Die Parisdarstellung in Montesquieus "lettres persanes"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Montesquieu, „le siècle des lumières“ und die Lettres persanes
2.1 Montesquieu und seine Zeit
2.2 Die Lettres persanes und ihre historischen Hintergründe
2.3 Inhalt, Vorlagen und Beweggründe der Lettres persanes

3. Montesquieus Parisdarstellung innerhalb der Lettres persanes
3.1 Vorstellung der Protagonisten und Vorgeschichte ihres Parisaufenthaltes
3.2 Auswirkungen des Vergleichs zwischen alter Tradition und Moderne
3.3 Welche Rolle spielt die Stadt Paris, wie wird sie dargestellt

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

A Paris règnent la liberté et l’égalité. La naissance, la vertu, le mérite même de la guerre, quelque brillant qu’il soit, ne sauve pas un homme de la foule dans laquelle il est confondu. La jalousie des rangs y est inconnue. On dit que le premier de Paris est celui qui a les meilleurs chevaux à son carrosse.[1]

Dieser Brief der Lettres persanes stammt aus der Feder des fiktiven Protagonisten Usbek. Er gibt ein überzogenes, ideales Teilbild von Paris wieder, das noch nach einer universellen Ordnung sucht und somit den Grundgedanken in Montesquieus Werk darlegt.

Die Lettres persanes sind ein frühes Zeugnis der französischen Aufklärung, deren Gedanken Montesquieu mit dem Werk De l’esprit des lois fortführt. In der Form des Briefromans, welche zu jener Zeit nicht neu war, eröffneten sich dem Autor neue Möglichkeiten, seine Ziele einer breiten Masse zugänglich zu machen. Diese gilt es anhand der folgenden Untersuchung in den Kontext von Montesquieus Parisdarstellung einzubetten.

Mit Hilfe der wechselseitigen Beschreibungen sowohl des Orients als auch des Okzidents aus verfremdetem Blickwinkel werden zeitgenössische europäische Probleme greifbar, die den ersten Teil dieser Arbeit bestimmen. Ferner stehen der Autor selbst und das Werk selbst im Vordergrund. Der Zweite Teil befasst sich aus diesem Vorverständnis heraus mit der Lesbarkeit der Stadt Paris innerhalb des Werkes unter Beachtung von Montesquieus Grundprinzipien.

2. Montesquieu, „le siècle des lumières“ und die Lettres persanes

Dieses Kapitel dient als Einführung in den geschichtlichen Hintergrund der Lettres persanes und stellt den Autor und dessen Werk näher vor. So sollen die Voraussetzungen für eine Auseinandersetzung mit Montesquieus Parisdarstellung geschaffen werden.

2.1 Montesquieu und seine Zeit.

Der französische Schriftsteller und Staatsphilosoph Charles-Louis de Secondat, Baron de la Brède wurde am 18. Januar 1689 auf Schloss La Brède in der Nähe von Bordeaux als zweites Kind des Grundherrn Jacques de Secondat geboren.[2] Der kleine Charles-Louis wuchs zunächst bei einer Amme auf und verlor sehr früh seine Mutter. Die Schulzeit verbrachte er auf einem Elitekolleg in Juilly. Danach studierte er Jura und humanistische Philosophie und wurde 1716 in die Académie de Bordeaux aufgenommen. Noch im gleichen Jahr erbte der junge Philosoph die Güter seines Onkels Jean-Baptiste de Secondat, Baron de Montesquieu und dessen Amt als Parlamentskammerpräsident. Außerdem erhielt er von ihm den Titel eines Baron de Montesquieu. In den nächsten Jahren wurde Montesquieu mehrmals zum Direktor der Académie de Bordeaux gewählt und 1728 schließlich in die Académie française berufen. Während seiner Amtszeit bereiste er nahezu alle europäischen Länder, um sich ein Bild über deren Staatsformen zu machen. Dabei sagte ihm die konstitutionelle Monarchie Englands besonders zu. In den Mittelpunkt seiner politischen Lehre, die er in seinem 1746 erschienenen Hauptwerk De l’esprit des lois darlegte, stellte Montesquieu die bei John Locke entlehnte Idee der Gewaltenteilung. Die Aufteilung der Staatsgewalt in eine gesetzgebende, ausführende und rechtssprechende Gewalt war für ihn die beste Garantie gegen den Missbrauch politischer Macht. Montesquieu veröffentlichte neben zahlreichen kleineren Schriften die Lettres persanes, eine kritisch spöttische Darstellung der zeitgenössischen Politik sowie der sozialen Verhältnisse in Europa. Mit diesem Werk von 1721 erlangte er erstmals literarischen Ruhm.

