Die Nibelungenklage - Sagenstoff in historischem Gewand?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003

20 Seiten, Note: 2 -


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Grundsätzliches zur Nibelungenklage
1.1 Inhalt, Gliederung und formale Aspekte der Nibelungenklage
1.2 Datierung und Entstehungsort der Klage
1.3 Überlieferung und Gattung der Klage
1.4 Was will die Klage?

2 Übertragung der Gedankenwelt des 13. Jahrhunderts auf das Nibelungenlied
2.1 Unterschiedliche Erzählintention bei Lied und Klage
2.2 Die Klage als Voraussetzung für der Verschriftlichung des Liedes
2.3 Klage als Diskussionsbeitrag zum Nibelungenlied

3 Die Wahrung von feudaler Ordnung in der Klage

4 Historiographische Anklänge in der Nibelungenklage
4.1 Funktion der Schrift
4.2 Verquickung von Sage und Historia
4.3 Dynastiekontinuität in der Klage
4.4 Betonung des Nichts-Wissens
4.5 Motivation der Aufzeichnung
4.6 Informationsfülle der Klage
4.7 Fehlender Mythos

5 Die Klage als Kommentar zur Reichgeschichte?

6 Gibt es deutliche literarische Aspekte in der Klage?

7 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Nibelungenklage und geht dabei vor allem der Frage nach, auf welche Art und Weise die Klage das Geschehen erzählt. Nachdem zunächst grundsätzliche Aspekte der Nibelungenklage geklärt worden sind, wie u.a. Inhaltliches, Formelles und Zielsetzungen der Klage, beschäftigt sich der Hauptteil der Arbeit mit dem Wie des Erzählens: Kann es sein, dass die Klage sich aus bestimmten Gründen einer historiographischen Erzählweise bedient, die markante Parallelen zu weltchronistischen Werken und anderen historiographischen Texten besitzt? Oder anders ausgedrückt, um mit dem Titel der Arbeit zu fragen: Ist die Nibelungenklage ein Sagenstoff, der in ein Gewand von traditioneller Geschichtsschreibung gekleidet wurde? Und kann es vielleicht sogar sein, dass aktuelle Geschichte des 13. Jahrhunderts in einen Sagenstoff eingebettet wurde? Um diese Fragen zu beantworten, werden bestimmte Details der Nibelungenklage näher untersucht und am Ende ein entsprechendes Ergebnis präsentiert.

1 Grundsätzliches zur Nibelungenklage

1.1 Inhalt, Gliederung und formale Aspekte der Nibelungenklage

Die Nibelungenklage knüpft an das Geschehen des Burgundenuntergangs am Hunnenhof in „konzeptionelle[r] Logik“[1] an, wobei zunächst, nach dem Prolog (v. 1-20), die Situation Kriemhilds rekapituliert wird (1.Teil: v. 20-586). Danach werden die Toten aufgefunden und beweint, wobei Handlungselemente des Liedes wiederholt werden. Die Trauer der Hinterbliebenen wird aufgezeigt und die Toten beklagt, wobei vor allem die Trauer über Rüdiger hervortritt, der als „vater alle tugende“ bezeichnet wird (2.Teil: v. 587-2493). Danach wird die Nachricht an die Höfe von Wien, Bechelaren, Passau und Worms überbracht, bevor Dietrich in seine Heimat zurückkehrt (3. Teil: v. 2494-4294). Der Epilog befasst sich schließlich mit der Verschriftlichung der maere, die von dem Passauer Bischof Pilgrim aufgegeben wird. Am Ende wird sich dann noch über das fehlende Wissen über das Schicksal Etzels ausgelassen.

