Jazz in Deutschland. Zur Musikpolitik des nationalsozialistischen Regimes

Die mediale Darstellung des Jazz‘ im Dritten Reich


Bachelorarbeit, 2015
48 Seiten

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Begriffsklärungen
2.1 Jazz
2.2 Weimarer Republik
2.3 Nationalsozialismus und Drittes Reich

3. Jazz in der Weimarer Republik
3.1 Verbreitung und Rezeption des Jazz‘
3.2 Musikbolschewismus beginnende Politisierung des Jazz‘
3.3 Jazz zum Zeitpunkt des Machtwechsels

4. Jazz im Dritten Reich
4.1 Das Fallbeispiel des Saxophons
4.2 Musikpolitik im Dritten Reich
4.2.1 Reichsmusikkammer
4.3 Jazz in den Medien des Dritten Reichs
4.3.1 Rundfunk
4.3.1.1 Rundfunkpolitik
4.3.1.2 Charlie and his Orchestra
4.3.2 Schallplatte
4.4 Jazz im nationalsozialistischen Lagersystem

5. Fazit

6. Abkürzungsverzeichnis

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wie kaum eine andere Phase der deutschen Geschichte hat der Nationalsozialismus viele Bereiche des Lebens und so auch die Kultur geprägt. Der Jazz, als Musikrichtung mit afroamerikanischen Wurzeln, war in diesem Zusammenhang besonders von den ideologischen und rassistischen Grundvorstellungen des nationalsozialistischen Regimes betroffen und erlebte eine Beschneidung, die die musikalische Entwicklung des Genres in Deutschland determinierte.

Der Jazz war im Deutschland der 20er Jahre zunächst eine Modemusik. Er wurde von Tanz- und Salonorchestern gespielt und erfreute sich in der Weimarer Republik großer Beliebtheit. Ebenso wie in Frankreich, England und anderen Ländern, gab es auch in Deutschland bald Rezipienten, die den Jazz nicht nur als Mode, sondern als Kunstform wahrnahmen und schätzten.1 Während sich der Jazz in den Nachbarländern vergleichsweise frei entfalten konnte, war die Entwicklung des Genres in Deutschland nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten von Seiten des Regimes beschnitten. Die Aversion der Nationalsozialisten gegen Jazzmusik war darin begründet, dass diese ‚undeutsch‘ war und zudem Individualität statt Anpassung betonte. Doch trotz aller Unterdrückungsversuche konnte der Jazz von den Nationalsozialisten nicht aus der deutschen Musikwelt verbannt werden. Nationalsozialistische Maßnahmen gegen das Genre liefen schleppend, waren in den meisten Bereichen unkoordiniert und verliefen unabhängig voneinander. An dieser Stelle ist ein Widerspruch zwischen nationalsozialistischer Ideologie und der Entwicklung des Jazz‘ in Deutschland ersichtlich. Unter dem Titel:

Jazz in Deutschland -

Zum ambivalenten Verh ä ltnis der Nationalsozialisten zum Jazz soll die vorliegende Arbeit diesem Widerspruch nachgehen. Hierfür werden ausgewählte Kapitel der deutschen Jazzgeschichte herangezogen, die maßgeblich für die Untersuchung sind. Da Deutschland bereits zu Zeiten der Weimarer Republik mit dem Jazz in Berührung kam, ist dieser geschichtliche Abschnitt in die Untersuchung inkludiert, woraus sich eine thematische Unterteilung in die Bereiche Jazz in der Weimarer Republik und, darauf aufbauend, Jazz im Dritten Reich ergibt. Das Verhältnis der Nationalsozialisten zu dem, von ihnen so verhassten, Genre wird anhand der Musikpolitik des nationalsozialistischen Regimes, der medialen Darstellung des Jazz‘ im Dritten Reich und der Entwicklung des Jazz‘ im nationalsozialistischen Lagersystem beleuchtet.

Ziel der Arbeit ist die Betrachtung des politisch motovierten Umgangs mit dem Jazz, um so den Ursprung und die Erscheinungsformen der Ambivalenz im Verhältnis der Nationalsozialisten zum Jazz nachvollziehen zu können.