Am 10. Februar 1755 starb Montesquieu in Paris nach zahlreichen weiteren Veröffentlichungen wie Reiseberichten und juristischen Abhandlungen als Vorkämpfer der Gewaltenteilung, die 1791 verbunden mit Rousseaus Lehre über die Volkssouveränität in der Verfassung des Königreichs Frankreich verankert wurde.

2.2 Die Lettres persanes und ihre historischen Hintergründe.

Nach der Durchsetzung des Rationalismus durch Bayle, Newton und Descartes im Bereich der Naturwissenschaften und dem damit verbundenen Autoritätsverlust der Kirche breitete sich die neue Geisteshaltung, welche einzig die Vernunft als das Maß aller Dinge akzeptierte auf alle Lebensbereiche aus.[3] Alles, was nicht rational zu begründen war, galt fortan als Aberglaube oder Irrtum und wurde verworfen. Das Zeitalter der Aufklärung im 18. Jahrhundert wird heute als der Beginn der modernen Zeit betrachtet. Entscheidend für die Aufklärung war die Bildung des Bürgertums, einer neuen sozialen Schicht, welches durch Handel, Bankgewerbe und durch das eben erst aufkommende Industriewesen zu Reichtum gelangte, und so ein soziales Prestige bekam. Dabei zeigte sich, dass das System des Feudalismus überholt war. Das neue Bürgertum fühlte sich durch literarische Bildung und moralischere Lebensgrundsätze dem Adel überlegen. Es war noch ohne politischen Einfluss und forderte deshalb eine Mitwirkung am Staat.

Die Aufklärung war eine gesamteuropäische Bewegung, die zwar von den verschiedenen Vertretern geringfügig unterschiedlich aufgefasst wurde, aber in den wesentlichen Grundsätzen immer gleich blieb. Diese manifestierten sich vor allem in der Berufung auf die Vernunft als Maßstab des persönlichen und gesellschaftlichen Handels, der Hinwendung zum Diesseits, einem positiven Menschenbild, der Gleichheit aller Menschen, der Einforderung der Menschenrechte für alle Menschen und der Religionskritik. Wichtig für die Aufklärung war auch die Entwicklung neuer Denkweisen die in zwei philosophischen Richtungen wirksam wurden, im französischen Rationalismus und dem englischen Empirismus.[4] Hinzu kam der alte Gedanke des Naturrechts.

Einen großen Erfolg hatte die Aufklärung in Frankreich, wo die Literatur einen wichtigen Stellenwert bekam. Sie versuchte hauptsächlich auf die am Anfang sehr begrenzte Zahl von lesenden Bürgern einzuwirken und der Zensur des Adels entgegenzuwirken.[5] An dieser Stelle setzt das Wirken Montesquieus ein, der mit seinen Lettres persanes von 1721[6] aufklärerisches Gedankengut erstmals einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen konnte.[7]

Die Lettres persanes sind das erste Werk, das Charles-Louis Secondat de Montesqieu einem größeren Publikum vorlegt, nachdem er mehrere Discours und Mémoires in der Académie de Bordeaux vorgetragen hat. Dieser Briefroman entwickelt sich schnell zu einem literarischen Erfolg und kann wohl als eines der ersten großen Werke der französischen Aufklärung gesehen werden.[8]

