Zum Zusammenhang zwischen Politikverdrossenheit und Medienskepsis


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

31 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Politikverdrossenheit und Medienskepsis
2.1 Politikverdrossenheit
2.1.1 Wahlbeteiligung
2.1.2 Mitgliederzahlen der Parteien
2.1.3 Vertrauen in Politiker und Parteien
2.1.4 Pegida
2.1.5 Zusammenfassung: Wer ist politikverdrossen?
2.2 Medienskepsis
2.2.1 Wer ist medienskeptisch?
2.2.2 Ursachen von Medienskepsis

3. Zusammenhang zwischen Medienskepsis und Politikverdrossenheit
3.1 Statistische Schnittmengen
3.2 Weitere Indikatoren für Korrelation

4. Weitere Entwicklung der Phänomene

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der (Print-)Journalismus wurde in letzter Zeit mehrfach für tot erklärt. Die sinkenden Abonnentenzahlen und Werbeeinnahmen werden auf die Abwanderung der Leserschaft zu Onlinequellen zurückgeführt. Oft lesen die einstigen Abonnenten die Beiträge, für die sie früher bezahlt haben, nun einfach kostenlos auf der entsprechenden Webseite der Zeitung, da sich Paywalls und andere Bezahlsysteme nur sehr zögerlich etablieren. Weil vor allem junge Leser ihre Nachrichten primär online lesen, sich also der größte Teil der Leserschaft an die Geschwindigkeit des Internets angepasst hat und dies eben-falls von den Nachrichtenredaktionen erwartet, ist die erforderliche Geschwindigkeit, mit der Nachrichten verbreitet werden sollen, von einem Tag, den die traditionelle Ta-geszeitung benötigte, auf wenige Minuten zusammengeschrumpft. In diesem Zeitraum eine handwerklich genügende Recherche durchzuführen, ist unmöglich. Was auf den Smartphones der Leser als Push-Mitteilung der Nachrichtenapps ankommt, ist, wenn nicht lediglich die kopierte dpa-Meldung, ein Fragment des Kontextes, in den Nachrich-ten gehören, kaum länger als wenige Zeilen, auf den absoluten Sachverhalt der (schlimmstenfalls unverifizierten) Meldung reduziert. Das Zwei-Quellen-Prinzip und der journalistische Grundsatz „Be first, but first be right“ haben im Internetzeitalter aus-gedient, so scheint es. Aber Informationen mit immer höherer Geschwindigkeit zu verbreiten, hat weder für Leser noch Journalisten Vorteile. Am Tag nach den Anschlä-gen in Paris vom 13. November 2015 machte sich WDR-Redakteur Udo Stiehl in einem Blog-Eintrag bezüglich der seitens der Zuschauer unerfüllbaren Erwartungshaltung an die Redaktionen Luft:

Wir leben in einer rasanten Medienzeit, in der jedes mittelmäßige Mobiltelefon in der Lage ist, Bilder zu streamen und Fotos zu verbreiten. Jeder kann in sozialen Medien irgendwelche Dinge verbreiten ohne Quellenangabe, ohne Verifizierung. Und auf sämtlichen Kanälen können Speku-lationen stattfinden, ohne dass es Fakten bedarf. Aber ist das Journalismus? Reicht Ihnen das aus? Ich hoffe nicht. Ohne journalistische Überprüfung, ohne redaktionelle Bearbeitung und oh-ne intensive Recherche ist das alles nicht mehr als Voyeurismus. Und das kann es doch nun wirklich nicht sein. Wer verlässliche Berichterstattung wünscht, braucht vor allem eines: Geduld. Und wer die nicht aufbringen möchte, weil er glaubt, Journalisten könnten hexen, zaubern oder sonstige Wunder vollbringen, dem können wir - ganz ehrlich - nicht helfen.1

Die Frustration ist sichtlich groß - auf Seiten der Journalisten, wie auch auf Seiten der Leser, die einerseits eine möglichst unmittelbare Nachrichtenverbreitung erwarten, an-dererseits aber wegen der durch Zeitnot häufiger auftretenden Recherchefehler der Journalistenzunft nicht mehr vertrauen wollen - nur 26 % haben laut der letzten Studie von Reader’s Digest „Vertrauen“ oder „großes Vertrauen“ in Journalisten, was einem Vertrauensverlust von 5 % im Vergleich zu 2014 entspricht; 68 % vertrauen der Presse dagegen nicht - und das ist nur eines von, wie sich in Kapitel 2 zeigen wird, vielen Stu-dienergebnissen, die Journalismus als nicht vertrauenswürdig einstufen.2 Bedeuten jene Zahlen, dass es eine landesweite Vertrauenskrise gibt? Das seit Monaten medial reflek-tierte Medienbashing ist ein Fokus, auf den sich diese Ausarbeitung richtet.

Zweiter Fokus dieser Ausarbeitung wird die seit Jahren zu beobachtende Politikverdros-senheit sein. Sinkende Mitgliederzahlen bei allen Parteien (außer bei den Grünen und der AfD)3 und niedrige Wahlbeteiligungen von mitunter weniger als 30 %4 (wie bei den Europawahlen in Brandenburg 1999, 2004 und 2009) scheinen ein nachhaltiges Desin-teresse der Bevölkerung am politischen Zeitgeschehen zu belegen. Es werden Ursachen, mögliche Erklärungen und die neuere Entwicklung dieses Phänomens betrachtet.

Die vorliegende Ausarbeitung stellt das Phänomen der Medienskepsis der Politikver-drossenheit gegenüber. Mit besonderem Fokus auf die im Kontext der Pegida-Demonstrationen laut gewordenen „Lügenpresse“-Vorwürfe, die Journalisten und die großen Verlagshäuser5 brandmarken als gleichgeschaltete Sprachrohre der - die Be-richterstattung ‚von oben’ steuernden - Regierung, soll ein Vergleich gezogen werden, in dessen Verlauf untersucht wird, ob Politikverdrossenheit und Medienskepsis in den-selben Bevölkerungsgruppen zu finden sind und möglicherweise zusammenhängen und/oder sich wechselseitig beeinflussen.

2. Politikverdrossenheit und Medienskepsis

Zur weiteren Argumentation ist es notwendig, die Begriffe Politikverdrossenheit und Medienskepsis näher zu beleuchten. Wer ist überhaupt verdrossen oder skeptisch? Zu diesem Zweck werden einige Statistiken der neuesten Zeit analysiert. Durch das bei Umzügen der rechtspopulistischen6 Organisation ‚Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes’ (im Folgenden ‚Pegida’ genannt) wiederholt skandierte Schlagwort ‚Lügenpresse’, das einen direkten Bezug zur Medienskepsis herstellt, wird auch das Umfeld dieser Organisation näher beleuchtet.

2.1 - Politikverdrossenheit

Politikverdrossenheit ist kein alter Begriff, der nur neu aufgekocht wurde, wie es bei ‚Lügenpresse’ der Fall ist. Erst 1992 wurde das Wort in den Duden aufgenommen, nachdem es zuvor zum Wort des Jahres gewählt worden war. Jenes Jahr stand im Zei-chen der Ausschreitungen von Rostock, die eine vorher nicht erkannte Ausländerfeind-lichkeit offenbarten. Und wie einst in Rostock wurde in den vergangenen Monaten (Stand: Februar 2016) durch die Pegida-Demonstrationen eine rechtspopulistische Ein-stellung der Bürger sichtbar, die sich besonders in den neuen Bundesländern bemerkbar machte. Dieser Umstand ist deshalb relevant, weil in den neuen Bundesländern die Wahlbeteiligung regelmäßig am niedrigsten ist. Ob Pegida-Demonstranten als politik-verdrossen einzustufen sind, muss jedoch zunächst untersucht werden.

Ein argumentatives Problem bei der Auseinandersetzung mit Politikverdrossenheit ent-steht durch den fehlenden Konsens darüber, was denn nun eigentlich Politikverdrossen-heit ist. Der Terminus selbst kann „den Ansprüchen wissenschaftlicher Begriffsbildung kaum genügen“.7 Statt der breiten Palette möglicher Definitionen noch eine weitere hin-zuzufügen, werden im Folgenden die gängigsten Dimensionen des Phänomens betrach-tet und untersucht: niedrige Wahlbeteiligung, zurückgehende Mitgliederzahlen der Par-teien, und das niedrige Vertrauen in Politiker und politische Instanzen.

2.1.1 - Wahlbeteiligung

Eine der Dimensionen von Politikverdrossenheit ist die sinkende Beteiligung der Be-völkerung an politischen Wahlen. Zur Zeit des deutschen Herbstes lag die Wahlbeteili- gung deutlich höher als zur Zeit der Jahrtausendwende. Die Bundestagswahl 1972 bildet mit 91,1 % den Höhepunkt der Nachkriegszeit. Danach sank die Wahlbeteiligung permanent: Nur bei vier Bundestagswahlen seit 1972 lag sie höher als im Vergleich zur vorangegangenen Wahl. Die niedrigste Beteiligung auf Bundesebene wurde 2009 gemessen, als nur 70,8 % der Bevölkerung ihre Stimme abgaben. Auffällig ist, dass die Beteiligung in den Jahren nach der Wiedervereinigung deutlich anstieg, bei der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl im Dezember 1990 jedoch eine historisch niedrige Wahlbeteiligung von 77,8 % gemessen wurde.8

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 - Wahlbeteiligung bei den Bundestagswahlen in Deutschland 1949-2013; Quelle: Statista GmbH

Im Kontext der Wiedervereinigung muss auch die Relation zwischen abgegebenen Stimmen und der gestiegenen Bevölkerungszahl berücksichtigt werden: Westdeutsch-land und Westberlin hatten 1989 zusammengenommen 62,68 Mio. Einwohner. Im Ge-biet Ostdeutschlands inklusive Ostberlin lebten 16,44 Mio. Einwohner, woraus sich bei der Wiedervereinigung ein Bevölkerungszuwachs von 26,2 % ergibt. Die durchschnitt- liche Wahlbeteiligung in den alten Bundesländern (außer Berlin) lag bei der Bundes- tagswahl 1990 bei 79,2 %, also 2,4 % über dem gesamtdeutschen Wert. Trotz eines Bevölkerungszuwachses von über einem Viertel sank die Wahlbeteiligung also, obwohl eben dieses Viertel grade erst seine Regierung gestürzt hatte - unter anderem mit der Forderung nach freien Wahlen. In Anbetracht der Tatsache, dass Ausgangspunkt der friedlichen Proteste in der DDR die gefälschten Wahlen im Mai 1989 gewesen waren, wäre ein anderes Ergebnis zu erwarten gewesen.

Tatsächlich ist die Wahlenthaltsamkeit der neuen Bundesländer in der ersten gesamt-deutschen Bundestagswahl kein Einzelfall. Seit 1990 belegen Brandenburg, Mecklen-burg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen regelmäßig die hintersten Plätze bei den Statistiken zur Wahlbeteiligung auf Bundesebene. Eine Ausnahme bilde-ten die Bundestagswahlen 1998, bei denen Sachsen (81,6 %) und Thüringen (82,3 %) höhere Wahlbeteiligungen hatten als Bayern (79,2 %), Hamburg und Berlin (je 81,1 %). Bei genauerer Betrachtung sind Sachsen und Thüringen trotz des im gesamtdeutschen Verhältnisses niedrigen Wahlbeteiligung die wahlfreudigsten Bundesländer: Die Betei-ligung im Pegida-Gründungsland Sachsen9 lag seit 1990 in jedem Wahljahr höher als die in Sachsen-Anhalt, abgesehen von 2009 in jedem Jahr höher als in Brandenburg, und abgesehen von 1994 auch in jedem Jahr höher als in Mecklenburg-Vorpommern. Die Wahlbeteiligung in Thüringen liegt dagegen gewöhnlich über der von Sachsen.10 Bei den Landtagswahlen zeichnet sich bezüglich der Beteiligung ein ähnliches Bild ab wie bei den Bundestagswahlen: Die neuen Bundesländern rangieren zusammen mit Bremen auf den hinteren Plätzen.11

Auffällig ist, abgesehen von einem deutlichen geografischen Gefälle, dass schon seit den ersten Nachkriegswahlen die Wahlbeteiligung mit dem Lebensalter korreliert: Je älter ein Bürger ist, desto wahrscheinlicher ist, dass er wählen geht. So lag die Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 2009 bei den Unter-25-Jährigen bei 59 %; die der Über-60-Jährigen jedoch bei 80 %.12

2.1.2 - Mitgliederzahlen der Parteien

Seit den 70er Jahren, als die Mitgliederzahlen der Parteien ihre höchsten Werte erreichten, kämpfen praktisch alle Parteien mit Mitgliederschwund, der sich auf verschiedene Faktoren wie Überalterung, Individualisierungstendenzen und allgemeine Politikverdrossenheit zurückführen lässt.

