Das tödliche Gift der Langeweile

Die 1914er und 1999er Generationen im Vergleich anhand von Texten von Ernst Jünger und des popliterarischen Werkes "Tristesse Royale"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004

26 Seiten, Note: 2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Generationsbegriff
1.1 Generation - eine Definition
1.2 Das popliterarische Quintett - Repräsentant einer Generation?

2 Der Vergleich mit 1914 seitens der Popliteraten
2.1 Krieg als Mittel zur Herstellung einer weißen Leinwand
2.2 Krieg als Ausweg aus der Tristesse
2.3 Ironie als bewusste Provokation?
2.4 Die Ausblendung des Politischen

3 Der Vergleich mit der 1914er Generation
3.1 Biographie Ernst Jüngers
3.2 Jüngers Erfahrungen bei Kriegseintritt
3.3 Das Problem der Langeweile
3.3.1. Definition von Langeweile
3.4 Die Vorkriegsstimmung von 1914
3.5 Das Mittel der Distanz
3.6 Ästhetik statt Inhalt
3.7 Reinigung statt politische Ziele

4 Dandyismus
4.1 Der klassische Dandy
4.2 Dandyismus und Konservatismus
4.3 Dandyismus und Finanzen
4.4 Dandyhafte Züge in der “Generation Golf“
4.5 Dandyismus um 1900

5 Der Erste Weltkrieg und die Terroranschläge vom 11. September

6 Zusammenfassung

7 Literaturverzeichnis

Das tödliche Gift der Langeweile - die 1914er und 1999er Generation im Vergleich anhand von Texten von Ernst Jünger und des popliterarischen Werkes “Tristesse Royale“

Einleitung

In der folgenden Arbeit geht es um einen Generationenvergleich zwischen zwei Generationen, die etwa 80 Jahre voneinander trennt. Die eine stand am Ende des sogenannten “langen 19. Jahrhunderts“, das durch den Ersten Weltkrieg beendet wurde, die andere erlebte das Ende des 20. Jahrhunderts, die Jahrtausendwende und das Ende der “langen neunziger Jahre seit 1989“[1], die durch die Terroranschläge vom 11. September beendet wurden.

Der Anlass für diesen Vergleich ist das popliterarische Werk “Tristesse Royale“, in dem fünf Popliteraten, Joachim Bessing, Christian Kracht, Eckhard Nickel, Alexander von Schönburg und Benjamin Stuckrad-Barre, sich 1999 im Berliner Hotel Adlon über aktuelle Entwicklungen und Phänomene der Gegenwart unterhielten. Das Ziel dieser Zeitbetrachtung beschreibt der Herausgeber des Buches und Mitglied des Pop-Quintetts, Joachim Bessing, folgendermaßen:

Dort nun, im Adlon, wollten wir uns drei Tage lang zu Gesprächen einschließen, um dann am Sonntag abend ein Sittenbild unserer Generation modelliert zu haben; [...].[2]

Das Quintett wollte also das Gemeinsame ihrer Generation zu einem Gesamtbild zusammentragen. Dabei stellen sie teilweise Thesen auf, die Parallelen zu der Generation aufzeigen, die 1914 in einer enormen Kriegsbegeisterung in den Ersten Weltkrieg gezogen war. Diese Parallelen, aber auch die Unterschiede zwischen diesen beiden Generationen, sollen in der folgenden Arbeit aufgezeigt und näher untersucht werden.