2. Begriffsklärungen

2.1 Jazz

Das Musikgenre Jazz ist um 1900 in den Südstaaten Amerikas entstanden. Für den Begriff Jazz gibt es keine allgemeingültige Definition. Verschiedene fachliche Auseinandersetzungen mit den Kernelementen des Jazz bringen unterschiedliche thematische Abgrenzungen hervor. So schreibt Niels-Constantin Dallmann in seiner Dissertation: „ Der Versuch, Jazz allgemeing ü ltig anhand musikalischer Charakteristika zu definieren, kann nicht gl ü cken, da Jazz im 20. Jahrhundert mehrfach stilistische Ver ä nderungen erfahren hat.“2 Diese Definitionsschwierigkeiten sind also der Komplexität des Genres geschuldet, in dem es eine enorme Vielfalt und Vielschichtigkeit gibt. Dies spiegelt sich auch in der Entwicklung verschiedener Stilrichtungen innerhalb des Genres wieder, die einander ablösten oder koexistierten.3 Trotz dieser Schwierigkeiten einer Definition gibt es zahlreiche Annäherungen an die Terminologie. Joachim-Ernst Berendt beschreibt den Jazz in diesem Zusammenhang wie folgt:

Jazz ist eine in den USA aus der Begegnung der Schwarzen mit der europ ä ischen Musik entstandene k ü nstlerische Musizierweise. Das Instrumentarium, die Melodik und die Harmonik des Jazz entstammen zum gr öß ten Teil der abendl ä ndischen Musiktradition. Rhythmik, Phrasierungsweise und Tonbildung sowie Elemente der Blues-Harmonik entstammen der afrikanischen Musik und dem Musikgef ü hl des amerikanischen Schwarzen. Der Jazz unterscheidet sich von der europ ä ischen Musik durch drei Grundelemente, die intensit ä tssteigernd wirken: 1. Durch ein besonderes Verh ä ltnis zur Zeit, das mit dem Wort Swing gekennzeichnet wird; 2. Durch eine Spontanit ä t und Vitalit ä t der musikalischen Produktion, in der die Improvisation eine Rolle spielt; 3. Durch eine Tonbildung bzw. Phrasierungsweise, in der sich die Individualit ä t des spielenden Jazzmusikers spiegelt. Diese drei Grundelemente, deren Wurzeln seit Generationen ‚ oral ‘ ü berliefert wurden und noch werden, schaffen ein neuartiges Spannungsverh ä ltnis, in dem es nicht mehr - wie in der europ ä ischen Musik - auf gro ß e Spannungsb ö gen, sondern auf eine F ü lle kleiner, Intensit ä t schaffender Spannungselemente ankommt, die aufgebaut und wieder abgebaut werden. “ 4

Der Umgang mit dem Begriff Swing scheint in diesem Zitat problematisch, da eine musikalische Eigenheit statt der gleichnamigen Stilrichtung innerhalb des Genres beschrieben wird, dennoch werden die Grundelemente des Jazz deutlich. Besondere Bedeutung haben in diesem Zusammenhang die musikalische Improvisation und der Performance-Charakter, die dem Jazz eine individuelle und lebhafte Note verleihen. In einer ersten, groben Einteilung kann man die Entwicklung des Jazz in zwei große Phasen unterteilen. Diese sind zum einen der Traditional Jazz, zu dem die Richtungen New Orleans Stil, Dixieland Stil, Chicago Stil und der Swing gezählt werden können und der in der vorliegenden Arbeit besondere Gewichtung erhält. Zum anderen handelt es sich um den Modern Jazz, der sich aus Bebop, Cool Jazz, Hard Bob, Free Jazz, Fusion, Rock Jazz, Latin Jazz etc. zusammensetzt.5 Diese Einteilung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern soll in einer ersten Betrachtung lediglich einen groben Einstieg in das Genre skizzieren und die besagte Vielschichtigkeit des Jazz‘ verdeutlichen. Wenn es in der heutigen Zeit schon schwierig ist, eine klare Abgrenzung des Begriffs Jazz vorzunehmen, so waren derlei Schwierigkeiten in den frühen 20er Jahren in Deutschland noch erheblich größer. Das Genre war jung und das Jazzverständnis dieser Zeit gründete sich auf einige wenige Presseberichte und musikalische Quellen.6 Die vorliegende Arbeit folgt dem Jazzverständnis zu Zeiten der Weimarer Republik und des Dritten Reichs. Daher wird das als Jazz bezeichnet und untersucht, was Musiker, Rezipienten und andere Akteure als Jazz empfanden, auch wenn der Untersuchungsgegenstand nach dieser Richtlinie aus der Retrospektive teils nicht mehr als Jazz eingeordnet würde.

