Reise, Tod, Traum und Melancholie - Vier Motivkreise in der Lyrik Paul Celans


Referat (Ausarbeitung), 2004

44 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung:

1. Die Bukowina, eine versunkene Literaturlandschaft

2. Die vier Motivkreise

3. Gedichtbeispiele für die vier Motivkreise
3.1. Reise
3.2. Tod
3.3. Traum
3.4. Melancholie

4. Quellenangaben

1. Die Bukowina, eine versunkene Literaturlandschaft

Celan stammt aus einer Literaturlandschaft, der Bukowina, die am Rande der deutschsprachigen Kultur etwa zwei Jahrhunderte lang existierte und die im Jahre 1944 mit der Vertreibung ihrer deutschsprachigen Bevölkerung endgültig unterging.

Paul Celan und Rose Ausländer sind die bekanntesten Exilschriftsteller der damaligen Zeit. Beide machten in der Fremde ihr Herkunftsland zum Gegenstand ihrer Dichtung und brachten damit erst seine Existenz einer überraschten und erstaunten Leserschaft zur Kenntnis.

Seit der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert trat der jüdische Anteil an der deutschsprachigen Literatur der Bukowina immer stärker in Erscheinung. Das die Juden eine so bedeutende Stellung in der Kulturlandschaft der Bukowina einnahmen, war der judenfreundlichen Politik des Habsburger Kaiserhauses zu verdanken.

Die Bukowina (dt. Buchenland) gehört heute zur Ukraine. Sie grenzt an Rumänien, Ungarn, die Slowakei, Polen, Weißrussland und Russland . Die Bukowina war ein Vielvölkerland der Ukrainer, Rumänen, Juden, Schwaben, Polen, Ungarn, Tschechen, Armenier und Zigeuner . Die Juden waren die drittgrößte Volksgruppe . Im Jahre 1918 war die Bukowina, bis dahin österreichisches Territorium, durch den Frieden von Saint Germain an Rumänien abgetreten worden. 1940 beanspruchte Stalin das Gebiet und besetzte es, ein Jahr später wurde es wieder rumänisch . Seit 1944 gehört es zur Ukraine. Die Hauptstadt ist Czernowitz. In dieser Stadt und in dieser Kulturlandschaft wurde Paul Celan (bürgerlicher Name: Paul Antschel) am 23.11.1920 als einziges Kind einer jüdischen Familie geboren.

2. Die vier Motivkreise

Reise

Das Reisemotiv ist ein Grundthema der Literatur. Odysseus, Robinson Crusoe, etc. sind Prototypen des Reisenden, der aufbricht, sich selbst und die Welt zu erfahren. Das Leben eines Jeden von uns ist ein Aufbruch in die Fremde, eine Wanderung oder Irrfahrt durch Zeitläufe, die wir nicht bestimmen können, durch Ereignisse, die uns widerfahren, ohne dass wir ihnen entgehen können . Unser Leben ist ein Weg ins Ungewisse.

Wer die Welt er – fahren will, muss auf Reisen gehen. Er muss den Bezirk seines Ursprungs verlassen, die Grenze des Vertrauten überschreiten und sich auf unbekanntes Gebiet begeben. Dort erwarten ihn Gefahren, Beglückungen und Enttäuschungen. In all diesen Wechselfällen erfährt der Reisende nicht nur, was es mit der Welt und der Wirklichkeit auf sich hat, sondern er erfährt auch sich selbst.

Was Paul Celan auch später zu immer neuem Aufbruch treibt sind die Stimmen der Toten, die aus dem Dunkel des Vergessens aufsteigen und ihn an den Ort des Holocaust zurückrufen. Die meisten der späteren Gedichte Celans haben direkt oder indirekt eine Rückkehr zu seinem Ursprung zum Thema.

Mit der Metapher der ‚Reise’ ist immer auch der dichterische Schreibakt gemeint. Er könnte verglichen werden mit den Eintragungen in ein Reisetagebuch, mit denen Protokoll geführt wird über die Stationen des Lebenswegs. Die Metaphorik der ‚Reise’ und der ‚Fahrt’ ist in der gesamten Lyrik Celans erstaunlich konstant. Er gebraucht sogar Metaphern aus dem Motivkomplex des Reitens bzw. des Ausfahrens mit dem Pferdegespann.