1 Generationsbegriff

1.1 Generation - eine Definition

Dabei stellt sich natürlich zuerst einmal die Frage, was eigentlich eine Generation ausmacht. Im “Brockhaus“ ist Generation dadurch definiert, dass sie ähnliche kulturelle Orientierungen, soziale Einstellungen und Verhaltensweisen aufzeige.[3]

Für Dilthey ist folgendes für eine Generation entscheidend:

[Eine Generation bildet] einen engeren Kreis von Individuen, welche durch Abhängigkeit von denselben Tatsachen und Veränderungen, wie in dem Zeitalter ihrer Empfänglichkeit auftraten, trotz der Verschiedenheit hinzutretender anderer Faktoren, zu einem homogenen Ganzen verbunden sind.[4]

Der Soziologe Karl Mannheim sieht in einem Generationszusammenhang ein Miteinander von Individuen. Diese Verbundenheit ergebe aber noch keine konkrete Gruppe. Zudem sei zwar das Phänomen der Generation fundiert durch den menschlichen biologischen Rhythmus, gehe aber noch darüber hinaus.[5] Eine Generationseinheit ist seiner Einschätzung nach eine Verwandtschaft der Inhalte, die das Bewusstsein einer Generation erfülle und somit verbindend wirke.[6]

Walter Erhart sieht in einer Generation nicht nur eine biologische Verbindung, sondern sie sei ebenso durch gesellschaftlich-soziale Prozesse geprägt, die Reaktionen auf bestimmte Ereignisse seien und schließlich ein Generationsbewusstsein erzeugen würden.[7]

Sigrid Weigel sieht zur Zeit eine synchrone Sichtweise von Generation vorherrschend. Diese Perspektive betrachte eine Wechselwirkung des Generationsverständnisses: Auf der einen Seite repräsentiere demnach jeder einzelne seine Generation und auf der anderen Seite sei jeder durch generationstypische Lebensphasen gekennzeichnet.[8]

1.2 Das popliterarische Quintett - Repräsentant einer Generation?

Die Tatsache, dass sich das Quintett als Repräsentant einer ganzen Generation ausgibt ist bereits sehr skeptisch zu betrachten, wie auch Burghard Dedner ausführt:

Im literaturprogrammatischen Sinne [...] enthält der Begriff ´Generation´ einen Repräsentationsanspruch von zweifelhafter Legitimität. Indem eine Gruppe sich zu einer Generation ernennt, beansprucht sie die gesamte Altersgemeinschaft zu repräsentieren.[9]

Tatsächlich lassen sich an dem Anspruch des Quintetts einige Bedenken anschließen, ob sie für eine gesamte Generation sprechen können bzw. dürfen. Weiterhin stellt sich die Frage, welche Generation sie repräsentieren. Aus rein altersmäßiger Sicht stehen sie eindeutig, zumindest nach der Definition Florian Illies[10], für die “Generation Golf“. Aber Generation scheint, wie bereits angedeutet, mehr zu sein als nur eine altersabhängige Zusammengehörigkeit. Es ist sehr zweifelhaft, ob es eine kollektive Identität einer gesamten Generation gibt. Schon allein die zunehmende Individualisierung der Gesellschaft zeigt, dass es sehr schwierig ist, ein Sittenbild für eine Generation zu entwerfen und im Speziellen noch schwieriger für die sogenannte “Generation Golf“, wie Stephan Schlak ausführt:

Die ´Generation Golf´ stellte von Anfang an eine Novität im deutschen Generationendiskurs dar. Vorgänger-Generationen wie die Frontkämpfer von 1914 [...] wurden zusammengeschweißt durch die gemeinsam durchlittene Kriegserfahrung. [...] Ganz anders die ´Generation Golf´: Ihre einzige Klammer ist die gemeinsame Erfahrung, nichts erlebt zu haben. Individuelle Langeweile als Kollektivphänomen - von Flensburg bis zum Bodensee.[11]

Deshalb ist es meiner Meinung richtiger zu sagen, dass das Quintett eine bestimmte Gruppe innerhalb einer Generation repräsentiert, aber niemals für die gesamte Generation sprechen oder den Zeitgeist einer Generation verkörpern kann. Zur Bedeutung des Begriffes “Zeitgeist“ hat wiederum Karl Mannheim interessante Ausführungen gemacht:

