"Teutsche Ilias". Über den Missbrauch des Nibelungenliedes durch die Nationalsozialisten


Hausarbeit, 2005

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorstellung und Begründung für die Wahl des Themas
1.1. Das Nibelungenlied als der „deutscheste aller deutschen Stoffe“
1.2. Die Rezeption des NL speziell im Nationalsozialismus

2. Was versteht man unter dem Begriff der „Nibelungentreue“

3. Beispiele für den propagandistischen Missbrauch des NL
3.1. Die Stalingradrede Hermann Görings vom 30. Januar 1943
3.2. Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“

4. Das Nibelungenlied im nationalsozialistischen Schulunterricht

5. Die Bedeutungsverschiebung von Siegfried zu Hagen?

6. Exkurs: Das Nibelungenlied und die Dolchstoßlegende

7. Zusammenfassung

8. Literaturverzeichnis (Regalstandorte der SLUB in Klammern)

1. Vorstellung und Begründung für die Wahl des Themas

Im Zusammenhang mit dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte, der Zeit des Nationalsozialismus, wurden sowohl der Text als auch der Stoffkreis des Nibelungenliedes immer wieder durch Vertreter und Anhänger des Hitler-Regimes zu Propagandazwecken missbraucht. Mit dem Ziel, die deutsche Bevölkerung während der verlustreichen Zeit des Krieges für die verbrecherischen Pläne der politischen Führung gefügig zu machen und ihr mittels eines deutschen Mythos das Gefühl einer nationalen Identität zu geben. Die Nationalsozialisten stilisierten die Helden des Nibelungenliedes zu deutschen Heroen, die urdeutsche Tugenden verkörperten, die litten, starben und somit wunderbar in ihre perverse Ideologie einer arischen Herrenrasse passten. So avancierte das Nibelungenlied zu einer Art Manifest germanisch-deutschen Selbstverständnisses und verlor durch diese Verfälschung seinen eigentlichen Charakter, nämlich den, eines mittelalterlichen Heldenepos.

Die vorliegende Arbeit hat sich zum Ziel gesetzt, die entscheidenden Fehler in der Argumentation von Anbeginn des 20. Jahrhunderts hin zur nationalsozialistischen Despotie aufzuzeigen und anhand ausgewählter Beispiele das Ausmaß der faschistischen Propaganda zu beschreiben. Am Anfang der Untersuchung steht jedoch die Frage, inwieweit das Nibelungenlied überhaupt als deutsches Nationalepos angesehen und verstanden werden darf. In einem nächsten Schritt soll der Begriff der „Nibelungentreue“ näher erläutert werden, ehe dann die propagandistischen Auswüchse anhand zweier Beispiele ausführlich dargestellt werden. Im Mittelpunkt der Analyse steht die Rede Hermann Görings anlässlich des zehnten Jahrestages von Hitlers Machtergreifung, die er als Leiter der NS-Luftwaffe am 30. Januar 1943 im Reichsluftfahrtministerium hielt. Das darauf folgende Kapitel beschäftigt sich mit der Bedeutung des Nibelungenliedes im zeitgenössischen Schulunterricht und dem auf diesem Wege propagierten, grundlegend falschen Geschichtsverständnis. Die beiden letzten Abschnitte behandeln die auffälligen Bedeutungsverschiebungen innerhalb der Personenkonstellation des Nibelungenliedes von der Zeit des Ersten Weltkrieges bis zur Nazi-Diktatur selbst.

Als Arbeitsgrundlage dienten vor allem die Monografie von Susanne Frembs sowie der von Joachim Heinzle und Anneliese Waldschmidt publizierte Materialband „Die Nibelungen“.

1.1. Das Nibelungenlied als der „deutscheste aller deutschen Stoffe“

Ob Heiner Müller mit seinem Ausspruch vom „deutschesten aller deutschen Stoffe“ im Zusammenhang mit dem Nibelungenlied wohl Recht gehabt hat? Zumindest ist die Beantwortung der Frage, wann und unter welchen Umständen das Werk zu einer Art Nationalepos der Deutschen avancierte, äußerst spannend. Und ist die Bezeichnung „Nationalepos“ überhaupt angebracht? Zunächst ist festzuhalten, dass der Text des Liedes bereits am Ende des Spätmittelalters in der Versenkung verschwunden war und erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts wieder ins Bewusstsein der Menschen rückte. Goethe sprach davon, dass „jede Nation, wenn sie für irgend etwas gelten will, eine Epopöe besitzen“ müsse.[i]

Helmut Brackert konstatiert in Folge des 1805 begonnen Krieges zwischen Frankreich und Preußen eine „gewaltige Aufstauung patriotischer Affekte“.[ii] Hierin findet man m. E. die fruchtbarste Grundlage für die Bildung eines nationalen Mythos, eines nationalen Textes. Denn: Die Zersplitterung des deutschen Reiches entfachte im Zuge der Auseinandersetzungen mit benachbarten Völkern ein neues, bisher unbekanntes Nationalbewusstsein, welches sich nicht in einem geeinten Staat äußern konnte. Dieses Bewusstsein entlud sich im Verlangen nach einem kulturell und vor allem geistig geeinten Volk. Was lag also näher, diese geistige Einigung mittels eines deutschen Universaltextes zu erreichen. Für Johannes von Müller war das Nibelungenlied die „Teutsche Ilias“ und eignete sich bestens, um als nationales Heldenepos zu dienen: „… das Lied der Nibelungen, unbedenklich eins der größten und wunderwürdigsten Werke aller Zeiten und Völker, durchaus aus deutschem Leben und Sinne erwachsen und zur eigenthümlichen Vollendung gediehen, und als das erhabenste und vollkommenste Denkmal einer so langen verdunkelten Nationalpoesie, unter den übrigen, …, ganz einzig und unerreicht dastehend,….“[iii] Hinzu kam eine zunehmende Ablehnung der klassischen Werke, verbunden mit einer Aufwertung des Mittelalters.

Laut Klaus von See suchte man „allenthalben nach dem Nationalepos, dem großen Epos, in dem jegliche Nationalliteratur ihren identitätsstiftenden Ursprung und Höhepunkt haben sollte.“[iv] Seiner Meinung nach „war es allein die Aufwallung vaterländischer Gefühle nach der preußischen Niederlage von 1806, die plötzlich dazu führte, daß man die welsche Literatur aus der Hand legte und statt dessen nach einem Text griff, der sich – als Heldenepos in altdeutscher Sprache – zur nationalen Pflichtlektüre am ehesten anzubieten schien.“[v] Zuvor hatte man mit der Germania des Tacitus über Jahrhunderte nur ein nicht deutsches, antikes Werk, welches nicht einmal ein episches oder poetisches, sondern ein ethnographisches war und somit kaum als Mutter deutscher Literatur bzw. Identität dienen konnte.

Das Nibelungenlied war da anders. Jubelnd begrüßten die Zeitgenossen das Heldengedicht, wie aus einem Zitat des Schlegel-Schülers Friedrich Heinrich von der Hagen aus dem Jahr 1807 hervorgeht: „Kein anderes Lied mag ein vaterländisches Herz so rühren und ergreifen… als dieses, … und uns zwar trauernd und klagend, doch auch getröstet und gestärkt zurücklassen, uns mit Ergebenheit und in das Unabwendliche, doch zugleich mit Muth und That, mit Stolz und Vertrauen auf Vaterland und Volk, mit Hoffnung auf dereinstige Wiederkehr Deutscher Glorie und Weltherrlichkeit erfüllen…“[vi] Hier tritt der Topos des wiederkehrenden Unterlegenen offen zutage, welcher nach Preußens Niederlage verbreitet anzutreffen war. Interessant ist, dass die Propagierung der nibelungischen Inhalte vor allem im Bürgertum auf offene Ohren stieß. Schlegel schrieb: „die deutschen Heldenlieder waren allgemein unter dem Volk verbreitet… Die welschen Dichtungen fanden hingegen, wie es scheint, an den Höfen große Gunst, wo das Erb-Übel der Deutschen, die Vorliebe für das Ausländische, schon damals häufig seinen Sitz hatte.“[vii] Die latente Ausländerfeindlichkeit, die mit der Wiederbelebung des Liedes einherging, trat erst nach Ende des Ersten Weltkrieges offen hervor. Nach der erneuten Niederlage klammerte man sich gerne an das Epos und richtete sich an den darin enthalten geglaubten Tugenden auf. Um das Lied vollends als „Nationalepos“ zu propagieren, brachten es die Nationalsozialisten in den Schulunterricht mit ein, um es sich dort dann ihrer perversen Ideologie nutzbar zu machen. Zu betonen ist, dass die braune Diktatur nicht den Anfang der Fehlinterpretationen darstellt. Die Nazis selbst waren nur das letzte und abscheulichste Kapitel der ständig zunehmenden Verfälschungsgeschichte des Nibelungenliedes.