Viele Gedichte Celans sind Totengedächtnisse, in ihnen geht es immer wieder um die „Krume Lichts“, um das Anwesen im Gedächtnis der Lebenden. Für Celan ist die Identifikation mit der Mutter eine unentbehrliche Station auf dem Weg der Selbstfindung. Der Weg zur Mutter führt in unweigerlich an seinen Ursprung zurück und damit auch zum Judentum, zu dem er lange Jahre auf Distanz gegangen war. Erst eine weitere Begegnung, die mit dem jüdischen Schriftsteller Ossip Mandelstam, bringt Celan dazu, sich zu seiner Zugehörigkeit zum Judentum zu bekennen.

Die Begegnung mit Ossip Mandelstam hat für Celan eine ganz entscheidende Wirkung. Die Auseinandersetzung mit dem Juden Mandelstam ermöglicht ihm, seine eigene jüdische Identität zu akzeptieren. Dies ist zwar ein langer Prozess, und die Identifikation mit dem Judentum gelingt Celan nie ohne Vorbehalt, aber der Gedichtzyklus „Die Niemandrose“, zeigt deutlich, mit welcher Intensität der Autor sich der jüdischen Tradition zuwendet.

Die Begegnung mit sich selbst ist ein wichtiges Anliegen der Dichtung Celans. Die Begegnung mit sich selbst ist die Vorraussetzung der Begegnung mit dem Anderen, dem Du, dem Er, dem Wir. Selbstbegegnung ist aber nur möglich auf dem Grunde der Ich – Spaltung. Erst durch die Dissoziierung des Ichs in ein Ich und ein Du gewinnt das ich einen Blick auf sein Selbst.

Tod

Der Tod in der Dichtung Celans ist allgegenwärtig. Die Deutung, die er erfährt, ist aber im Laufe der Zeit beträchtlichen Wandlungen unterworfen. Eine Grundtendenz wird jedoch von Anfang bis Ende durchgehalten, nämlich die Überzeugung, dass Leben und Tod eine Ganzheit bilden.

Man kann darüber spekulieren, welche philosophische Vision des Todes Celan als Dichter in die Literatur eingeführt hat, wenn nicht die Katastrophe des Holocaust in sein persönliches Leben eingebrochen wäre. Dieses Erlebnis des gewaltsamen Todes, dem seine Eltern zum Opfer fielen und dem er mit knapper Not entrann, lässt keine abgeklärten schöngeistigen Reflexionen über den Tod mehr zu, sondern fordert eine andere Einstellung.

Celan reagiert zunächst mit einer äußersten Irritation: Er versucht mehrere Wege der psychischen und dichterischen Bewältigung des Furchtbaren, die ihn allesamt nicht befriedigen. Die einfachsten und ergreifendsten Gedichte sind die, in denen er seine Trauer über den Tod der Mutter in volksliedhafter Weise gestaltet („Nähe der Gräber“, „Sie kämmt ihr Haar“, „Espenbaum“).

Diese Thematik der persönlichen Todesbewältigung führt dann später zur Allegorisierung der toten Mutter. Celan stilisiert die tote Mutter zur Auftraggeberin seiner Gedichte und ihr Auftrag lautet: Alle deine Gedichte sollen nur ein Thema haben: Das Gedenken der Toten des Holocaust.

In einer anderen Gruppe von Gedichten aus der Bukarester Zeit versucht Celan, den Tod zu heroisieren bzw. zu dämonisieren. Zu den Gedichten dieses Typus gehören: „Ein Krieger“, „Russischer Frühling“, „Ein Lied in der Wüste“, Schwarze Flocken“, „Todesfuge“. Vermutlich ist das mystifizierende Pathos in vielen der frühen Gedichte dem Umstand zuzuschreiben, dass Celan nach einer Form sucht, die das Ungeheuerliche und Einmalige des Holocaust wiederzugeben imstande ist. In Celans Gedichten der Bukarester Zeit zeigt sich, dass es schier unmöglich ist, nach Auschwitz – und erst recht über Auschwitz – Gedichte zu schreiben.

Dann tritt, nachdem Celan den Beginn einer bürgerlichen Sicherung seiner Existenz in Paris erfahren hat, der Tod erneut in das Leben des Autors. Im Oktober 1953 stirbt sein erstgeborener Sohn Francois. Die Gedichte, die dieses Ereignis zum Thema haben, bringen ein verwandeltes Todesverständnis zum Ausdruck. Es beginnt beim Dichter die Phase der Verarbeitung chassidisch – kabbalistischer Todesvorstellungen, die von nun an nicht mehr aus dem lyrischen Celans wegzudenken sind („Dein Hinübersein“).

Mit dem Ausbruch seiner psychischen Erkrankung fängt für Celan eine neue Phase der Auseinandersetzung, diesmal mit dem eigenen Tode, an. Nun reflektiert er die ‚Fortschritte’ des Todes in seinem eigenen Leben und in seiner körperlichen Existenz. In manchen Gedichten errechnet der Autor numerisch die Inbesitznahme seiner Existenz durch den Tod. In dem Gedicht „Prag“ ist es der „halbe Tod“, in „Give the word“ ist die Zerstörung schon bis zu drei Viertel fortgeschritten, im Gedicht „Schädeldenken“ ist nur noch eine kurze Strecke zurückzulegen bis zum Tod. Celan hat seinen Tod nicht dem Zufall überlassen. Er hat sozusagen das ‚Wachsen’ des Todes in seinem Leben genauestens beobachtet und dokumentiert. Er hat den Augenblick und die Art seines Todes selbst gewählt. Er hat in ‚inszeniert’, allein, ohne Zuschauer, als seinen ‚individuellen’ Tod. Man kann davon ausgehen, dass er den Pont Mirabeau (Seinebrücke) schon Jahre vorher ausgesucht hatte, um von dort aus ‚ins Offene’ zu gelangen („Mit dem Buch aus Tarussa“)

Adorno hatte behauptet, dass nach Auschwitz kein Gedicht mehr möglich sei. Celan hat den Gegenbeweis angetreten und den Holocaust zum leitenden Thema seiner Dichtung gemacht. In der Aufnahme dieses Themas und in der Art und Weise, wie er es gestaltet hat, ist Celans Modernität zu sehen. Mit dieser Dichtung vollzieht sich ein Neubeginn in der deutschen Nachkriegsliteratur.

Das Schicksal, das als ‚Endlösung’ am 20. Januar 1942 in der Wannseekonferenz über die Juden durch die Machthaber des Dritten Reiches verhängt wurde, ereilte die Familie Antschel im Juni 1942. An einem Wochenende wurden die Eltern von Paul Celan in ein Vernichtungslager nach Transnistrien abtransportiert. Paul entging der Deportation, weil er an diesem Wochenende nicht zu Hause war. Bereits ein Jahr vorher war in Czernowitz der blutige Terror der Nazis losgebrochen. Im Juli 1941 fielen rumänische und deutsche Truppen in Czernowitz ein und vertreiben die Russen, die einen Teil der Bukowina seit 1940 besetzt hielten. Im Juni 1942 wurden die Eltern Celans in Viehwaggons an den südlichen Bug deportiert. Sie wurden in der Ukraine zu Straßenarbeiten eingesetzt. Leo Antschel, Celans Vater, wurde im Herbst 1942 erschossen. Der Mutter gelang es, aus dem Todeslager eine Nachricht an den Sohn herauszuschmuggeln. Paul Celan erhielt diese Mitteilung und nahm sie zum Anlass ein Gedicht auf den Tod des Vaters zu schreiben („Schwarze Flocke“).

Traum

Es ist anzunehmen, dass Celans Interesse für den Traum durch die romantische Dichtung insbesondere durch Novalis geweckt wurde. Der nächste Nährboden für seine Auseinandersetzung mit dem Traum dürfte dann der französische Surrealismus gewesen sein. Von hier aus führte ein direkter Weg zu Freud. Was Celan an der Traumdeutung Freuds besonders interessiert haben dürfte, ist die Feststellung Freuds, dass es eine erstaunliche Verwandtschaft zwischen Traum und Poesie, Bildsprache des Traums und Bildsprache der Dichtung gebe. Die Bildform der Allegorie, die für Celans Dichtung prägend wird, ist auch die in der Traumsprache bildliche Ausdrucksform.

