Im Dezember des Jahres 1941 [...] war in den amerikanischen Zeitungen eine kurze Notiz erschienen: Ernst Udet, Generalluftzeugmeister der deutschen Armee, sei beim Ausprobieren einer neuen Waffe tödlich verunglückt und mit Staatsbegräbnis beerdigt worden. Sonst nichts. Es gab keine Kommentare, keine Mutmaßungen über seinen Tod. Verunglückt. Staatsbegräbnis. [...] Jetzt, an einem Spätherbsttag im Jahre 1942, ein Jahr nach Udets Tod, stieg ich mit meinem Tragkorb zur Farm hinaus. [...] Auf einmal blieb ich stehen. 'Staatsbegräbnis', sagte ich laut. Das letzte Wort der Tragödie.1 So erinnert sich Carl Zuckmayer in Als wär’s ein Stück von mir an den Anlass und die Umstände, die zur Entstehung seines umstrittenen Exildramas Des Teufels General geführt haben. Aus diesem Bericht ist nicht nur zu entnehmen, dass das Drama vom Schluss her konzipiert ist - lautet das letzte Wort des Stückes doch tatsächlich „Staatsbegräbnis“-, sondern er belegt, dass es für die Titelgestalt ein historisches Vorbild gibt: den draufgängerischen Fliegergeneral und Freund Zuckmayers Ernst Udet (1896-1941), der nach seiner Niederlage in der Schlacht um England im Winter 1940/41 zum Sündenbock der NS-Regierung wurde und daraufhin Selbstmord beging. Bereits 1933 trat Udet, verführt vom Luftfahrtsminister Hermann Göring, der ihm zwei moderne amerikanische Kampfflugzeuge geschenkt hatte, in die NSDAP ein, distanzierte sich im Freundeskreis jedoch stets vom NS-Regime. Die zentrale Figur in Zuckmayers Drama, der sympathische Fliegerheld Harras, ist zwar kein Parteimitglied, verfügt aber über genau dieselbe Doppelmoral wie ihr historisches Vorbild, was Zuckmayers Drama bis heute immer wieder ins Kreuzfeuer der Kritik geraten lässt. Denn trotz tiefster Verachtung für das NS-Regime lässt sich der „Gesinnungslump“ Harras von ihm tragen, da es ihm Aufstieg, Entfaltungsmöglichkeiten und Siege als Flieger verschafft. Entscheidend ist jedoch, dass der Titelheld trotz all des Grauens, das auch in seinem Namen geschieht, und trotz all seiner Fehler, durch und durch sympathisch wirkt. Gutgelaunt und genussfreudig tummelt er sich auf Parties, wo er gerne einmal einen über den Durst trinkt und nebenbei ein paar gewagte Sprüche über die Nazis klopft, avanciert zum Frauenheld und zeigt sich stets von seiner menschlichsten Seite. [...] 1 Zuckmayer 1966, S.548
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung: Zur Wirkung von Des Teufels General in der Nachkriegszeit
2. Individualpsychologischer Ansatz
2.1. General Harras als ideale Identifikationsfigur
2.2. Freuds Deutung der Opferlammphantasie
3. Soziopsychologischer Ansatz
3.1. Die Spaltung der Figuren in „gut“ und „böse“
3.2. Infantiler Abwehrmechanismus nach Margaret Mahler
3.3. „Sie-Täter“ kontra „Wir-Opfer“ in der Verfilmung von 1955
4. Resümee
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die psychologische Wirkung des Dramas Des Teufels General von Carl Zuckmayer auf das deutsche Nachkriegspublikum. Ziel ist es, die Gründe für den beispiellosen Erfolg des Stückes zu analysieren und aufzuzeigen, wie das Werk als unbewusster Abwehrmechanismus diente, um die Auseinandersetzung mit der eigenen nationalsozialistischen Vergangenheit zu vermeiden und eine unbelastete Gruppenidentität zu finden.
- Analyse der Figur General Harras als Identifikationsfigur für das Nachkriegspublikum.
- Untersuchung individualpsychologischer Aspekte wie der Opferlammphantasie nach Freud.
- Anwendung soziopsychologischer Theorien, insbesondere des infantilen Abwehrmechanismus nach Margaret Mahler.
- Vergleichende Analyse zwischen der literarischen Dramenvorlage und der filmischen Adaption von 1955 hinsichtlich ihrer Wirkung auf das Publikum.
Auszug aus dem Buch
3.2. Infantiler Abwehrmechanismus nach Margaret Mahler
Bei der Abwehr gegen Schuld, Scham und Trauer um ihre Verluste, die das Kollektiv der Bevölkerung Nachkriegs-Deutschlands vollzieht, haben wir es zwar mit dem gleichen infantilen Selbstschutz zu tun, aber nicht mit infantilen Schulderlebnissen sondern mit realer Schuld größten Stiles. Die Anwendung kindlicher Entlastungstechnik auf die Konsequenzen aus gescheiterten gewaltigen Eroberungszügen und Ausrottungsprogramm, die ohne den begeisterten Einsatz dieses Kollektivs gar nicht hätten begonnen, geschweige denn bis ‚fünf Minuten nach zwölf‘ hätten durchgehalten werden können, muß erschrecken. Die Versuche, auf diese Weise der Vergangenheit Herr zu werden, wirkt auf den distanzierten Beobachter grotesk.