Seit der Wiedervereinigung haben fast alle relevanten Parteien zehntausende Mitglieder verloren. Von den 943.000 Mitgliedern, die die SPD 1990 hatte, sind 2014 nur 460.000 übrig geblieben - ein Verlust von über 50 %. Die CDU hat im selben Zeitraum 42 % verloren, die FDP sogar 67 %. Nur die Grünen und die Alternative für Deutschland (AfD) konnten Mitglieder für sich gewinnen: Zwischen 1990 und 2014 sind knapp 20.000 neue Mitglieder zu den Grünen gekommen, was bei der relativ kleinen Partei einem Plus von 46 % entspricht.13

Betrachtet man die Altersverteilung der Mitglieder, wird schnell klar, dass ein elementares Problem der Parteien darin besteht, jüngere Mitglieder zu gewinnen. Die Grünen hatten 2014 einen Altersdurchschnitt von 49 Jahren - und sind damit die ‚jüngste’ Partei: Mitglieder der FDP (54 Jahre), CSU (58 Jahre), SPD und CDU (je 59 Jahre) und Linke (60 Jahre) sind deutlich älter.14 Bei den meisten Parteien gleicht die Zahl der Eintritte die Zahl der Austritte mittelfristig aus, aber der Mitgliederverlust durch Todesfall ist nicht zu vernachlässigen: Bei CDU, CSU und SPD sterben jedes Jahr etwa 1,5 % der Mitglieder; bei der Linken sind es mehr als 2 %.15

Auffallend ist, dass, abgesehen von der Linken, nur ein sehr kleiner Bruchteil der Parteimitglieder aus den neuen Bundesländern kommen. Die Etablierung der Linken in den neuen Bundesländern ist jedoch darauf zurückzuführen, dass diese Partei aus der ehemaligen PDS hervorging, die wiederum aus der SED hervorgegangen war.16

Als ein weiterer Grund für sinkende Mitgliederzahlen gelten Individualisierungstenden-zen besonders bei der jüngeren Bevölkerung. Wer heute einer Partei beitreten möchte, erwartet möglicherweise eine einhundertprozentige Übereinstimmung mit deren Einstel- lungen, Auffassungen und Zielvorstellungen. Tatsächlich ist diese Erwartungshaltung unrealistisch. Wie auch an der Wahlurne muss das geringste Übel gewählt werden, wo-mit die kompromisslosen Individualisierungsbestrebungen der so genannten Generation Y nicht zusammen passen. In diesem Zusammenhang verlieren Parteien wie auch Zei-tungen ihre Mitglieder bzw. Abonnenten aus denselben Gründen: Im Zeitalter der un-eingeschränkten Verfügbarkeit will kaum jemand Kompromisse machen. Eine Zeitung wird nicht mehr als Printausgabe gekauft, weil darin zu viele Artikel uninteressant sind. Das ganze Paket zum Fixpreis mit all seinen Vor- und Nachteilen hat als Konzept aus-gedient: Man liest über das Internet genau die Artikel, für die man sich interessiert. Und dank Diensten wie Flipboard, Blendle und Facebook kann man sich von einem Algo-rithmus seine persönlich zugeschnittene Zeitung zusammenstellen lassen. So werden zwar Themen aus benachbarten Rubriken ausgeklammert, dafür entstehen aber ein ver-meintlich größerer Nutzen und so auch ein befriedigenderes Leseerlebnis. Bei Parteien ist es das gleiche - man will sich nicht mehr für das kleinste Übel entscheiden sondern sucht sich die besten Teilaspekte aus dem ganzen Parteiangebot. Dass das nicht funktio-niert, dass nicht jeder seine eigene kleine Privatpartei gründen kann, lässt Politik als starres, festgefahrenes Konstrukt erscheinen, das nicht so recht zum flexiblen Lebensstil der jüngeren Generation passen will. Parteien bieten praktisch keinerlei Spielraum für persönliche Gestaltung und Einflussnahme und wirken mit ihren starren Strukturen und intransparenten Prozessen abschreckend auf Jüngere.17