Die Klage besteht aus vierhebigen Reimpaarversen, während das Lied Strophen aufweist. Außerdem weist die Klage eine größere Fülle an Einzelheiten bei Personen und Ereignissen auf.[2] In der Forschung wurde die Klage allgemein als ästhetisch nicht so hochrangig wie das Lied angesehen.[3]

1.2 Datierung und Entstehungsort der Klage

Zur Frage der Datierung der Klage gibt es unterschiedliche Ansichten. Einige sehen die Entstehungszeit um 1230, also einem ziemlich späten Datierungszeitraum, während andere die Klage vor der schriftlichen Fixierung des Nibelungenliedes sehen, wobei auf die Ähnlichkeit der Klage mit der *C-Version des Liedes verwiesen wird. Aber wahrscheinlich kommt die Frühdatierung, die die Entstehung der Nibelungenklage in unmittelbarer zeitlicher Nähe zum Nibelungenlied ansetzt, der Wahrheit am nächsten wegen des Bezugs der Klage auf die Epen Wolframs.[4] Joachim Bumke erläutert: „Soweit wir die Überlieferung des Liedes zurückverfolgen können, ist die ´Klage´ immer schon mit dem ´Lied´ verbunden.“[5] Nikolaus Henkel sieht in dem dichten Gedränge von redaktionellen Umformungen eine Folge des regen Gesprächs über den Sagenstoff[6] und Bumke betont, dass die Klage nicht gegen das Lied gerichtet gewesen sei, sondern beides als eine große Nibelungendichtung wahrgenommen wurde.[7]

Als Entstehungsort wird heute allgemein aus geographischer, historischer und sprachlicher Hinsicht das heutige Österreich oder Ostbayern angenommen.[8] Konkret scheint „durch die sehr genauen geographischen Angaben über die Lage der Stadt“[9] vieles für Passau als Ort der Entstehung sowohl des Liedes als auch der Klage zu sprechen. Außerdem scheint es, dass Lied und Klage von zwei unterschiedlichen Dichtern verfasst wurden.[10] Beide sind allerdings anonym geblieben.[11] Die Art und Weise der Klagedichtung lässt annehmen, dass es sich bei dem Dichter wahrscheinlich um einen Kleriker handelte.[12]

1.3 Überlieferung und Gattung der Klage

Es ist dabei interessant, dass es eine sehr enge Verbindung zwischen Nibelungenlied und –klage zu bestehen scheint, da bis auf zwei Ausnahmen alle Handschriften, die das Nibelungenlied überliefern, auch die Klage mitüberliefern, sodass man durchaus sagen kann, dass die Klage das Lied voraussetzt. Das geht sogar so weit, dass der Klagetext fast immer auf der Seite beginnt, wo das Lied aufhört. Hierzu sagt Bumke: „Das Bemühen um graphische Angleichung der beiden Teile deutet darauf, dass ´Lied´ und ´Klage´ für die Schreiber ein ´Werk´ bildeten, [...].“[13] Und auch Henkel bemerkt, dass Lied und Klage über eine mechanische Einheit hinausgehen würden, und dass es vielmehr um eine „bewusste Herstellung einer sinnstiftenden Einheit des Erzählkomplexes“[14] gehen würde.

Hans Szklenar betont, dass die Klage keine Totenklage sei, da eine Totenklage aktuell sei und sich nicht auf vor Jahrhunderten gestorbene Personen beziehen könne.[15] Er bestreitet auch, dass die Klage eine Fortsetzung des Liedes sei und betont die Unterschiede zwischen Lied und Klage: „Kurz: Er [der Autor] ist nicht wie ein Fortsetzer auf Einfühlung und Anpassung bedacht, sondern vielmehr auf betonte Distanzierung und Geltendmachung eines eigenen Standpunktes.“[16] Für Szklenar ist die Klage eine Mischgattung, die aus Klage und Interpretation besteht, die schließlich zur Verklagung führen.[17]

1.4 Was will die Klage?

Aber es gibt eben auch Abweichungen zwischen Lied und Klage in wesentlichen Punkte. So u.a. in dem „sich in ihnen manifestierenden Ethos“[18]. Eine heroische Gesinnung steht einer christlichen Sichtweise konträr gegenüber: „[...]: die Klage fragt nach der Ursache der Katastrophe, benennt die Schuldigen und offeriert abschließend eine positive Sicht der Zukunft durch die Krönung des Gunthersohnes“[19], schreibt Monika Deck.