2.2 Weimarer Republik

Als Weimarer Republik wird der Abschnitt deutscher Geschichte in den Jahren zwischen 1918 und 1933 bezeichnet. Nach dem Ersten Weltkrieg war der Kaiser gezwungen abzutreten und die deutsche Nationalversammlung erarbeitete in der Stadt Weimar eine demokratische Verfassung, die den Übergang vom Kaiserreich zu einem parlamentarisch-demokratischen Bundesstaat ebnete. Der vom Volk gewählte Reichspräsident war das Staatsoberhaupt. Dieses Amt bekleidete zunächst Friedrich Ebert (1919 bis 1925) und anschließend Paul von Hindenburg (ab 1925).7 Die Weimarer Republik, als erste Phase der Demokratie in Deutschland, war seit Anbeginn des Bestehens von großen Problemen gekennzeichnet. Neben wirtschaftlichen und politischen Unruhen wirkten sich vor allem Gegner der Demokratie in den eigenen Reihen negativ auf die Entfaltung des Bundesstaates aus.8 Die Entwicklung der Weimarer Republik lässt sich in drei Abschnitte unterteilen: Die erste Phase von 1919 bis 1923 war von einer Krise geprägt, die aus der Niederlage im Ersten Weltkrieg und der damit verbundenen schlechten wirtschaftlichen Lage resultierte und sich in einer Hyperinflation, Massenarbeitslosigkeit und politischer Instabilität äußerte.9 Darauf folgte in den Jahren von 1924 bis 1929 eine Phase relativer politischer und wirtschaftlicher Stabilität, in der Deutschland außenpolitische Anerkennung genoss und ein vielfältiges Kulturleben hervorbrachte.10 Die Weltwirtschaftskrise nach dem Crash an der New Yorker Börse im Oktober 1929 läutete den dritten und letzten Abschnitt ein, der in der Machtübernahme der Nationalsozialisten unter Adolf Hitler und dem Ende der demokratischen Weimarer Republik gipfelte.11

2.3 Nationalsozialismus und Drittes Reich

Der Nationalsozialismus bezeichnet die Ideologie, die nach dem Ende des Ersten Weltkriegs in Deutschland entstand. Diese politische Bewegung gründete sich auf nationalistische, antisemitische, rassistische und imperialistische Ziele und war der Wegbereiter für das Ende der parlamentarisch-demokratischen Weimarer Republik. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) im Jahre 1933 endete die Weimarer Republik und unter der Führung von Adolf Hitler wurde eine totalitäre Diktatur, das sogenannte Dritte Reich, in Deutschland gegründet.12 Das nationalsozialistische Regime etablierte ein Herrschaftssystem, das auf Unterwerfung, Unterdrückung und Terror basierte. Kernelemente des Nationalsozialismus waren eine strikte Ablehnung der Demokratie und die Idee eines arischen Herrenvolkes, das vermeintlich höherwertig als andere Rassen und Nationen wäre. Im Zuge dieser Idee wurden zahlreiche Völker und Nationen unterdrückt und es wurde der Versuch unternommen, die Welt vom Judentum zu ‚befreien‘, das in den Augen der Nationalsozialisten der Ursprung allen Übels war. Die menschenverachtende Haltung des nationalsozialistischen Regimes gipfelte in der fabrikmäßigen Tötung von Juden, Ausländern, Andersdenkern oder anderen Systemkritikern in den, eigens dafür eingerichteten, Konzentrationslagern. Der Vernichtungsfeldzug der Nationalsozialisten gegen die europäischen Nachbarn endete im Zweiten Weltkrieg, der am 01.09.1939 mit dem deutschen Angriff auf Polen begann.13

3. Jazz in der Weimarer Republik

Da der Jazz in Deutschland kein Phänomen des Dritten Reichs ist, sondern bereits nach dem ersten Weltkrieg an Bedeutung gewann, besteht die Notwendigkeit dieses Genre zur Zeit der Weimarer Republik zu skizzieren. Bereits diese erste aber kurze Phase einer parlamentarischen Demokratie in Deutschland nach Ende des Ersten Weltkrieges prägte die Entwicklung des Jazz‘ in Deutschland.

