Jugendkulturelle Orientierungen und Umgehensweisen in der Postmoderne


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

18 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Strukturelle Rahmenbedingungen für die Jugendkulturen des 21. Jahrhunderts

III. Differenzierung und Individualisierung in heutigen Jugendkulturen
3.1. Orientierungsmuster der Jugendkulturen
3.1.1. Veränderte Leitbilder
3.1.2. Heterogen zusammengesetzte Jugendkulturen
3.2. Die abnorm hohe Bedeutung der Mode

IV. Fazit – Ist die Jugend der Postmoderne überfordert oder den Rahmenbedingungen gewachsen?

V. Literatur

I. Einleitung

Der demographische Wandel ist zur Zeit in aller Munde. Jeder weiß etwas dazu beizutragen, oft wird im Fernsehen oder in der Zeitung über potentielle Probleme oder Folgen berichtet. Zahlreiche Bücher zum Thema sind in den Buchhandlungen erhältlich. Die Protagonisten dieses Themas sind die alten Menschen und die älter werdenden Menschen. Wie geht man mit dem Überschuss der älteren Generationen in der deutschen urnenförmigen Bevölkerungspyramide um? Lösungsstrategien werden in Talk- und Polit-Shows diskutiert. Eine bedeutende Fehlentwicklung in dieser Diskussion ist das Nicht-Thematisieren des unteren Teils der Urne: die jüngeren Menschen in Deutschland. Zwar findet man reichlich Fachliteratur über Jugendkulturen, Jugendstile und Jugendliche, in der Probleme und Entwicklungen thematisiert werden, in der versucht wird, die Komplexität des Phänomens Jugend aufzuzeigen und die durchaus Begriffe wie Postmoderne und Individualisierung verwendet. Allerdings liegt die Problematik in der Aktualität der Jugendstudien. Wissenschaftler hängen den aktuellen Tendenzen jungendlichen Verhaltens hinterher.

Im Rahmen des fortschreitenden Strukturwandels und der damit einhergehenden Pluralisierung von Lebensstilen und der veränderten Verfügbarkeit von freier Zeit wird es für Jugendliche zunehmend schwieriger, ihren persönlichen Lebensweg zu finden. Die Vielzahl an neuen Wahlmöglichkeiten hinsichtlich ihrer Lebensgestaltung – gemeint sind sowohl die beruflichen Wahlmöglichkeiten als auch die erhöhte Auswahl an Freizeitangeboten – erfordert in steigendem Maße eine Aneignung von Strategien zur Bewältigung des unübersichtlichen Angebots. Sind die Jugendlichen Opfer dieses Wandels oder formen sie in der postmodernen Epoche des 21. Jahrhunderts eine neue Art von Jugendkultur, die sich zwar von den früheren Subkulturen (vorausgesetzt wird die Annahme Ferchhoffs, dass sich die Jugendsubkulturen zu Jugendkulturen entwickelt haben) unterscheidet, aber dennoch ihre eigenen Qualitäten aufweist?

Ziel der Arbeit ist es, die veränderten Ausgangsbedingungen für Jugendliche in der Postmoderne zu erläutern. Sie will versuchen, eine Antwort auf die oben formulierte Frage zu finden.

Im ersten Teil der Arbeit soll auf die strukturellen, gesellschaftlichen Gegebenheiten für die Jugendkulturen des 21. Jahrhunderts eingegangen werden. Was hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte verändert? In welchem Rahmen bewegen sich die Jugendlichen? Im zweiten Teil sollen die Orientierungsmuster der Jugendkulturen heraus gearbeitet werden. Relevant sind hierfür veränderte Leitbilder und heterogen zusammengesetzte Gruppen. Als in der heutigen Zeit hervortretendes Phänomen der Konsumwelt soll auf die Bedeutung der Mode eingegangen werden. Im Schlussteil werden von Ferchhoff ermittelte Antworten als Bewältigungsmuster vorgestellt und des Weiteren der Versuch einer Beantwortung der Leitfrage gewagt. Zudem erfolgt ein Ausblick auf weiterführende Problematiken.