Bei der Betrachtung der Geschichte der Germanistik, ist festzustellen, dass das Nibelungenlied bevorzugt wurde. Vielleicht lag das auch daran, dass das Ziel der Klage unklar erschien. Jedenfalls wurde im 19. Jahrhundert das Lied von der Klage abgetrennt, was zu forschungsgeschichtlichen Konsequenzen führten, nämlich derart, dass das Lied für sich interpretiert wurde.

Für Marie Luise Bernreuther besteht das Ziel der Klage in Folgendem: „Reaffirmation eines, durch das Nibelungenlied irritierten feudal-adligen Selbstverständnisses über das Funktionieren personaler Beziehungen innerhalb eines Herrschaftsverbandes.“[20] Ihrer Meinung nach negiert die Klage die unauflöslichen Konflikte des Nibelungenliedes.[21] Weiterhin ist nach Bernreuther das Ziel, „hierarchisierenden Wertungen und diskussionslos nachvollziehbaren, rationalen Ursachen des Nibelungenuntergangs [vorzunehmen], und das gelingt ihr, indem sie grundlegende gesellschaftliche Normen aus ihrer zerstörerischen Ambivalenz löst und einer eindeutigen Wertung zugänglich macht“[22].

2 Übertragung der Gedankenwelt des 13. Jahrhunderts auf das Nibelungenlied

2.1 Unterschiedliche Erzählintention bei Lied und Klage

Die Klage hat jedenfalls eine ganz andere Erzählintention als das Lied. Beim Lied ist der Untergang der Burgunden ein factum brutum, während die Klage das Ziel verfolgt, eine Darstellung des Jammers und der Verarbeitung zu liefern und letztendlich die Überwindung der Ereignisse. Die Leitfrage der Klage ist nach der Ursache für die Katastrophe. Dabei setzt sie ein einfaches Erklärungsmodell an, indem sie sagt, dass die Geschehnisse prinzipiell vermeidbar gewesen seien. Die Klage will im Gegensatz zum Lied, das den Hörer bzw. Leser mit allen offenen Fragen alleine lässt, eine eindeutige Bewertung der Ereignisse etablieren. Die Klage versucht die offenen Fragen des Liedes zu beantworten, wie z.B.: Warum musste Siegfried sterben? oder: Wer hat Schuld am Untergang der Burgunden? Dabei gibt es durchaus unterschiedliche Erklärungsansätze, die den Grund für den Tod Siegfrieds in dessen Übermut bis in hin zu dem Streit der beiden Frauen sehen. Marten Brandt schreibt, dass „der normativ-wertende Charakter der Klage [...] dabei als Reaktion auf die ethische Unbestimmtheit des Nibelungenliedes zu verstehen“ [23] sei. Die Klage besitzt nämlich ein klares Wertesystem. Das zeigt sich auch am Erzähler der Klage, der als Moralist auftritt, während derjenige beim Lied ein Gemeinschaftsgefühl herstellt, indem er am Anfang von „uns“ spricht. Der Autor des Liedes sucht die Bereitschaft der Hörer bzw. Leser sich auf das Erzählte einzulassen, während der Autor der Klage zur Mitleidshaltung auffordert, wobei die Figuren der Klage als Vorbilder darin dienen. Dabei soll aber die Trauer in einem maßvollem Rahmen gehalten werden mit der Aufforderung sich in Gottes Plan zu fügen. Es ist eine programmatische Botschaft in der Klage zu erkennen, dass auch nach dem Untergang der Burgunder Zukunft und Leben, kurz vreude möglich ist. Die Klage schafft einen christlichen Deutungsrahmen und zwar einen, der der Zeit des 13. Jahrhunderts entsprach. Somit erzeugt die Klage eine nachträgliche Sinnstiftung für das Lied. Der Tod wird in der Klage als gedeutete biblische Version übermittelt, nämlich letztlich als Lohn der Sünde[24] und als unumstößliches Gesetz[25]. Damit die Klage sinnstiftend wirken kann, bedient sie sich einer für das 13. Jahrhundert moderner Erzählform, indem sie Reimpaarverse verwendet, sich auf lateinische Quellen beruft, Reichsgeschichte einfügt und christliche Wertmaßstäbe ansetzt. Gerade das christliche Erklärungsmodell der Klage ist notwendig, um die Heldensage um die Nibelungen im Weltverständnis der Menschen des 13. Jahrhunderts zu halten.