Die Ursprünge der Jazzmusik lassen sich in den Südstaaten Amerikas finden, wo um 1900 unter großer Beteiligung der afroamerikanischen Bevölkerung dieses neue Genre entstand. Während in Deutschland durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 zeitweise die gesamte Entwicklung der Tanzmusik unterbrochen wurde, erfreute sich der Jazz in Amerika bald großer Beliebtheit. In Deutschland hingegen blockierten Wirtschaftssanktionen den Zugang zu ausländischen Produkten und verhinderten zunächst, dass die ersten Schallplatten mit Jazzmusik ihren Weg aus den USA nach Deutschland fanden.14 Erschwerend kam hinzu, dass sich bereits damals in konservativen Kreisen eine Abneigung gegenüber dem Ausland und besonders gegenüber den ehemaligen Feindstaaten, wie auch den USA, herausbildete, die sich in einer generellen Ablehnung von ausländischen Erzeugnissen manifestierte. Eine der Vorformen des Jazz‘, der Ragtime als eine starre und in Noten gefasste Musik mit stakkatoartigem Rhythmus,15 war bereits seit der Jahrhundertwende in Deutschland präsent. Der Jazz selbst wurde in Deutschland jedoch erst nach Ende des Ersten Weltkriegs bekannt.16 Horst H. Lange bringt den Einzug des Jazz‘ in Deutschland in seiner Jazz-Chronik mit deutschen Kriegsgefangenen in amerikanischem oder britischem Gewahrsam in Verbindung und impliziert, dass diese dort erstmals Jazzmusik der Wärter hörten und die gewonnenen Eindrücke mit nach Deutschland brachten.17 Heribert Schröder hingegen verknüpft den Einzug des Jazz‘ in Deutschland mit einem Artikel in der Fachzeitschrift Artist für Unterhaltungsmusik und datiert dessen erstmaliges Erscheinen auf den 1. Juni 1919. In besagtem Artikel wurde der Jazz nicht als Musikrichtung, sondern als ein neuer Modetanz beschrieben.18 Die Unterschiedlichkeit beider Theorien zur ersten Berührung Deutschlands mit dem Jazz ist durch die jeweilige Autorenperspektive begründet. Während Horst H. Lange seiner Theorie die Auswertung von Tonträgern zugrunde legt und somit nur musikalische Quellen berücksichtigt, bezieht Heribert Schröder auch schriftliche Quellen mit ein und nimmt daher eine breiter gefächerte Analyse des Genres vor, die sich nicht ausschließlich auf produzierte Musik stützt und auch Akteure berücksichtigt, die keine Tonträger aufnahmen. Eine Koexistenz beider Theorien ist also durchaus möglich, auch wenn aus der Retrospektive aufgrund der Quellenlage und der geschichtlichen Komplexität des Themas nicht in Gänze bestimmt werden kann, an welchem Punkt und auf welchem Wege der Jazz erstmals nach Deutschland kam.

Mit einer ungefähr zweijährigen Verspätung gegenüber Frankreich und Großbritannien fand der Jazz letztendlich aber auch Einzug in Deutschland und im Jahre 1919 war eine große Begeisterung für die neuartige Tanzmusik aus Amerika zu beobachten. „ Nie wieder ist in Berlin so viel, so rasend getanzt worden19.

3.1 Verbreitung und Rezeption des Jazz‘

Nach Kriegsende und dem Wiederaufleben der Unterhaltungskultur Deutschlands verbreitete sich der Jazz, basierend auf einer allgemeinen Begeisterung für Land, Leute und Lebensweise Amerikas, in hoher Geschwindigkeit.20 Der Jazz galt weitreichend als eine als freiheitlich konnotierte Musik, die zumeist mit Idealen wie Demokratie und Neuanfang verknüpft wurde und bot durch seinen spontanen und improvisatorischen Charakter ein Erlebnis für die Rezipienten. Jazz, ein Genre, das zunächst teils in sehr exquisiten Clubs und Bars aufgeführt wurde, sprach dabei eher die besserverdienenden Gesellschaftsschichten an, die sich derlei Aufführungen leisten konnten und wollten. Hierzu gehörten vor allem junge Menschen aus der Nachkriegsgeneration, Künstler und Intellektuelle, die den Jazz als den Inbegriff für eine „ Amerikanisierung des deutschen Lebens21 und als Ausdruck der Modernität empfanden. Auch wenn einige Teile der Bevölkerung den Jazz als Bedrohung gegenüber der deutschen Kultur- und Musikwelt und als bittere Erinnerung an die Niederlage im Ersten Weltkrieg empfanden, erfreute sich der Jazz, besonders nach der Aufhebung des allgemeinen Tanzverbots Silvester 1918, in Deutschland im Allgemeinen großer Beliebtheit.22 Die Stadt Berlin ist in diesem Zusammenhang als deutsche Hochburg des kulturellen Lebens und auch des Jazz‘ zu nennen. Nach Jahren der Entbehrung und des Kriegs befürwortete die zerrüttete und kriegsgezeichnete Nation eine Rückkehr zu einem vergnüglicheren Leben und aus diesem Grund hörten und tanzten die Leute Jazz.23

