Die vorliegende Arbeit sucht zunächst die Umstände der Entstehung der Hymne "Andenken" zu ergründen, d.h. die Zeit Hölderlins in Bordeaux näher zu beleuchten, ehe in einem kleinen Exkurs der Kenntnisstand und die bedeutenden Entwicklungen der Geologie um 1800 beschrieben werden. Den ausführlichsten Teil der Untersuchung wird ein eigener Analyseansatz des Textes bilden, der – und dies sei besonders betont – keinen Anspruch auf anerkannte Gültigkeit erhebt, sondern vielmehr ein Angebot darstellt, auf welche – meines Erachtens sinnvolle – Weise die Hymne zu lesen und damit zu interpretieren ist.
Ein Hauptanliegen des Verfassers besteht in der Absicht, vor allem die topographische und damit durchaus wissenschaftlich fundierte Konstruktion des Textes zu verdeutlichen, welche sich sowohl in seinem Vokabular als auch in den von ihm zitierten Topoi, insbesondere jedoch in dessen Aufbau spiegelt. Ein anderer Teil wird sich mit der Liaison Hölderlins mit Susette Gontard beschäftigen, deren Tod ohne Zweifel bei der Umsetzung bzw. Produktion der Hymne seinen Niederschlag gefunden hat. Bereits diese beiden, im Grunde völlig verschiedenen Ansatzpunkte stellen unter Beweis, dass der Text viele Interpretationswege offen lässt, verschiedene Perspektiven der Betrachtung erfordert und damit keine eindeutigen bzw. unanfechtbaren Schlussfolgerungen zulässt. In einem abschließenden Resümee werden die Ergebnisse reflektiert und pointiert auf einzelne Thesen verdichtet.
Inhaltsverzeichnis
1. Gegenstand und Ziel der Darstellung
2. Hölderlin in Bordeaux
3. Der Einfluss der zeitgenössischen Geodäsie auf Hölderlins Werk
3.1. Die Wanderschaft
3.2. Die wissenschaftliche Kartographie
3.3. Die Verquickung von Kunst und Wissenschaft
3.4. Die Küstenlinie und das Motiv der Seefahrt als Memorialtopoi
4. Analyse des Textes
5. Ergebnisse
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Hölderlins Hymne "Andenken" hinsichtlich ihrer Konstruktion als Memorialtopographie. Dabei wird analysiert, wie der Dichter geographische und erinnerungspoetische Konzepte sowie zeitgenössische Diskurse über Erdwissenschaften und Kartographie nutzt, um ein komplexes Bild des Erinnerns und der Identität zu schaffen, das eng mit seiner Zeit in Bordeaux verknüpft ist.
- Untersuchung der Entstehungsbedingungen des Gedichts während Hölderlins Zeit in Bordeaux.
- Analyse des Einflusses zeitgenössischer geographischer und kartographischer Diskurse auf Hölderlins Dichtung.
- Deutung der Hymne als "Topographie des Seyns" unter Berücksichtigung von Memorialstrukturen.
- Intertextuelle Untersuchung der Baumtopik und der Motivik von Meer und Küstenlinie.
- Erörterung der Rolle von Wein und Erinnerungsmedien für den Prozess des Andenkens.
Auszug aus dem Buch
1. Gegenstand und Ziel der Darstellung
„[…] Unmittelbar kann das Gedicht [Andenken] von dem Ort der Koinzidenz, der seine Identität im ´Seyn´ hat, nicht sprechen. Es muß den Umweg jeglicher poetischen Sprachlichkeit über Darstellung und Inhalt einschlagen, um in deren Durchkreuzung das Bild zu gewinnen, daß das Andenken selbst ist. Ausgesprochen sind daher immer nur je und je einseitig akzentuierte Bezüge auf jenen Ort. Erst in ihrer Kommunikativität zusammengenommen geben sie den Blick auf ihn frei. Mit einigem Recht könnte man darum Andenken auch eine Topographie des ´Seyns´ nennen.“ Mit dieser These konstruiert Roland Reuß in seiner penibel vorgetragenen Analyse der „Gedächtnishymne“ Andenken einen Gesamtzusammenhang, in dem er der Text eingebettet sieht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Gegenstand und Ziel der Darstellung: Das Kapitel führt in die These ein, dass das Gedicht als eine komplexe "Topographie des Seyns" zu verstehen ist und stellt den methodischen Ansatz der Arbeit dar.