Klaus von See kommt am Ende seines Aufsatzes zu dem Fazit, dass das Lied selbst nicht dazu geschaffen war, Nationalepos zu sein. Es sei nicht aus einem patriotischen Impetus entstanden, noch von irgendeiner nationalen Geschichtsideologie getragen worden. Schließlich sei die Kontiguität zwischen Text und Rezipient über mehrere Jahrhunderte unterbrochen gewesen. Dennoch suchte man nach Deutschem und wähnte im Epos auch einen deutschen Tugendkatalog gefunden zu haben. Dies bedeutete etwas „Zeitlos-Gültiges, das jenseits aller Geschichte und ihrer zeitweiligen Bedrohungen die Dauer und Einheit der deutschen Kulturnation garantierte“.[viii] Dieser Auffassung schließe ich mich an.

1.2. Die Rezeption des NL speziell im Nationalsozialismus

Um die Rezeption des Nibelungenliedes in der Zeit von Hitlers Machtergreifung bis zum Kriegsende 1945 kurz zusammenzufassen, kann man sagen, dass das Epos - eine traditionell nationalistische Rezeption fortsetzend - schlichtweg dahingehend funktionalisiert und damit verfremdet wurde, um die nationalsozialistische Ideologie zu rechtfertigen und zu bestätigen. Während man in den Jahren zuvor von einer Zukunftsverheißung sprach, sah man nun einen Gegenwartsbezug.[ix] In Hitler sah man den neuen Siegfried, den wieder erstandenen Retter, der das deutsche Volk endlich erlöste.

Doch schon zu Beginn der Propaganda (z.B. Hans Hennings „Das Lied von Siegfried“) werden die haarsträubenden Fehlinterpretationen des Textes – der wahrscheinlich zu keiner Zeit als Grundlage diente – offenbar. Die Chronologie des Liedes wird missachtet, Tatsachen vertauscht und Episoden hinzugedichtet, die zwar im Sagenkreis bekannt sind, jedoch keinen Beleg im eigentlichen Text des Liedes haben. Dass Siegfried blond sei, lässt sich außerdem nicht am Nibelungenlied verifizieren. Hier beginnt die rassistische Verunglimpfung des Epos. Angeblich wissenschaftliche Untersuchungen zur Überlegenheit der arischen Rasse werden durch Heranziehen „germanischer“ Heldengedichte unterstützt. Auffällig ist, dass man sich in dieser Zeit immer weiter vom eigentlichen Wortlaut des Liedes entfernte und in die sehr schwammige Sagenwelt nordischer Mythen abglitt, ohne konkrete Analysen der Texte vorzulegen. Deshalb ist es auch nicht erstaunlich, dass vornehmlich Symbole und abstrakte Begriffe, wie Nibelungentreue (Die SS als Orden der Treue), Schicksalsglaube, Heldentod oder das Symbol des Schwertes (die ehrenhafte Waffe im Missverhältnis zu den im Krieg eingesetzten Massenvernichtungswaffen) in den Mittelpunkt brauner Hetztiraden rückten. Ein Paradebeispiel hierfür ist Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ (s. 3.2.). Mit der Gleichsetzungstaktik von Siegfried und Hermann, dem Cherusker, scheint die Existenz des Helden Siegfried ein historisches Faktum zu sein.[x]

Neben Siegfried und Hagen rückt im Nationalsozialismus ein weiterer Held des Liedes in den Mittelpunkt, Dietrich von Bern. Dieser ist bislang vernachlässigt worden. Hier ist es vor allem der Germanist Hans Naumann, der 1938 in seinem Werk „Germanischer Schicksalsglaube“ den „Gotenkönig Dietrich… zur Symbolgestalt ewigen Deutschtums“ stilisiert[xi]. An ihm werden Gefolgschaftstreue und Führerprinzip als herausragende Eigenschaften hervorgehoben. Gleichzeitig hält man an Siegfried als nordischen Helden fest. Nun verlagert sich das Interesse am Lied auf dessen zweiten Teil. Interessant ist, dass Dietrich als einziger der „NS-Helden“ am Ende des Epos noch am Leben ist! Der grauenhafte und desaströse Untergang der Burgunden bleibt unbeachtet. Mit Ausbruch des Krieges – welcher nach der nordischen Mythologie ja eine natürliche Folge sei – wird zudem Rüdiger als Held gepriesen. Er ordne sich trotz des ungeheuren persönlichen Opfers der politischen Gehorsamspflicht unter und sei in dieser Haltung ein Vorbild für alle Deutschen.[xii]