II. Strukturelle Rahmenbedingungen für die Jugendkulturen des 21. Jahrhunderts

Um im folgenden näher auf Jugendkulturen eingehen zu können, soll zunächst kurz skizziert werden, was mit Jugend gemeint ist. Bis in die 60er Jahre hinein bezeichnete man mit der Jugendphase die Phase als Jugendlicher zwischen etwa 14 und 18 Jahren. Mit der Volljährigkeit war das Ende der Jugendphase erreicht und der Eintritt ins Erwerbsleben symbolisierte den Übergang in die Phase des Erwachsenseins. Seit den 70er Jahren setzte ein durchgreifender Strukturwandel ein, der in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens Veränderungen hervor rief. Zunächst wurde mit Strukturwandel der Übergang vom Industrie- zum Dienstleistungszeitalter bezeichnet, doch schon kurze Zeit später wurde klar, dass der Strukturwandel nicht nur in den wirtschaftlich organisierten Teilen der Gesellschaft zutage trat, sondern sich insbesondere im sozialen Bereich niederschlug. Mit sozialem Bereich sind in erster Linie der in nahezu jeder Fachliteratur erwähnte Wertewandel und die Pluralisierung von Lebensstilen gemeint. Im Rahmen dieses Wandels hat sich in der wissenschaftlichen Forschung der Jugendsoziologie auch die frühere Definition der Jugendphase verändert. Ferchhoff drückt es folgendermaßen aus: „In den hochentwickelten Industrie- und postmodernen Dienstleistungsgesellschaften wird meistens eine bestimmte Altersphase mit unscharfen Rändern zwischen Kindheit und Erwachsensein im Lebenslauf als Jugendphase gekennzeichnet.“[1] Er begründet dies auf folgende Art und Weise: Aufgrund der veränderten Rahmenbedingungen, wie beispielsweise ein meist verspäteter Eintritt ins Erwerbsleben oder das nicht mehr festzulegende Alter bei Eheschließungen, ist ein eindeutiges Ende der Jugendphase nicht mehr am Alter festzumachen, sondern kann vielmehr soziologisch anhand verschiedener Kriterien (Beginn einer regelmäßigen Erwerbsarbeit, Kinder, finanzielle Selbständigkeit) festgelegt werden. Somit handelt es sich bei der Jugendphase – soweit der Begriff in dieser Arbeit verwendet wird - um einen „offenen Lebensbereich“[2]. Das Ende der Jugendphase ist nicht eindeutig definierbar. Auch der Beginn der Jugendphase hat sich im Vergleich zu früher verschoben. Tendenzen, die bereits früher in der Jugendphase erkennbar waren, haben sich im Laufe der Jahrzehnte verstärkt. So machen Jugendliche beispielsweise früher sexuelle Erfahrungen, der Weg in Richtung eines ‚normalen’ Familienlebens (Heirat, Kinder) wird immer seltener. Und obwohl Ein- und Austritt in/ aus die/ der Jugendphase früher leichter erkennbar waren hat es „eine homogenisierte Normalbiographie „Jugend“ offenbar früher wie heute nicht gegeben.“[3] Die Anzahl an Institutionen, die sich mit den Jugendlichen beschäftigen, hat sich allerdings im Vergleich zu früher enorm erhöht. Es stellt sich die Frage, ob sie ein hilfreiches Angebot für Jugendliche darstellen, oder diese in ihrer Freiheit einengen. Baacke nimmt letzteres an: „Die Institutionalisierung der Jugend erreicht heute einen gewissen Höhepunkt. Bildungssystem, Jugendberatung, Freizeitmaßnahmen und Freizeitangebote, außerschulische Bildung, Bafög und Sozialhilfe – das gesellschaftliche Netz legt sich über jeden Jugendlichen und verschärft damit die subjektiven Erfahrungen seiner Statusprobleme.“[4] Man könnte dieses Netzwerk aber auch durchaus positiv bewerten, und zwar insofern, als dass diese Institutionen für viele Jugendliche die einzige Anlaufstelle für ihre tiefgreifenden Probleme sind. Dies mag nicht bei der Mehrheit der Jugendlichen der Fall sein; für diejenigen, die aber nicht 100%ig im sozialen Netz integriert sind, stellen die sozialen Institutionen einen positiven Orientierungspunkt dar.

Die Jugendlichen des 21. Jahrhunderts müssen mehr selbständige Entscheidungen treffen als die Jugendlichen in Generationen vor ihnen. Mündigkeit, Verantwortungsbewusstsein und bewusst gesetzte Ziele sind früh von Bedeutung. Seit etwa den 70er Jahren ist z.B. das Risiko des beruflichen Scheiterns höher, da der Anspruch an das Ausbildungsniveau gestiegen ist.[5] Die Jugendlichen müssen also ein viel höheres Leistungsniveau erreichen und sind dennoch Opfer dessen, was Geißler als eine Folge der Bildungsexpansion bezeichnet hat: die Tatsache, dass für zahlreiche Berufszweige ein höherer Abschluss erwartet wird als früher (Aufwertungseffekt), dass jedoch insgesamt mehr Menschen höhere Abschlüsse erwerben und diese somit wiederum an Wert verlieren (Entwertung).[6] Auf der anderen Seite haben sich neue Chancen auf Selbstverwirklichung und Individualisierung geöffnet, die durch die durch „Deinstitutionalisierung und Entritualisierung des jugendlichen Gemeinschaftslebens“[7] möglich sind.

Ein oben noch nicht erwähntes, aber sehr bedeutendes Merkmal des Strukturwandels ist der rasante Wandel von Modeerscheinungen und des vielfältigen Medienangebots, der hinsichtlich der darzustellenden Thematik nicht unerwähnt bleiben darf. Neuerscheinungen und Neuheiten lösen das Vorangegangene ab und bedeuten somit das Ende für die oft am Tag zuvor noch neue modische bzw. technische Erscheinung.[8] Der Bedeutungsverfall von modischen Gegenständen oder Kleidern in der heutigen schnellen Zeit ist enorm. Trends kommen und gehen, zum Teil sind sie nicht mehr voneinander unterscheidbar. Sie verschwimmen ineinander, ähnlich dem Verschwimmen von zahlreichen Tätigkeiten, die eine Person gleichzeitig erledigt. Insgesamt scheinen die Menschen weniger Zeit zu haben, obwohl ihnen rein rechnerisch mehr freie Zeit zur Verfügung steht als jemals zuvor in der Geschichte. Die Jugendlichen sind wie keine andere Generation[9] - und vor allem wie keine Jugendgeneration in früheren Jahren - täglich mit diesem rasanten Wandel konfrontiert. Sie müssen sich ständig mit dem Neuen auseinander setzen, einerseits um innerhalb ihrer Peergroup mithalten zu können, andererseits um eine (berufliche) Chance für die Zukunft zu haben. Letzteres betrifft weniger die Modetrends, sondern die technischen Erneuerungen, z.B. die schnelle Computerisierung. Technische Trends werden jedoch keineswegs nur als Mittel zum Zweck genutzt, sie dienen – ebenso wie modische Neuheiten – der Repräsentation und der Konstruktion der eigenen Identität, können Eindruck bei Gleichgesinnten schaffen und stellen oft ein Zugangskriterium zu den anderen Jugendlichen dar nach dem Motto: „Hast du nichts, bist du nichts, kannst du nicht teilnehmen.“ Das bedeutet, dass Konsumgüter zunehmend an Bedeutung gewinnen, obwohl Kapitalismus und die Konsumgesellschaft von vielen negativ bewertet wird. Paul Willis bezeichnet diesen Umstand als paradox: Konsumgüter der heutigen kapitalistischen Zeit dienen als Mittel zum Zweck bei der Kreation einer alternativen, individuellen Identität.

[...]


[1] FERCHHOFF, Wilfried: Jugendkulturen im 20. Jahrhundert. Von den sozialmilieuspezifischen Jugendsubkulturen zu den individualitätsbezogenen Jugendkulturen. Frankfurt am Main. 1990. S.97. Im Folgenden: FERCHHOFF, 1990.

[2] FERCHHOFF, 1990. S.99

[3] BAACKE, Dieter: Jugend und Jugendkulturen. Darstellung und Deutung. 3., überarbeitete Auflage. München. 1999. S.234. Im Folgenden: BAACKE, 1999.

[4] BAACKE, 1999. S.23

[5] FERCHHOFF, 1990.

[6] GEIßLER, Rainer: Die Sozialstruktur Deutschlands. Zur gesellschaftlichen Entwicklung mit einer Zwischenbilanz zur Vereinigung. 2., neubearbeitete und erweiterte Auflage. 1996.

[7] FERCHHOFF, 1990. S.109

[8] Vgl. FERCHHOFF, Wilfried/ NEUBAUER, Georg: Jugend und Postmoderne. Analysen und Reflexionen über die Suche nach neuen Lebensorientierungen. München. 1989. S.80ff. Im Folgenden: FERCHHOFF, 1989.

[9] Definition des Begriffs ‚Generation’: einer Generation zugehörig ist die Gesamtheit von Menschen, die überregional über Primärgruppen hinaus in einem größeren Sozialverband durch ein gemeinsames Generationsbewusstsein, gemeinsame oder verwandte verhaltensprägende Erfahrungen, Wertvorstellungen, Einflüsse, Erlebnisse, Einstellungen etc. in einem sogenannten „kritischen Lebensalter“ (i.d.R. zwischen dem 16. und 25. Lebensjahr; vgl. Herrmann 1987a, S.366) „miteinander verbunden sind und sich von einer älteren und/ oder jüngeren Generation deutlich unterscheiden“ (Schäfers 1989, S.13f.). Eine Generation kann auch im Rahmen einer gesellschaftliche und sozial institutionalisierten Zeitlichkeit (Matthes 1985, S.368) aufgefasst werden als „die Summe aller ungefähr Gleichaltrigen eines Kulturkreises, die auf Grund ihrer gemeinsamen historisch-gesellschaftlichen Situation über ähnliche „persistente cognitive maps“, Einstellungen, Erwartungen, Motive, Orientierungen und Wertvorstellungen verfügen“ (Griese 1982, S.73). In: FERCHHOFF, 1990. S.107

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Jugendkulturelle Orientierungen und Umgehensweisen in der Postmoderne
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Hauptseminar: Subkulturen, Jugendkulturen, (Fan-)Szenen oder Mainstream der Minderheiten
Note
1
Autor
Jahr
2004
Seiten
18
Katalognummer
V34727
ISBN (eBook)
9783638348652
ISBN (Buch)
9783638865166
Dateigröße
501 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jugendkulturelle, Orientierungen, Umgehensweisen, Postmoderne, Hauptseminar, Subkulturen, Jugendkulturen, Mainstream, Minderheiten
Arbeit zitieren
Yvonne Metzger (Autor), 2004, Jugendkulturelle Orientierungen und Umgehensweisen in der Postmoderne, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34727

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