2. Hölderlin in Bordeaux: Hier werden die biografischen Umstände von Hölderlins Reise nach Bordeaux 1801/1802 und sein dortiger Aufenthalt detailliert beleuchtet.
3. Der Einfluss der zeitgenössischen Geodäsie auf Hölderlins Werk: Dieses Kapitel analysiert die Verschränkung von Naturpoesie und erdwissenschaftlichem Diskurs um 1800, wobei Wanderschaft, Kartographie und der Einfluss von Kunst und Wissenschaft auf die Raumkonzeption untersucht werden.
4. Analyse des Textes: Der Hauptteil bietet eine detaillierte, strophenweise Analyse der Hymne "Andenken" unter Berücksichtigung intertextueller Bezüge und verschiedener Memorialstrukturen.
5. Ergebnisse: Das abschließende Kapitel fasst die Erkenntnisse zusammen und interpretiert "Andenken" als synkretistischen Text, der den persönlichen Schmerz und die Reflexion über das eigene Werk durch komplexe Memorialstrukturen verbindet.
Schlüsselwörter
Friedrich Hölderlin, Andenken, Bordeaux, Memorialtopographie, Mnemotop, Erinnerung, Geodäsie, Kartographie, Naturpoesie, Susette Gontard, Dionysos, Raumkonzept, Hymne, Französische Revolution, Intertextualität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht Hölderlins Hymne "Andenken" als eine Konstruktion, die geographische Orte in Erinnerungsräume (Mnemotope) verwandelt und dabei persönliche Erlebnisse mit zeitgenössischen Diskursen verknüpft.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen sind das Erinnern, die Raumkonzeption in Hölderlins später Lyrik, der Einfluss der Geowissenschaften um 1800 auf seine Dichtung und die biografische Verarbeitung seiner Bordeaux-Reise.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Ziel ist es, die "Memorialtopographie" des Gedichts zu verdeutlichen und aufzuzeigen, wie Hölderlin durch sprachliche und topographische Konstruktionen ein Andenken an die verstorbene Susette Gontard stiftet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine textimmanente Analyse, die durch literaturwissenschaftliche Diskursanalyse und die Einbeziehung biographischer sowie zeitgeschichtlicher Kontexte ergänzt wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung durch den erdwissenschaftlichen Diskurs der Zeit und eine tiefgehende, strophenweise Analyse des Gedichts.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Memorialtopographie, Mnemotop, Andenken, Raumkonzeption, Bordeaux und Hölderlins Naturpoesie charakterisieren.
Welche Bedeutung hat Bordeaux für die Analyse des Gedichts?
Bordeaux fungiert im Gedicht als dreifacher "Mnemotopos": als konkreter Erinnerungsort an die Geliebte Susette, als Weinmetropole mit mythologischem Bezug zum Dionysos-Kult und als weltmännischer Hafen.
Wie interpretiert der Autor Hölderlins Todeswunsch im Gedicht?
Der Autor deutet die Passagen um den "dunklen Wein" und das "unter Schatten" als Reflexion einer aufbegehrenden Todessehnsucht des lyrischen Ichs im Kontext von Hölderlins literarischer Auseinandersetzung mit antiken Tragödien.
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- Marc Andre Ziegler (Author), 2007, Hölderlins Konstruktion einer Memorialtopographie in seiner Hymne "Andenken", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/347151