Ziel der vorliegenden Arbeit soll es sein, die Anforderungen an eine professionelle Rezension zu erarbeiten. Dabei werden im theoretischen Teil nach einem kurzen definitorischen Abschnitt die Funktionen und der formale Aufbau einer Literaturkritik dargestellt, um daran anschließend zwischen professionellen und laienhaften Kritiken zu distinguieren. Auf Grundlage dessen werden in der Analyse zwei exemplarische Rezensionen daraufhin überprüft, ob sie dem professionellen Anspruch gerecht werden.
Literaturkritik ist eine der wichtigsten Vermittlungsinstanzen zwischen Literatur und Leser und fester Bestandteil des Literatursystems. Verflochten mit dem modernen, ausdifferenzierten System literarischer Kommunikation prägt sie die gesellschaftlichen Vorstellungen darüber, was Literatur ist, wie sie sein kann oder zumindest sein sollte. Als wirksames Gegengewicht zur Verlagswerbung trägt sie erheblich zur öffentlichen Meinungsbildung bei. War das Mitwirken an literaturkritischen Publikationen lange Zeit nur Wenigen vorbehalten, zeichnen die Entwicklungen der letzten Jahre ein anderes Bild: Durch die einfachen Publikationsmöglichkeiten des Internets kommt es immer häufiger zur Beteiligung von Laien am literaturkritischen Diskurs. Etablierte Kritiker empfinden das Aufkommen von immer mehr Laienkritikern als eine Bedrohung ihrer literarischen Autorität oder sehen in ihm Zeichen für den Verfall des Literaturbetriebs.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Definition Literaturkritik
3. Funktionen und Aufbau einer Literaturkritik
3.1 Funktionen einer Literaturkritik
3.2 Formaler Aufbau einer Literaturkritik
4. Zur Unterscheidung von professionellen und laienhaften Kritiken
5. Vergleich zweier Rezensionen am Beispiel von Elfride Jelineks Roman Lust
5.1 Analyse einer professionellen Rezension auf literaturkritik.de
5.2 Analyse einer Laienrezension auf amazon.com
6. Fazit
7. Literaturverzeichnis
8. Anhang
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Anforderungen an professionelle Literaturkritiken und stellt diese in einen direkten Vergleich zu Laienrezensionen. Das primäre Ziel ist es, die Qualität und Funktion beider Formate vor dem Hintergrund der durch das Internet erweiterten Partizipationsmöglichkeiten im literarischen Diskurs zu bewerten und die Frage zu beantworten, ob Laienkritik als Bedrohung oder Bereicherung des Literatursystems zu betrachten ist.
- Funktionen der Literaturkritik im Literatursystem
- Kriterien für eine professionelle Rezension
- Differenzierung zwischen professionellen und laienhaften Kritikern
- Vergleichende Analyse von Rezensionen zu Elfriede Jelineks "Lust"
- Bedeutung des Internets für den literaturkritischen Diskurs
Auszug aus dem Buch
3.1 Funktionen einer Literaturkritik
Als eine literarische Institution der kulturellen Öffentlichkeit und des kulturellen Lebens ist die Literaturkritik eine der wichtigsten Vermittlungsinstanzen zwischen Literatur und Leser auf der einen und Autoren und Verlagen auf der anderen Seite. Im Literatursystem, zu dem unter anderem Institutionen der literarischen Produktion, Distribution und Bearbeitung gehören, ordnet sie sich ein in die Institution der Kommunikation über Literatur, zu der beispielsweise auch der Literaturunterricht zählt. In diesem Geflecht aus Institutionen interagiert und vermittelt sie zwischen den einzelnen Gruppen, beeinflusst diese und wird wiederum durch sie beeinflusst. Mit seiner Aussage „Kritik ist kein Selbstzweck, sondern erfüllt eine Aufgabe, die zu benennen durchaus einfach ist: Kritik soll zu Lesern über Literatur sprechen.“ bündelt Werner Irro ihre Funktionen auf einen gemeinsamen Kern. Zwar schafft es diese recht reduktionistische Forderung nicht, den kompletten Funktionsumfang der Literaturkritik abzubilden, jedoch schärft sie den Blick dafür, was allgemein als Minimalkonsens über die Funktionen von Literaturkritik gilt: die Vermittlerfunktion. Alle weiteren Funktionen, auf welche im Folgenden eingegangen werden soll, hat sie seit Beginn ihrer Entstehung zur Zeit der europäischen Aufklärungsbewegung im 17. Jahrhundert im Wesentlichen beibehalten. Im Rahmen dieser Arbeit soll sich dabei auf die sechs Funktionen nach Thomas Anz beschränkt werden, da sich diese in ähnlicher oder vergleichbarer Form auch in anderer Forschungsliteratur wiederfinden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung verortet die Literaturkritik als Vermittlungsinstanz im Literatursystem und benennt das Ziel der Arbeit, die Anforderungen an professionelle Rezensionen zu erarbeiten und diese kritisch mit Laienrezensionen zu vergleichen.