In seiner Dichtung entwirft Celan eine psychische Topologie, die sehr viele Gemeinsamkeiten mit der Freuds hat und in der der Traum und der Sexualtrieb eine eminente Rolle spielen. Auffällig ist in Celans Dichtung die doppelte Dissoziierung des Subjekts. So wie es einen Unterschied zwischen dem Nicht – Ich der Traumproduktion und dem wachen Tages – Ich gibt, so besteht eine Differenz zwischen dem lyrischen Ich, das einen Bezug zum Unbewussten hat und dem lebensweltlichen Ich, das die sekundären Prozesse bewältigt und auf die Außenwelt gerichtet ist. In der Bildsprache stellt sich das so dar: der Dichter hat „zwei Augen“ das Tagesauge (es ist oft blind oder wird geblendet) und das Nachtauge, und dieses ist bei Celan sehend. Es gibt noch eine andere Dissoziierung des Ichs, es ist die zwischen dem lyrischen Ich und dem lyrischen Du, deren ‚dialogische Spiegelung’ erst die Manifestation des Nicht – ich’s in der Transparenz des Bewusstseins ermöglicht. Für Celan ist das Unbewusste eindeutig der Ort der „Herkunft“ bzw. des „Ursprungs“. Alles was an Wesentlichem geschieht, nimmt hier seinen Ausgangspunkt. Celan braucht als poetische Chiffre für das Unbewusste das „Vergessen“. Das Vergessen ist ein Ort der Psyche. Es ist alles andere als eine ‚Leerstelle’ oder Wüste, es ist im Gegenteil ein Ort üppigen Wachstums. Es ist der Ort, an dem Sexualtrieb und Todestrieb in polarer Spannung zueinander agieren. Für Celan ist das Vergessen auch der „Bereich der Toten“. Es ist die Lokalität unseres Innen, in der unsere Arme anwesend sind in der ‚Zeitlosen’ Spur der Erbinformationen, die sie in uns hinterlassen haben und die unser Nicht – ich strukturieren. Bildlich gesehen, tragen wir also alle unsere toten Vorfahren in uns und zehren von ihren ‚freigesetzten’ Lebensenergien. Denn die Toten, die am Ort des Vergessens weilen, sind bei Celan nicht leblos, ganz im Gegenteil. Sie sind allerdings für das Tages – Ich unsichtbar und unerreichbar. Erreichbar sind sie nur, wenn das lyrische Ich gleich Orpheus hinabsteigt in ihre Unterwelt und den Acheron durchquert. Jedes Gedicht ist ein Bericht von einem solchen Abstieg.

Für Celan wird der Ort des Vergessens noch anders „schrecklich“, denn in ihm (d.h. in Celans Unterbewusstsein) ist die kollektive Erinnerung an alle Gewalttaten eingeschrieben, die dem jüdischen Volk in der langen Geschichte seiner Verfolgung angetan wurde (zuletzt im Holocaust). Auch sie drängen bei jedem Liebesakt und bei jedem kreativen Schreibakt nach oben.

Der mit dem „Vergessen“ kommunizierende psychische Ort ist für Celan das „Gedächtnis“. Das Gedächtnis ist bildlich durch die Höhenregion repräsentiert: Gebirge, Eislandschaften, insbesondere aber durch den gestirnten Himmeln mit seinen Sternbildern. Das Gedächtnis ist nicht Tagesbewusstsein im Sinne lebensweltlicher Wahrnehmung. Es hat seinen Ort oberhalb der Realität und außerhalb der ‚Brände der Zeit’, es ist Surrealität. Sein Ich ist nicht das Ich des Tagesbewusstseins, sondern ein (lyrisches) Über – Ich, das aus einer Integration von ich und Nicht – Ich hervorgegangen ist. Die ideale Heimat des Gedächtnisses ist das Gedicht. Das Gedicht ist Gedächtnis. Das macht seinen anthropologischen Wert aus. Für den Juden Celan gesellt sich zu diesem epistemologischen und anthropologischen Wert noch ein rituell – religiöser: das Gedicht ist Totengedächtnis. Dem religiösen Juden obliegt es, der Toten zu gedenken, weil sie ein Teil Gottes sind und Gott ohne sie seine ursprüngliche Gestalt nicht wiedergewinnen kann. Celan praktiziert seine Religion nicht, trotzdem fühlt er sich als Jude zum Totengedächtnis aufgerufen.