So beschreibt das Ehepaar Mitscherlich die unzureichende Vergangenheitsbewältigung nach dem Zweiten Weltkrieg in seinem Buch Die Unfähigkeit zu trauern.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Zur Wirkung von Des Teufels General in der Nachkriegszeit: Dieses Kapitel führt in die Entstehungsgeschichte des Dramas ein und beleuchtet die ambivalenten Reaktionen in der Nachkriegszeit sowie den außerordentlichen Publikumserfolg.
2. Individualpsychologischer Ansatz: Hier wird untersucht, inwiefern die Figur des General Harras als Identifikationsfigur fungiert und wie psychologische Mechanismen, wie die Opferlammphantasie, zur Schuldentlastung der Zuschauer beitragen.
2.1. General Harras als ideale Identifikationsfigur: Dieser Abschnitt analysiert die Anziehungskraft der Hauptfigur und die Parallelen zwischen ihr und dem Publikum, die ein Mitfühlen ermöglichen.
2.2. Freuds Deutung der Opferlammphantasie: Das Kapitel erläutert, wie durch das Schicksal des Protagonisten ein Katharsis-Effekt beim Zuschauer erzielt wird, der diesen von eigener Schuld befreit.
3. Soziopsychologischer Ansatz: Dieser Teil erweitert die Analyse um die soziale Ebene und betrachtet, wie das Drama zur Bildung einer neuen deutschen Wir-Identität beiträgt.
3.1. Die Spaltung der Figuren in „gut“ und „böse“: Es wird dargestellt, wie die klare Einteilung der Charaktere den Zuschauern ermöglicht, sich von den „bösen“ Tätern zu distanzieren.
3.2. Infantiler Abwehrmechanismus nach Margaret Mahler: Dieses Kapitel liefert den theoretischen Rahmen, um zu erklären, wie die Bevölkerung durch infantile Abwehrmechanismen eine „Reinigung“ von der Schuld des NS-Regimes vollzog.
3.3. „Sie-Täter“ kontra „Wir-Opfer“ in der Verfilmung von 1955: Es wird analysiert, wie die filmische Adaption die Wirkungsweise des Dramas durch spezifische Varianzen sogar noch verstärkt.
4. Resümee: Das Schlusskapitel fasst die Ergebnisse zusammen und kritisiert das Stück als Werk der Geschichtsverfälschung, das die notwendige Aufarbeitung der Vergangenheit eher behinderte als förderte.
Schlüsselwörter
Des Teufels General, Carl Zuckmayer, Nachkriegsdeutschland, Vergangenheitsbewältigung, Identifikationsfigur, General Harras, Opferlammphantasie, Soziopsychologie, infantile Abwehrmechanismen, Margaret Mahler, Kollektivschuld, Wir-Identität, NS-Regime, Geschichtsverfälschung, Filmadaption.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den enormen Erfolg von Carl Zuckmayers Drama Des Teufels General in der deutschen Nachkriegszeit und analysiert, warum das Stück psychologisch so wirkungsvoll war, um eine tiefe Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit zu vermeiden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der psychologischen Analyse der Zuschauerreaktionen, der Rolle der Identifikation mit dem Protagonisten Harras sowie der Anwendung soziopsychologischer Abwehrmechanismen zur Verdrängung kollektiver Schuld.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist zu klären, welche psychologischen Bedürfnisse des Publikums das Stück befriedigte und inwiefern es als Mittel zur Identitätsbildung und Schuldabwehr im Nachkriegsdeutschland diente.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es handelt sich um einen interdisziplinären Ansatz, der literaturwissenschaftliche Analysen mit individualpsychologischen (Freud) und soziopsychologischen (Mahler) Modellen kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine individualpsychologische Betrachtung des Protagonisten, eine soziopsychologische Analyse der Figurenkonstellation und einen Vergleich zwischen dem literarischen Drama und dessen Verfilmung von 1955.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören unter anderem Vergangenheitsbewältigung, infantile Abwehrmechanismen, kollektive Schuld, Wir-Identität und Geschichtsverfälschung.
Wie wird in der Arbeit die Figur des General Harras bewertet?
Der Autor Harras wird als charismatische, aber problematische Identifikationsfigur beschrieben, die es den Zuschauern ermöglicht, sich durch das „Opferlamm“-Motiv von ihrer eigenen Mitschuld zu reinigen.
Was sagt die Arbeit über die Verfilmung von 1955 aus?
Die Verfilmung von Helmut Käutner wird als eine Verstärkung der Wirkungsweise des Dramas interpretiert; sie fördert durch Varianzen die Spaltung in „böse Täter“ und „gute Opfer“ noch deutlicher als die literarische Vorlage.
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- Tina Hanke (Author), 1999, Bewältigung oder Verdrängung der nationalsozialistischen Vergangenheit? Zur Wirkung von Carl Zuckmayers "Des Teufels General" im Nachkriegsdeutschland, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34816