Spricht man von ´Zeitgeist´, so muss man [...] sehen, dass der jeweilige ´Zeitgeist´ nicht der Geist der ganzen Epoche ist; sondern was man als solches zumeist ansieht und anspricht, seinen Sitz meistens in einer zu einem bestimmten Zeitpunkt zu besonderer Bedeutung gelangenden sozialen [...] Schicht hat, die dann ihre geistige Prägung auch den übrigen Strömungen aufdrückt, ohne diese aber zu vernichten oder zu absorbieren.[12]

Weiterhin führt er aus, dass der Zeitgeist stets gespalten sei und meist an einer spezifisch gearteten Schicht, wie z.B. Literaten erforscht würde.[13]

Deshalb ist auch Ernst Jünger nicht als der Repräsentant der 1914er Generation zu bezeichnen. Würde z.B. Hermann Hesse als Repräsentant genommen werden, würden ganz andere Ergebnisse zu Tage treten.[14] Aber Jünger steht für eine bestimmte, auch zahlenmäßig nicht kleine Gruppe, wie sich später noch zeigt, die in ihrer Denkweise Phänomene aufzeigt, die in “Tristesse Royale“ wieder auftauchen. Die Verbindung zwischen der 1914er Generation und Ernst Jünger zeigt Steffen Martus auf:

Ernst Jünger [...] verbindet vor allem eines mit der ´Generation von 1914´: der Weltkrieg wird für ihn zum zentralen Ereignis und zum Deutungsschlüssel für die Interpretation der Moderne.[15]

Der Begriff Generation wird zwar in der folgenden Arbeit immer wieder verwendet, aber immer in dem Bewusstsein, dass es nicht “die Generation“ gibt.

Der Grund dafür, dass gerade die Generation, die 1914 in den Krieg zog, genommen wird, um einen Vergleich anzustellen, liegt zunächst einmal darin, dass diese Generation von den Popliteraten selbst erwähnt wird. Bei der weiteren Beschäftigung mit diesem Vergleich ergeben sich aber noch weitere interessante Übereinstimmungen zwischen den beiden spezifischen Gruppen, die in der Arbeit näher behandelt werden.

2 Der Vergleich mit 1914 seitens der Popliteraten

2.1 Krieg als Mittel zur Herstellung einer weißen Leinwand

Der Ausgangspunkt des Vergleichs mit 1914 besteht darin, dass von den Teilnehmern der Berliner Diskussionsrunde festgestellt wird, dass letztlich alles eine Scheinwelt sei, aus der ein Ausweg u.a. der Krieg sei. Demnach sollten die “Stätten des Falschen“[16] bombardiert werden, um eine weiße Leinwand herzustellen, auf der ein Neubeginn möglich sei. Dabei wird die Intensität dahingehend extremer, als dass die Vorschläge vom Terror zum Krieg reichen. Terror wird als Möglichkeit definiert, willkürlich Realitäten herzustellen, sprich zu manipulieren.[17] So stellt Benjamin von Stuckrad-Barre schließlich die Frage: “Wie sähe denn diese Totalkatastrophe aus?“, worauf Joachim Bessing antwortet: “Es wird eine kollektive Verzweiflung sein mit Schäden, die einem Weltkrieg sehr nahe kommen.“[18]

[...]


[1] Jan Ross. Die verlorene Zeit. Ein kurzer Rückblick auf die langen neunziger Jahre. In: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken. Heft 7. 56. Jg. Stuttgart 2002. S. 555.

[2] Joachim Bessing (Hrsg.). Tristesse Royale. Das popkulturelle Quintett. Berlin 1999. S. 11.

[3] Brockhaus. Die Enzyklopädie in 24 Bänden. (20. überarbeitete und aktualisierte Auflage. Bd. 8. Leipzig/Mannheim 1997. S. 312.

[4] M. Riedel. Art. Generation. 274-277. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Bd. 3: G-H. Darmstadt 1974. S. 276.

[5] Karl Mannheim. Wissenssoziologie. Auswahl aus dem Werk. Eingeleitet und herausgegeben von Kurt H. Wolff. Berlin/Neuwied 1964. S. 525 ff.

