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"Zirkus Konzentrazani" - eine Modellanalyse

Title: "Zirkus Konzentrazani" - eine Modellanalyse

Scientific Essay , 2005 , 18 Pages

Autor:in: Dr. Richard Albrecht (Author)

History of Germany - National Socialism, World War II
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„Die Welt hinterm Stacheldraht war eine Welt für sich. Sie hatte ihre eigenen Lebensgesetze und eigene Ehrbegriffe. Auch ihre eigene Sprache ... Diese Sprache war ursprünglich, bunt und drastisch. Sie entbehrte nicht eines grimmigen Humors ... Häftlingssprache und Galgenhumor - Zeugnisse einer geistigen Überlegenheit, die die Gefangenen weit über ihre Peiniger stellten." (Karl Schnog, 1945)* Daß es in extremen menschlichen Bedrohungslagen wie namentlich in deutschen Konzentrationslagern nicht zuletzt immer auch ums Überleben und den - sei es individuellen, sei es kollektiven - Kampf gegen drohende, nicht selten aktuelle und faßliche Vernichtung humaner Existenz ging, ist bekannt. Und daß dieser Kampf, dessen weltliterarisch bedeutsame Ausdrucksversuche Überlebende erst nach Jahrzehnten des Abstands von Vernichtungsdrohung, Grauen und Scham unternehmen konnten, auch eine bis heute verschwiegene furchtbare Wahrheit infolge von Überlebensnotwendigkeiten derer, die nicht in den sicheren Tod gebracht werden wollten, enthält, scheint mir unbestreitbar; auch wenn es möglicherweise weitere Jahrzehnte dauern mag, bis auch diese erfahrene Erschütterung literarisch ausgesprochen werden kann. Beim Überlebenskampf in deutschen Konzentrationslagern spielte nun auch - was auf den ersten Blick vielleicht erstaunen mag, jedoch nicht wegzuleugnen ist - der Witz zur Bewältigung der neuen Lage und ihrer Bedrohlichkeiten eine nicht zu unterschätzende Rolle. Genauer: auch mit Hilfe von Witzen versuchten, noch im Jahr 1933 in einem neueingerichteten staatlich-preußischen Konzentrationslager, nämlich im KZ
Börgermoor/Papenburg, bedrohte politische Gefangene im „dritten Reich" ihre Überlebenschancen zu sichern: indem sie sich mit dem Witz als Medium und im Medium des Witzes Handlungsspielräume gegenüber ihren SS-Wächtern als Vertretung der faschistischen Staatsmaschinerie sicherten.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

I

II

III

IV

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht das Kapitel „Zirkus Konzentrazani" aus Wolfgang Langhoffs Tatsachenbericht „Die Moorsoldaten" als Modellfall für die Funktion von Humor und Witz unter extremen Haftbedingungen im Konzentrationslager Börgermoor/Papenburg im Jahr 1933. Ziel der Analyse ist es, das strategische Potenzial des Humors als Mittel zur Sicherung von Handlungsspielräumen und zum Erhalt der mentalen Widerstandsfähigkeit gegenüber der faschistischen Lagerüberwachung aufzuzeigen.

  • Die psychologische und soziale Bedeutung von „Galgenhumor" unter Todesgefahr.
  • Witz und Humor als Mittel zur kollektiven Selbstbehauptung und Widerstandskraft.
  • Kommunikationswissenschaftliche Muster der situativen Witz-Technik in der Konfrontation mit der SS.
  • Die „Verkehrung" der Rollen von Opfern und Tätern im Rahmen der Zirkus-Inszenierung.
  • Humor als Instrument der mentalen Neudefinition von Unterdrückungsbedingungen.

Auszug aus dem Buch

Zirkus Konzentrazani

Der Ablauf der Vorstellung des „Zirkus Konzentrazani" fand an einem Sonntagnachmittag im Herbst 1933 statt und war, soweit unter den Extrembedingungen überhaupt einzurichten, auch mit Blick auf die moralisch-politischen Bedenken der politischen Gefangenen gesichert: „Die S.S. hatten wir absichtlich so placiert, daß sie gegen die Sonne schauen mußten, im Fall es einem einfallen sollte, einen Photo mitzubringen und zu knipsen. Außerdem hatten wir auch beschlossen, die Vorstellung sofort abzubrechen, wenn ein Photoapparat auftauchen sollte." - Die Zirkusvorstellung konnte dann auch nach so witziger wie disziplinierter Ankündigung und Organisierung nach Einzug der SS-Leute „mit dem Kommandanten an der Spitze" unter herrlichem Wetter, strahlendblauem Himmel und lachender Sonne beginnen.