Die Rezeption und Produktion von Jazz war in dieser Phase, während der ersten Berührung mit dem Genre, geprägt von der Suche nach authentischem und ‚echtem‘ Jazz. Authentisch meint in diesem Zusammenhang Jazz nach US-amerikanischem Vorbild. Dieser Umstand ist auf die Tatsache zurückzuführen, dass es zu Zeiten der Weimarer Republik in Deutschland einen großen Mangel an Original-Musik aus Amerika gab. Schallplatten mit authentischem Jazz waren, ebenso wie Noten, nur schwer zu erhalten. Die deutsche Firma Homokord nahm zwar mit dem Tiger Rag 1920 die erste Schallplatte unter der Bezeichnung Jazz auf, dennoch waren Originalplatten aus den USA erst zwei Jahre später über die Firma Lindstr ö m AG zu erhalten.24 Zuvor waren die Musiker der beliebten Tanz- und Unterhaltungsorchester dazu gezwungen, sich an den wenigen Presseberichten über das Genre zu orientieren, in denen der Jazz häufig mit dem Ragtime und verschiedenen Modetänzen vermischt wurde, die vor und während des Kriegs rezipiert wurden und deren Beliebtheit analog zum Jazz ebenfalls stetig stieg. So waren in der Jazzmusik deutliche Einflüsse des Ragtime und der Modetänze Cakewalk, One Step und Pasodoble zu erkennen. Später kamen ebenso Einflüsse aus den Bereichen Foxtrott und Shimmy hinzu.25 Das Ergebnis dieser Entwicklung war eine Jazzmusik, die aus heutiger Sicht nicht mehr als Jazz, sondern allenfalls als jazzverwandte Musik einzuordnen wäre.26

Bedingt durch die inflationären wirtschaftlichen Verhältnisse im Nachkriegsdeutschland, die aus der Niederlage im Ersten Weltkrieg resultierten, gab es bis Ende 1923 nur verhältnismäßig kleine Jazzcombos, da die finanziellen Mittel nicht ausreichten, um größere Formationen zu ermöglichen. Erst nach Einführung der Rentenmark im November 1923, die die prekäre wirtschaftliche Situation stabilisierte, verzeichnete die Wirtschaft einen Aufschwung, in dessen Folge es möglich wurde, auch größere Jazzformationen zu realisieren.27 Diese fanden in Tanzsälen, Bars, Kabaretts und Hotels in wachsendem Maße eine Anstellung und boten ihre Interpretation des Jazz dar. Es wurde vermehrt der Versuch unternommen, ausländische und bevorzugt amerikanische Jazzmusiker für deutsche Formationen zu verpflichten und sich auf diesem Wege dem amerikanischen Vorbild der Jazzmusik zu nähern.28 Die relative wirtschaftliche Stabilität begünstigte diese Bemühungen und machte eine Anstellung in Deutschland für ausländische Musiker attraktiv. Jazzmusiker wie beispielsweise Alex Hyde mit seinem New York Orchestra im Jahre 1924 oder ein Jahr darauf Sam Wooding mitsamt Orchester ließen bald echten, amerikanischen Jazz in Deutschland erklingen.29

Als Pioniere des deutschen Jazz‘ lassen sich Eric Borchard (1886-1934) und die Weintraub Syncopators (1924-1938) nennen. Borchard engagierte Musiker aus dem In- und Ausland und durch seine Beziehungen in die USA war es ihm möglich, amerikanische Noten und Schallplatten zu erhalten. Nachdem er 1920 die Yankee Jazz Band gründete, reiste er drei Jahre später in die USA, um dort Jazzmusiker zu verpflichten, die den echten und authentischen Jazz kannten. Horst H. Lange schreibt hierzu in seiner Chronik: „ Mit dieser Band begann der Jazz in Deutschland “.30 Gemeint ist, dass mit Eric Borchard und auch mit den Weintraub Syncopators erst-mals qualitativ hochwertiger Jazz nach amerikanischem Vorbild in Deutschland zu hören war. Die Mehrzahl der frühen Jazzinterpretationen hingegen bewegte sich laut Cornelius Partsch qualitativ auf einem sehr niedrigen Niveau und muss teils unerträglich geklungen haben.31 Heinz Pollack schreibt hierzu:

Tanzmeister und Orchester verbrannten sch ä mig ihre alten Noten [ … ] kauften sich Kindertrompeten, Kuhglocken, Gitarren und Z ü ndpl ä ttchenpistolen und lie ß en sich frohgemut und heiter als Original-Yazz [sic!] oder Shimmy-Band zu hunderten engagieren. Treulichst wurde die Devise befolgt: Keine Destille ohne Jazz-Band! [ … ] Die Melodie ist nebens ä chlich, Taktschlagen die Losung [sic!] “.32

Aus diesem Zitat wird zwar eine große Begeisterung für den Jazz ersichtlich, jedoch auch ein gewisses Unverständnis gegenüber dem eigentlichen Wesen dieser Musik. Die starke Expansion der technischen Kommunikationsmittel trug einen wichtigen Teil zur sprunghaften Verbreitung des Jazz in der Weimarer Republik bei. Während der Inflationszeit gab es zwar bereits erste Versuche amerikanische Matrizen zu vermarkten, doch diese Bemühungen glückten erst nach Einführung der neuen Währung. Mit Hilfe der Rentenmark, der amerikanischen Kredite und einem dadurch wiederbelebten Importgeschäft, begann die Phase der Ausbreitung und größten Popularität des Jazz‘, mit der die Schallplatte endgültig zum Erfolgsmodell wurde.33 Bis 1929 konnte die Produktion stückweise gesteigert werden, der größte Anteil mit 75% war dabei von Aufnahmen aus dem Bereich der Unterhaltungsmu- sik geprägt, zu der auch der Jazz gezählt werden kann. Deutsche Plattenfirmen wie beispielsweise Lindstr ö m AG, Telefunken oder der Deutschen Grammophon hielten hierbei jedoch einen vergleichsweise geringen Marktanteil, das Hauptgeschäft mit dem Produkt Jazz wurde hingegen mit ausländischen Fabrikaten erzielt. In diesem Zusammenhang ist besonders die Marke Brunswick hervorzuheben.34 Auf diesem Wege wurden bekannte Künstler aus Amerika wie Louis Armstrong, Duke Ellington oder Bix Beiderbecke bekannt und prägten nachhaltig das Genre Jazz in Deutschland. Ab 1925 nahmen dann auch erste deutsche Jazz-Formationen, wie die Ohio Lido Venice Band, Platten in Berlin auf.35

Neben der Schallplatte trug auch das Radio einen wichtigen Teil zur Verbreitung des Jazz in der Weimarer Republik bei. 1923 ging der erste Radiosender aus dem Berliner Voxhaus auf Sendung und knapp ein Jahr später strahlte Radio München die erste Jazzsendung unter dem Titel Jazzmusik aus dem Regina-Palasthotel aus. Danach wurde es üblich, Jazzkonzerte aus den verschiedenen Aufführungsstätten live zu übertragen.36 Hierbei dominierte ein eher sinfonischer Jazz, der zumeist von weißen Musikern wie Paul Whiteman oder Jack Hylton gespielt wurde. An dieser Stelle ist jedoch anzumerken, dass es sich bei diesen ersten Jazz-Übertragungen im Radio aus heutiger Sicht eher um eine Mischung aus Tanzmusik, Schlager und Jazz handelt. Der Hot-Jazz hingegen, der zumeist von afroamerikanischen Künstlern vertreten wurde, hatte in den Radiosendungen, bis auf wenige Ausnahmen, keinen Platz. Grund hierfür waren rassistische Geschäftspraktiken der US-amerikanischen Plattenindustrie.37

All diese Entwicklungen und Gegebenheiten führten zu einem regelrechten JazzBoom in Deutschland in der Zeit von 1924 bis 1929, der in einer Amerikanisierung des Repertoires vieler Orchester gipfelte, in denen das Saxophon nun als typisches Jazz-Instrument wahrgenommen wurde. Mittel- und Oberschicht waren gleichermaßen begeistert von der neuartigen Musik aus Amerika und rezipierten diese in Hotels, Cafés, Tanzlokalen und vielerorts mehr.38

[...]