[6] Mannheim 1964. S. 544.

[7] Walter Erhart. Generationen - zum Gebrauch eines alten Begriffes. 81-107. In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik. Heft 120. Generationen. Stuttgart/Weimar 2000. S. 87.

[8] Sigrid Weigel. Generation, Genealogie, Geschlecht. Zur Geschichte des Generationskonzept und seiner wissenschaftlichen Konzeptualisierung seit Ende des 18. Jahrhunderts. 161-190. In: Lutz Musner/Gotthart Wunberg (Hrsg.). Kulturwissenschaften. Forschung - Praxis - Positionen. Wien 2002. S. 163 f.

[9] Burghard Dedner. Der Begriff der Generationen in der Literaturgeschichte. 20-36. In: Michael Ewert/Martin Vinlon (Hrsg.). Konvergenzen. Studien zur deutschen und europäischen Literatur. Festschrift für E. Theodor Voss. Würzburg 2000. S. 36.

[10] “Mit ´Generation Golf´ beschreibe ich nur einen kleinen Ausschnitt. [...] Ein Typus, der geboren zwischen 1965 und 1975, aufgewachsen in kleinbürgerlich-bürgerlichen Verhältnisssen ohne finanzielle Not, der in fünf bis zehn Jahren das wirtschaftliche - nicht das politische - Leben in Deutschland bestimmen wird.“ Florian Illies. Badische Zeitung vom 30. März 2000.

[11] Stephan Schlak. Die Schläfer. Generation Golf auf der Suche nach Haltung. 31-32. In: Äshtetik&Kommunikation. Heft 118. 33. Jg. 9-11-01. Deutsche Terminsache. Berlin 2002. S. 31.

[12] Mannheim 1964. S. 556 f.

[13] Mannheim 1964. S. 561.

[14] Hermann Hesse berichtet von seiner eher abneigenden Haltung gegenüber dem Krieg: “Nein, ich konnte die Freude über die große Zeit nicht teilen, und so kam es, dass ich unter dem Kriege von Anfang an jämmerlich litt, und jahrelang mich gegen ein scheinbar von außen und aus heiterm Himmel hereingebrochenes Unglück verzweifelt wehrte, während um mich her alle Welt so tat, als sei sie voll froher Begeisterung über eben dies Unglück. Und wenn ich nun die Zeitungsartikel der Dichter las, worin sie den Segen des Krieges entdeckten, und die Aufrufe der Professoren, und alle die Kriegsgedichte aus den Studierzimmern der berühmten Dichter, dann wurde mir noch elender.“ Aus: Hermann Hesse. Kurzgefaßter Lebenslauf. 7-23. In: Hermann Hesse Lesebuch. Erzählungen, Betrachtungen und Gedichte. Zusammengestellt von Volker Michels. Frankfurt am Main 1992. S. 12.

[15] Steffen Martus. Ernst Jünger. Stuttgart/Weimar 2001. S. 14.

[16] Bessing 1999. S. 156.

[17] Bessing 1999. S. 155 ff.

[18] Bessing 1999. S. 158 f.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Das tödliche Gift der Langeweile
Untertitel
Die 1914er und 1999er Generationen im Vergleich anhand von Texten von Ernst Jünger und des popliterarischen Werkes "Tristesse Royale"
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für deutsche Sprache und Literatur)
Veranstaltung
Gegenwartsliteratur
Note
2
Autor
Jahr
2004
Seiten
26
Katalognummer
V34742
ISBN (eBook)
9783638348751
ISBN (Buch)
9783638648721
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Anhand von Texten von Ernst Jünger und dem popliterarischem Werk "Tristesse Royale" (1999) werden Parallelen und Unterschiede zwischen diesen beiden Generationen aufgezeigt.
Schlagworte
Gift, Langeweile, Gegenwartsliteratur, Ernst Jünger
Arbeit zitieren
Peter Lindhorst (Autor), 2004, Das tödliche Gift der Langeweile, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34742

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