Celans ‚Phänomenologie der Psyche’, so wie sie sich im Spätwerk darstellt, ist in der elaborierten Form nicht gleich am Anfang seines Dichtens vorhanden, sondern entwickelt sich in den verschiednen Phasen seines Lebens. Immerhin hat auch der junge Autor des Frühwerks wohl aufgrund seiner Vertrautheit mit Novalis und Rilke ein erstaunliches Wissen über die seelischen Prozesse, die beim dichterischen Schaffensakt ablaufen, und bringt der Traumthematik ein großes Interesse entgegen.

Im frühen Werk Celans hat der Traum eine Sonderstellung, in vielen Gedichten steht er im Mittelpunkt der Aussage. Aber auch im mittleren Werk und verstärkt im Spätwerk ist der Traum eines der wichtigsten Motive. Es geht dem Autor um die Bestimmung seiner (des Traumes) Funktion für die menschliche Existenz. Drei verschiedene Funktionen des Traums in der Lyrik Celans:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Figure 2.1: Trust and its related concepts; Source: Numan (1998), adapted.

Celan lebt in Bukarest in einem intellektuellen Freundes – und Bekanntenkreis, der sich für den französischen Surrealismus begeistert und der seine Verhaltens – und Schreibweise dem Stil dieser Bewegung anzupassen sucht. Mit den französischen Surrealisten will die Bukarester Gruppe gegen die Erstarrung und Verlogenheit einer Gesellschaft protestieren, die sich, kaum ist der Krieg vorbei, wieder in ihre alten, eingeübten Denk – und Verhaltensschemata zurückzieht, die letztlich mit ein Grund für die Greul dieses Krieges waren. Die Gruppe erstrebt, wie die französischen Schriftsteller, mit dem Protest eine Erneuerung der bestehenden Gesellschaftsordnung. Der Protest richtet sich gegen:

− das Christentum und jegliche Art religiöser Bevormundung,
− die Moral, insbesondere gegen die herrschende Sexualmoral,
− die Tabuisierung der Lust und der Sinnlichkeit,
− jede Art von Konservatismus und Besitzdenken und
− jegliche Art von Beharrung, Erstarrung und Normdenken.

Die französischen Surrealisten hatten versucht, der ‚eindimensionalen’ Ratio, die das Gesellschaftsleben ihrer Zeit normierte, das Unbewusste entgegenzustellen, der Tageswirklichkeit die Nachtwirklichkeit Gegenüberzuhalten. Wenn wir den blasphemischen Tenor der Traumgedichte der Bukarester Zeit herausstellen, dürfen wir nicht vergessen, dass die Polemik und Verbitterung, die aus diesen Gedichten spricht, eine Reaktion auf die traumatische Verletzung ist, die Celan durch die Naziverfolgung widerfahren ist. Neben diesen polemischen Gedichten, die einen starken Lebens – und Überlebenswillen dokumentieren, entstehen zur gleichen Zeit resignativ – melancholische Gedichte, in denen Trauer und Verzweiflung über das Geschehene ihren Ausdruck finden. Der Traum ist hier als Poesie verstanden: Traumtext und poetischer Text werden Synonyma. Der Traum hat hier, wie schon in den frühesten Gedichten, Trostfunktion.

Melancholie (Schwermut)

Paul Celan kennt wie kaum ein anderer die vorwissenschaftliche, wissenschaftliche und lit. Tradition der Melancholie. Als Krankheit wird sie ihm zum Schicksal, als literarisches Subjet ist sie Thema vieler seiner Gedichte. Das Thema der Melancholie ist in Celans Werk von Anfang an vorhanden. Zwar tritt die ‚Dame Melencoly’, wie sie in der altfranzösischen Literatur heißt, nicht unter dieser Nennung bei ihm auf, aber es finden sich eine Reihe anderer Bezeichnungen, die die Gestalt der Schwermut evozieren wie: die Dame im Schatten, die Schweigsame, die Schwarzblütige, die Schiefäugige, die Streunerin, die Schlafsüchtige, die Fallsüchtige, die Fergenvettel. In der Abendländischen Literatur und besonders in der Romantik gilt die Melancholie als Begleiterin des Dichters, als die dunkle Seite seiner Natur und Vorraussetzung für seine Inspiration.