Auch unter den Extrembedingungen des KZs wirkten freilich die allgemeinen Handlungsmuster und Rituale der speziellen sozialen Situation ,Zirkus'; auftritt „Direktor Konzentrazani" unter „nicht endenwollende[m] Empfangsapplaus" und „Lachsalven über Lachsalven, noch ehe er den Mund aufgemacht hatte!" - und in der entsprechenden Programmabfolge präsentierten sich politische Gefangene der Nationalsozialisten als „Artisten", in verschiedenen Rollen verfremdet: so als die bauchtanzenden „schönsten Girls der Welt, unsere fünf Moorgirls", als turnende „Arabertruppe", als „Clowns" und spaßmachende „dumme Auguste", als „Keulenschwinger" und witzerzählender „Humorist", als „Ringer" und „Boxer", als wahrsagender „Storch" und „Moorsoldaten" in einer „Pat und Patachon-Ausgabe" - mit dem schließlichen Höhepunkt als Schluß der Vorstellung von „Zirkus Konzentrazani", dem das „Börgermoorlied" zunächst behutsam vortragenden „Gesangschor", der die letzte Strophe des Lieds „Die Moorsoldaten" mit ihrem trotzigen Refrain „plötzlich laut und hart" ausklingen ließ: „Dann ziehn die Moorsoldaten Nicht mehr mit dem Spaten Ins Moor!"

Zusammenfassung der Kapitel

I: Einleitung in die Thematik des Überlebenskampfes im KZ und die Rolle des Humors zur Bewältigung der extremen Bedrohungslage.

II: Beschreibung der Vorbereitungen und Durchführung der makabren Zirkusvorstellung im KZ Börgermoor/Papenburg im Herbst 1933 sowie der Charakterisierung der SS-Wächter.

III: Analyse der witztechnischen Anwendung und der beabsichtigten Wirkung des „Mitlachens" der SS als Mittel zur Ausweitung von Handlungsspielräumen.

IV: Soziologische Einordnung des Humors als bewusst organisiertes Instrument der mentalen Rebellion und des individuellen wie kollektiven Widerstands.

Schlüsselwörter

Konzentrationslager, Wolfgang Langhoff, Die Moorsoldaten, Zirkus Konzentrazani, Galgenhumor, Widerstand, Überlebenskampf, Witz-Kommunikation, KZ Börgermoor, mentale Rebellion, Coping-Mechanism, Nationalsozialismus, soziale Kontrolle, Situative Analyse, Antifaschismus.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert das Kapitel „Zirkus Konzentrazani" aus Wolfgang Langhoffs Tatsachenbericht über seine Zeit im Konzentrationslager Börgermoor und untersucht die Funktion von Humor als Mittel zum Überleben.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Die zentralen Themen sind die Psychologie des Humors in Extremsituationen, kommunikationswissenschaftliche Ansätze des Widerstands und die authentische Dokumentation des Lagerlebens im „dritten Reich".

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie politische Gefangene durch gezielte, organisierte Humor-Inszenierungen Handlungsspielräume gegenüber ihren Peinigern gewinnen und ihre Widerstandskraft stärken konnten.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Der Autor nutzt eine modellanalytische Methode, die kommunikations- und verhaltenswissenschaftliche Muster mit soziologischen Theorien über Humor und soziale Kontrolle verknüpft.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil beschreibt die konkrete Organisation der Zirkusvorstellung, die Analyse einzelner Witze und die psychologische Dynamik zwischen den inhaftierten „Artisten" und den SS-Zuschauern.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Kernbegriffe sind Konzentrationslager, Galgenhumor, mentale Rebellion, Überlebenskampf und situative Widerstandsstrategien.

Warum war das „Börgermoorlied" innerhalb der Zirkusvorstellung so bedeutsam?

Es fungierte als emotionaler Höhepunkt und trotziges Bekenntnis, das die Gefangenen in ihrer Identität stärkte, was unmittelbar nach der Vorstellung zu einem Verbot durch die SS führte.

Wie reagierten die SS-Wächter auf den Humor der Häftlinge?

Die SS-Leute wurden teilweise von der Ursprünglichkeit der Inszenierung und dem Witz überrumpelt und zum Lachen gebracht, was den Gefangenen paradoxerweise ermöglichte, ihre Widerstandskraft durch dieses „Mitlachen" zu stabilisieren.

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Details

Title
"Zirkus Konzentrazani" - eine Modellanalyse
Author
Dr. Richard Albrecht (Author)
Publication Year
2005
Pages
18
Catalog Number
V34907
ISBN (eBook)
9783638349895
Language
German
Tags
Zirkus Konzentrazani Modellanalyse
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Dr. Richard Albrecht (Author), 2005, "Zirkus Konzentrazani" - eine Modellanalyse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34907
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