[...]


[1] Elisabeth Lienert, Intertextualität in der Heldendichtung. Zu Nibelungenlied und Klage, 276-298. In: Wolfram-Studien 15 (1998), S.290.

[2] Christoph Böhm, „heiden und kristen“ – Worüber klagt die Nibelungenklage?, 201-242, In: Nibelungenlied und Klage. Ursprung – Funktion – Bedeutung, hrsg. von Dietz-Rüdiger Moser und Marianner Sammer (Symposium Kloster Andachs 1995 mit Nachträgen bis 1998), München 1998, S.205.

[3] Die Nibelungenklage. Mittelhochdeutscher Text nach der Ausgabe von Karl Bartsch. Einführung, neuhochdeutsche Übersetzung und Kommentar von Elisabeth Lienert. Paderborn u.a. 2000 (Schöninghs mediävistische Editionen 5), S.9.

[4] Die „Nibelungenklage“. Synoptische Ausgabe aller vier Fassungen, hrsg. von Joachim Bumke, Berlin/New York 1999, S.13f.

[5] Joachim Bumke, Die vier Fassungen der „Nibelungenklage“. Untersuchungen zur Überlieferungsgeschichte und Textkritik der höfischen Epik im 13. Jahrhundert. Berlin/New York 1996 (Quellen und Forschungen zur Literatur- und Kulturgeschichte 8 [242]), S.111.

[6] Nikolaus Henkel, „Nibelungelied“ und „Klage“. Überlegungen zum Nibelungenverständnis um 1200. In: Mittelalterliche Literatur und Kunst, 73-96, S.78.

[7] Bumke, 1996, S.592f.

[8] Böhm, 1998, S.204.

[9] Bumke, 1999, S.14.

[10] Böhm, 1998, S.202f.

[11] Michael Curschmann, ´Nibelungenlied´ und ´Nibelungenklage´, Sp.926-969. In: Die deutsche Literatur des Mittelalters, Verfasserlexikon, hrsg. von Kurt Ruh u.a., Bd.6, Berlin/New York 1987, Sp.934f.

[12] Böhm, 1998, S.241.

[13] Bumke, 1996, S.237.

[14] Henkel, S.81.

[15] Hans Szklenar, Die literarische Gattung der Nibelungenklage und das Ende alter maere. In: Poetica 9 (1977), 41-61, S.45.

[16] Szklenar, 1977, S.47.

[17] Szklenar, 1977, S.49.

[18] Monika Deck, Die Nibelungenklage in der Forschung. Bericht und Kritik. Frankfurt am Main 1996 (Europäische Hochschulschriften. Reihe 1. Bd.1564), S.9.

[19] Deck, 1996, S.10.

[20] Marie-Luise Bernreuter, Motivationsstruktur und Erzählstrategie im Nibelungelied und in der Klage. Greifswald 1994 (Wodan 41), S.179.

[21] Bernreuter, 1994, S.179.

[22] Bernreuter, 1994, S.143.

[23] Marten Brandt, Gesellschaftsthematik und ihre Darstellung im Nibelungenlied und seinen hochmittelalterlichen Adaptionen. Frankfurt am Main 1997 (Europäische Hochschulschriften. Reihe 1. Bd. 1643), S.242.

[24] Vgl. Römer 6,23: „Denn der Lohn der Sünde ist der Tod, die Gnadengabe Gottes aber ewiges Leben in Christus Jesus, unserem Herrn.“

[25] Vgl. Hebräer 9,27: „Und wie es den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht, [...].“

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Nibelungenklage - Sagenstoff in historischem Gewand?
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für deutsche Sprache und Literatur)
Veranstaltung
Historiographisches Erzählen im MA
Note
2 -
Autor
Jahr
2003
Seiten
20
Katalognummer
V34740
ISBN (eBook)
9783638348737
ISBN (Buch)
9783638760133
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nibelungenklage, Sagenstoff, Gewand, Historiographisches, Erzählen
Arbeit zitieren
Peter Lindhorst (Autor), 2003, Die Nibelungenklage - Sagenstoff in historischem Gewand?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34740

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