2. Definition Literaturkritik: Dieses Kapitel nähert sich dem Begriff der Literaturkritik etymologisch und historisch an und verdeutlicht das journalistisch geprägte deutsche Verständnis im Gegensatz zur wissenschaftlich-theoretischen Ausrichtung des englischen "literary criticism".
3. Funktionen und Aufbau einer Literaturkritik: Es werden die zentralen Funktionen der Literaturkritik (u.a. Orientierung, Selektion, Didaktik, Unterhaltung) sowie die sieben wesentlichen Bestandteile einer klassischen Rezension detailliert dargelegt.
4. Zur Unterscheidung von professionellen und laienhaften Kritiken: Dieser Abschnitt erarbeitet Kriterien zur Abgrenzung von professionellen und Laienkritikern, wobei die problematische Definition über die Ausbildung thematisiert und durch inhaltliche Gütekriterien ergänzt wird.
5. Vergleich zweier Rezensionen am Beispiel von Elfride Jelineks Roman Lust: Eine empirische Analyse zweier gegensätzlicher Rezensionen auf "literaturkritik.de" und "amazon.com" prüft, inwiefern diese den zuvor aufgestellten Anforderungen an eine professionelle Kritik entsprechen.
6. Fazit: Das Fazit resümiert, dass eine strikte Trennung von Laien- und Profikritik in Zeiten des Internets kaum noch sinnvoll ist und Partizipation vielmehr als Chance für ein demokratisches Literatursystem begriffen werden sollte.
7. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Forschungsliteratur und Internetquellen.
8. Anhang: Beigefügte Originaltexte der analysierten Rezensionen zu Jelineks "Lust".
Schlüsselwörter
Literaturkritik, Rezension, Laienkritik, Literatursystem, Elfriede Jelinek, Vermittlungsfunktion, Selektionsfunktion, Didaktik, Internet, Partizipation, Professionalität, Gatekeeper, Literarische Öffentlichkeit, Werturteil, Diskurs.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Wesen der Literaturkritik im modernen Literatursystem und analysiert, wie professionelle Kritiken aufgebaut sind und wie sie sich von der zunehmenden Zahl an Laienrezensionen im Internet abgrenzen lassen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Arbeit behandelt die Funktionen und den formalen Aufbau von Literaturkritik, die historische Entwicklung des Begriffs, die Kriterien für Qualität im kritischen Schreiben und die Auswirkungen der digitalen Partizipation auf den literarischen Diskurs.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, Anforderungen an eine professionelle Rezension zu erarbeiten und zu untersuchen, ob Laienkritiken diese Ansprüche erfüllen können oder ob sie das professionelle Literatursystem gefährden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor kombiniert theoretische Grundlagen (literaturwissenschaftliche Theorie zu Funktionen und Aufbau von Kritik) mit einer vergleichenden Analyse zweier gegensätzlicher Rezensionen zu einem spezifischen Werk (Elfriede Jelineks "Lust").
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Abschnitte zur Definition und den Funktionen von Literaturkritik sowie einen analytischen Teil, in dem ein professioneller Text von Jutta Osinski einem laienhaften Text von Christian von Monfort gegenübergestellt wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Literaturkritik, Rezension, Laienkritik, Gatekeeper, literarische Öffentlichkeit, Werturteil und Partizipation.
Wie unterscheidet sich die analysierte Laienrezension von der professionellen Rezension?
Während die professionelle Rezension durch einen geschickten Aufbau, präzise Sprachwahl und eine argumentativ fundierte Auseinandersetzung überzeugt, zeichnet sich die Laienrezension durch plakative Geschmacksurteile, eine weniger deutliche Trennung der Argumentationsschritte und ein Fehlen biographischer sowie literaturhistorischer Kontexte aus.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor bezüglich der "Laienkrise"?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass die "Laienkrise" eine Chance darstellt. Da die Unterscheidung nach Ausbildung ohnehin schwierig ist, sollte der Fokus auf der Qualität der Rezension in Bezug auf die jeweilige Adressatengruppe liegen.
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- Julian Neuhäuser (Author), 2016, Literaturkritik. Vergleich von professionellen- und Laienkritiken am Beispiel zweier Rezensionen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/349749