Anhand der Beobachtungen fingierter Orientalen, die unter Anderem Paris besuchen, fordert Montesquieu die Franzosen auf, sich selbst den Spiegel vorzuhalten. Vor dem ersten Erscheinen des Werkes hielt er sich mehrere Male für einige Zeit in Paris auf und sammelte Notizen. Wann genau er die Lettres persanes verfasst hat ist jedoch unklar. Der erste Brief des fiktiven Protagonisten Usbek ist auf das Jahr 1711 datiert, was allerdings keinen Beweis für die Entstehung der Lettres zu dieser Zeit darstellt. Die Veröffentlichung eines solchen Buches drohte seinem Autor ernsthafte Schwierigkeiten zu bereiten. Deshalb wandte sich dieser an die Witwe des Buchhändlers Henri Desbordes in den Niederlanden, die seit 1718 den Betrieb leitete. Diese Susanne de Caux brachte die Lettres persanes zunächst unter dem fingierten Verlag Pierre Marteau in Köln und Pierre Brunel[9] in Amsterdam heraus, um die französischen Zensoren irrezuleiten.

L’édition originale des Lettres persanes parut anonyme dans les premiers mois de 1721 en deux volume in-12. La page de titre porte le nom de l’éditeur Pierre Marteau et un lieu d’édition, Cologne. Les bibliographes ont établi que ces indications sont fausses, l’ouvrage ayant été imprimé par les presses de Jacques Desbordes à Amsterdam. Cette édition compte 150 lettres, outre la Préface.[10]

Später entstanden noch weitere, von Montesquieu selbst editierte Ausgaben, wobei die hier verwendete von 1758 stammt.

Während die Staatsgewalt versuchte, eine zunehmend aufgeklärte öffentliche Meinung nicht offen anzugreifen, musste sie gleichzeitig dafür sorgen, die gegenläufigen Interessen des Königs, des Staates, der Religion und des Handels zu schützen. Daher wurden die Lettres persanes auch nicht verboten, sondern von der königlichen Zensur ignoriert.

[...]


[1] Montesquieu: Lettres Persanes. Paris: Librairie Générale Française 1995, lettre LXXXVIII, S. 246.

[2] Vgl. Stubbe-Da-Luz, Helmut: Montesquieu. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH 1998, S. 20ff.

[3] Vgl. Schweikle, Günter und Irmgard: Metzler-Literatur-Lexikon. Stuttgart: J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschl Verlag GmbH 1990, S.29ff.

[4] Vgl. http://www.geschi.de/artikel/aufklaerung.shtml, vom 23.09.02.

[5] Vgl. Müller, Helmut M., Hrsg.: Schlaglichter der Weltgeschichte. Mannheim: Bibliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG 1992, S. 245f., 251ff. und 267f.

[6] Desgraves, Louis:Chronologie critique de la vie et des oeuvres de Montesquieu. Paris: Editions Champion 1998, S.81.

[7] Vgl. Stubbe: Montesquieu, S.33.

[8] Mass, Edgar: Literatur und Zensur in der frühen Aufklärung. Produktion, Distribution und Rezeption der Lettres persanes. Frankfurt am Main: Vittorio Klostermann 1981, S. 69.

[9] Vgl. Literatur und Zensur in der frühen Aufklärung, S.35.

[10] Lettres Persanes, S.41.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Parisdarstellung in Montesquieus "lettres persanes"
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Romanisches Seminar)
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
22
Katalognummer
V34904
ISBN (eBook)
9783638349864
ISBN (Buch)
9783656742272
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Parisdarstellung, Montesquieus
Arbeit zitieren
Magistra Artium Katrin Half (Autor), 2002, Die Parisdarstellung in Montesquieus "lettres persanes", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34904

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Parisdarstellung in Montesquieus "lettres persanes"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden