Mittelpunkt, will eine erfahrungsentfaltende Rezeption von interkultureller Kinderliteratur in multiethnischen Lerngruppen moderieren und anleiten.“ (Rösch 2000a, S.11). Sie plädiert für den Unterricht, dass gerade eine interkulturelle Lesart aufgegriffen werden sollte (vgl. Riemhofer, 2015, S. 35f.).

3. Inhaltsangabe und Hintergrundinformationen zum Buch Paul MaarNeben mir ist noch Platz

In dem Kinderroman „Neben mir ist noch Platz“, 1996 erschienen, erzählt Paul Maar auf 47 Seiten von der Freundschaft zwischen Steffi, die aus Deutschland kommt und Aischa, einem Mädchen, das mit ihrer Familie aus dem Libanon geflüchtet ist und inwiefern diese Freundschaft fast durch Missverständnisse zerbricht.

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Interkulturalität in der deutschen Gegenwartsliteratur. "Neben mir ist noch Platz" von Paul Maar
Untertitel
Die Kriterien der Interkulturalität nach Heidi Rösch
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
16
Katalognummer
V347122
ISBN (eBook)
9783668365360
ISBN (Buch)
9783668365377
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
interkulturalität, gegenwartsliteratur, neben, platz, paul, maar, kriterien, heidi, rösch
Arbeit zitieren
Verena Witte (Autor), 2016, Interkulturalität in der deutschen Gegenwartsliteratur. "Neben mir ist noch Platz" von Paul Maar, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/347122

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