1 Vgl. Knauer, Wolfram (Hrsg.): Jazz in Deutschland, Darmstadt 1996: Wolke Verlag Hofheim, S. 9.

2 Dallmann, Niels-Constantin: Terminologie des Jazz der Weimarer Republik: Rhythmus, Form und Gattungen, Stuttgart 2012: Ibidem-Verlag, S. 1.

3 Vgl. Lücke, Martin: Jazz im Totalitarismus. Eine komparative Analyse des politisch motivierten Umgangs mit dem Jazz während der Zeit des Nationalsozialismus und des Stalinismus, Münster 2004: LIT Verlag, S. 40.

4 Berendt, Joachim-Ernst: Das Jazzbuch, 4. Aufl., Frankfurt am Main 2007: Fischer Taschenbuch, S. 564.

5 Vgl. Lücke 2004, S. 40.

6 Vgl. Lücke 2004, S. 43.

7 Vgl. Kolb, Eberhart/Schumann, Dirk: Die Weimarer Republik, München 2012: Oldenbourg Verlag, S. 1ff.

8 Schneider, Gerd/Toyka-Seid, Christiane: Weimarer Republik (2013), http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/das-junge-politik-lexikon/161785/weimarer-republik, (19.08.15).

9 Vgl. Kolb/Schumann 2012, S. 1ff.

10 Vgl. Kolb/Schumann 2012, S. 57.

11 Vgl. Kolb/Schumann 2012, S. 112.

12 Vgl. Schubert, Klaus/Klein, Martina: Nationalsozialismus (2011),

http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/politiklexikon/17892/nationalsozialismus, (19.08.15).

13 Vgl. Hildebrand, Klaus: Das Dritte Reich, 7. Aufl., München 2009: Oldenbourg Verlag, S. 1-3.

14 Vgl. Lange, Horst H.: Jazz in Deutschland: die Deutsche Jazz-Chronik bis 1960, 2. Aufl., Hildesheim; Zürich; New York 1996: Georg Olms Verlag, S. 18.

15 Vgl. Lange 1996, S. 14.

16 Vgl. Lücke 2004, S. 49.

17 Vgl. Lange 1996, S. 19.

18 Vgl. Dallmann 2012, S. 25.

19 Partsch, Cornelius: Schräge Töne. Jazz und Unterhaltungsmusik in der Kultur der Weimarer Republik, Stuttgart; Weimar 2000: J. B. Metzler Verlag, S. 64.

20 Vgl. Partsch 2000, S. 2.

21 Lücke 2004, S 50.

22 Vgl. Lücke 2004, S 50.

23 Vgl. Lücke 2004, S. 51.

24 Vgl. Lücke 2004, S. 51.

25 Vgl. Lange 1996, S. 13.

26 Vgl. Lücke 2004, S 51.

27 Vgl. Ebd

28 Vgl. Lange 1996, S. 13ff.

29 Vgl. Partsch 2000, S. 13.

30 Vgl. Lange 1996, S. 13.

31 Vgl. Partsch 2000, S. 55-62.

32 Pollack, Heinz: Die Revolution des Gesellschaftstanzes, Dresden 1922: Sibyllen Verlag, S. 73.

33 Vgl. Partsch 2000, S. 13.

34 Vgl. Lücke 2004, S. 54.

35 Vgl. Lange 1996. S. 23.

36 Vgl. Partsch 2000, S. 120.

37 Vgl. Lücke 2004, S. 55.

38 Vgl. Dümling, Albrecht (Hg.): Das verdächtige Saxophon. Entartete Musik im NS-Staat, 4. Aufl., Regensburg 2007: Conbrio, S. .30.

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Details

Titel
Jazz in Deutschland. Zur Musikpolitik des nationalsozialistischen Regimes
Untertitel
Die mediale Darstellung des Jazz‘ im Dritten Reich
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg
Autor
Jahr
2015
Seiten
48
Katalognummer
V347192
ISBN (eBook)
9783668364691
ISBN (Buch)
9783668364707
Dateigröße
725 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
jazz, deutschland, musikpolitik, regimes, darstellung, jazz‘, dritten, reich
Arbeit zitieren
Lea Lenz (Autor), 2015, Jazz in Deutschland. Zur Musikpolitik des nationalsozialistischen Regimes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/347192

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