2.1.3 - Vertrauen in Politiker und Parteien

Deutschlands größtes Marktforschungsinstitut, die Gesellschaft für Konsumforschung e. V. (GfK), führte 2013 in weltweit 25 Ländern eine Umfrage unter 28.659 Personen durch, welche das Vertrauen der Bevölkerung in bestimmte Berufsgruppen erfasste. In 23 der 25 Länder, auch Deutschland, belegten Politiker den letzten Platz unter 32 Be-rufsgruppen.18 Nur 15 % der 2039 Befragten in Deutschland vertrauten Politikern19 zu-mindest ‚überwiegend’, womit Deutschland noch einmal deutlich unter dem Länder-durchschnitt von immerhin 31 % liegt. Frauen vertrauen laut dieser Umfrage eher als Männer und Jüngere eher als Ältere. Am wenigsten Vertrauen hat die Altersgruppe zwi-schen 60 und 69 Jahren: Nur elf Prozent der Männer und Frauen in dieser Gruppe geben an, Politikern Vertrauen entgegenzubringen. In der Altersgruppe 50-59 sind es zwölf Prozent. Während alle anderen Altersgruppen sich zwischen elf und 17 % bewegen, vertrauen die 14-bis-19-Jährigen mit 27 % deutlich mehr. In dieser Altersgruppe ist das Grundvertrauen auch deutlich höher: 41 % gaben an, grundsätzlich jedem zu vertrauen, der keinen Grund liefert, ihm/ihr nicht zu vertrauen, und weitere 20 % vertrauen ‚grund-sätzlich jedem’.20

Aus den länderübergreifend schlechten Vertrauenswerten für Politiker erwächst die Frage, ob Politikverdrossenheit nicht nur eine Folge von Verdrossenheit gegenüber Po-litikern ist, die ihrerseits aus mangelndem Vertrauen in die jeweiligen Akteure resultiert.

2.1.4 - Pegida

Da der Begriff ‚Lügenpresse’ in den vergangenen Monaten praktisch ausschließlich mit der rechtspopulistischen Pegida-Bewegung in Zusammenhang gebracht wurde, soll auch diese Organisation untersucht werden.

Die Technische Universität Dresden hat im Januar 2015 eine Befragung der PegidaTeilnehmer bei einer Demonstration in Dresden vorgenommen. Es war die erste, die diese damals noch recht neue Organisation untersuchte und kann mit 400 Befragten nur eingeschränkt als repräsentativ gelten, da zu dieser Zeit in Dresden zwischen 15.000 und 25.000 Demonstranten durch die Stadt zogen; dennoch ist es eine der wenigen Studien, die bisher zu diesem Thema durchgeführt wurden, weshalb sie trotz der geringen Teilnehmerzahl als Referenzgröße herhalten kann.

Die recht häufig anzutreffende Behauptung, Pegida würde in erster Linie fremdenfeind-liche und rassistische Gesinnungen repräsentieren, ist laut dieser Studie nicht zutref-fend. Tatsächlich gaben 54 % der Befragten an, dass der Grund für ihre Teilnahme an der Demonstration „Unzufriedenheit mit der Politik“ sei. Weitere 20 % wollten ihre Teilnahme als „Kritik an Medien und Öffentlichkeit“ verstanden wissen. Nur 15 % hat-ten „grundlegende Vorbehalte gegenüber Zuwanderern und Asylbewerbern“.21

[...]


1 Stiehl, Udo: Terrorismus in Paris - und eine unerfüllbare Anspruchshaltung. 14. November 2015, URL: https://udostiehl.wordpress.com/2015/11/14/terrorismus-in-paris-und-eine-unerfuellbare-anspruchshaltu ng /, abgerufen am 02.02.2016.

2 Reader’s Digest (Hrsg.): Reader’s Digest European Trusted Brands Survey 2015, S. 26 u. 28f..

3 Mayntz, Gregor: Etablierte Parteien verlieren Mitglieder. In: Rheinische Post (online), URL: http: //www.rp-online.de/politik/deutschland/cdu-csu-spd-fdp-gruene-parteien-verlieren-mitglieder-aid- 1.5660266, abgerufen am 02.02.2016.

4 Anonym: Wahlbeteiligung bei den Europawahlen in Deutschland von 1979 bis 2014 nach Bundeslän-dern, URL: http://de.statista.com/statistik/daten/studie/6862/umfrage/wahlbeteiligung-zur-europawahl-in-deutschland-nach-bundeslaendern-seit-1979/, abgerufen am 02.02.2016.