Celan übernimmt in seinen Jugendgedichten die in der symbolischen und postromantischen Tradition nachwirkende Auffassung der Schwermut als Vorraussetzung für künstlerisches Schaffen. Er gewinnt aber wohl schon recht früh die Gewissheit, dass die Schwermut bei ihm nicht nur sporadisch in Form von vorübergehenden Stimmungen auftritt, sondern dass sie als erbliche Veranlagung seiner Existenz unauslöschlicher eingeschrieben ist als andere Autoren.

3 Phasen bei der Entwicklung des Melancholie – Motivs bei Celan:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Figure 2.1: Trust and its related concepts; Source: Numan (1998), adapted.

3. Gedichtbeispiele für die vier Motivkreise

3.1. Reise

Der Aufbruch

Drüben
Erst jenseits der Kastanien ist die Welt.
Von dort kommt nachts ein Wind im Wolkenwagen
und irgendwer steht auf dahier.
Den will er über die Kastanien tragen:
»Bei mir ist Engelsüß und roter Fingerhut bei mir -«
Erst jenseits der Kastanien ist die Welt.
Da zirp ich leise, wie es Heimchen tun:
da halt ich ihn, da muss er sich verwehren!
(Ihm legt mein Ruf sich ums Gelenk . .)
Den Wind hör ich in vielen Nächten wiederkehren:
»Bei uns flammt Ferne, bei dir ist es eng . . .«
Da zirp ich leise, wie es Heimchen tun.
Doch wenn die Nacht auch heut sich nicht erhellt
und wiederkommt der Wind im Wolkenwagen:
»Bei mir ist Engelsüß und roter Fingerhut bei mir!«
Und will ihn über die Kastanien tragen -
dann halt, dann halt ich ihn nicht hier . . .
Erst jenseits der Kastanien ist die Welt.

In dem Gedicht „Drüben“, das Celan 1940 / 41 schrieb, finden wir in einer Art Momentaufnahme den jungen Autor in der als ‚Enge’ empfundenen begrenzten Welt seines heimatlichen Czernowitz, bereit zu Aufbruch in die als Abenteuer lockende Welt. Bereits in diesem frühen Gedicht treffen wir auf wichtige Themen der Celanschen Lyrik. Das Celan das Gedicht als ‚Aufbruch – Gedicht’ ansah, geht aus der Tatsache hervor, dass er es als erstes Gedicht des Bandes „Sand aus den Urnen“ drucken lassen hat. Dort eröffnet er den ersten Gedichtzyklus, der den Titel „An den Toren“ trägt. Das hinaustreten aus den Toren, ist zugleich ein hineintreten in die Welt, ist Aufbruch zu einer Selbstsuche und Wirklichkeitssuche, die in den Metaphern der Fahrt, des Weges, der Reise gestaltet wird. Das Gedicht markiert aber auch einen kritischen Moment in Paul Celans Leben. Es ist im Jahre 1940 oder 1941 entstanden, zu einem Zeitpunkt, an dem Celan eben erst von einem einjährigen Studienaufenthalt aus Frankreich heimgekommen ist. Einerseits hängt er an dieser begrenzten Welt: es ist die Welt seiner Kindheit, andererseits ahnt er, dass er hier sein Selbst nicht finden kann. Das Gedicht „Drüben“ ist vor dem Holocaust geschrieben worden. Der ‚Aufbruch’, den das Gedicht erträumt, wird eine Vertreibung eine Flucht ins Exil sein, dessen Stationen Bukarest, Wien, Paris heißen. Die Ruhelosigkeit wird den Autor nie mehr verlassen, selbst dort nicht, wo ihn später der äußere Schein einer bürgerlichen Existenz umgeben wird.

[...]

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Reise, Tod, Traum und Melancholie - Vier Motivkreise in der Lyrik Paul Celans
Hochschule
Universität Erfurt  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Reise in die eigene Fremde
Note
1,7
Autor
Jahr
2004
Seiten
44
Katalognummer
V34952
ISBN (eBook)
9783638350235
ISBN (Buch)
9783638704571
Dateigröße
790 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Umfangreiche biografische Informationen zu Paul Celan in Verbindung mit seinen Gedichten. Große Vielfalt an Gedichten enthalten.
Schlagworte
Reise, Traum, Melancholie, Vier, Motivkreise, Lyrik, Paul, Celans, Fremde
Arbeit zitieren
Silvana Lehmann (Autor), 2004, Reise, Tod, Traum und Melancholie - Vier Motivkreise in der Lyrik Paul Celans, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/34952

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