Dennoch muss man konstatieren, dass die Rezeption des Werkes um 1940 einen Tiefpunkt erreicht, da man mit Adolf Hitler nun einen besseren Nationalmythos besaß und außerdem die Schlacht der Deutschen nicht als Niederlage an Etzels Hof, sondern im Endsieg enden sollte. Helmut Brackert schreibt dazu: „Der Nationalsozialismus… versteht sich als eine nationale Erneuerung im Sinne jener mythischen, heldenhaften, einigen deutschen Vorzeit, versteht sich als eine Erfüllung solchen Geistes, der das Nibelungenlied angeblich beherrscht. Staatsform und germanisch-deutsche Wesensidee gelangen, so glaubt man, zum erstenmal in der deutschen Geschichte zur völligen Deckung… Wahnwitz und Verblendung solche einer Usurpierung des Liedes sind nicht mehr zu überbieten.“[xiii] Die Perversion, Verfälschung und Simplifizierung des Liedes schuf den Boden für eine gewissenlose Manipulation von politisch gefährlichen Interesse und infantilen Tugendidealen.

2. Was versteht man unter dem Begriff der „Nibelungentreue“

Der Treue-Begriff nimmt bei der Rezeption des Nibelungenliedes im Zusammenhang mit deutscher Geschichte eine zentrale Position ein. In ihr werde die nationale Idee als charakteristischer Wesenszug des deutschen Volkes proklamiert.[xiv] Diese Treue meine im konkreten Kontext Treue des Volkes gegenüber der Obrigkeit, dem Staat oder dem Souverän. Erst im deutschen Kaiserreich erhielt sie das Synonym der Nibelungentreue – geprägt durch eine Äußerung von Reichskanzler Bernhard von Bülow. Oft wurde im Laufe der Geschichte versucht darzustellen, wie treu bzw. untertänig das deutsche Volk doch sei und dass diese Auffassung am Nibelungenlied nachzuweisen wäre. Hierzu ein Beispiel: Hugo Preuss, einer der Hauptverfasser der Weimarer Reichsverfassung (der „freiesten Verfassung der Welt“), über das deutsche Volk: „Das regierbarste Volk der Welt, das sind die Deutschen … im Sinne eines regen und rührigen Volkes von durchschnittlich hoher Tüchtigkeit und Intelligenz mit entwickelter kritischer Neigung zum Räsonieren; eines Volkes jedoch, das in öffentlichen Dingen nicht gewohnt noch gewillt ist, spontan oder gegen den Willen der Obrigkeit zu handeln; das sich daher trefflich eingliedert und unter obrigkeitlicher Leitung fast so handelt, als ob es nur seinen eigenen Gemeinwillen ausführte. Diese Organisierbarkeit in Verbindung mit jenen tüchtigen Eigenschaften bietet dann in der Tat ein unvergleichlich gutes Material für eine Organisation, deren reinster Typus doch die militärische ist.“[xv]

[...]


[i] Vgl. von See, S. 43.

[ii] Vgl. Brackert, S. 346.

[iii] Ebd., S. 345.

[iv] Vgl. von See, S. 56f.

[v] Vgl. von See, S. 58.

[vi] Vgl. Brackert, S. 349.

[vii] Ebd., S. 348f.

[viii] Vgl., von See, S. 95.

[ix] Vg. Frembs, S. 96ff.

[x] Vgl. Frembs, S. 101.

[xi] Ebd., S. 104.

[xii] Ebd. S. 108.

[xiii] Vgl. Brackert, S. 361.

[xiv] Vgl. Frembs, S. 118ff.

[xv] Ebd., zitiert nach John E. Härd: Das Nibelungenepos, a.a.O., S. 164f.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
"Teutsche Ilias". Über den Missbrauch des Nibelungenliedes durch die Nationalsozialisten
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Das Nibelungenlied (Proseminar)
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
19
Katalognummer
V347156
ISBN (eBook)
9783668364288
ISBN (Buch)
9783668364295
Dateigröße
459 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
teutsche, ilias, über, missbrauch, nibelungenliedes, nationalsozialisten
Arbeit zitieren
M. A. Marc Andre Ziegler (Autor), 2005, "Teutsche Ilias". Über den Missbrauch des Nibelungenliedes durch die Nationalsozialisten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/347156

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