5 Wegen der diffamierenden Konnotation wird in dieser Ausarbeitung der Begriff ‚Massenmedien’ vermieden werden und stattdessen von ‚etablierten Medien’ gesprochen.

6 Von dem Begriff ‚Rassismus’ wird in dieser Ausarbeitung abgesehen, da die ideologische Einstellung der Demonstranten nicht bewiesenermaßen rassistisch ist, also keine Vorbehalte gegen die biologische ‚Rasse’ der Flüchtlinge erkennbar sind, ja nicht einmal kulturelle Vorbehalte im Vordergrund stehen, sondern eine Abneigung gegen die Regierung (vgl. Kapitel 2.1.4). Rechtspopulismus erscheint daher als der passendere Begriff.

7 Arzheimer, Kai: Politikverdrossenheit. Bedeutung, Verwendung und empirische Relevanz eines politikwissenschaftlichen Begriffes. Wiesbaden 2002, S. 17.

8 Anonym: Wahlbeteiligung bei den Bundestagswahlen in Deutschland von 1949 bis 2013, In: sta-tista.com, URL: http://de.statista.com/statistik/daten/studie/2274/umfrage/entwicklung-der-wahlbeteil igung-bei-bundestagswahlen-seit-1949/, abgerufen am 02.02.2016.

9 Dass Pegida in Sachsen gegründet wurde, wird erwähnt, da es im weiteren Kontext relevant wird. Hiermit soll der Freistaat keineswegs herabgewürdigt oder negativ konnotiert werden.

10 Bundeswahlleiter (Hrsg.): Ergebnisse der Bundestagswahlen 1949 bis 2013., URL: https://www.bundes wahlleiter.de/de/bundestagswahlen/fruehere_bundestagswahlen, abgerufen am 03.02.2016.

11 Wie auch bei den Statistiken zu den Bundestagswahlen, liegt Bremen regelmäßig auf den hinteren Plätzen, oft sogar noch hinter einigen der neuen Bundesländer. Seit 1990 lag Bremen immer auf den Rän-gen neun bis 13.

12 Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Wahlbeteiligung nach Altersgruppen. Bonn, 01.09.2009, In: http://www.bpb.de/wissen/C11SZM,,0,Wahlbeteiligung_nach_Altersgruppen_, abgerufen am 15.02.2016.

13 Vgl.: Freie Universität Berlin (Hrsg.), Niedermayer, Oskar: Parteimitglieder in Deutschland: Version 2015. Arbeitshefte aus dem Otto-Stammer-Zentrum, Nr. 25, Berlin 2015, S. 2.

14 Vgl.: Ebd., S. 22 f.

15 Vgl.: Ebd., S. 28 f.

16 Vgl.: Ebd., S. 5-14.

17 Vgl. zum Aspekt der Intransparenz: Hackmack, Gregor: Demokratie einfach machen. Ein Update für unsere Politik. Bonn 2014, S. 12.

18 In Schweden und Indonesien konnten Politiker den vorletzten Platz erreichen.

19 Eine Ausnahme bildeten die lokalen Bürgermeister, denen 55 % ihr Vertrauen aussprachen.

20 Gesellschaft für Konsumforschung e. V.: Trust In Professions Report 2014, Nürnberg 2013. Vgl.: http://www.gfk-verein.org/compact/fokusthemen/berufe-im-vertrauens-check, abgerufen am 17.02.2016.

21 Vorländer, Hans: Wer geht zu PEGIDA und warum?. Dresden 2015, URL: https://www.tu-dresden. de/die_tu_dresden/fakultaeten/philosophische_fakultaet/ifpw/poltheo/news/vorlaender_herold_schaeller_ pegida_studie, S. 58, abgerufen am 03.02.2016.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Zum Zusammenhang zwischen Politikverdrossenheit und Medienskepsis
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Veranstaltung
Die vierte Gewalt? - Zur Rolle der Medien als Berichterstatter und Akteur des politischen Systems
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
31
Katalognummer
V347170
ISBN (eBook)
9783668364882
ISBN (Buch)
9783668364899
Dateigröße
634 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Journalismus, Medienskepsis, AfD, Flüchtlingskrise, Rechtspopulismus, Lügenpresse, Politikverdrossenheit, Pegida, Wahlbeteiligung, Massenmedien, Medien
Arbeit zitieren
Steffen Kutzner (Autor), 2016, Zum Zusammenhang zwischen Politikverdrossenheit und Medienskepsis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/347170

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